Op. 111? Da hat er gerade erst angefangen ...
Carl Czerny hatte es nicht leicht - mit der Mitwelt nicht, mit der Nachwelt schon gar nicht. Wunderkind, Beethoven-Schüler, viel gesuchter Lehrer sogar von Kalibern eines Franz Liszt, Compositeur von absurd anmutenden Opuszahlen, lebte und starb er in der Hauptstadt der Musik, und er starb sehr vermögend. Ein solches Leben muss doch glücklich genannt werden? Doch im kollektiven Gedächtnis blieb der sensible Mann, lebenslange Junggeselle, hyperproduktive Tonschöpfer vor allem als berüchtigter "fingerbreaker" von Generationen von Klavierschülern, als wäre diese "Schule der Geläufigkeit" nicht unmittelbar verbunden mit dem Aufstieg der Klavier-Industrie und der berufsmäßigen Virtuosität, zu der er so viel beitrug. In seinen Symphonien ist wenig zu hören von schulmäßiger Ausführung, am ehesten erinnern sie an den anderen bedeutenden Beethoven-Schüler, nämlich Ries (grandios von Howard Griffiths bei cpo eingespielt). Und das heißt: bei beiden hört man natürlich hier und da den Meister aller Klassen zwischen den Notenzeilen, aber nicht sklavisch nachgeahmt, sondern durchaus erfindungsreich. Es ist also eher das meisterhaft Kontrollierte als das Echo der Ausbrüche, welches die Verwandtschaft von Lehrer und Schülern zeigt, und auch wenn die Musik in den schnellen Sätzen manchmal nach reiner Geste klingt, stellt sich beim mehrfachen Hören ein vielschichtigerer Eindruck ein. Das passt sehr gut zur sorgfältigen und bei aller Detailgenauigkeit schwungvollen Interpretation von Willens und den Kölnern, die damit vielleicht Czerny im Symphonischen eine Tür in die Gegenwart öffnen, so wie vorher im Pianistischen das Duo Tal / Groethuysen (Sony, leider vergriffen) und Martin Jones (Nimbus, weiterhin erhältlich und in der Fülle nie gehörter Soloklaviermusik sehr hörenswert).