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    Magnolia

    Aktiv seit: 05. November 2023
    "Hilfreich"-Bewertungen: 18

    Bitte beachten Sie

    Wir können nicht sicherstellen, dass die Angaben von Verbrauchern stammen, die das Produkt tatsächlich genutzt oder erworben haben.

    353 Rezensionen

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    Totensee

    Sophie Czerny
    Totensee (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    13.09.2026

    Beklemmend, schockierend, absolut fesselnd

    „Totensee“ ist Sophie Czernys sehr gelungenes Thrillerdebüt. Ich habe mich für die ungekürzte Hörbuchausgabe von Argon entschieden, über 11 Stunden und 47 Minuten gelesen von Christiane Marx, der exzellenten Sprecherin zahlreicher Hörbücher.

    Ada Sabels Tochter ist seit fünf Monaten abgängig. Im Alleingang sucht die momentan suspendierte Wiener LKA-Kommissarin nach der 14jährgen Mara, da die Behörden ihr Verschwinden eher lapidar handhaben.

    Schon der Prolog zieht mich in eine mystische Stimmung, die ich so gar nicht zu durchdringen vermag. Dann aber wird es konkret, wir sind in Wien Anfang Dezember des Jahres 2002, also in der Gegenwart. Dann wieder schwenkt der Focus in eine Wohnsiedlung am Rande Berlins, um später danach mit einer kopflosen Leiche am Ufer des Wiener Donaukanals konfrontiert zu werden, auf deren Rücken mit blutigen Buchstaben ADA eingeritzt ist, der persönliche Bezug ist nicht zu übersehen. Die Orte und auch die Zeiten wechseln, wir blicken nach Bad Reichenhall und auch in Münchens Nähe geschah Schlimmes, wie sich so nach und nach herauskristallisiert. Aber – wo ist Mara?

    Wie schon erwähnt, habe ich Christiane Marx Stimme gelauscht, die mich durch Adas nervenaufreibende Suche nach ihrer Tochter geführt hat. Kaum in Wien stehe ich bildlich auch schon in Berlin vor einer Wohnungstür, dabei wird Frieda zum ersten Mal erwähnt. Ihr begegne ich danach des Öfteren in den Sequenzen, die von früher berichten, auch andere spielen ihre ureigene Rolle. Anfangs haben mich diese schnellen Schnitte schon etwas verwirrt, bald aber war ich so sehr bei Adas verzweifelter Suche nach ihrer Mara, dass ich alles andere ausgeblendet habe. Ich stand gefühlt direkt neben Ada, habe mit ihr gehofft und gebangt und gezittert. Sie konnte ich immer besser verstehen - als Mutter gibt man nie auf, alles andere wird nicht nur ausgeblendet, es ist schlichtweg unwichtig.

    Die Story ist ab sofort rasant, ohne reißerisch zu sein. Der Erzählton trotz der Brisanz der Suche gemäßigt, gleichwohl zieht mich dieser Schreibstil wie magisch ins Geschehen. Adas Vergangenheit zeigt Schockierendes auf, menschliche Abgründe werden offenbart, die unerbittlich nach oben drängen. Wie greifen diese längst verdrängt geglaubten Ereignisse von damals in das gegenwärtige Geschehen? Was haben Ada und vor allem was hat Mara damit zu tun?

    Der Thriller ist hart, keine Frage. Von Kindesmissbrauch und von dem, was danach folgt, höre ich. Eine beklemmende Atmosphäre tut sich auf, ein Entkommen war denen, die sich darin verfangen haben, nicht möglich. Vertuschungen als Folge dessen und Grenzüberschreitungen brachte noch mehr Tragik mit sich – es entsteht so ein grauenhaftes Bild menschlicher Abgründe.

    „Totensee“ hat mich geschockt, gefesselt, hat mir den Atem anhalten lassen, er ist düster, er zerrt an den Nerven, geht tief unter die Haut. Trotzdem möchte ich ihn nicht missen, diesen alles mitreißenden Thriller, dieses fulminante Debüt von Sophie Czerny, als Hörbuch gekonnt vorgetragen, der Thematik perfekt angepasst.
    Zwei Frauen

    Katja Maybach
    Zwei Frauen (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    13.09.2026

    Ein selbstbestimmtes Leben. Für eine Frau Anfang des 20. Jahrhunderts nicht selbstverständlich

    Zwei Frauen, zwei ganz und gar unterschiedliche Leben. Katja Maybach erzählt von ihnen, von Hannah, die nach dem Tod ihres Vaters den heruntergewirtschafteten Hof von ihrem Bruder überschrieben bekommt. Und von Julie, die jung mit dem um einiges älteren Justitiar Carl Friedrich verheiratet wurde. Inspiriert von ihren beiden Großmüttern hat die Autorin diesen sehr lesenswerten historischen Roman Anfang des 20. Jahrhunderts angesiedelt, beginnend im Sommer 1912 bis gegen Ende des Ersten Weltkriegs.
    Hannah ist mit ihren 22 Jahren Analphabetin. Nach Vaters Tod ist Georg, ihr Bruder, ihr Vormund. Er will eine Schusterwerkstatt übernehmen und seinen Traum, feine Damenschuhe zu fertigen, verwirklichen, also überlässt er Hannah den Hof, was notariell in der nahen Kreisstadt besiegelt werden sollte. Verschämt setzt sie drei Kreuze als ihre Unterschrift auf das Papier, was Julie, die Frau des Notars bemerkt und ihr anbietet, ihr Schreiben und Lesen beizubringen.
    Katja Maybach führt mich in ein Dorf in der Pfalz, in dem Hannah lebt, sie bewirtschaftet den Hof auf ihre ureigene Weise, als unverheiratete Frau jedoch entspricht sie so gar nicht den gesellschaftlichen Konventionen. Julie indes ist dank ihres Ehemannes materiell bestens versorgt, sie führt ein in jeglicher Hinsicht privilegiertes Leben. Das Patriarchat ist in jener Zeit die gesellschaftliche Norm, Frauen sind eher schmückendes Beiwerk, ihnen gebührt die Rolle der treusorgenden Ehefrau und Mutter.
    Vor gerade mal hundert Jahren war die gesellschaftliche Stellung der Frau eine ganz andere, es waren die Frauenrechtlerinnen, die mit ihren Forderungen für das Wahlrecht der Frauen eine Bewegung in Gang setzten, die sich nicht mehr stoppen ließ. Anhand von Hannah und Julie und deren Lebenswirklichkeit zeigt die Autorin den Alltag in Dorf und Stadt, den in ärmlichen und jenen in materiell abgesicherten Verhältnissen. Die Frau hat dem Manne zu folgen, sie hat ihm Kinder, möglichst männliche Nachkommen, zu gebären. Freie Liebe, ohne Ehering, ist geächtet, auch ein lediges Kind wird geschmäht.
    Das so eindringlich geschilderte Leben der beiden Frauen hat mich tief hineingezogen in ihre Welt. Hannah begegne ich nach dem Tod ihres Vaters, erfahre von ihrer schlimmen, sehr einengenden Kindheit und kann nur zu gut verstehen, dass sie sich keinem Manne mehr unterordnen will. Sie verkörpert das Bild einer unabhängigen, starken Frau, die sich trotz Gerede im Dorf nicht unterkriegen lässt. Und die unerfahrene, stets behütete Julie merkt, dass sie im falschen Leben feststeckt, dass sie der Kinderwunsch ihres Ehemannes ängstigt und sie immer unsicherer wird.
    Dieser Roman gibt einen guten Einblick in jene Zeit, von der Katja Maybach hier so anschaulich erzählt. Von Frauen, die sich über Konventionen hinwegsetzen, die ihren eigenen Weg gehen. Ein mitunter steiniger Weg, der es aber allemal wert ist, ihn zu gehen.
    Treibsand

    Christina Lund
    Treibsand (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    07.09.2026

    Fesselnder Auftaktband der Cathrine-Birklund-Reihe

    TREIBSAND ist der fesselnde Auftaktband zu Christina Lunds Cathrine-Birklund-Reihe.
    Catherines Einsatz in Afghanistan hat sie komplett aus der Bahn geworfen, als sie mit ansehen muss, wie die kleine Maliha einen Anschlag, dem Catherine knapp entkommen ist, nicht überlebt. Man spürt direkt Catherines Schmerz, der nicht in Worte zu fassen ist. Zurück in der Heimat dann ist es Adams Geburt, das Kind von ihr und Claus, von der ich als nächstes lese. Sie denkt dabei zurück an den tödlichen Angriff in Afghanistan, an Maliha, die nicht alt werden durfte. Selbst nach der Geburt ihres Kindes kann sie die Dämonen der Vergangenheit nicht abstreifen.
    Catherine ist Journalistin, einst gefeiert, sehr erfahren, sehr erfolgreich. Nach den traumatischen Erlebnissen greift sie zu allem, was betäubt, bevorzugt nach Alkohol. Ihr Job ist in Gefahr, auch ihr Privatleben mit Mann und Kind entgleitet ihr zusehends, da greift sie nach dem letzten Strohhalm, der sich ihr auftut: Ihre Freundin Pim, die als Privatdetektivin in Bangkok lebt, braucht ihre Hilfe als dänische Staatsangehörige, denn Clara, die Tochter des dänischen Botschafters, ist verschwunden. Die Behörden verhängen eine Nachrichtensperre, die thailändische Polizei ist eher inaktiv, die Eltern weichen auf private Hilfe aus.
    Es sind ganz und gar unterschiedliche Charaktere, die hier aufeinandertreffen. Catherine ist eine gebrochene Frau, die ohne einen gewissen Alkoholpegel nicht durch den Tag kommt. Man könnte sie komplett verurteilen. Sie ist keine Mutter, trotzdem sie ein Kind geboren hat, sie trinkt bis zum Absturz - nicht nur einmal möchte ich ihr zurufen, zumindest genügend Nahrung zu sich zu nehmen. Pim ist das genaue Gegenteil, sie ist durch und durch diszipliniert. Auch ihr Partner Yosuf, der sich nach einer schweren Verletzung als Beamter der Royal Thai Police als Privatdetektiv selbständig gemacht hat, behält stets den Überblick.
    Zunächst ist es die Suche nach Clara, bald aber kommt sehr viel mehr dazu. Der SSB, ein thailändischer Geheimdienst, scheint hier involviert zu sein. Ein Weg führt ins berüchtigte Bang Kwang Gefängnis, das „Bangkok-Hilton“. Dass Majestätsbeleidigung streng geahndet wird, ist zwar bekannt, hier aber wird so richtig bewusst, dass damit nicht zu spaßen ist. Politische Aktivisten spielen eine Rolle und auch das sehr Private, das Zwischenmenschliche schwappt nach oben.
    Christina Lund lässt in diesem ersten Band tief blicken. Ihre sehr fehlbare Hauptfigur kann man in vielerlei Hinsicht verurteilen, trotzdem bleibt sie nahbar, sofern man ihre Vita mit einbezieht. Ihre Alkoholexzesse führen in so manch zwielichtige Bar, in das dunkle Bangkok, in dem Korruption und Machtmissbrauch gedeihen, in eine Stadt, die wir als für uns so exotisches Reiseziel so nicht sehen werden.
    Mich hat dieser TREIBSAND sofort ins Geschehen gezogen, schon in Afghanistan, das das hochriskante Leben einer Investigativjournalistin auf wenigen Seiten veranschaulicht. Ihr stetiger Kampf sowohl beruflich als auch privat ist anschaulich dargestellt und dann, im eigentlichen Fall um die Vermisste Clara, war ich komplett dabei. Ein gelungener Auftakt, der unbändige Lust auf mehr macht, auf Catherine Birklunds nächsten Fall UNTERSTROM, der wiederum von Dänemark nach Thailand führt.
    Die Lüge in ihrem Gesicht

    Anne Keßel
    Die Lüge in ihrem Gesicht (Buch)

    3 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    07.09.2026

    Die gnadenlose Jagd nach der Wahrheit

    Alles sieht nach Notwehr aus, als ein Mann eine Frau bedrängt und sie sich seiner erwehren muss, auch die Überwachungskamera zeugt genau davon. Ein gezielt gesetzter Handkantenschlag knockt ihn aus, er ist tot. Die herbeigerufenen Beamten bitten sie mitzukommen, sie leistet keinen Widerstand.
    Und nun sitzt sie hier, im Vernehmungsraum, und sagt kein Wort. Die Pflichtverteidigerin bringt Marlene Nielsen, eine international anerkannte Koryphäe für Mikroexpressionen, ins Spiel. Sie liest Gesichter. Jede kleinste Regung sagt ihr, was dahinter steckt. Für sie zählt nur die Wahrheit, Lügen kann sie nicht ertragen. Weder beruflich noch privat.
    Hauptkommissar Deniz Kurt muss diese schweigsame Verdächtige ohne konkrete Beweise gehen lassen. Ein Vorsatz, geschweige denn Mord, kann ihr nicht nachgewiesen werden. Marlene aber durchschaut dieses stumme Spiel der Namenlosen, sie spürt, dass hier etwas nicht stimmt.
    Fasziniert lese ich von den Basisemotionen, die wir nicht steuern können, die in einem Bruchteil einer Sekunde mehr über uns verrät, als wir preisgeben wollen. Mit diesem Wissen folge ich Marlene, die sich nicht täuschen lässt, deren geschultes Auge jede Regung in Gesichtern liest, dabei aber die Kontrolle über ihr weiteres Leben zu verlieren scheint.
    Dieses Buch beginnt sehr stark. Wir sind hautnah dabei, als mit Sven Osterloh – so heißt dieser Tote – das Spiel zwischen Lüge und Wahrheit seinen Anfang nimmt. Bald aber merke ich, wie mir Marlenes Verbissenheit mehr und mehr auf die Nerven geht. Und auch, wenn sie der Wahrheit verpflichtet ist, so sind ihre Alleingänge doch sehr kritisch zu bewerten. Zwischendurch ploppt ihr Kindheitstrauma auf, die Jagd weitet sich von Hamburg über die Grenze nach Dänemark aus, dabei geht es zuweilen ziemlich gnadenlos zur Sache. Ohne Rücksicht auf Verluste.
    Die Story ist spannend, keine Frage. Genau so aber gleitet sie ab ins Abstruse. Wenn alles buchstäblich in Flammen steht, rennt doch jeder um sein Leben – möchte man meinen. Neben hochgefährlichen Alleingängen hat es den Anschein von Selbstjustiz, von Schuldumkehr und mangelnder Selbsteinschätzung.
    „Die Lüge in ihrem Gesicht“ hat mich im Buch gehalten, das schon. Anne Keßels Schreibstil fesselt, die Charaktere werden zunehmend unsympathisch, was der Story nicht schaden muss. Die Handlung kippt jedoch immer mehr ins Unglaubhafte, die Trennlinien zwischen Täter und Opfer werden unscharf, die Figur Marlene handelt in ihrer Sturheit eher wirr denn rational. Das Ende dann ist mir zu sanft, die Thrillerelemente bleiben hier auf der Strecke.
    Herbst in Cinnamon Falls

    Rl Killmore
    Herbst in Cinnamon Falls (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    03.09.2026

    Die herbstliche Kleinstadtidylle bekommt zunehmend Risse

    Nia Bennett kehrt nach Jahren zurück nach Cinnamon Falls. Einst hat sie ihre Heimatstadt verlassen, um nach dem Tod ihrer besten Freundin wieder Halt im Leben zu erlagen, was ihr gründlich misslungen ist, wie sich jetzt herausgestellt hat. Ihr damaliger Freund Jesse ist mittlerweile Polizist, er wollte im Gegensatz zu ihr nie woanders sein. Ihn trifft sie wieder, nachdem im Diner die Leiche von Rosie, der Besitzerin des Lokals, entdeckt wird. Maggie hat sie spät in der Nacht gefunden, als die beiden die Arbeiten für das bevorstehende Herbstfest besprechen wollten.

    „Wer ist die Nächste?“ Diese verstörende Botschaft liegt neben Rosies Leiche. Die örtliche Polizei, allen voran Chief Vernon Prescott, hat bald einen Schuldigen aufgetan, der nun hinter Schloss und Riegel sitzt. Jesse zweifelt an dem schnellen Erfolg und auch Nia will der Sache näher auf den Grund gehen. Es bilden sich bald zwei Lager – die einen sehen den Fall als abgeschlossen, die anderen dagegen wissen, dass hier mehr dahintersteckt. Die herbstliche Kleinstadtidylle bekommt zunehmend Risse.

    Die Story entwickelt sich langsam, zunächst lerne ich Nia und Jesse und auch Rosie und deren familiäre Hintergründe näher kennen. Bei Rosie bin ich in ihrem Diner, ihre Zimtschnecken möchte ich nur zu gerne kosten. Sie ist allseits beliebt, man kann sich gar nicht vorstellen, dass sie jemand so sehr hasst, um sie zu töten.
    Die Mischung aus Ermittlungen und Privatem ist RL Killmore gelungen. Ein Roman, ein Cozy Crime, der bestens unterhält. Welch dunkle Geheimnisse sich in Cinnamon Falls verbergen, ist spür-, aber lange nicht sichtbar. Die ruhigen, gut nachvollziehbaren Krimi-Elemente haben einige wenige Ausreißer - als ob der ein oder andere meint, in Rambo-Manier auftreten zu müssen. Dies finde ich dann doch zu dick aufgetragen, ansonsten aber gefällt mir dieser Herbst in Cinnamon Falls gut. Der Erzählstrang um Nia und Jesse, die dem wahren Täter auf die Spur kommen wollen, sich auch privat wieder näher kommen, ist perfekt in die gesamte Story integriert, ohne zu sehr hervorzustechen. Genau so die Nebenfiguren, allesamt sind sie gut gezeichnet, man wähnt sich direkt mitten unter ihnen.
    Zwischenmenschliches, Missverständnisse, vorschnelle Verurteilungen und Beziehungsgeflechte sind es, die neben so mach unfähigem Polizisten und korrupten Größen diesen „Herbst in Cinnamon Falls“ ausmachen. Ein unterhaltsamer Cozy Crime, der Lust auf mehr macht. Es sollte einen nächsten Teil geben, ich freu mich drauf.
    Der Briefladen, in dem ich dich fand

    Baek Seungyeon
    Der Briefladen, in dem ich dich fand (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    31.08.2026

    Abtauchen in die Welt der Briefe

    Briefeschreiben – wer macht das heute noch? Baek Seungyeon hat mich mit ihrem Buch „Der Briefladen, in dem ich dich fand“ direkt dazu animiert, es ihren Charakteren gleichzutun. Es ist der zweite Band um einen Briefladen in Seoul, das erste Buch allerdings habe ich nicht gelesen, hatte aber keine Schwierigkeiten, direkt in diese Welt der Briefe abzutauchen.
    Schon der erste Eindruck nimmt mich für dieses Buch ein. Neben dem Buchblock mit Rough Cut sind es die wichtigsten Personen der Handlung, die inform von Charakterkarten der Handlung vorangestellt sind und auch weitere Personen haben sich in einem sehr ansprechenden Bücherstapel verewigt.
    Hyoyeong arbeitet seit vier Jahren in einem Briefladen, in dem es rund ums Schreiben alles gibt. Auch Kalender und vieles mehr sind hier zu finden, die Bleistifte werden denen, die ihren Penpal-Service in Anspruch nehmen, in ausreichender Länge und gut gespitzt zur Verfügung gestellt. Ihr Service bietet etwa an, einen Brief an Unbekannt zu schreiben, man kann aber auch jemand ganz bestimmten mit seinen Zeilen erfreuen. Was mir sofort gefallen hat, sind Januarworte an mein Juni-Ich oder auch ein Herbstgruß zu Weihnachten. Es ist schon spannend, Monate oder ein halbes Jahr später seinen Ideen, seinen Vorsätze und/oder seinen Sehnsüchten nachzuspüren. Was bleibt davon übrig, was war erst gemeint oder was waren eher flüchtige Gedanken?
    Hyoyeong hat sich vor längerer Zeit von Yeonggwang getrennt, ist ihm aber noch freundschaftlich verbunden. Donggyu kommt ins Spiel, auch Yeonggwang wird mit einer anderen gesehen – wie das wohl ausgehen mag? Auch Hyoyeongs Chef Seonho durchläuft gerade schwierige Zeiten in seiner Ehe – ob da wohl ein Brief Ordnung ins Gefühlchaos bringen kann?
    Dieses Buch zu lesen war für mich wie in eine Welt voller Poesie abzutauchen. Die ruhige Erzählweise fühlt sich an, als ob alles gemächlicher voranschreitet und doch nie langatmig wird. Es sind die Briefe, die von verschiedenen Personen geschrieben werden, die das Leben in allen Facetten wiedergeben, nicht nur die Liebe ist dabei Thema. Die aber auch, Hyoyeong, Yeonggwang und Donggyu und deren Gefühle sind es, denen wir folgen und die dem Ende zu dann doch entwirrt werden. Ein wenig zu schnell, ein wenig zu glatt, wie ich finde.
    Diesen Roman zu lesen ist wie eine kleine Auszeit, wie kleine Fluchten inmitten der Hektik des Alltags. Es sind die Worte, die wir wählen, die Sätze, denen wir eine bestimmte Bedeutung beimessen, die für andere und auch für einen selbst sehr bereichernd sein können. Genießen wir diese Mußestunden, die uns dieser Briefladen mitsamt seinen Briefen schenkt.
    Der Fall Magritte

    Toni Coppers
    Der Fall Magritte (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    31.08.2026

    Morde, Kunst und ein Ermittler am Tiefpunkt

    „Ceci n‘est pas un suicide“ (Das ist kein Selbstmord). Diese Botschaft liegt neben den Leichen. Drei Menschen sind es, die dem Anschein nach nichts miteinander zu tun haben, deren Tod schon allein dieser Worte wegen eine noch nicht sichtbare Verbindung aufweist.
    Alex Berger, der Ex-Commissaris der Brüsseler Mordkommission, wird zur Aufklärung dieser Morde hinzugezogen, dem er eher widerwillig zustimmt. John Novak, den er einst ins Gefängnis brachte, ist kurz vor seiner Entlassung ausgebrochen, alle Indizien sprechen dafür, dass er mit diesen Toten zu tun hat. Berger kennt Novak wie kein zweiter, zudem war er als Ermittler brillant, hat aber seinen Dienst quittiert, als ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als seine Frau Camille bei einem Terroranschlag ums Leben kam, er Novak verhört hat.
    Der Auftaktband zu Tom Coppers neue Reihe „Alex Berger ermittelt“ macht neugierig auf den Folgeband. Die Erzählung wechselt vom Heute ins Gestern, von Bergers Unrast, den Tod seiner Camille zu verstehen. Die Szenen wechseln, ich bin hautnah bei der ersten Toten, die unter Wasser gedrückt wird. Die ehemaligen Kollegen bilden mit ihm ein Team, ich erfahre etwas mehr von ihnen und ihrem Miteinander. Nicht jeder ist begeistert von Bergers Rückkehr, wenngleich diese nur so lange währt, wie es die Klärung der Mordfälle erfordert.
    Die Trauer um Camille nimmt sehr viel Raum ein, ich erlebe einen gebrochenen Mann, seine Ermittlungen führen unter anderem in die Welt der Kunst. „Die Liebenden“ von René Magritte erinnern in ihrer Darstellungsweise an diese Mordfälle, um nur dieses eine berühmte surreale Bild zu nennen.
    Es ist ein sehr atmosphärischer Roman, der mehr ist als ein Krimi. Alex Berger steckt tief in seiner Trauer, die ihn nicht loslässt. Er sucht seine eigene Schuld am tragischen Tod seiner Ehefrau, er ist ein Getriebener, der Trost im Alkohol findet. Er ist ein spannender, sehr eigenwilliger Hauptcharakter, dem ich zwar menschlich nicht näher gekommen bin, dem ich aber dennoch wieder begegnen möchte.
    Die Nachbarin. Lass sie nicht in dein Haus.

    Nova Winter
    Die Nachbarin. Lass sie nicht in dein Haus. (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    31.08.2026

    Spannend, fesselnd, undurchschaubar bis zum bitteren Ende

    Smilla joggt, sie kämpft sich durch den schmalen Waldweg, kommt zu einem See - es ist schön hier, im Schwarzwald, denkt sie. Mit Jonas ist sie vor kurzem hierhergezogen. Ihr Blick geht zum Ufer und darüber hinaus, als sie im See eine kleine Gestalt sieht. Sie springt ins Wasser, zieht einen kleinen Jungen heraus, der sich zunächst wehrt, sich dann aber an sie klammert. Seine Stimme erweckt eine sonderbare Vertrautheit in ihr, sie fühlt sich ihm tief verbunden. Mehr noch, sie spürt, dass dieses Kind ihr Sohn ist. Aber wie kann das sein? Sie hat keine Kinder.
    Schon die ersten Worte hinterlassen in mir ein Gefühl der Ratlosigkeit. Ich will unbedingt wissen, was da los ist, wieso Smilla zu diesem Kind diese innige Vertrautheit spürt.
    „Was machen Sie da? Gehen Sie sofort von meinem Sohn weg!“ Die Mutter des Kindes stellt sich ihr sehr bestimmt in den Weg, Smillas Erklärung interessiert sie nicht. Bald stellt sich heraus, dass der kleine Moritz mit seinen Eltern Lou und Quentin in direkter Nachbarschaft wohnt. Die Mutter bleibt abweisend, distanziert, kühl, wohingehend der Vater Smilla und Jonas auf sehr nette Art begegnet, sie auch zum Essen einlädt – man lernt sich näher kennen.
    „Die Nachbarin…“ habe ich mir von Anne Düe vorlesen lassen, was eine sehr gute Entscheidung war. Jedem einzelnen Charakter gibt sie seine individuelle Note, sodass man beim Hören keinerlei Probleme hat, sie zu unterscheiden. Man spürt deren Ängste und deren Ratlosigkeit ob der geradezu absurden Situationen genau so wie die verstärkt aufkeimenden Feindseligkeiten. Die durchgehend spannende Story ist geprägt von Zweifel, von Angst und Ungewissheit.
    Je mehr ich eintauche in diese Geschichte um die beiden Nachbarsfamilien Smilla/Jonas und Lou/Quentin/Moritz, desto verworrener sind meine Gedanken. Meine Verbundenheit mit den Charakteren wechselt, nicht jeder bleibt mir sympathisch. Mehr noch – so manchem möchte ich nicht begegnen. Die Vergangenheit scheint mit hinzuspielen, auch ist von einem schon länger verschwundenen Kind die Rede.
    Bis hin zur doch sehr bitteren Auflösung war ich trotz vieler Infos ziemlich ratlos und als ich dann um die Zusammenhänge wusste, war mir die Handlungsweise einer bestimmten Person durchaus klar, wenngleich ich nichts davon gutheiße. Und doch ist die Handlung in sich stimmig, der Thriller von Anfang bis Ende gut und sehr spannend erzählt. „Die Nachbarin. Lass sie nicht in dein Haus.“ Ein Thriller, der mich in Atem gehalten, der mich komplett für sich eingenommen hat.
    Hinaus in den Wind

    Trude Teige
    Hinaus in den Wind (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    31.08.2026

    Das Festhalten von Traditionen

    Nachdem ich vor einigen Monaten Trude Teiges ersten, in Norwegen bereits 2002 erschienenen Roman „Der Gesang der See“ gelesen habe, wollte ich die Fortsetzung um die Schifferin Kristiane nicht verpassen. „Hinaus in den Wind“ knüpft an das erste Buch an, kann aber schon auch - ohne den „…Gesang der See“ zu kennen - gelesen werden. Empfehlen würde ich aber dennoch, beide Bücher zu lesen. Band eins erzählt von der Schifferstocher Kristiane und ihrem Kampf um den Erhalt des familieneigenen Lotsenpatents, das nur an die männliche Nachkommenschaft vererbt werden kann.
    Kristiane ist eine starke Frau, die gerne gegen den Strom schwimmt. Ihr Vater hat sie einst gelehrt, wie man anhand der Landmarken navigiert, sie hat ihn bei den Lotsenfahrten begleitet, ihre tiefe Verbundenheit zur Schifffahrt hat sie schon in ganz jungen Jahren gespürt. Von ihrem Sohn Anders erwartet sie nicht mehr, als dass auch er seine Pflicht als Lotse erfüllt. Er aber hat sich der Musik verschrieben, als Schiffslotse wäre er kreuzunglücklich, was seine Mutter allerdings nicht verstehen kann. Anders jüngere Schwester Konstanze dagegen hegt durchaus Ambitionen für das Fischen und die Seefahrt. Aber – sie darf als Frau nicht als Lotse arbeiten.
    Trude Teiges Bücher kenne und schätze ich sehr, auch dieses nun in deutscher Sprache erschienene, wieder von Günther Frauenlob aus dem Norwegischen übersetzte Buch, das tief in die Familientradition im 19. Jahrhundert eintaucht, möchte ich nicht missen. Es ist die Zeit der traditionellen Geschlechterrollen und obwohl Kristiane schon immer dagegen aufbegehrt und sich in der männerdominierenden Gesellschaft behaupten konnte, so waren auch ihr Grenzen aufgezeigt.
    Als Kristiane eines Tages in der Bucht der Mulevika eine für ihre Familie tragische Entdeckung macht, ist nichts mehr wie zuvor. Zudem versucht sie, Anders in diese für ihn ungeliebte Rolle des Lotsen zu zwingen. Um diese beiden Handlungsstränge entspinnt die Autorin ihre Geschichte um das Festhalten von Traditionen, die von Generation zu Generation vererbt wurden, der tiefe Einblick dann in Familienstrukturen mitsamt dem vorherrschenden Patriarchat macht betroffen. Die einen fügen sich in ihr Schicksal, andere weisen jegliche Schuld von sich, eigene Wünsche werden ganz und gar hintangestellt oder einfach weggewischt. Schuld und Schuldgefühle, Pflicht und die Erfüllung dessen sind es, die viel Leid hervorrufen.
    Trude Teige zeichnet mit Kristiane eine starke Frauenfigur, die – trotzdem sie als Frau nicht viel gilt – sich nicht unterkriegen lässt und zuweilen hartnäckig ihre Ziele verfolgt. Ihren ersten Ehemann Anders, den Vater ihrer Kinder, hat sie an die See verloren, mit Lars ist sie in zweiter Ehe verheiratet und dank ihm bleibt das Lotsenpatent in der Familie. Alle Charaktere, auch die Familie ihrer Schwester, die hier eine tragende, eine tragische Rolle spielt, sind in ihrer Handlungsweise glaubwürdig, ihre Heimatverbundenheit an Norwegens Küste deutlich spürbar. Teiges Schreibstil ist wie ein Hineintauchen in längst vergangene Welten, die man trotz aller Tragik der Geschichten, die sie hier erzählt, nicht gerne verlassen will.
    Aschermittwoch

    Beate Winter
    Aschermittwoch (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    28.08.2026

    Ein verzwickter zweiter Fall für Kilian Frommelt und sein Team

    „Aschermittwoch“ ist der zweite Fall für Kriminalhauptkommissar Kilian Frommelt. Nachdem ich ihn in seinem ersten Fall „Blauäugig“ gefolgt bin, wollte ich dringend wissen, wie es mit ihm als Kommissar und auch als Privatperson weitergeht.
    Es ist Fasching, Frommelt wird zu einer Toten gerufen. Eine zierliche, junge, blonde Frau liegt erstochen in einem weißen Kleid vor ihm. Fünf Stunden sollte sie laut Gerichtsmedizin tot sein, aber – hat er nicht vor gerade mal einer Stunde genau diese Person quicklebendig vor seiner Tür gesehen? Als Marylin verkleidet, mit einem großen, roten Fleck im vorderen Bereich?
    Wie sich herausstellt, ist die Tote Romy Seifert. Um den Hals trägt sie eine Kette mit Doppelaxt-Anhänger, die allerdings nicht verschlossen ist. Wurde sie ihr nachträglich umgelegt? Was bedeutet dieses Symbol? Und was bedeuten die Blumen, die Frommelt wenig später vor seiner Tür vorfindet?
    Frommelt ermittelt mit seinem Team, dem ich schon in „Blauäugig“ begegnet bin. Staatsanwältin Grevenbach ist neu, jedoch hat er zu ihr nicht den besten Draht. Dafür passt das kollegiale Verhältnis untereinander nach wie vor, ihr zuweilen flapsiger Ton lockert die verzwickten Ermittlungen auf. Was auch bitter nötig ist, denn sie kommen nicht recht voran. Mehr noch, ein zweiter Mord geschieht, Grevenbach funkt immer wieder dazwischen, ist mit der Inhaftierung Verdächtiger schnell dabei, was nicht nur Frommelt gegen den Strich geht.
    Neben den schwierigen Ermittlungen haben auch Polizisten ein Privatleben, was hier gut durchkommt. Mal mehr, dann eher marginal – so wie es eben ist, das Leben. Nicht immer kann man Privates außen vorhalten. Seine – und nicht nur seine - privaten Belange dominieren diesen Fall dann doch etwas zu sehr, wobei alles zusammengenommen schon unterhaltsam und durchaus kurzweilig zu lesen ist.
    Nun gut, Frommelts Team und ihr kriminalistisches Gespür bringen sie nach so etlichem hin und her und ziemlich nervenaufreibenden Tagen auf die richtige Spur. Die beiden Todesfälle sind gelöst, die Täterperson dingfest gemacht, das Team hat sich eine Auszeit verdient, bevor es mit Kilian Frommelt weitergeht - es sind in dieser Reihe mittlerweile vier Bücher erschienen. Spannende Lesestunden garantiert.
    Du kriegst mich nicht

    Chris Carter
    Du kriegst mich nicht (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    26.08.2026

    Spannend, packend, mitreißend

    Beinahe wäre er ein freier Mann gewesen. Beinahe! Wenn nicht noch kurz vor Urteilsverkündung diese Frau aufgetaucht wäre! Nelson Stewart wird zu dreizehn Jahren Haft verurteilt. Wie es dazu kommt? Ich bin im Gerichtssaal dabei und finde dieses Urteil angesichts dessen, was er seiner Ehefrau angetan hat, nur gerecht. Noch im Gerichtssaal lässt er sie wissen, dass er auf Rache sinnt. Samantha ändert ihren Namen, sie taucht unter, nennt sich ab sofort Mary Smith.
    Ein neues Buch von Chris Carter – muss ich lesen. Unbedingt. Was ich da innerhalb von zwei Tagen lese, ist raffiniert, manipulativ und hochgefährlich. Für alle, wie es scheint. Und doch ist nichts so, wie es sich mir darstellt, die Bilder, die sich mir darbieten, kippen zuweilen ins Gegenteil, um dann doch wieder zu verschwinden und eine ganz andere Richtung einzuschlagen. Immer mittendrin ist Mary, wie sie sich seit Nelsons Verurteilung nennt.
    Spannend, packend, mitreißend. Chris Carter überzeugt auch mit diesem Buch auf ganzer Linie, er hat mich sofort gekriegt. Beste Thriller-Unterhaltung.
    Happy Weekend - Die perfekte Auszeit. Euer schlimmster Albtraum.

    Arno Strobel
    Happy Weekend - Die perfekte Auszeit. Euer schlimmster Albtraum. (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    26.08.2026

    Rasanter Thriller, der anfangs schwächelt, bald aber zur Hochform aufläuft

    „Happy Weekend“ klingt so harmlos, so nach einer kleinen, feinen Auszeit. Katja und Marcel freuen sich auf ihr Wochenende. An einer Raststätte holen sie sich Kaffee und ne Kleinigkeit zu essen, die Weiterfahrt entwickelt jedoch zu einem nie geahnten Albtraum.
    Nur kurz haben sie das Auto verlassen und dann – ist der Kofferraum offen, der Koffer weg, was nicht mal das Schlimmste wäre, denn Marcel will Katja mit etwas ganz Besonderem überraschen, das er sorgsam im Koffer versteckt hat. Soll die Polizei verständigt werden? Es ist schon spät, sie werden nicht viel tun können, also entschließen sie sich, weiterzufahren, zumal ein GPS-Tracker im Koffer liegt. Sie aktivieren die App, folgen dem blauen Punkt, ihre Odyssee beginnt…
    Der Prolog verspricht nichts Gutes, mehr noch – es passiert Schreckliches! Wie jedoch dies mit Marcel und Katja zu tun hat, kann ich mir zwar ansatzweise denken, mag es aber dennoch noch nicht glauben. Zwischen ihrer Irrfahrt auf der Suche nach dem blauen Punkt hat der Mechaniker, wie er sich nennt, seine kursiven Auftritte. Diese Passagen sind grausam und dennoch fesseln sie mich ungemein.
    Ganz anders unsere beiden Kofferlosen. Ziemlich bald ist da nämlich eine Kleinigkeit, die im Koffer liegt, die für mich total unlogisch ist, die sich durch diese Fahrt ins Ungewisse zieht. Da ist dem Autor wohl ein krasser Logikfehler passiert, denn ich hatte sofort die Vermutung, wer denn hinter diesem Kofferklau und den Folgen danach stecken könnte. Überhaupt finde ich den Anfang – mal abgesehen von den kursiv dargestellten Sequenzen – sehr durchschaubar. Wie kann man sich so unbedarft verhalten, obwohl man weiß oder es zumindest der Umstände wegen ahnt, dass man es mit gefährlichen Gestalten zu tun haben wird. Näher möchte ich darauf nicht eingehen, aber wer dieses Weekend mit den Protagonisten durchlebt, wird wissen oder zumindest ahnen, was bzw. wen ich meine.
    Nun gut, es wird besser. Und das auf ganzer Linie. Die Story zieht dermaßen an, da bleibt zum Luft holen kaum Zeit, die Grausamkeiten nehmen zu. Zudem kommt Marcels Vergangenheit zum Vorschein, lediglich Katja scheint ganz und gar integer zu sein. Jetzt hat er mich, der Strobel. Und zwar voll und ganz. Selbst meinen Anfangsverdacht, der gelegentlich aufblitzt, schiebe ich beiseite. Sowohl der Mechaniker als auch die Jagd auf die Weekender und alles, was dann wie eine Kettenreaktion geschieht, ohne jegliches Erbarmen, rauben mir den Atem. Es ist der Hass, der in diesem fürchterlich grauenhaften Stück Regie führt. Bis zum bitteren Ende.
    Und – mein anfängliches Gespür hat mich nicht getäuscht. Wäre dieser holprige, sehr durchschaubare Anfang nicht gewesen, wären es glatte fünf Sterne gewesen, so aber muss ich einen davon abziehen. Bleiben immer noch gute vier Sterne für diesen anfangs schwächelnden, bald aber rasanten Thriller.
    Most Hated Girl

    Kirsty Lockwood
    Most Hated Girl (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    24.08.2026

    Gefährliche Freundschaft

    Odette Adin macht immer dann, wenn sie von Jobcenter mit dem Bus zurückfährt, Zwischenstation im Museum, das an jedem zweiten Donnerstag im Monat freien Eintritt gewährt. An so einem Tag lernt sie Amos kennen, der weit über achtzig ist. Sie treffen sich hier öfter, freunden sich an und wie es so ist, erzählen sie sich so einiges. Odette ist neunzehn Jahre alt, sie ist auf der Suche nach einem Job, sie ist knapp bei Kasse, außerdem wird sie bald ohne Unterkunft sein. Amos wohnt in einem großen Haus, er ist geschieden, zu seinen Kindern ist der Kontakt schon lange abgebrochen. Also bietet er ihr an, bei ihm zu wohnen, was sie zunächst erstaunt, dann aber gerne sein Angebot annimmt.
    Die kurzen Kapitel wechseln sich ab im Jetzt und im Zuvor. Wir erfahren von Odettes Mum Sylvia, von ihrem früheren Leben und von Toni, der Frau im Jobcenter, die Odette als ihre Freundin bezeichnet. Und wir lernen die beiden Protagonisten Odette und Amos näher kennen, wobei sie zunächst eine sehr harmonische Wohngemeinschaft bilden, dies sich jedoch schleichend ändert. Die Idee, Videos hochzuladen, ist bald mehr als ein netter Zeitvertreib, sie sind richtig erfolgreich damit.
    Dass Odette des Mordes an Amos angeklagt wird, wissen wir aus der Buchbeschreibung, wie es allerdings dazu kommt, ist nicht nachvollziehbar. Das Video, das viral geht, legt den Schluss nahe, dass sie ihn ermordet hat. Aber stimmt das? Die Stärke dieses Buches liegt darin, dass wir ein Bild vor Augen haben, ja bewegte Bilder sehen, die zwei Menschen in eindeutiger Pose zeigen und wir sofort urteilen.
    Zuvor bin ganz nahe an den beiden, ihre charakterlichen Eigenschaften treten immer stärker zutage. Je mehr ich von ihnen weiß, desto mehr ändert sich meine Sichtweise auf sie.
    Wir wissen alle um den Einfluss von Social Media – hier wird ge- und verurteilt, ohne die Menschen dahinter zu kennen, ohne die Zusammenhänge zu wissen. Das Buch ist aber noch so viel mehr. Wie weit ist ein Mensch bereit zu gehen, um Kontrolle über andere zu erlangen?
    MOST HATED GIRL ist ein Roman, der sich als Drama entpuppt. Manipulation, Unterdrückung und Abhängigkeit bis hin zu Isolation und psychischer Gewalt sind Themen. Ein Buch, das eher gemächlich und vorhersehbar beginnt, das einen aber dann den Atem stocken lässt, je mehr man einen Menschen durchschaut.
    Das Krähenzimmer

    Carolin Frey
    Das Krähenzimmer (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    24.08.2026

    Beklemmend, bedrohlich, düster

    Tief in der Nacht kommt Lotta in der Villa Sturmmöwe an, nachdem sie aus ihrem alten Leben regelrecht geflüchtet ist. Dieses Reetdachhaus in den Dünen war einst ihr Kindheitsparadies, paradiesische Verhältnisse jedoch findet sie hier nicht mehr. In diesem Haus lauert Gefahr, sie spürt es direkt. Mehr noch - sie hat das Gefühl, hier nicht alleine zu sein.
    „Wenn er diese Tür öffnet, wenn er hier nachsieht, dann bin ich geliefert denkt sie voller Angst, doch seine Schritte verhallen…“
    „Das Krähenzimmer“ habe ich als ungekürztes Hörbuch über 11 Stunden gehört, gesprochen von Anne Düe, die Lotta ihre Stimme verleiht und Tim Gössler, der den Unbekannten spricht, der sie ständig zu beobachten scheint und sich an Regeln hält, die einen erschauern lassen. Lottas Angst ist deutlich spürbar, man möchte sich am liebsten mit ihr verkriechen. Ganz anders dieser Beobachter, der unsichtbar, aber dennoch wahrnehmbar ist, der sich stets in Lottas Nähe aufzuhalten scheint. Schon seine Stimme lässt einen das Blut in den Adern gefrieren, seine auf Lotta zugeschnittenen Regeln verstärken diesen Eindruck. Beide Sprecher vermitteln eine ihrer Rolle entsprechend düstere, unheilbringende Atmosphäre.
    Was hat sie getan? Warum hat es jemand auf sie abgesehen? Und warum gibt ihr niemand Auskunft über diese Tagebucheinträge, die sie findet und den Schluss nahelegen, dass hier eine junge Frau verschwunden ist, ja getötet wurde. Viele Fragen, auf die sie keine Antwort erhält. Überhaupt treten die Personen, denen sie hier begegnet, ihr gegenüber distanziert auf, andere dagegen geben sich sehr nahbar, sind benehmen sich aber dennoch sonderbar.
    Einst war dieser Ort ihr Paradies, nun ist er ihre persönliche Hölle. Ein Psychothriller, der ab sofort dieses unterschwellig Bedrohliche vermittelt und diese beklemmende Stimmung auch dank der hervorragenden Hörbuchsprecher bis zum Schluss beibehält.
    Düster

    Ivar Leon Menger
    Düster (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    23.08.2026

    Düster, „Stahl“-hart, genial

    Nach FINSTER wird es bei dem pensionierten Kommissar Stahl DÜSTER. Beide Bücher sind in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts angesiedelt, für den neuen Fall verschlägt es Stahl mitsamt seiner Lebensgefährtin auf die fiktive Nordseeinsel Liekenoog.
    Eigentlich sträubt sich alles in Hans J. Stahl, in Urlaub zu fahren. Seine Geli dagegen drängt ihn bis dato vergeblich, ein paar Tage auszuspannen. Umso überraschter ist sie, als er ihr mitteilt, dass sie auf Liekenoog im Grandhotel absteigen werden. Was sie nicht weiß, ist, dass ihn die Hoteldirektorin Jensen eindringlich bittet, einem Vermisstenfall nachzugehen, denn dem jungen, unerfahrenen Inselkommissar Böhm traut sie nichts zu. Stahl und Jensen kommen überein, ihren Aufenthalt als Urlaub zu tarnen. Na, hoffentlich erfährt Geli nie, dass sie schmählich hintergangen wurde.
    Schon auf der Fahrt mit der Bahn lernen die beiden „Urlauber“ den Chocolatier August Dampf kennen, der ebenfalls im Grandhotel wohnen wird. Verwicklungen sind vorprogrammiert, auch mit dem Romanautor Robert Wagner, der in besagtem Hotel mehrere Lesungen haben wird und selbstredend ist Geli Fan von ihm, er kann sich seinen weiblichen Bewunderinnen, meist jedoch zu seinem Kummer ältere Semester, kaum erwehren. Als er dann der jungen, bildhübschen Elise ihr Buch signiert, schreibt er noch etwas mehr dazu.
    Stahl und Böhm ermitteln, als eine unbekleidete weibliche Leiche direkt unter dem Leuchtturm entdeckt wird. Ein Fall von Suizid? Wie der Inseldoktor meint. Ein Unfall? Oder doch Mord? Und ja, sie wurde ermordet.
    Dazwischen lese ich vom Knochenmann und dem kleinen Jungen, den er gefangen hält. Was mit ihm weiterhin passiert, erfahre ich etappenweise und auch, als seine Identität gelüftet wird, bin ich nicht recht viel klüger als zuvor.
    Ivar Leon Menger versteht es, die Spannung permanent hochzuhalten, trotzdem er seine Leser so einiges wissen lässt, was wiederum anderen, hier agierenden Personen, verborgen bleibt. Es passiert noch so einiges mehr, auch bleibt es nicht bei dieser einen Toten.
    Das Buch liest sich flott weg, zum einen wegen des einnehmenden Schreibstils und dann ist die Story so dicht erzählt, dass man einfach dabeibleiben muss. Die kurzen Kapitel bieten so etliche nicht vorhersehbare Wendungen, angereichert durch tagesaktuelle Nachrichten jener Zeit, Dirty Dancing begeistert im Kino, Miami Vice im Fernsehen, dazu Patrick Süßkinds Parfum und nicht nur einmal beteuert Roy Black Du bist nicht allein - was immer uns der Autor damit auch sagen will. All dieses wie zufällig Dazwischengeschobene macht klar, dass wir in den 1980er Jahren sind. Der Täterperson kommen wir immer näher, als Leser weiß man darum, man wird schier verrückt ob der Naivität so manch Insulaner. Aber nicht genug damit, der Autor präsentiert eine nicht vorhersehbare Überraschung – es bleibt spannend bis zum Schluss. Ein Serienkiller – oder? Mit Gänsehautfaktor – garantiert! Ein Thriller, der gelesen werden will – unbedingt!
    Zeiten des Umbruchs

    Carmen Bellmonte
    Zeiten des Umbruchs (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    23.08.2026

    Der perfekte Abschluss der Neuguinea-Saga

    Nun heißt es Abschied nehmen von der Familie Berger, die einst einen Neuanfang fernab ihrer Heimat wagten. Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen, seit sie Karlsruhe verlassen haben - ein fürchterlicher Brand hat ihnen alles genommen. Zunächst waren sie in Finschhafen und nun sind sie seit mittlerweile dreizehn Jahren hier, in Friedrich-Wilhelmshafen in Neuguinea.
    Vater Gustav führt nach wie vor die Schreinerei, zusammen mit seiner Tochter Hedwig, die daneben eine Schule für die Einheimischen plant und auch schon die ersten Schüler unterrichtet. Ihre Tochter Marie lernt, mit der Nähmaschine umzugehen, ihr Traum ist der einer Schneiderin. Hedwigs Schwester Anna ist ins Kopra-Geschäft eingestiegen, das sie mittlerweile mit Raba, ihrem Kâte-Mann, führt und das ihnen ein gutes Auskommen sichert. Clara, die dritte Schwester, führt die Krankenstation. Als eines Tages ein Pflanzer mit schweren Verletzungen zu ihr kommt, wird ihr einmal mehr bewusst, dass hier dringend ein Arzt gebraucht wird. Sie geht zum Gouverneur von Deutsch-Neuguinea, zu Albert Hahl, einem vernünftigen Mann, mit dem es sich reden lässt – wäre da nicht Alfred Ross, seines Zeichens Bezirksamtmann. Er ist Hahl unterstellt, arbeitet aber eigenständig, er tyrannisiert die Ureinwohner, rekrutiert sie notfalls mit Waffengewalt. Zudem ist er – wie sich bald herausstellt – korrupt. Um seines Vorteils willen schikaniert er die Deutschen, hier sind es die Bergers, die allesamt unter ihm zu leiden haben – ihre Existenz ist gefährdet und als wäre das nicht genug, droht auch die Vergangenheit, sie einzuholen.
    Schon lange habe ich sie alle ins Herz geschlossen - Gustav und seine Töchter und auch die nächste Generation. Marie wird es hier, in Friedrich-Wilhelmshafen, zu eng. Es drängt sie Richtung Singapur, einer Stadt, die ihr und ihrem Schneiderhandwerk sehr viel mehr zu bieten hat als diese doch sehr provinziale Gegend. Und da ist Paul, Anna und Rabas Sohn, der zweisprachig aufgewachsen ist und der sich hier als auch bei Rabas Stamm zuhause fühlt.
    Ich lese von Kembu, einem Schießjungen, der für die Deutschen Paradiesvögel jagt, deren Federn gutes Geld einbringen. Die Autorin lässt gekonnt wahre Begebenheiten in ihre fiktive Story um die Familie Berger mit einfließen, auch gab es zwischen den Soldaten und den indigenen Stämmen Konflikte, die nicht selten brutal ausgetragen wurden. Dies ist nur ein kleiner Abriss dessen, was der dritte und letzte Teil der Neuguinea-Saga zu bieten hat.
    Fiktion und die wahren historischen Ereignisse bilden eine homogene Einheit, alle Personen sind fiktiv -bis auf Albert Hahl, dem deutschen Verwalter der Kolonie in Neuguinea. Seine charakteristischen Eigenschaften sind nach historischen Überlieferungen wiedergegeben, wie die Autorin als Nachbemerkung betont.
    Wie schon die beiden Vorgängerbände so ist auch die Zeit des Umbruchs ein spannender, historischer Roman, der viel von der Kolonialzeit der Deutschen weiß. Man erfährt viel Wissenswertes, dringt tief ein in die täglichen Belange und Unzulänglichkeiten wie etwa Sprachbarrieren und deren Überwindung, erfährt über medizinische Belange und die Plantagenwirtschaft (Kopra sei hier genannt) und von noch so vielem mehr, all dies unterhaltsam aufbereitet. Nun wünsche ich allen viel Freude mit dieser sehr lesenswerten Neuguinea-Saga, die nun vollständig in allen drei Teilen erhältlich ist.
    Blauäugig

    Beate Winter
    Blauäugig (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    23.08.2026

    Spannend, kurzweilig, dramatisch

    Richard Wehmeier wacht auf. In seiner Schimmelbude, die ihm nach acht Jahren Gefängnis zugewiesen wurde, hält er es keine Sekunde länger aus, er flüchtet - wie jeden Tag in den letzten Wochen - direkt in Paula´s Brasserie, wo ihm Birgit Whiskey und Kaffee serviert. Noch lässt er anschreiben, hofft aber auf Arbeit. Ein Unbekannter ruft für ihn an: „Komm zu den Glockenwiesen 36. Ich kenne die Wahrheit.“ Sollte doch noch seine Unschuld bewiesen werden? Er wurde wegen des Mordes an der vierjährigen Betti verurteilt, wegen guter Führung ist er vorzeitig aus der Haft entlassen worden.
    Zunächst war mir Richard Wehmeier nicht sonderlich sympathisch. Ein Verlierer auf ganzer Linie, der seine Tage mit Hochprozentigem beginnt, ist nicht gerade vertrauenerweckend. Zudem tapst er ziemlich unbedarft durch die Gegend, geht auf der Suche nach der angegebenen Adresse in ein Haus, dessen Türen offen stehen, er aber hier niemanden antrifft, dafür aber hinterlässt er genügend Spuren.
    Derweilen wird Hauptkommissar Kilian Frommelt zu einem Kind gerufen, das tot im Unterholz liegt. Es wurde erwürgt, der Fundort ist nicht der Tatort. Und wieder deutet alles auf Wehmeier hin – war dieser Anruf eine Falle?
    Es ist der erste Fall für Kilian Frommelt, der mit seinem Team effizient arbeitet. Schnelle Lösungen, wie sie von Staatsanwalt Hausmann gefordert werden, sind nicht sein Ding. Die Ermittlungsarbeit gestaltet sich nicht gerade einfach, zumal sie mehreren Spuren folgen und keine direkt zielführend ist. Neben den akribischen Ermittlungen schwingt auch Privates mit hinein, auch gefallen mir die kleinen Spitzen, die Kollegin Hannah drauf hat. Sie gibt Kontra, hat immer einen flotten Spruch auf Lager.
    Wehmeier lerne ich näher kennen und schätzen, was ich anfangs nie für möglich gehalten hätte. Seine Ex-Frau kommt ins Spiel und auch die Familie von Lisa, dem getöteten Mädchen, das im Unterholz gefunden wurde. Es sind noch so einige mehr, die in den Ermittlungsfocus geraten wie etwa Rene, ein kleiner Junge, der vieles beobachtet, aber – ist er auch glaubwürdig?
    ER kommt zu ihr – schon der Prolog lässt mich in eine bestimmte Richtung denken. Dieser Gedanke blitzt zwar zwischendurch immer mal wieder auf, aber doch kann ich ihn nicht so recht zuordnen. Überhaupt dauert es lange, bis die ganze schreckliche Wahrheit ans Licht kommt. Sowohl die Ermittlungsarbeit als auch die privaten Momente, die gekonnt ineinanderfließen, halten mich in der Geschichte, die hin zu einem Familiendrama führt. Lügen, Intrigen, Missbrauch und Mord – die Charaktere sind allesamt glaubhaft angelegt, sowohl aufseiten der Polizei als auch auf denen der Zeugen und jenen, die als verdächtig gelten. Dazu der spannende Schreibstil, der mich sofort ins Buch gezogen und mich bis zum Schluss nicht losgelassen hat. Blauäugig. Ein Fall für Kilian Frommelt – der Auftaktband ist gelungen.
    Hummerjahre

    Beatrix Gerstberger
    Hummerjahre (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    20.08.2026

    Von Abschieden und Neuanfängen

    Die Rückblicke auf die „Hummerfrauen“, auf Julie, Mina, Ann, sind die perfekte Einführung in die nächsten Jahre, in die „Hummerjahre“. Ich bin wieder voll dabei, kann mir aber vorstellen, dass auch jene, die das erste Buch nicht kennen, sich in den Hummerjahren gut zurechtfinden werden.
    Julie bin ich das erste Mal begegnet, als sie 54 war. Ihre scharfe Zunge hat sie sich bis heute, zwanzig Jahre später, bewahrt. Sie ist jetzt 73, ihren Mann Nat, von dem sie das Hummerfischen gelernt hat, vermisst sie noch immer. Einst hat sie die Kapitänslizenz erworben, das Hummerfischen ist nach wie vor ihre Leidenschaft und doch wäre es schön, wieder einen Mann an ihrer Seite zu haben. Der Einsamkeit will sie entfliehen. Wenn das nur so einfach wäre!
    Mina ist heute 57, sie lebt mit Carlos fernab von Eagle Island und nun reist sie mit Luca, ihrer Tochter, auf die Insel, wo ihre Eltern Richard und Judith schon auf sie warten. Und sie trifft ihre einstige Liebe wieder. Sam, Lucas Vater.
    Ann war damals schon 72, Rückblenden auf das Jahr 2004 bringen uns Ann wieder in Erinnerung. Sie hat einst Mina ein Zuhause gegeben und da war noch einer, den es auch heute noch gibt. Mr Darcy, der blaue Hummer. Er hat sich bei Ann wohlgefühlt, denn er ist immer wieder zu ihr zurückgekehrt, trotzdem sie ihn mehr als einmal am Strand ausgesetzt und ins Meer getrieben hat. Heute lebt er bei Ellis, dessen Sohn John vor Jahren tot aus dem Meer gefischt wurde. Ellis hat dies bis heute nicht verwunden, zumal die Umstände seines Todes nicht geklärt werden konnten.
    Es ist aber noch sehr viel mehr, von dem Beatrix Gerstberger erzählt. Von Verlust und Schuld, von Tod und Trauer, von Verzweiflung und tief empfundenen Verletzungen, von Erinnerungen und von Neuanfängen und auch von Liebe und Vergebung lese ich. Jede einzelne Figur hat viel durchlebt, nicht immer war das Leben fair, die Vergangenheit lastet schwer auf ihnen. Können alte Wunden heilen?
    Es ist Zeit, Abschied zu nehmen von den Hummerfrauen, die mich über zwei Bücher in ihr Leben gelassen haben. Es war eine intensive Lesezeit mit individuellen, vielschichtigen Charakteren und einer Insel, zu der ich – so eindrucksvoll beschrieben – am liebsten sofort aufbrechen würde.
    Der Prätorianer

    Tobias Bukkehave
    Der Prätorianer (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    20.08.2026

    Interessanter erster Fall für das Ermittlerduo Sara Levin und Janus West

    DER PRÄTORIANER aus der Feder von Tobias Bukkehave ist der gelungene Auftaktband der neuen Thriller-Reihe um die Ermittlerin Sara Levin und ihren Partner Janus West.
    Die Kopenhagener plagen sich Anfang November mit Schnee und Eis und klirrender Kälte ab, als eine Leiche gefunden wird, deren Anblick an einen Ritualmord erinnert. Die antiken Goldmünzen dann, die in den Augenhöhlen liegen, sind es, die an Professor Christian Levin, einen Kenner der römischen Mythologie, denken lassen. Was Sara mehr als bestürzt aufnimmt, ist doch dieser Christian Levin, ein verurteilter Mörder, ihr Vater, dem sie einst nahe stand, sie jetzt aber schon lange mit ihm gebrochen hat.
    Es bleibt nicht bei diesem einen Opfer, weitere folgen, Ähnlichkeiten deuten auf einen Serienmörder hin. Sara leitet die Ermittlungen, was innerhalb ihres Teams für Missstimmung sorgt. Auch wird die Mitarbeit von Saras Bruder Adam, einem auf Serienverbrechen spezialisierten Profiler, von einigen sehr kritisch gesehen.
    Das frostige Wetter passt zu der Grundstimmung, welche diese Leichenfunde und deren Inszenierung hervorruft. Und zwischen den Ermittlungen, die schon vorankommen, aber dennoch äußerst mühsame Kleinarbeit verlangen, blitzen kurze Sequenzen auf, die von extrem kranken Fantasien eines noch Unbekannten berichten, der viel an Aggression in sich zu tragen scheint.
    Tobias Bukkehave hat mit diesem Auftaktband gut vorgelegt. Es ist ein durchweg düsterer Thriller mit zweifellos eigenwilligen, zielstrebigen und dennoch teamfähigen Charakteren, die bis an ihre Grenzen und gelegentlich darüber hinaus zu gehen bereit sind. Gibt es einen Täter? Sind es mehrere? Spuren führen weit zurück, bis in die römische Antike und wiederum spielt der oben erwähnte Professor mit. Spielt er falsch? Oder wird er in diese grausam inszenierten Ritualmorde unwissentlich hineingezogen?
    Ein interessanter erster Fall, der nach mehr verlangt. Einige Durchhänger, die mir zu langatmig waren, haben mich kurzzeitig innehalten lassen, ansonsten aber ist DER PRÄTORIANER eine geschickt inszenierte, vielschichtige Story mit Wendungen, die ich so nie vermutet hätte, die letztendlich ein rundes Gesamtbild ergeben. Und nun bin ich gespannt auf den nächsten Fall für Sara Levin und Janus West.
    72 Stunden mit dir

    Darianne Schramm
    72 Stunden mit dir (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    14.08.2026

    Countdown in den Tod

    Mit niemandem darüber reden, niemals eine Stunde Null miterleben und sich nicht einmischen – diese drei Regeln hat Sydney für sich aufgestellt. Aber – mit Peter hat sie alle drei gebrochen. Was genau geschieht hier?
    Mit Liam bin ich gleich mal hautnah dabei: Über seinem Kopf blinkt das pinke Licht, das nur sie sieht – Syd. Er wird heute Abend sterben, seine Lebensuhr läuft unerbittlich ab, dabei ist er putzmunter. Nun, es kommt, wie es kommen muss. Im Nachhinein betrachtet fügt sich alles zusammen, Liam ist tot. Wie er gestorben ist, werde ich hier nicht verraten, weitere werden ihm folgen. Sidney Hoffman weiß es 72 Stunden zuvor, sie hat diese besondere Gabe, die sie von ihrer Großmutter geerbt hat.
    Und da ist der neue Mitschüler Peter Beckett, der ihr als Partner bei einem Schulprojekt zugeteilt wird, was sie rundweg ablehnt. Hilft aber nichts, sie muss sich mit ihm arrangieren, was sie dann eher zähneknirschend durchzieht. Der sehr intelligente, durchaus charmante und witzige Peter schleicht sich immer mehr in ihr Herz, sie verbringen Zeit miteinander und es bleibt nicht aus, dass sie ihn in ihr bis dahin gut gehütetes Geheimnis einweiht. Peter kann zwar die pinke Uhr der dem Tode nahen Menschen nicht sehen, geht aber auf diese Leute zu, schenkt ihnen eine Kleinigkeit oder auch nur ein Lächeln, ein nettes Wort, um ihnen ihre letzten Stunden zu versüßen.
    Charles taucht wieder auf, Syd ist geschockt. Was hat er getan? Er scheint ein Stalker zu sein, meine Gehirnzellen rattern, meine Vermutung geht in eine bestimmte Richtung. Irgendwann wird klar, welche Rolle er in ihrem Leben gespielt hat. Zwischendurch dann bringt ihre jüngere Schwester Jules so einiges knallhart auf den Punkt. Syd is not amused.
    Darianne Schramms „72 Stunden mit dir“ ist ein Jugendbuch, das habe ich mir vor allem anfangs immer wieder vor Augen halten müssen, denn die Story baut sich erst langsam auf, wird jedoch zunehmend intensiver. Gewisse Szenen aber kann ich nicht unbedingt etwas abgewinnen: Wenn etwa Syd in bestimmten Situationen sich irgendetwas Angespitztes ins Auge oder alternativ sich ein Steakmesser ins Bein rammen will – und das nicht nur einmal - war ich schon perplex ob dieser rohen Gewalt. Ist das Jugendsprech?
    Die Figuren, allen voran die beiden Hauptfiguren, haben mir gut gefallen, vor allem Peter (mein absoluter Lieblingscharakter) verleiht der Story Tiefe und auch Ernsthaftigkeit, die man einem gerade mal erwachsenen Jungen gar nicht zutrauen würde. Und ja, die Story gewinnt zunehmend an Intensität, der flüssige Schreibstil ist trotz des ernsthaften Themas locker-leicht zu lesen und durchaus unterhaltsam.
    Und dann läuft der Countdown… unerbittlich, 72 Stunden, bis zur Stunde Null. Ein beklemmendes Gefühl macht sich breit. Es wird Zeit, loszulassen.
    Die Bernsteinfischerin

    Lisa Quentin
    Die Bernsteinfischerin (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    13.08.2026

    Die Schönheit des Bernsteins

    Lisa Quentin erzählt in ihrem Roman DIE BERNSTEINFISCHERIN von Ebba und Julika - letztere ist Bernsteinforscherin. Als sie einen Stein mit einer außergewöhnlichen Inkluse in Händen hält, beginnt sie nachzuforschen. Bald weiß sie, dass dieser Stein 1943 im Samland an der ostpreußischen Küste von einer gewissen Ebba Bredow gefunden wurde.
    Zwei Zeitebenen sind es, die abwechselnd erzählt werden und sich irgendwann dann annähern. Ebba begegne ich erstmals 1943 als 8jährige, als sie mit ihrem Vater, einem Bernsteinfischer, am Strand unterwegs ist, um nach Bernstein zu suchen. Sie leben im Samland, das damals zu Ostpreußen gehört. Nach ihrer Flucht hat es sie dann weiter westlich nach Niendorf/Ostsee (Timmendorfer Strand) verschlagen.
    Der Roman erzählt von diesen zwei Frauen, die unterschiedlichen Generationen angehören. Beide sind sie pflichtbewusst, sie leben in gewissen Zwängen, beginnen dann zaghaft über diese viel zu großen Schatten aus Verantwortungsgefühlen zu springen. Sowohl Julika als auch Edda sind starke Persönlichkeiten, wenngleich Julika die Fesseln, die ihr ihre familiäre Situation aufdrängt, lange nicht abstreifen kann. Und doch ist es diesem Stein geschuldet, dass sie sich mehr und mehr selbst findet. Und sie findet Edda. Beide Frauen sind trotz ihres so gegensätzlichen Hintergrundes interessante, vielschichtige Persönlichkeiten, beiden mochte ich gerne folgen, wenngleich mir anfangs die kleine Edda mehr zugesagt hat.
    Darüber hinaus erfahre ich viel über Bernstein, über dieses fossile Baumharz, das über Millionen von Jahren versteinert ist und über die Inklusen, die darin für ewig konservierten Pflanzen und Kleintiere. Diese Inklusen sind es, über die Julika forscht. Genauer gesagt ist es eine ganz besondere Wespenart, die sie nicht mehr loslässt. Und auch mich hat diese sehr interessante Geschichte, das so eindrucksvoll erzählte Buch, nicht mehr losgelassen.
    DIE BERNSTEINFISCHERIN ist eine einfühlsam erzählte Geschichte über Verluste und über das Loslassen, auch eine von Liebe und von Selbstfindung und von Neuanfängen, die landschaftliche Schönheit und die Suche nach Treibgut am Strand mit eingeschlossen.
    Abfahrt ins Jenseits

    Salvatore Simonetti
    Abfahrt ins Jenseits (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    11.08.2026

    Ein stimmungsvoller erster Fall für Mamma Marcella

    Mamma Marcella ermittelt zwischen Minestrone und Vino - der Auftakt „einer mörderisch guten Reihe“ ist gelungen.
    Marcella ist nach den Jahren in Deutschland mit ihrem Figlio Domenico in ihr Heimatdorf Dolceaqua zurückgekehrt, mit ihrem Mann Beppo ist sie endgültig fertig. Und nun betrauert sie Magdalena, die urplötzlich verstorben ist. Schon bei der Totenmesse meint sie, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht und als dann kurz darauf auch Silvios und Angelos Tod zu beklagen ist, weiß Marcella, dass mehr dahinterstecken muss. Ihr kriminalistisches Gen schlägt Purzelbäume, ganz anders als das von Domenico, der als Carabinieri alle Zeichen, die auf ein Verbrechen hindeuten, doch sehen müsste. Er aber schwebt mit seiner neuen Freundin Rosina auf Wolke sieben, also folgt Marcella ihrer Intuition, bisweilen unterstützt von ihrem Untermieter, dem verkappten, aber doch sehr liebenswerten Künstler Harry.
    Mamma Marcella ist sehr umtriebig, sie folgt jeder noch so kleinen Spur, schnüffelt in einem alten Hotel genau so rum wie in einem Bestattungsinstitut, hat so einige in Verdacht, sogar von der Mafia ist die Rede. Ihr fahrbarer Untersatz leistet ihr gute Dienste, ihre Fahrkünste sind die einer Italienerin durchaus würdig. Und wie es eine italienische Mamma so macht, bekocht sie ihren Domenico, der sich das gerne gefallen lässt. Wären da nicht ihre beiden Miezekatzen, die bei ihm ein heftiges Niesen und Schniefen auslösen. Seit Neuestem gesellt sich zu den zweien auch der kleine Salsiccia, ein niedliches Hündchen, den Marcella sozusagen adoptiert hat.
    Die „Abfahrt ins Jenseits“ spielt sich in und um den ligurischen Ort Dolceaqua mit seiner malerischen Altstadt ab. Schon Claude Monet hat sich von diesem zauberhaften Ort inspirieren lassen, die beiden Betreiber einer Eisdiele, Dino und Gino, haben ihr Lokal selbstredend nach ihm benannt.
    Marcella entgeht nichts, sie ist die sympathische, sehr aufgeweckte und schlagfertige, alles beobachtende Figur, die alle um sich schart. Ihre Methoden sind zuweilen grenzwertig, aber dennoch von Erfolg gekrönt – wie es sich für einen gelungenen Cosy Crime nun mal gehört. Neben den kriminalistischen Elementen, die viel Raum einnehmen, ist es auch das Zwischenmenschliche, das einen zum Schmunzeln bringt. Überhaupt gefällt mir der lockere, humorvolle Schreibstil, der jedem einzelnen Charakter seine individuelle Note gibt, untermalt von der zauberhaften Landschaft und der italienischen Lebensart, die mich gedanklich direkt dorthin versetzt.
    „Abfahrt ins Jenseits“, der erste Fall für Mamma Marcella, ist ein stimmungsvoller Cosy Crime mit viel Italien-Flair, der mit viel Spannung und gelegentlichem Augenzwinkern den Deal mit dem Tod durchleuchtet und ihm letztendlich auf die Spur kommt. Gerne mehr davon, gerne mehr von Marcella.
    Wenn die Bienen schweigen

    Caryl Lewis
    Wenn die Bienen schweigen (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    09.08.2026

    Eine Dystopie - durchaus denkbar

    „Wenn die Bienen schweigen“ ist eine düstere Dystopie. Ein Jugendbuch, das die Welt am Abgrund zeigt.

    Caryl Lewis verrät am Ende des Buches, dass ihr diese Geschichte schon lange im Kopf herumsummte. Ein schönes Bild, zumal es hier um die Bienen geht, die allerdings mittlerweile schweigen – sie als Imkerin weiß um das Bienensterben.

    Der Ich-Erzählerin Jess begegne ich erstmals, als sie und ihr Bruder Shey noch bei ihrer Mutter leben. Aber nicht mehr lange, mit elf Jahren müssen alle Mädchen in ein Camp, um per Hand, auf einer Leiter stehend, die Obstbäume zu bestäuben. Jess ist schon dreizehn, als sie weg muss, da ihre Mutter ihre Geburtsurkunde so gut hat fälschen lassen, dass es niemandem auffällt.

    Und nun ist sie hier, in diesem Camp, das Platz für 500 Mädchen bietet. Eines von vielen, in einem Land, das namentlich nicht benannt wird. Aufpasserinnen, die Mutter genannt werden, sorgen für Zucht und Ordnung, unterstützt von Wächtern. Vater Renatus führt das Camp mit harter Hand, gleich nach der Ankunft müssen die Mädchen den Treueschwur gegenüber General Porter ablegen. Schon allein diese ersten Eindrücke sind beklemmend. Von nun an werden sie tagsüber bei flirrender Hitze auf den Leitern stehen, um Blüte um Blüte mit Pinseln zu bestäuben. So lange, bis sie im gebärfähigen Alter sind und sie zwangsverheiratet werden mit ihrem genetischen Match, einem Jungen, den sie nie zuvor gesehen haben.

    Bücher sind verboten, Bildung gibt es nicht mehr. Schon allein dieser Aspekt zeigt, wie Leute gefügig gemacht werden. Im Gegensatz zu den meisten Mädchen hütet Jess jedoch einen Schatz, den ihr einst ihre Mutter mitgegeben hat. Sie kann lesen, sie und Shey wurden von ihrer Mutter heimlich unterrichtet, so gut es eben ging. Und Jezz weiß auch anders mit einem Pinsel umzugehen, eines Tages zeigt sie eine Welt der Farben auf, welche die einen staunen lässt und die anderen in Alarmbereitschaft versetzt.

    Das Bienensterben ist Realität, genau so der Klimawandel. Aber – lernen wir daraus? Noch leben wir im Überfluss, wissen zumindest in unserer westlichen Welt nicht zu schätzen, wie wertvoll uns die Nahrungsmittel sein sollten. Das Aussterben der Bienen hätte zur Folge, dass es viele Nahrungsmittel nicht mehr geben würde, da über siebzig Prozent der Nutzpflanzen von Bienen bestäubt werden. Es käme zu einem Dominoeffekt, zu Ernteausfällen. Pflanzen würden verschwinden, ebenso Tiere, die ihre Nahrungsquellen verlieren würden. Dies ist nur ein Abriss dessen, was uns die Autorin am Ende dieses Buches noch mitgibt wie auch die heute schon praktizierte Bestäubung von Hand - als Beispiel führt sie die Obstplantagen im chinesischen Sichuan an.

    Ein düster gezeichnetes Szenario über den Kollaps der Natur, in dem es einige wenige gibt, die daraus ihren Nutzen ziehen würden, ein alle unterdrückendes System wäre eine Folge dessen. Ein Buch, das nachdenklich macht, ein Buch für jung und alt, wie ich finde. Ein Buch, das gelesen werden sollte.
    Keine Angst, Darling

    Vera Buck
    Keine Angst, Darling (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    03.08.2026

    Tradwife. Die Risse in Leas perfekter Welt

    Tradwife. Über diesen Begriff bin ich schon des Öfteren gestolpert, so richtig auseinandergesetzt habe ich mich damit nicht. Ganz einfach deshalb, weil dies für mich keine Lebensform ist. Dieser Trend verherrlicht das Hausfrauendasein der 1950er Jahre - das Nur-Hausfrau-Dasein, dem Manne dienen, ihm jeden Wunsch schon im Vorfeld von den Lippen ablesen, dabei sich selbst hintanstellen oder besser gesagt, sich komplett zurücknehmen. Denn schließlich ist er es, das das Geld verdient.
    Lea ist eine dieser glücklichen Frauen. Sie lebt in der nach außen hin abgeschotteten Siedlung Sancta Familia in Florida, kümmert sich liebevoll um Matt, ihren Ehemann und um Emma, ihre kleine Tochter. Zuvor hat sie ganz anders gelebt, aber seit sie Matt begegnet ist, ist ihr Leben, an dem sie online ihre Follower teilhaben lässt, sinnerfüllt. Den Kontakt zu Paula, ihrer Schwester in Deutschland, hat sie abgebrochen, Paula macht sich dennoch Sorgen, sie folgt Leas Kanal. Als dann urplötzlich Leas Heile-Welt-Clips enden, fliegt Paula kurzerhand nach Florida. Und – trifft Lea nicht an. Angeblich erholt sie sich in einem Retreat, das Matt jedoch nicht näher benennen kann oder es auch nicht will. Paula lässt nicht locker, sie setzt alle Hebel in Bewegung, trifft dann auf eine Frau, die mehr von Sancta Familia zu wissen scheint.
    Von Vera Buck habe ich schon einiges gelesen. Der dunkle Sommer, Das Baumhaus, Wolfskinder - ihre Thriller haben mich komplett überzeugt. Jeder einzelne. Keine Angst, Darling möchte ich hier unbedingt einreihen.
    Man ahnt, dass Leas heile Welt nicht von Dauer sein kann, trotzdem sie von dieser Lebensform überzeugt zu sein scheint. Ich folge ihr durch ihren Alltag, den sie einst selbst gewählt hat. Die Autorin lässt Leas Gedanken in Tagebuchform, getarnt als Haushaltsbuch, mit einfließen. Lässt ihre Leser an Emmas Geburt teilhaben, eigentlich schon ab dem Zeitpunkt der Zeugung. Auch viele andere Szenen meint man, einschätzen zu können. Aber – nichts ist so, wie es den Anschein hat. Vera Buck ist eine Meisterin darin, Situationen darzubieten, lässt an vielen Einzelmomenten teilhaben, löst spät auf, verblüfft einmal mehr.
    „Keine Angst, Darling“ ist ein wiederum sehr fesselnder, zudem beklemmender Thriller, der von Abhängigkeiten, von Manipulation und häuslicher Gewalt erzählt, der dem jahrzehntelangen Kampf um die Gleichberechtigung der Frau mit diesem Tradwife-Trend entgegenwirkt. Ein Buch, das ich nicht weglegen konnte, das mich noch lange beschäftigen wird.
    Septembermord

    Chris Chibnall
    Septembermord (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    31.07.2026

    Ein Toter – grotesk in Szene gesetzt

    Jim Tiernan, der dem Leben sehr zugewandte Wirt des White Hart, wird tot aufgefunden - geradezu grotesk in Szene gesetzt. Seine Leiche ist an den Stuhl gefesselt, der mitten auf der Straße steht, auf Jims Kopf thront ein riesiges Hirschgeweih. Detective Nicola Bridge und DC Harry Ward werden mitten in der Nacht an diesen Fundort gerufen. Was wollte der Täter ihnen angesichts dieser Inszenierung sagen? Diese Frage drängt sich unweigerlich auf.
    Es ist der erste Fall für das Ermittlerduo Bridge und Ward. Nicola Bridge hat sich aus privaten Gründen hierher, ins westliche Dorset, versetzten lassen, ihr Kollege Harry Ward ist Seiteneinsteiger, beide sind sie sehr motiviert, beide müssen sie aber erst zusammenfinden.
    Der Story vorangestellt ist eine Karte mit den einzelnen Schauplätzen zu diesem Krimi. In Fleetcombe ist Jims White Hart zu finden, ein einfaches Pub für all jene, die keine besonderen Ansprüche stellen. Ganz anders das Fox, das eher gehobenes Publikum anzieht, betrieben von Ayesha Barton. Daneben sind es Eddie, der Paketbote und Frankie, der Friseur, die Ukrainerin Irina, Jims Schwester Patricia und Deakins, dessen Hof nahe Fleetcombe liegt und ein kleines, etwa neun Jahre altes Mädchen, das – wie wir erst später erfahren – Shannon heißt, die alle mit Jims Tod zu tun haben könnten oder die zumindest mehr wissen, als sie zugeben. Auch mischen noch etliche, meist doch recht sonderbare Gestalten, mit, keiner ist zu durchschauen. Alle schweigen.
    Es ist ein eher ruhiger Krimi, der neben dem eigentlichen Fall, der sofort präsent ist, zunächst den Focus auf die einzelnen Personen legt. Und da sind lange zurückliegende Verbrechen, die Ähnlichkeiten mit dem heutigen Mord aufweisen. Seltsam auch, dass den Morden damals – es waren drei – jeweils ein Feuer vorausging, das meilenweit zu sehen war. Genau so wie heute.
    „Chris Chibnall hat das britische TV-Krimidrama geprägt“, wie ich über ihn und seine Arbeiten lese. Mir jedoch war er vor „Septembermord“ unbekannt. Dieser Reihenauftakt um Bridge und Ward ist vielversprechend, der unaufgeregte Schreibstil fesselt auch dank der geheimnisumwitterten Charaktere und der durchweg bedrückenden Stimmung ungemein. Der Schluss dann – wer es denn wirklich war und warum - hat mich komplett überrascht, wenngleich das Warum für meine Begriffe nicht ganz schlüssig ist. Nichtsdestotrotz habe ich mich gut unterhalten gefühlt, die Spannung war durchweg da - bis zum für die Täterperson bitteren Ende.
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