Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer.
Rassismus, Sexismus und Bodyshaming waren völlig normal in Film und Fernsehen – doch heute stehen unsere Kindheitshelden vor Gericht und müssen vor dem Internationalen Moralgerichtshof Rechenschaft ablegen für Werte, deren Langzeitfolgen bei uns heute offen zutage treten: Minderwertigkeitskomplexe, toxische Schönheitsideale, verzerrte Liebesbilder. Case closed – aber was ist die Moral der Geschichte?
Selten habe ich ein Buch aus so vielen verschiedenen Perspektiven gelesen. Dabei gibt es die Haupterzähler*Innen wie Reha als Chefanklägerin oder Lexi, die als Reporterin groß rauskommen will, aber auch Einzelstimmen der Kindheitsikonen. Es gibt Fakten, abstruse Szenen und einiges aus den Verhandlungen – dabei suchte ich beim Lesen manchmal den roten Faden. Bei der Vielzahl der Figuren war es schwer, wirklich Bindung aufzubauen. Selbstverständlich haben diese – wie auch unsere Ikonen – Fehler und Schwächen, doch im Gegensatz zu den Ikonen weiß ich viel zu wenig über sie. Allerdings kann ich sagen, dass Aladin mich sehr positiv überrascht hat.
Sprachlich gefiel mir der Text sehr gut – besonders kleine Highlights wie Saubermaus-Image rundeten für mich die Geschichte ab.
„Kurzer Prozess“ - der Name, der Programm für das Buch ist, ist eine Satire und ein wildes Zusammenspiel verschiedenster Figuren, Meinungen und Zielen, die versuchen, Moral zu definieren. Auch aus meinem Alltag kenne ich die angesprochenen Probleme, beispielsweise bei der Frage, ob man die „Feuerzangenbowle“ oder alte Disney-Filme noch schauen darf. Selbstverständlich ist der historische Kontext keine Entschuldigung, für mich, aber durchaus ein Zeugnis dessen, was wir heute (hoffentlich) nicht mehr so sehen. Rehas Vater fasst es ganz gut zusammen: „Man verliert nie, mal gewinnt man und mal lernt man.“
Insgesamt ein unterhaltsames Buch mit einem extrem wichtigen Thema, allerdings mit kleinen Schwächen. Und eines bleibt: Moral ist nicht einklagbar, sondern etwas, an dem wir alle als Gesellschaft arbeiten müssen.