Inhalt Einstellungen Privatsphäre
jpc.de – Leidenschaft für Musik Startseite jpc.de – Leidenschaft für Musik Startseite
  • Portofrei ab 20 Euro
  • Portofrei bestellen ab 20 Euro
  • Portofrei innerhalb Deutschlands Vinyl und Bücher und alles ab 20 Euro
0
EUR
00,00*
Warenkorb EUR 00,00 *
Anmelden
Konto anlegen
    Erweiterte Suche
    Anmelden Konto anlegen
    1. Startseite
    2. Alle Rezensionen von dorli bei jpc.de

    dorli Top 50 Rezensent

    Aktiv seit: 13. Februar 2018
    "Hilfreich"-Bewertungen: 25

    Bitte beachten Sie

    Wir können nicht sicherstellen, dass die Angaben von Verbrauchern stammen, die das Produkt tatsächlich genutzt oder erworben haben.

    283 Rezensionen

    Wir können nicht sicherstellen, dass die Angaben von Verbrauchern stammen, die das Produkt tatsächlich genutzt oder erworben haben.
    Goodbye, Honeysuckle

    Tayari Jones
    Goodbye, Honeysuckle (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    13.08.2026

    Die Kraft der Freundschaft

    Tayari Jones hat ihren Roman „Goodbye, Honeysuckle“ in dem fiktiven Ort Honeysuckle im ländlichen Louisiana angesiedelt. Wir befinden uns in den späten 1950er bzw. frühen 1960er Jahren und damit in einer Zeit, als die strikte Trennung von Weißen und Afroamerikanern in allen Bereichen des öffentlichen Lebens noch geltendes Recht war.

    Die Menschen in Honeysuckle sind gottesfürchtig und hilfsbereit, sie unterstützen einander, wann immer es nötig ist. Inmitten dieser innigen Gemeinschaft wachsen Annie und Vernice auf. Die Schwarzen Mädchen verbindet nicht nur eine tiefe Freundschaft, sie teilen auch das gleiche Schicksal: beide wachsen zwar behütet, aber ohne Mutter auf. Annie wurde direkt nach ihrer Geburt von ihrer Mutter bei ihrer Großmutter zurückgelassen, Vernice wurde von ihrer Tante großgezogen, weil ihre Mutter erschossen wurde.

    Die Mädchen kehren Honeysuckle nach ihrem Schulabschluss den Rücken. Annie verschwindet ohne ein Wort des Abschieds mit Freunden in Richtung Memphis, weil sie dort nach ihrer Mutter suchen will. Vernice zieht es wie geplant nach Atlanta, sie hat einen Studienplatz am berühmten Spelman College ergattert.

    „Goodbye, Honeysuckle“ ist ganz anders, als ich erwartet hatte. Ich war davon ausgegangen, dass die politischen und gesellschaftlichen Themen von Zeit und Ort eine viel größere Rolle spielen. Die Autorin lässt diese Themen zwar in die Handlung einfließen, allerdings bei Weitem nicht in der Intensität, wie ich sie mir gewünscht hätte. Besonders über die studentische Bewegung und den Widerstand gegen die Jim-Crow-Gesetze hätte ich gerne mehr gelesen. Auch die Südstaatenatmosphäre ist kaum zu spüren. Die Fülle an landschaftlichen, historischen und kulturellen Eigenarten, die die Region zu bieten hat oder auch die bedächtige Lebensart der Einheimischen sind hier allenfalls schmückendes Beiwerk.

    Tayari Jones legt ihr Hauptaugenmerk in diesem Roman auf ein ganz anderes Thema: es geht um fehlende Mutterliebe und um das Streben, diese schmerzhafte Lücke mit etwas zu füllen, das Heilung verspricht.

    Annie wird von der Hoffnung angetrieben, ihre Mutter irgendwann zu finden. Es tut beim Lesen fast weh, mitzuerleben, wie ihre Suche zu einer Besessenheit wird, die sie mit Scheuklappen durch die Welt laufen lässt, so dass sie nicht einmal wahrnimmt, welches Glück das Leben ihr mit dem einfühlsamen Bobo beschert hat.

    Vernice hingegen begegnet der Welt mit offenen Augen und kostet das Leben aus. Doch auch bei ihr ist der Wunsch nach Heilung unvermindert stark - so stark, dass sie ihre wahre Liebe verleugnet, weil diese ihr nicht richtig vorkommt. Vernice ist davon überzeugt, dass sie nur in einer „normalen“ Familie gesunden kann.

    Tayari Jones lässt ihre Protagonistinnen in stetigem Wechsel zu Wort kommen. Jeweils in der Ich-Perspektive erzählen Annie und Vernice von den Höhen und Tiefen ihres Alltags, wie sie Herausforderungen meistern, glückliche Momente erleben oder mit Rückschlägen zu kämpfen haben. Obwohl die jungen Frauen verschiedene Wege einschlagen und ihre Leben sich ganz unterschiedlich entwickeln, bleiben sie über die Jahre hinweg durch Briefe miteinander verbunden. Als die Dinge schließlich einen tragischen Verlauf nehmen, wächst bei beiden die Erkenntnis, welche Kraft und Bedeutung ihre tief verwurzelte Freundschaft tatsächlich hat.

    „Goodbye, Honeysuckle“ ist ein angenehm flott zu lesender Roman, der mich zwar gut unterhalten, aber nicht so nachhaltig beeindruckt hat, wie ich es mir erhofft hatte. 3,5*
    Keine Angst, Darling

    Vera Buck
    Keine Angst, Darling (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    03.08.2026

    Hinter der idyllischen Fassade lauern Abgründe

    Die Schwestern Paula und Lea haben kaum noch Kontakt, da ihre Lebensweisen und Wertvorstellungen im Laufe der Jahre immer weiter auseinandergedriftet sind. Während Unternehmensberaterin Paula mit ihrem Mann und ihren drei kleinen Söhnen in Frankfurt lebt, ist Lea nach Florida gezogen und hat sich für ein Leben als sogenannte Tradwife entschieden. Mit ihrem Mann Matt und ihrer Tochter Emma wohnt sie in der abgeschotteten Luxussiedlung Sancta Familia und gestaltet ihren Alltag entsprechend der traditionellen Werte, wie sie in den 1950er Jahren üblich waren. Ihren konservativen Lebensstil teilt sie sehr erfolgreich in den sozialen Medien.

    Paula hat für diese schillernde Inszenierung eines Hausfrauenideals und der damit zusammenhängenden Heile-Welt-Romantik nicht viel übrig. Als Lea plötzlich auf allen Kanälen schweigt, nicht auf Nachrichten reagiert und auch telefonisch nicht zu erreichen ist, schrillen bei Paula die Alarmglocken - ohne lange zu überlegen, reist sie nach Florida und macht sich auf die Suche nach ihrer Schwester.

    In ihrem Thriller „Keine Angst, Darling“ stellt Vera Buck mit der Tradwife-Bewegung einen besorgniserregenden Social-Media-Trend in den Mittelpunkt der Handlung. Es geht dabei um meist junge Frauen, die sich bewusst für eine traditionelle Hausfrauenrolle entscheiden und dieses veraltete Rollenbild in den sozialen Netzwerken überzeugend zelebrieren und bewerben. Sie preisen ihren nostalgischen Lifestyle und die damit verbundene bewusste Unterordnung unter ein von Männern kontrolliertes System als Befreiung und Akt der Selbstverwirklichung an. Die mit diesem Verhalten einhergehenden potentiellen persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Gefahren werden dabei wissentlich ausgeblendet.

    Nicht nur das Thema hat mich ungemein gefesselt, auch die durchweg spürbare unterschwellige Spannung hat einen enormen Sog auf mich ausgeübt. Leas scheinbar makelloses Idyll bekommt einige Risse, die mein Kopfkino auf Hochtouren laufen lassen haben. So ist es zum Beispiel offensichtlich, dass Matt in Bezug auf Leas plötzliches Verschwinden lügt. Auch das Verhalten der kleinen Emma wirft immer wieder Fragen auf. Und die geltenden Regeln in der Sancta Familia lassen eher an ein Gefängnis denken, als an eine Luxussiedlung. Die Siedlung, die nach außen hin so viel Geborgenheit und Harmonie ausstrahlt, ist in Wirklichkeit ein Ort, an dem die Frauen von ihren Männern unterdrückt, manipuliert, in die Isolation gedrängt oder sogar zum Schweigen gebracht werden. Paula nimmt die Unstimmigkeiten nach und nach wahr, hat aber keine Handhabe dagegen, so dass sich ihre Suche nach Lea schwieriger und vor allen Dingen sehr viel gefährlicher gestaltet, als sie erwartet hatte.

    Als besonders gut gelungen habe ich den Aufbau des Geschehens empfunden. Um dem Leser einen umfassenden Einblick in die spannende Thematik zu ermöglichen, hat Vera Buck eine sehr abwechslungsreiche Darstellung der Ereignisse und Hintergründe gewählt. Während man in der gegenwärtigen Handlung gemeinsam mit Paula nach Lea sucht, erfährt man in mehreren Rückblenden zum einen, welche Erlebnisse Lea dazu bewogen haben, sich auf Matt einzulassen und zum anderen, wie sich ihr Leben als Tradwife in den letzten Jahren entwickelt hat. Diese Handlungsebenen werden immer wieder durch Einschübe unterbrochen. So machen eingestreute Transkripte von Videos, Interviews und Follower-Kommentaren deutlich, wie Tradwives ticken und welche Wirkung sie auf Außenstehende haben. Darüber hinaus gibt es noch Auszüge aus einem Haushaltsbuch. Emmas Mutter nutzt das Buch als Tarnung für ein paar heimliche Briefe, in denen sie den unerträglichen Schmerz beschreibt, den sie hinter der glänzenden Fassade erdulden musste. Diese Passagen haben mich besonders mitgenommen, weil man ganz deutlich spürt, dass die Angst zu bleiben genauso groß ist, wie die Angst zu gehen. Eine ausweglose Situation.

    „Keine Angst, Darling“ hat mir sehr gut gefallen - ein psychologisch ausgefeilter Thriller, der mit einer vielschichtig angelegten Handlung, unerwarteten Wendungen und einer aufwühlenden Thematik für spannende Lesestunden sorgt.

    Die Bluthochzeit

    Wolf Hector
    Die Bluthochzeit (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    30.07.2026

    Magdeburgs Untergang

    In seinem historischen Roman „Die Bluthochzeit“ nimmt Wolf Hector den Leser mit in die 1630er Jahre nach Magdeburg und schildert mitreißend und vor allen Dingen äußerst wirklichkeitsnah, was sich in den Monaten vor und schließlich auch während dem wohl blutigsten Konflikt des Dreißigjährigen Krieges ereignet hat.

    Der Autor beginnt die Geschichte mit einem spannenden Prolog, in dem er das unvermeidliche Ende vorwegnimmt: Gemeinsam mit dem Ersten Domprediger Reinhard Bake blickt man am 12. Mai 1631 aus einem Turmfenster des Magdeburger Doms über Trümmer und Ruinen, Rauchschwaden, Verwüstung und Tod. Und genau wie der ebenfalls anwesende Diakon Decenius fragt man sich: „… wie konnte es nur so weit kommen …?“ (S.27)

    Gleichzeitig begegnet man der siebenjährigen Edita, ein greisenhaftes Kind mit hellseherischen Fähigkeiten. Der heilige Moritz spricht zu ihr, sagt ihr was geschehen wird und was zu tun ist. Doch wer hört schon auf ein kleines Mädchen …

    Die eigentliche Handlung beginnt am 03. Juli 1630, ein knappes Jahr vor den schwärzesten Stunden, die die Stadt an der Elbe je erlebt hat. In mehreren Handlungssträngen lernt man nach und nach ganz unterschiedliche Menschen kennen - ihre Lebensumstände und ihren Alltag, ihre Pläne und Ziele, ihre Ängste und Sorgen. Sie alle treffen irgendwann aufeinander und haben auf die eine oder andere Weise Anteil an dem tragischen Verlauf der Ereignisse. Die Figurendarstellung habe ich als besonders gut geraten empfunden. Es ist Wolf Hector nicht nur ganz hervorragend gelungen, seinen Figuren Leben einzuhauchen und jedem einzelnen eine Stimme zu geben, auch das Zusammenspiel von historischen Persönlichkeiten und fiktiven Akteuren ist durchdacht und ausgeklügelt; Miteinander und Gegeneinander sind vielschichtig ausgearbeitet.

    Historisch präzise und mit viel Liebe zum Detail zeichnet der Autor ein facettenreiches und sehr glaubwürdiges Bild von der Eroberung und Verwüstung Magdeburgs durch die kaiserlichen Truppen. Reale Ereignisse und Romanhandlung verschmelzen miteinander. Alles passt zusammen und wirkt durchweg authentisch. Außerordentliche Ratssitzungen, aufrüttelnde Gottesdienste, heimliche Wirtshaustreffen, familiäre Feiern - man ist als Leser immer mittendrin im Geschehen und meint das Brodeln in der Stadt vor und während der verhängnisvollen Ereignisse zu spüren und das Getuschel und Geraune der Leute zu hören, wenn neue Nachrichten über die Lage in Stadt und Land die Runde machen.

    Gut gefallen hat mir auch, dass sich neben der großen und kleinen Politik und den drohenden Schrecken die Liebesgeschichte zwischen der Bierbrauerin Teresa und dem Bildhauer Ludo ohne aufgesetzt zu wirken in die dramatische Handlung einfügt. Man lebt und leidet mit den beiden und wünscht ihnen in dieser grausamen Zeit nur das Beste.

    Eine Übersicht der handelnden Figuren, eine Zeittafel, ein interessantes Nachwort sowie ein Glossar runden das Buch perfekt ab.

    „Die Bluthochzeit“ hat mir sehr gut gefallen - ein spannend erzählter historischer Roman, der mich intensiv an dem Schicksal einer ganzen Stadt teilhaben lassen hat.
    Im Morgengrauen

    Marc Raabe
    Im Morgengrauen (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    08.06.2026

    Geht unter die Haut

    In den frühen Morgenstunden des 18. Januar treffen sich zwei Männer im Kiosk einer Minigolfanlage in Berlin-Heiligensee. Der eine wird zum Täter, der andere zum Mordopfer. Oder geschieht hier gar kein Mord?

    Einige Tage später. Es herrscht Aufregung im Kanzleramt, denn Bundeskanzler Henrik Westphal ist spurlos verschwunden. Wurde der Kanzler entführt? Ist er womöglich tot? Oder ist er abgetaucht, weil er einem handfesten Skandal aus dem Weg gehen will? Denn in den sozialen Medien kursieren Videos, in denen eine junge Frau, die sich Kessy X nennt, sehr glaubwürdig sein übergriffiges Verhalten anprangert.

    Die bereits aufgeheizte Stimmung bekommt noch mehr Zündstoff, als in einem U-Bahntunnel unter dem Alexanderplatz eine entstellte Leiche gefunden wird, denn die Tote hat das gleiche auffällige Tattoo, dass in den Videos auf Kessy’s Unterarm zu sehen ist.

    „Im Morgengrauen“ ist der vierte Band rund um die BKA-Ermittler Art Mayer und Nele Tschaikowski. Ich empfehle, die Bücher der Serie in der richtigen Reihenfolge zu lesen, da die Ereignisse über die einzelnen Bände hinweg alle zusammenhängen. Das Wissen über die Hintergründe, Beziehungen und persönlichen Entwicklungen der Protagonisten erhöht den Lesegenuss dieser spannenden Fortsetzung ganz enorm.

    Der Schreibstil von Marc Raabe begeistert mich immer wieder aufs Neue. Er hat ein ausgesprochen gutes Händchen für vielschichtig konstruierte Thriller und versteht es ganz ausgezeichnet, die spannenden Ermittlungen und die privaten Angelegenheiten seiner Figuren authentisch und mitreißend darzustellen.

    Die Kapitel sind kurz, die Perspektive wechselt ständig - auch hier trifft Marc Raabe genau meinen Geschmack. Besonders der stetige Blickwinkelwechsel gefällt mir, da ich so von den Gedanken, Ansichten und Beweggründen aller Akteure Kenntnis habe und prima mitverfolgen kann, wie jeder Einzelne auf unerwartete Ereignisse reagiert oder Konflikte meistert. Ich kann nicht nur die Kraft, Energie und Leidenschaft spüren, mit der sie ihre Aufgaben bewältigen und sich den immer neuen Herausforderungen stellen, sondern erlebe auch immer wieder ihre innere Zerrissenheit und ihre mentalen Kämpfe mit.

    Sehr gut gefallen hat mir, dass die aktuelle Handlung mit der nervenaufreibenden Spurensuche des Öfteren von Rückblenden unterbrochen wird, die in den Wochen vor dem Verschwinden des Kanzlers spielen und Kessys bewegende Geschichte zum Inhalt haben.

    Auch die vielen Wendungen sind überzeugend - immer wieder meint man zu wissen, in welche Richtung die Dinge sich entwickeln und dann kommt es doch wieder ganz anders, als man denkt. Außerdem gibt es zahlreiche Nebenhandlungen und nicht eine davon ist überflüssig. Im Gegenteil, sie ergänzen die Haupthandlung perfekt und machen den Thriller lebendiger, komplexer und realistischer.

    Am Ende fügt sich alles zu einem großen Ganzen. Ich bekomme über die vier Bände hinweg ein stimmiges Gesamtbild und bleibe zufrieden zurück.

    „Im Morgengrauen“ hat mich rundum begeistert - ein abwechslungsreicher, gut durchdachter Thriller, der mit einer temporeichen Handlung und ausdrucksstarken Figuren punktet und dabei einen Sog entwickelt, dem man sich als Leser nicht entziehen kann.
    In den Fängen der Verräter

    Tuomas Oskari
    In den Fängen der Verräter (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    01.06.2026

    Spannend, aktuell, temporeich

    Der ehemalige finnische Ministerpräsident Leo Koski hat Finnland und der Politik den Rücken gekehrt und sich mit seiner kleinen Tochter Daniela in der US-amerikanischen Hauptstadt Washington in einem festungsgleichen Haus regelrecht eingeigelt. Nach den tragischen Ereignissen in Helsinki, die Leo persönlich tief getroffen haben, besteht sein Alltag heute vornehmlich darin, Daniela bestmöglich zu beschützen.

    Nur sehr zögerlich leistet er daher einer Einbestellung des Präsidenten Chester Tyler ins Weiße Haus Folge. Während Leo im Vorzimmer des Oval Office darauf wartet, zum Präsidenten vorgelassen zu werden, erhält er die Nachricht auf sein Handy, dass seine Tochter entführt wurde. Die Kidnapper verlangen von Leo, dass er das Vorhaben des Präsidenten, umgehend aus der NATO auszutreten, forciert, ansonsten stirbt Daniela.

    Leo, von dem die finnische Staatsführung und die gesamte EU erwarten, dass er den Präsidenten eines Besseren belehrt und den Austritt der USA aus der NATO unbedingt verhindert, steckt damit in einer grausamen Zwickmühle - um Daniela zu retten, muss er sein Vaterland verraten. Die sowieso schon fatale Situation läuft völlig aus dem Ruder, als Chester Tyler während des Treffens mit Leo vergiftet zusammenbricht…

    „In den Fängen der Verräter“ ist der dritte Teil der „Leo-Koski-Reihe“ - Tuomas Oskari wartet auch diesmal wieder mit einer raffiniert gestrickten Geschichte auf, die mein Kopfkino schon nach wenigen Seiten auf Hochtouren laufen lassen hat. Der Autor versteht es sehr gut, die vielfältigen Situationen greifbar darzustellen, so dass es mir ganz leicht gefallen ist, in die Handlung einzutauchen und mit den Akteuren mitzufiebern.

    Durch seine Arbeit als Journalist und Auslandskorrespondent kennt Tuomas Oskari sich in der Welt der Politik sehr gut aus und verfügt über jede Menge interessantes Hintergrundwissen, so dass er seine Thriller ganz nah an der Realität spielen lassen kann. Mit einem möglichen Austritt der USA aus der NATO stellt er ein genauso aktuelles wie brisantes Thema in den Mittelpunkt und lässt seine Leser miterleben, welche Auswirkungen ein US-Rückzug hinter den Kulissen und gleichzeitig für die Welt haben könnte.

    Die Handlung bietet alles, was einen Politthriller so richtig spannend macht: kriminelle Machenschaften lenken den politischen Alltag. Es werden Intrigen gesponnen und moralische Grenzen überschritten. Globale Verwicklungen sorgen dabei genauso für ein lebhaftes und abwechslungsreiches Geschehen wie das zwielichtige Gerangel von Sicherheitsbehörden und Geheimdiensten. Die zum Teil dramatischen Entwicklungen - Tuomas Oskari scheut sich nicht, seinen Protagonisten an den Rand der Belastbarkeit zu drängen - verleihen der ohnehin schon fesselnden Handlung dabei noch zusätzliche Spannung. Noch vor ein paar Jahren hätte ich ein Szenario, wie der Autor es hier schildert, als reine Fiktion wahrgenommen, mittlerweile kann ich mir allerdings gut vorstellen, dass die Dinge in Washington ähnlich ablaufen könnten.

    Besonders gut gefallen hat mir, dass Tuomas Oskari die politischen Aspekte und Wirren sehr anschaulich und auch für Laien verständlich erläutert, so dass man alles auch ohne einschlägige Kenntnisse bestens mitverfolgen kann.

    Vermisst habe ich dagegen die psychologische Tiefe und die emotionale Kraft, die mich im ersten Band der Reihe so begeistert haben. Die Ansichten der Charaktere, ihre inneren Konflikte und Widersprüche werden hier bei Weitem nicht so überzeugend dargestellt, wie in „Tage voller Zorn“.
    Solange ein Streichholz brennt

    Christian Huber
    Solange ein Streichholz brennt (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    22.04.2026

    Aufwühlend, unterhaltsam, bereichernd.

    Die Karriere der Kölner Fernsehjournalistin Alina Alev will einfach nicht in Schwung kommen. Alina ist überzeugt davon, bei einem kurzfristig anberaumten Meeting ihre Kündigung zu bekommen. Doch das Gegenteil ist der Fall, sie erhält unerwartet die Chance, an einem neuen Projekt mitzuarbeiten. Sie soll eine Reportage zum Thema Obdachlosigkeit erstellen. Dafür sucht sie jemanden, der auf der Straße lebt und den sie einige Zeit durch den Alltag begleiten kann. Eine Sozialarbeiterin empfiehlt ihr, den Mittdreißiger Bohm anzusprechen. Alina macht Bohm ausfindig, erklärt ihm ihr Vorhaben und bietet ihm für seine Mitwirkung tausend Euro an. Doch Bohm wimmelt sie ab. Als das Schicksal ihm kurz darauf einmal mehr ein Bein stellt, ändert er jedoch seine Meinung…

    In seinem Roman „Solange ein Streichholz brennt“ beleuchtet Christian Huber den Alltag zweier Menschen, deren Lebenswelten auf den ersten Blick total unterschiedlich sind, bei näherem Hinsehen allerdings frappierende Ähnlichkeiten aufweisen. Mit Alina und Bohm lässt der Autor zwei einsame Seelen aufeinandertreffen, die auf verschiedene Weise mit der Bitternis des Lebens konfrontiert werden.

    Christian Huber hat ein sehr gutes Händchen für Figurenzeichnung. Sowohl Alina wie auch Bohm kommen absolut echt und menschlich rüber. Sie handeln entsprechend ihren Eigenarten, treffen logische Entscheidungen und machen eine glaubwürdige Entwicklung durch. Die beiden kommen im stetigen Wechsel zu Wort, so dass man intensiv an ihren Gedanken und Emotionen teilhaben kann und dadurch nicht nur versteht, wie sie ticken, sondern auch ihre innere Zerrissenheit und ihre mentalen Kämpfe miterlebt.

    Es war für mich überaus faszinierend zu beobachten, wie die anfängliche Distanz zwischen Alina und Bohm schrumpft und das Band zwischen ihnen immer fester wird. Christian Huber schildert die Annäherung dieser augenscheinlich sehr unterschiedlichen Menschen mit ganz viel Gefühl - ein Knistern hier, ein Funken da, Zuneigung flammt auf, dann wieder auf beiden Seiten abwiegeln und leugnen. Doch als Leser spürt man lange bevor die Protagonisten es wahrhaben wollen, dass der Zug längst ins Rollen gekommen und nicht mehr zu stoppen ist.

    „Solange ein Streichholz brennt“ ist nicht nur eine mitreißende Liebesgeschichte, sondern hat auch eine gute Portion Gesellschaftskritik im Gepäck. Dass das Leben auf der Straße kein Zuckerschlecken ist und es in der Medienbranche knallhart und skrupellos zugeht, ist landläufig bekannt. Doch wie lebt es sich, wenn ein sowieso schon schwieriger Alltag durch mangelnde Wertschätzung noch unerträglicher wird? Christian Huber ermöglicht dem Leser einen intensiven Einblick in zwei Welten, in denen ein respektloses und erniedrigendes Verhalten oft üblicher Usus ist. Darüber hinaus zeigt er, wie schnell eine plötzliche Instabilität oder ein Schicksalsschlag ein Leben komplett aus der Bahn werfen kann. Sehr gut gefallen hat mir, dass der Autor ein gutes Gespür für die richtige Dosierung hat - die gesellschaftlichen Probleme werden mit dem nötigen Ernst dargestellt, überlagern bzw. erdrücken die Liebesgeschichte aber nicht.

    Begeistert hat mich, wie das Streichholz in Szene gesetzt wird. Es ist nicht nur titelgebend und auf dem Cover abgebildet, es spielt auch im Verlauf der Handlung eine wichtige Rolle. Die Symbolkraft ist toll. Im Leben ist es wie bei einem herunterbrennenden Streichholz - irgendwann ist da nur noch Schmerz, wenn man nicht loslässt; wenn man Vergangenes nicht hinter sich lässt.

    Das Ende der Geschichte habe ich als sehr gelungen empfunden - nicht rosarot, aber voller Hoffnung und mit der Möglichkeit, neue Wege zu gehen.

    „Solange ein Streichholz brennt“ ist einfach großartig. Ein Roman, der aufwühlend, unterhaltsam und bereichernd ist. Eine Geschichte, die mich begeistert hat, weil sie nicht nur mit Worten, sondern mit ganz viel Gefühl erzählt wird.
    Darkly

    Marisha Pessl
    Darkly (Buch)

    3 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    03.04.2026

    Ich bleibe zwiegespalten zurück

    Die 17-jährige Dia Gannon kann es nicht glauben - obwohl es über sechshunderttausend Bewerber gab, ist sie eine von sieben Jugendlichen, die von der Louisiana Veda Stiftung für ein Sommerpraktikum ausgewählt wurden. In London angekommen, wird allerdings schnell klar, dass es hier nicht um gewöhnliche Bürotätigkeiten und das Erfassen von Daten geht, denn Dia und ihre Mitstreiter werden statt in die Geschäftsräume der Stiftung auf eine abgelegene Insel gebracht - die Insel, auf der Louisiana Veda ihre begnadeten Darkly-Spiele entwickelt und hergestellt hat.

    Louisiana Veda war die Gründerin der Brettspielfirma „Darkly“ und eine brillante Erfinderin von perfekt ausgetüftelten Spielen. Eine absolute Legende. Auch zig Jahre nach ihrem Tod haben ihre genialen Brettspiele eine riesige Fangemeinde. Originale werden in Auktionshäusern für Millionen Dollar gehandelt.

    Vor knapp vierzig Jahren wurde der Prototyp des Darkly-Spiels „Walküre“ samt Anleitung gestohlen. „Walküre“ ist ein überaus gefährliches Spiel, das nie veröffentlicht werden sollte, daher hat Louisiana Veda in ihrem Testament verfügt, dass der Dieb aufgespürt und zur Rechenschaft gezogen werden muss und das Spiel unbedingt vernichtet werden soll.

    Obwohl die mit der Suche beauftragte Kanzlei über die Jahrzehnte hinweg alle Ecken der Welt durchkämmt hat, blieb das Spiel verschwunden - bis es vor einigen Monaten wieder aufgetaucht ist und im Verborgenen von Jugendlichen gespielt wird. Da „Walküre“ bereits ein erstes Opfer gefordert hat - der 15-jährige George Glenfell hat das Spiel gewonnen und ist seit dem spurlos verschwunden - begeben sich Dia und die anderen Praktikanten auf eine äußerst gefahrenvolle Mission, denn sie müssen das Spiel bis zum Ende spielen, um den Täter dingfest zu machen und die Wahrheit ans Licht zu bringen.

    Marisha Pessl hat mich mit diesem Thriller für junge Leser ab 12 Jahre von der ersten Seite an fest im Griff gehabt. Schon die Ausschreibung für das Sommerpraktikum mit der verstörenden Bewerbungsfrage („Wofür würden Sie töten?“) und der unbedingten Anforderung, ein Tückling sein zu müssen, hat mein Kopfkino auf Hochtouren rotieren lassen. Ich war sofort neugierig auf alles - die ominösen Darkly-Spiele, deren geniale Schöpferin, die dubios wirkende Stiftung, die Mitglieder in der Gruppe um Dia.

    Die Autorin versteht es ganz ausgezeichnet, diese anfängliche Spannung auf einem hohen Level zu halten, indem sie immer nur kleine Andeutungen macht und Hintergründe nur häppchenweise preisgibt. Geschickt befeuert sie die Sogwirkung der Geschichte mit diversen Überraschungen, immer neuen Wendungen, rätselhaften Hinweisen, abstrusen Theorien und einigen Ungereimtheiten, so dass ich mit hoher Geschwindigkeit durch das Buch gerauscht bin, immer begierig darauf zu erfahren, was als nächstes auf die Teenager zukommt und welche Wahrheit hinter allem steckt.

    Auch die gruselige Atmosphäre hat mich begeistert. Alles wirkt sehr düster. Die nebelverhangene Insel, die alte Fabrik und auch die verfallene Villa sorgen für einen schaurigen Touch. Man hat ständig das Gefühl, dass hinter den trüben Fenstern eine Bedrohung lauert. Auch Dias Umfeld ist schwer zu durchschauen. Immer wieder fragt man sich: Wer meint es ehrlich? Wer ist gefährlich?

    Nicht so gut gefallen hat mir die Charakterdarstellung. Ich hätte mir gewünscht, dass die unterschiedlichen Eigenschaften der Teenager deutlicher hervorgehoben werden und sie mehr entsprechend ihren Eigenarten agieren. Das Zusammenspiel wäre viel lebhafter geworden. Selbst Dia, die mich am Anfang mit ihrem altmodischen Typus so fasziniert hat, wird im Verlauf der Handlung immer blasser. Ja, Dia erfüllt ihre Aufgabe als Hauptfigur, sie ist gewieft und mutig, sie besteht die Abenteuer, es Spaß macht, ihr zu folgen und gemeinsam mit ihr die Rätsel zu lösen. Dennoch haben mir ihre außergewöhnliche Ausstrahlung und ihre charmante Selbstironie vom Beginn der Geschichte gefehlt.

    Als sehr gut gelungen habe ich die Aufmachung des Buches empfunden. Nicht nur das Cover verdient ein großes Lob, auch die Idee, die eigentliche Handlung durch informative Zeitungsausschnitte, Fotos und Briefe zu ergänzen, finde ich großartig.

    Alles in Allem bleibe ich etwas zwiegespalten zurück. Eine spannende Geschichte, die mit einer herrlich schaurigen Atmosphäre punkten kann, die aber durch nur halbgar ausgearbeitete Charaktere hinter meinen Erwartungen zurückgeblieben ist. Daher 3,5/5.
    Kill for Me

    Steve Cavanagh
    Kill for Me (Buch)

    2 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    27.03.2026

    Ein teuflischer Plan

    Bei „Kill for me“ von Steve Cavanagh handelt es sich um einen eigenständigen Thriller abseits der Reihe um Rechtsanwalt Eddie Flynn. Der Autor widmet sich hier dem Thema Selbstjustiz.

    Amanda und Wendy lernen sich in einer Selbsthilfegruppe für trauernde Angehörige kennen. Beide haben durch die Hand eines brutalen Mörders einen schmerzlichen Verlust erlitten und werden mit ihrer Situation nicht fertig. Die Frauen freunden sich an und stellen schnell fest, dass in ihnen beiden der Wunsch nach Rache schwelt. Sie schmieden einen teuflischen Plan, der Patricia Highsmiths Roman „Zwei Fremde im Zug“ zum Vorbild hat.

    Ich bin ein großer Fan der Eddie Flynn-Reihe und war entsprechend vorfreudig auf diesen Stand-alone. Schon nach wenigen Kapiteln hat meine Vorfreude allerdings einen ersten Dämpfer bekommen - die Geschichte nimmt nur sehr langsam Fahrt auf. Das liegt vor allen Dingen an den endlos erscheinenden Schilderungen von Emotionen und Befindlichkeiten. Das anhaltende Leid der Protagonisten und ihre tiefsitzende Trauer werden genauso wieder und wieder hervorgehoben, wie die Wut und Verzweiflung, dass Polizei und Justiz bei der Ergreifung und Verurteilung der Täter versagt haben. Klar, diese Darstellung soll die Erklärung liefern, warum unbescholtene Menschen zu Mördern werden, aber Cavanagh übertreibt es hier einfach.

    Der Spannungsbogen bleibt auch im Verlauf der Handlung eher flach, die meisten Wendungen sind vorhersehbar. Die Sogwirkung, die Cavanaghs bisherige Thriller auf mich ausgeübt haben, will sich nicht einstellen. Stattdessen habe ich beim Lesen immer wieder das Gefühl, dass die Geschichte durch unnötige Wiederholungen von zahlreichen Kleinigkeiten in die Länge gezogen wird. So verletzt sich Amanda zum Beispiel bei einer Aktion - damit ich ihr lädiertes Knie nicht vergesse, werde ich gefühlt bei jedem Schritt, den sie macht, darauf hingewiesen. Und auch dass Farrows schmerzender Rücken ihm sehr zu schaffen macht, erfahre ich bei fast jedem Auftritt des Detectivs. Zudem bieten viele Beschreibungen der Umgebung oft inhaltlich keinen Mehrwert und haben auf mich ebenfalls wie Füllmaterial gewirkt.

    Ich hatte etwas Besonderes erwartet, habe allerdings statt mitreißender Spannung und Cavanaghs fesselndem Ideenreichtum nur Mittelmaß bekommen und bin entsprechend ziemlich enttäuscht.
    Waldmann

    Thomas Ziebula
    Waldmann (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    28.01.2026

    Im Sumpf des Verbrechens

    Thomas Ziebula wartet in seinem Kriminalroman „Waldmann - Flucht in den Tod“ mit einem sehr aufwühlenden Thema auf. Es geht um das grausame Schicksal ukrainischer Flüchtlingsfrauen - junge Frauen, die vor dem Krieg geflohen sind, weil sie sich eine bessere und vor allen Dingen sichere Zukunft erhofften. Doch Naivität und Leichtsinn wurden Zlata, Kateryna und Sofia zum Verhängnis, auf die drei Frauen wartete nicht der ersehnte Neuanfang, sondern Verschleppung, unsägliche Gewalt und Zwangsprostitution.

    Die Bonner Mordkommission wird an einen Tatort in einem Luxusbordell gerufen. Ein prominenter Kommunalpolitiker wurde dort ermordet und verstümmelt aufgefunden. Ein Mordfall, der die Beamten in ungeahnte Abgründe führen wird, denn sie kommen einer global agierenden nigerianischen Mafiaorganisation auf die Spur.

    Mit den Ermittlungen wird Hauptkommissar Johannes Waldmann betraut. Waldmann, der seit einem Schicksalsschlag vor sieben Jahren mit psychischen Problemen zu kämpfen hat, droht das berufliche Aus. Die Aufklärung dieses Falls ist seine letzte Chance. Unterstützt wird er bei seinen Nachforschungen von der ambitionierten Journalistin Pia Luninger und der leidenschaftlich für die verschleppten Frauen kämpfenden Susanna Torn.

    Die Charaktere habe ich als besonders gut gelungen empfunden. Alle spielen die ihnen zugedachte Rolle ganz hervorragend. Die Hauptfiguren kommen im stetigen Wechsel zu Wort, so dass man intensiv an ihren Gedanken und Emotionen teilhaben kann und dadurch versteht, was sie antreibt und wie sie ticken. Ich kann nicht nur die Kraft, Energie und Leidenschaft spüren, mit der sie ihre Aufgaben bewältigen und sich den immer neuen Herausforderungen stellen, sondern erlebe auch immer wieder ihre innere Zerrissenheit und ihre mentalen Kämpfe mit.

    Dieser Krimi ist keine leichte Kost, denn Thomas Ziebula scheut sich nicht, das hinterhältige und erbarmungslose Vorgehen der Menschenhändler zu schildern und die vielfältigen Situationen sowie die daraus resultierenden Emotionen greifbar darzustellen. Es ist nicht nur die Handlung selbst, die mich immer wieder aufs Neue betroffen macht, auch die Gedanken daran, dass das, was ich hier lese, wahrscheinlich tagtäglich so oder so ähnlich in der Realität geschieht und die Behörden in den meisten Fällen nicht in der Lage sind, diese Form der modernen Sklaverei zu stoppen, erschüttern mich.

    „Waldmann - Flucht in den Tod“ hat mir sehr gut gefallen - ein Kriminalroman, der sich trotz des gewichtigen Themas leicht lesen lässt und schnell einen Sog entwickelt, dem man sich als Leser nicht entziehen kann.
    Sieben Jahre

    Tanja Kinkel
    Sieben Jahre (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    27.10.2025

    Friedrich II. von Preußen - Kriegsgeschehen und innerfamiliäre Konflikte

    In ihrem historischen Roman „Sieben Jahre“ entführt Tanja Kinkel den Leser in die 1750er Jahre nach Preußen. Im Mittelpunkt stehen König Friedrich II., sein Leben und Wirken während des Siebenjährigen Krieges und ganz besonders die wechselvolle Beziehung zu seinen Geschwistern während dieser Zeit.

    Tanja Kinkel beginnt ihren Roman mit einem Prolog, der mir nicht nur einen kleinen Überblick über die wichtigsten Protagonisten und ihre Eigenarten gibt, sondern mir auch Einblick in die familiäre Situation der königlichen Hoheiten verschafft und mir damit vor Augen führt, dass das Leben im Hause Hohenzollern kein Zuckerschlecken war.

    Die eigentliche Handlung beginnt dann im Januar 1756 und wird zum größten Teil aus der Perspektive von Friedrichs Bruder Heinrich und seiner Schwester Amalie erzählt. Heinrich, der Friedrich in vielem ähnelt und doch ganz anders ist. Und Amalie, die eigenwillig und scharfzüngig ihre eigenen Wege geht.

    Tanja Kinkel hält sich eng an die historischen Fakten und vermittelt mir ein äußerst umfassendes und detailreiches Bild von Zeit und Ort - ich werde nicht nur hineingezogen in das Gerangel der Mächtigen um die Vorherrschaft in Europa und erlebe Feldzüge, Belagerungen, Schlachten und das stetige Ausklügeln von Strategien und Taktiken mit, ich bin auch mittendrin in einer konfliktreichen Familiengeschichte, in der alle mit den Auswirkungen einer überaus strengen Erziehung zu kämpfen haben.

    Das Miteinander und Gegeneinander der charakterlich so unterschiedlichen Geschwister habe ich als besonders interessant empfunden. Die Autorin lässt mich hier intensiv an einen turbulenten Familienleben teilhaben - es wird geliebt und gehasst, gelogen, gestichelt, gedemütigt und verhöhnt, gestritten, provoziert und intrigiert. Ich erlebe geschwisterlichen Neid, Besitzgier und Eifersucht mit und erfahre darüber hinaus einiges über ihren Alltag, ihre Freundschaften und Feindschaften, ihre Zweckehen, ihre sexuellen Neigungen und ihre große Leidenschaft zur Musik.

    Eine Figur, die mich besonders beeindruckt und zudem gut unterhalten hat, ist der ehemalige Sklavenjunge Hannibal. Ein pfiffiges Stehaufmännchen. Als die sächsische Gräfin, der Hannibal zuletzt als Page gedient hat, wegen der einfallenden Preußen Dresden Hals über Kopf verlässt, bleibt er obdachlos zurück. Mutig bittet er ein paar Soldaten um Arbeit und hat das Glück, dass Heinrich Teil der Gruppe ist. So wird Hannibal zunächst Page bei Prinz Wilhelm und später auch bei Amalie. Durch Hannibals Augen bekomme ich gute Einblicke in das Umfeld der königlichen Familie. Der clevere Junge versteht es ganz ausgezeichnet, sich bei den jeweiligen Hoheiten einzuschmeicheln und sichert sich so Kost, immer einen geschützten Platz zum Schlafen und erhält sogar die Bildung, die er sich wünscht.

    Das Lesen dieses über 800 Seiten starken Buches war für mich über weite Strecken eine Herausforderung, gelegentlich sogar ein wenig anstrengend, weil der Roman mit einer überbordenden Fülle an Informationen und Emotionen aufwartet. Dennoch bleibe ich am Ende zufrieden zurück, weil die abwechslungsreiche Handlung mit all den kleinen und großen Dramen mein bisher eher bescheidenes Wissen über Friedrich II. von Preußen, seine Familie, seine Zeit und die damalige Politik auf anschauliche Weise erweitert hat.
    Jagd unter Palmen

    Thilo Scheurer
    Jagd unter Palmen (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    26.05.2025

    Mörderischer Millionencoup auf Gran Canaria

    Die 50-jährige Kriminalhauptkommissarin Sofia Bitter hat sich nach einer schweren Schussverletzung in den Vorruhestand versetzen lassen. Im ehemaligen Ferienhaus ihrer Großeltern auf Gran Canaria will sie sich erholen, doch schon bei ihrer Ankunft auf dem Flughafen stolpert sie unversehens in einen Kriminalfall - der Koffer eines Mitreisenden wird gestohlen. Endlich in ihrem Domizil angekommen, beschließt sie, für die dringend notwendige Renovierung des Häuschens alles Nötige im nahe gelegenen Baumarkt zu besorgen. Zwischen Kehrschaufeln, Spaten und Spitzhacken belauscht sie zufällig ein Streitgespräch, das bei ihr die Alarmglocken schrillen lässt: Soll hier etwa ein Mord vertuscht werden!? Sofia kann nicht anders - sie folgt den unbekannten Männern und steckt plötzlich mittendrin in den Ermittlungen rund um einen mörderischen Millionencoup…

    Inspector Jefe García hat nicht nur alle Hände voll zu tun, er ist auch mit einem übereifrigen Assistenten gestraft. Darauf, dass eine Kollegin vom LKA Stuttgart ständig seine Wege kreuzt und sich in seine Ermittlungen zu dem spektakulären Raubüberfall auf das Iberia-Depot einmischt, kann er eigentlich gut verzichten, doch er muss schließlich einsehen, dass er für die Aufklärung des Falls auf die Unterstützung von Sofia Bitter angewiesen ist…

    „Jagd unter Palmen“ ist der erste Fall für KHK Sofia Bitter und Chefinspektor García vom Comisaría Las Palmas Norte - den Leser erwartet hier ein fesselnder Krimi mit einer kurzweiligen Handlung, spannenden Ermittlungen, vielschichtigen Figuren und jeder Menge Lokalkolorit.

    Thilo Scheurer erzählt die Geschichte sehr schwungvoll und versteht es dabei ganz ausgezeichnet, Situationen und Emotionen sowohl mitreißend wie auch unterhaltsam darzustellen, so dass es mir nicht nur ganz leicht gefallen ist, in die Handlung einzutauchen, ich konnte auch prima mit den Akteuren mitfiebern und mitfühlen.

    Wie schon in seinen bisherigen Kriminalromanen zeigt der Autor auch diesmal, dass er ein überaus gutes Händchen dafür hat, seinen Figuren Leben einzuhauchen. Es hat mir großen Spaß gemacht, das Zusammenspiel der sehr unterschiedlichen Charaktere zu beobachten. Sofia und García haben während der Ermittlungen einige Hürden zu überwinden. Es gelingt ihnen allerdings nicht immer, die Aufgaben und Herausforderungen, mit denen Thilo Scheurer sie im Verlauf der Handlung konfrontiert, reibungslos zu meistern. Das dämpft ein ums andere Mal die Laune der Ermittler, hat aber bei mir durchweg für gute Unterhaltung gesorgt.

    Als sehr gut gelungen habe ich die Darstellung Gran Canarias und seiner Bewohner empfunden, weil sich die Beschreibungen und Schilderungen von Land und Leuten ohne aufgesetzt zu wirken in die laufende Handlung einfügen. Die Vielfalt und Besonderheiten der Insel werden hervorgehoben, so dass ich mir die Schauplätze alle sehr gut vorstellen konnte und von der kanarischen Atmosphäre schnell eingefangen wurde.

    „Jagd unter Palmen“ hat mir sehr gut gefallen - ein kurzweiliger Krimi, der mit lebhaften Charakteren und einer spannenden Handlung zu überzeugen weiß.
    Das Erbe der Karolinger

    Claudius Crönert
    Das Erbe der Karolinger (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    24.04.2025

    Ludwig der Fromme und seine Söhne

    In seinem historischen Roman „Das Erbe der Karolinger“ entführt Claudius Crönert den Leser in die Jahre 817-840 in das fränkische Reich. Im Mittelpunkt stehen Ludwig der Fromme, seine Ordinatio Imperii und die immer wieder eskalierenden Streitigkeiten und Machtkämpfe zwischen ihm und seinen Söhnen.

    Schon auf den ersten Seiten spüre ich, Ludwig hat es gerne beschaulich. Ihm steht der Sinn nach friedlichen Lösungen. Sein Sohn Lothar ist ganz anders eingestellt. Lothar wirkt oft launisch, ist fast krankhaft ehrgeizig und will jede Unruhe im Land und an den Grenzen mit kriegerischen Maßnahmen abwenden.

    In einem zweiten Handlungsstrang lerne ich Judith kennen, älteste Tochter von Welf I., einem alemannischen Grafen. Judith wird im Verlauf des Geschehens eine wichtige Rolle spielen. Sie wird von dem im Jahr 818 verwitweten Ludwig bei einer Brautschau als seine zweite Ehefrau ausgewählt. Die willensstarke Judith weiß ihren Status als neue Kaiserin zu nutzen und beeinflusst nicht nur die Entscheidungen innerhalb der Familie, sondern auch die Entwicklung des gesamten Reiches.

    Durch die Ordinatio Imperii sollte - entgegen der bisherigen Regelung, das Herrschaftsgebiet unter allen Söhnen gleichmäßig aufzuteilen - das Reich als Einheit bestehen bleiben und immer der älteste Sohn die Kaiserkrone erben. Entsprechend ernannte Ludwig seinen ältesten Sohn Lothar I. zum Mitkaiser und setzte seine jüngeren Söhne Pippin und Ludwig den Deutschen als Unterkönige in Aquitanien bzw. Bayern ein.

    Doch statt Einheit erreicht Ludwig das Gegenteil - alle driften immer weiter auseinander. Da die beiden Kaiser unterschiedliche Vorstellungen über die Art und Weise hatten, wie das Reich regiert werden soll, gerät die gut gedachte Neuregelung schnell ins Wanken und droht gänzlich zu scheitern, als Ludwig in zweiter Ehe Vater eines weiteren Sohnes wird, denn plötzlich gibt es mit Karl dem Kahlen einen weiteren Bruder mit Erbansprüchen.

    Claudius Crönert erzählt sehr anschaulich. Mit viel Liebe zum Detail zeichnet er ein umfassendes, facettenreiches und vor allen Dingen sehr glaubwürdiges Bild der damaligen Zeit und versteht es ausgezeichnet, die historischen Fakten durch abwechslungsreiche Schilderungen und schwungvolle Dialoge mit Leben zu füllen. Schon nach wenigen Seiten hat mich die Welt der Nachkommen Karls des Großen gefangen genommen und ich habe gespannt das Leben, Wirken und Streiten der karolingischen Herrscherfamilie verfolgt.

    Historische Gegebenheiten, Politik und Regierungsgeschäfte bilden die Grundlage für diesen Roman, das Hauptaugenmerk liegt aber auf dem turbulenten Miteinander und Gegeneinander von Vater und Söhnen. Ich begegne streitlustigen Charakteren, von denen jeder Einzelne nur daran interessiert ist, seine persönliche Macht auszuweiten und seinen eigenen Besitz zu vergrößern. Wechselnde Perspektiven lassen mich dabei einen Blick auf ihre unterschiedlichen Eigenarten und Beweggründe werfen. Ich lerne die Stärken und Schwächen der Akteure kennen und kann an ihren unterschiedlichen Emotionen teilhaben. Es regieren Neid und Missgunst. Intrigen werden gesponnen, Verschwörungen ausgeheckt, Zwietracht gesät, Rebellionen angezettelt. Ich befinde mich mittendrin in einem frühmittelalterlichen Familienstreit, der sich auf die Zukunft des gesamten fränkischen Reiches auswirken wird.

    Besonders gut gefallen hat mir, dass Claudius Crönert nicht nur die großen Herausforderungen der Zeit beleuchtet, sondern auch die vermeintlich kleinen Hindernisse hervorhebt. So erlebe ich zum Beispiel mit, wie schwierig Verhandlungen manchmal waren, weil es keine gemeinsame Sprache gab. Nachrichten brauchten oft mehrere Wochen, so dass der Inhalt der Botschaft bereits überholt sein konnte. Gefechte waren waghalsig, weil man nie genau wusste, wo das gegnerische Heer stand oder wie weit Verbündete vorgerückt waren.

    Im Verlauf der Handlung wird immer wieder deutlich, dass die Karolinger nicht nur hochrangige Adelige waren, sondern auch Menschen, die gute und eben auch schlechte Tage hatten. Die falsche Entscheidungen getroffen haben. Die zwischen Größenwahn und Selbstzweifeln schwankten. Die fröhliche Momente erlebten, aber auch dunkle Zeiten und emotionale Krisen bewältigen mussten. Denen Erschöpfung, Schmerz, Trauer, Hunger und Unwetter zusetzten. Die wilde Tiere fürchteten oder mit ihrem Aberglauben zu kämpfen hatten. Es ist die ausgefeilte Mischung aus aristokratischen, menschlichen und alltäglichen Aspekten, die die gesamte Szenerie in diesem Roman so herrlich lebendig und glaubwürdig machen.

    „Das Erbe der Karolinger“ hat mir sehr gut gefallen - eine mit vielen historischen Fakten verwobene Geschichte, die anschaulich und lebendig erzählt wird und dabei schnell einen Sog entwickelt, dem man sich als Leser nicht entziehen kann.
    Die Mündung

    Tim Pieper
    Die Mündung (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    07.04.2025

    Wenn das eigene Gedächtnis trügt

    Tim Pieper beginnt seinen Thriller „Die Mündung“ mit einem neugierig machenden Prolog: ein Mann in einem Segelboot kreuzt das Fahrwasser im Bereich der Elbmündung dicht vor dem Bug eines Containerschiffes - er versucht, mit dem waghalsigen Manöver seine Verfolger abzuhängen…

    Im Folgenden lerne ich Lena Funk kennen - die Kriminalhauptkommissarin hat sich eine Auszeit genommen, um zu verarbeiten, dass ihre Schwester Jette einem Serientäter zum Opfer gefallen ist. Lena verbringt deshalb einige Zeit als Umweltpraktikantin auf der Vogelinsel Scharhörn. Doch wiederkehrende Albträume und der Eindruck, dass die mit dem Fall betraute SoKo bei den Ermittlungen geschlampt hat, lassen sie nicht zur Ruhe kommen. Interessant wird es, als Lena nach einem Unwetter eine männliche Leiche in den Dünen entdeckt. Der offensichtlich ermordete Mann hat Schmuckstücke bei sich, die der sogenannte Gezeitenmörder von seinen Opfern als Trophäe behalten hat. Auch ein Anhänger von Jette ist dabei…

    Nach diesem Fund will Lena wieder mitermitteln und macht sich auf die Suche nach Antworten - und ich bin zunächst einmal irritiert, denn Lena verhält sich ganz und gar nicht wie eine erfahrene Kripo-Beamtin. Die Erklärung, warum ihre Ermittlungen so untypisch und nachlässig wirken, lässt nicht lange auf sich warten und hat es in sich…

    In diesem Thriller ist vieles nicht so, wie es auf den ersten Blick erscheint. In einem dem Prolog vorangestellten Zitat von der US-amerikanischen Psychologin Elizabeth Loftus heißt es: „Unser Gedächtnis arbeitet konstruktiv. Es arbeitet rekonstruktiv. Das Gedächtnis funktioniert ein bisschen wie Wikipedia: Sie können es aufrufen und es verändern, aber andere können das auch.“ Diese Worte lassen bereits erahnen, dass Tim Pieper sich für seine Protagonistin und damit auch für den Leser ein paar besondere Herausforderungen ausgedacht hat - so muss Lena sich im Verlauf der Handlung die Frage stellen, wie sie den Fall lösen soll, wenn sie ihren eigenen Erinnerungen nicht trauen kann. Und ich frage mich ständig, was hier tatsächliches Geschehen ist und welche Ereignisse aufgrund von Manipulation Hirngespinste sind und nur scheinbar geschehen.

    Tim Pieper wartet mit einer raffiniert gestrickten Geschichte auf, die voller falscher Fährten und dramatischer Wendungen ist. Die Spannung ist dabei von Anfang an auf einem hohen Level und wird durch unerwartete Ereignisse, temporeiches Geschehen und das stückweise Aufdecken von Hintergründen immer wieder aufs Neue befeuert.

    Und auch die unterschiedlichen Zeitebenen tragen dazu bei, dass die Handlung einen enormen Sog entwickelt. Während ich in Rückblenden erfahre, was vor Jettes Verschwinden passiert ist und zudem die familiären Angelegenheiten der Schwestern kennenlerne, kann ich in dem gegenwärtigen Part prima mit den Akteuren mitfiebern und rausche so mit großer Geschwindigkeit durch das Buch, immer begierig darauf zu erfahren, wer hier seine kriminellen Finger im Spiel hat.

    Als sehr gelungen habe ich auch die Beschreibungen der Schauplätze empfunden - die rauen Bedingungen an der Küste, der Wechsel von grauen Nebelschleiern und stürmischen Winden, das Spiel der Gezeiten und auch die Einsamkeit des Wattenmeers sorgen für eine düstere Atmosphäre und geben der Thrillerhandlung den passenden Rahmen.

    „Die Mündung“ hat mir sehr gut gefallen - ein Thriller, der mit einem abwechslungsreichen Geschehen punkten kann und mir ein paar spannende Lesestunden beschert hat.
    Ein ungezähmtes Tier

    Joël Dicker
    Ein ungezähmtes Tier (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    01.04.2025

    Trügerische Idylle

    Joël Dicker beginnt seinen Roman „Ein ungezähmtes Tier“ mit einem sehr kurzen, dafür aber spannenden Prolog - es ist der 02. Juli 2022, wir befinden uns in Genf und erleben den Beginn eines minutiös geplanten Raubüberfalls auf einen Juwelier mit.

    Die eigentliche Handlung beginnt 20 Tage vor diesem Überfall. In einem Genfer Villenviertel leben Sophie und Arpad Braun - sie Anwältin, er Banker - mit ihren beiden Kindern. Das Familienleben scheint perfekt zu sein. Eine heile Welt wie aus dem Bilderbuch.

    Unweit der Brauns wohnen Karine und Greg Liégan mit ihren Kindern in einer preiswerten Reihenhaussiedlung. Karine arbeitet in einer Boutique, Greg ist bei der Polizei. Im Alltag der Liégans scheint nichts wirklich rund zu laufen und doch wirkt ihr Leben auf dem ersten Blick viel realer als das von Sophie und Arpad.

    Arpad und Greg lernen sich im Fußballverein ihrer Söhne kennen. Die Männer sind sich auf Anhieb sympathisch, es folgt eine Einladung zu Arpads Geburtstagsfeier, die Ehepaare freunden sich an. Alles scheint ganz normal zu sein. Alltäglich. Aber das ist es bei weitem nicht…

    Schnell zeigt sich, dass das luxuriöse Leben der Brauns nur Fassade ist und dahinter dunkle Geheimnisse und tiefe Abgründe schlummern. Und im Hause Liégan sorgen Unzufriedenheit und Neid für eine giftige Stimmung, die Karine immer frustrierter werden lässt und Greg zu einem Voyeur macht.

    Joël Dicker ist ein Virtuose, wenn es darum geht, eine Geschichte fesselnd und unterhaltend zu erzählen. Ich liebe es einfach, wie der Autor seine Geschichten aufbaut. Er jongliert mit mehreren Handlungssträngen und springt in der Zeit vor und zurück, lässt mich aber trotz der zahlreichen Perspektiv-, Schauplatz- und Zeitwechsel nie den Faden verlieren. Er spielt mit meinen Erwartungen. Lässt mich Vermutungen anstellen, die er dann mit überraschenden Wendungen wieder zunichte macht. Joël Dicker liebt es, den Leser in seinen Geschichten an der Nase herumzuführen. Und ich genieße es jedes mal wieder.

    Während der Tag des Raubüberfalls unaufhörlich näher rückt, teile ich nicht nur die Alltagsprobleme mit den Akteuren, ich erlebe auch eine Welt voller Lügen, Neid, Intrigen und Begierde. Nach und nach kommen Heimlichkeiten an Licht, Hintergründe werden aufgedeckt und am Ende bin ich wieder einmal begeistert, wie nachvollziehbar alles aufgelöst wird.

    Joël Dicker hat in diesem Roman einmal mehr bewiesen, dass er ein gutes Gespür dafür hat, wie er die Spannung dosieren muss, damit die Sogwirkung der Handlung durchgehend auf einem hohen Niveau bleibt.

    „Ein ungezähmtes Tier“ hat mir sehr gut gefallen - eine fesselnde, raffiniert gestrickte Geschichte, die zahlreiche Überraschungen in petto hat und so für spannende Lesestunden sorgt.


    Vor hundert Sommern

    Katharina Fuchs
    Vor hundert Sommern (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    01.04.2025

    Schatten der Vergangenheit

    Die 94-jährige Elisabeth Liebig ist vor kurzem in ein Hamburger Seniorenheim gezogen, um in der Nähe ihrer Familie zu sein. Die Folgen eines Schlaganfalls haben es unmöglich gemacht, dass sie weiterhin allein in ihrer Wohnung in Berlin-Charlottenburg lebt. Die Wohnung soll verkauft werden, daher macht sich Elisabeths Tochter Anja daran, den Haushalt aufzulösen. Unterstützt wird Anja dabei von ihrer 19-jährigen Tochter Lena. Beim Ausräumen der Wohnung finden die beiden Frauen Fotos, Briefe und Gegenstände, die sie nicht nur neugierig auf ihre Familiengeschichte machen, sondern die gleichzeitig auch Fragen aufwerfen und ein dunkles Geheimnis vermuten lassen.

    Ein zweiter Handlungsstrang spielt im Berlin der 1920er und 30er Jahre. Clara Brand wächst in einfachen Verhältnissen in Berlin-Neukölln auf. Bereits in jungen Jahren arbeitet sie in der Spülküche der Kindl-Brauerei, um etwas zum Familieneinkommen beizutragen. Die monotone, körperlich anstrengende Arbeit verlangt Clara und ihren Kolleginnen einiges ab. Hinzu kommt ein Vorarbeiter, der alle ständig drangsaliert und schikaniert. Als Clara sich bei einem Vorfall zur Wehr setzt, wird sie fristlos entlassen. Der Verlust ihres Arbeitsplatzes erweist sich als Glück im Unglück - Clara bekommt eine Anstellung als Hundebetreuerin angeboten. Ein Job, mit dem sie den Grundstein für ihre berufliche Zukunft legt.

    Katharina Fuchs hat einen tollen Schreibstil, der mich immer wieder begeistert. Es braucht nur wenige Seiten und schon bin ich mittendrin in der Welt der Protagonisten und verfolge gespannt, was ihnen auf ihren Wegen widerfährt.

    Katharina Fuchs verbindet das ereignisreiche Leben ihrer 1904 in Berlin geborenen Großtante Clara mit einer genauso fesselnden wie unterhaltsamen fiktiven Geschichte, die bis in das Jahr 2024 reicht und in Berlin und Hamburg spielt. Die Autorin lässt mich dabei nicht nur an den Höhen und Tiefen teilhaben, die die Zeit der Weimarer Republik mit sich brachte, sie macht auch deutlich, dass sich die Herausforderungen, mit denen wir heutzutage konfrontiert werden, gar nicht so sehr von den damaligen Problemen unterscheiden.

    In „Vor hundert Sommern“ kann ich mitverfolgen, wie es Clara in der Zwischenkriegszeit ergangen ist, wie aus der Flaschenspülerin die Besitzerin eines Hundesalons wurde. Ich begleite Anja durch ihren herausfordernden Alltag, bis es ihr gelingt, ein Gleichgewicht zwischen familiären Verpflichtungen und eigenen Bedürfnissen zu finden. Ich beobachte Lena, die sich auf der Suche nach ihrem Platz im Leben befindet und noch ein wenig orientierungslos umherdriftet. Und ich lausche Elisabeths Erzählungen, die wie eine Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit auf mich wirken.

    Besonders in dem zeitgenössischen Part wartet Katharina Fuchs mit einer wahren Flut an Themen auf - gefühlt alles, was uns aktuell in unserem Alltag beschäftigt und bewegt, scheint Einzug in die Geschichte gehalten zu haben. Mir hat diese Vielfalt sehr gut gefallen, weil sie das Leben von Anja und ihrer Familie authentisch macht und die Hektik unserer Zeit widerspiegelt. Ich hätte mir diese Fülle auch für den historischen Teil gewünscht; hier gerät manches für meinen Geschmack ein wenig zu knapp.

    Katharina Fuchs hat ein sehr gutes Händchen für stimmige Atmosphäre. Sie trifft den Zeitgeist auf beiden Zeitebenen ganz hervorragend - trotz aller Parallelen, die im Verlauf der Handlung deutlich werden, spürt man beim Lesen durchweg, dass sich die Mentalität und die Eigenarten der Menschen von heute und von vor einhundert Jahren eben doch in einigen Dingen unterscheiden.

    Eine Sache hat mich bereits während des Lesens und auch danach noch besonders beschäftigt: Schulden unsere Vorfahren uns die Wahrheit über die Dinge, die sie erlebt haben? Haben wir wirklich ein Recht darauf zu erfahren, was vorherige Generationen durchgemacht haben? Lena bedrängt ihre Oma geradezu, ihre Erinnerungen preiszugeben. Elisabeth kommt dem schließlich nach und erzählt von Dingen, die sie ihr Leben lang verschwiegen hat. Dabei merkt man deutlich, wie sehr sie das Erzählen belastet. Alte Wunden werden aufgerissen, Schuldgefühle ans Licht gezerrt. Ich habe es in dem Moment als falsch empfunden, dass Elisabeth die zum Teil sehr schmerzhaften Erfahrungen und Emotionen gedanklich noch einmal durchleben musste. Vielleicht ist der Zeitpunkt, sich ein traumatisches Erlebnis von der Seele zu reden, irgendwann einfach überschritten und dunkle Geheimnisse sollten das bleiben, was sie sind - geheim.

    „Vor hundert Sommern“ hat mir sehr gut gefallen - ein anschaulich und lebendig erzählter Familienroman, der mir ein paar kurzweilige Lesestunden beschert hat und mich ein wenig nachdenklich zurücklässt.
    Der Gott des Waldes

    Liz Moore
    Der Gott des Waldes (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    09.03.2025

    Gefährliche Wälder

    In ihrem Roman „Der Gott des Waldes“ nimmt Liz Moore den Leser mit in die im US-Bundesstaat New York liegenden Adirondack Mountains. Hier befinden sich das Naturreservat der Bankiersfamilie Van Laar sowie das daran angrenzende Ferienlager Camp Emerson. Das Ferienlager gehört zwar zum Eigentum der Van Laars, wird aber schon viele Jahre von Vic Hewitt und seiner Tochter T.J. verwaltet.

    Die Handlung spielt im Jahr 1975. Es ist das Jahr, in dem die 13-jährige Barbara Van Laar zum ersten Mal die Sommermonate im Camp verbringen darf. Das freut nicht nur Barbara selbst, sondern ganz besonders ihre Mutter - die seit dem spurlosen Verschwinden ihres Sohnes Bear vor 14 Jahren psychisch labile Alice ist überaus froh, dass sie ihre zu Wutanfällen neigende Tochter für einige Wochen los ist.

    Noch bevor der Sommer zu Ende ist, geschieht das Undenkbare: eines Morgens ist Barbara verschwunden. Es gibt keinerlei Hinweise auf ihren Verbleib. Niemand will etwas gesehen oder gehört haben. Eine groß angelegte Suchaktion verläuft ohne Ergebnis.

    Liz Moore versteht es ausgesprochen gut, den Leser mit ihrer Erzählweise zu fesseln. Trotz der besorgniserregenden Ereignisse - schließlich ist eine Teenagerin aus reichem Hause in den undurchdringlichen Wäldern verschwunden und ein entflohener Straftäter soll sich in der Gegend aufhalten - lässt die Autorin die Handlung geradezu ruhig verlaufen. Keine actionreiche Höchstspannung. Keine atemlose Verfolgungsjagd. Kaum brenzlige Situationen während der Ermittlungen. Es ist gerade diese Ruhe, die mich in den Bann gezogen hat. Von der ersten Seite an schwebt über allem eine ständige, deutlich spürbare unterschwellige Spannung, die einen enormen Sog auf mich ausgeübt hat.

    „Der Gott des Waldes“ besticht vor allen Dingen durch ein abwechslungsreiches Geschehen und einen vielschichtigen Handlungsaufbau - mehrere, ständig wechselnde Zeitebenen sorgen dabei für eine genauso lebhafte wie mitreißende Szenerie. Die aktuelle Handlung wird von zahlreichen Rückblenden in die 1950er und 60er Jahre unterbrochen - so erfährt man häppchenweise, was in den einzelnen Zeitabschnitten passiert ist und kann die Unstimmigkeiten und Widersprüche rund um Bears Verschwinden und die Fehler, die bei den damaligen Ermittlungen gemacht wurden, hautnah miterleben.

    Liz Moore hat ein feines Gespür für die Figurengestaltung. Sie schickt eine ganze Reihe interessanter Charaktere ins Rennen, die im stetigen Wechsel zu Wort kommen, so dass man intensiv an den Gedanken, Emotionen und Geheimnissen jedes Einzelnen teilhaben kann und dadurch versteht, was sie bewegt und wie sie ticken. Man kann die positiven wie negativen Schwingungen zwischen den Akteuren deutlich spüren. Beziehungen und Abhängigkeiten sowie Andeutungen über Verwicklungen und tatsächliche Konflikte befeuern immer wieder meine Neugierde auf die Hintergründe zu den Vermisstenfällen. Die Autorin lässt mich glauben, dass so gut wie jeder für das Verschwinden von Barbara verantwortlich sein könnte. Geschickt lenkt sie meinen Blick von einem zum nächsten und ich verfolge aufmerksam, was jeder Einzelne zu berichten hat, immer auf der Suche nach dem kleinen Hinweis, der mich der Lösung des Falls und damit Barbaras und auch Bears Schicksal näher bringt.

    Der Roman hat jede Menge Gesellschaftskritik im Gepäck. Neben der damals wie heute stark auseinanderklaffenden Schere zwischen Arm und Reich beleuchtet Liz Moore vor allen Dingen das Frauenbild in den 1950er bis 1970er Jahren - obwohl die Lebensläufe der Frauen in diesem Roman, ihre Altersstufen und ihr sozialer Stand ganz unterschiedlich sind, verbindet sie doch eine Sache: sie werden von den Männern in ihrem Umfeld als unterlegen angesehen. Sie werden unterdrückt, herumkommandiert, in ihrer beruflichen Entwicklung ausgebremst oder sogar zum Schweigen gebracht. Obwohl es sich durchaus um starke Frauenfiguren handelt, die den Herausforderungen des Lebens mutig begegnen, kämpfen sie meist vergeblich um einen gleichberechtigten Platz in der Gesellschaft.

    Die sehr gelungenen Beschreibungen der imposanten Natur, die Schilderung der Gefahren, die die raue Wildnis birgt und auch die Einblicke in die Historie der Adirondacks unterstreichen die Handlung dieses Familiendramas ganz hervorragend und runden den Roman damit perfekt ab.

    „Der Gott des Waldes“ ist sowohl mitreißende Familiengeschichte wie auch fesselndes Gesellschaftsporträt - ein Roman, der mir mit seiner abwechslungsreichen Handlung nicht nur spannende Lesestunden beschert hat, sondern mich auch einen Blick auf die Abgründe menschlicher Moral hat werfen lassen.
    Die Schwestern von Krakau

    Bettina Storks
    Die Schwestern von Krakau (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    05.02.2025

    Fesselnde Reise ins historische Krakau

    Bettina Storks beginnt ihren von wahren Begebenheiten inspirierten Roman „Die Schwestern von Krakau“ mit einem fesselnden Prolog, der im April 1943 im Montelupich-Gefängnis in Krakau spielt. Ich lerne die inhaftierte Widerstandskämpferin Gusta Dawidson Draenger kennen und erfahre, was gerade in ihr vorgeht. Ihre Gedanken reißen mich mit - ich möchte mehr wissen über den jüdischen Widerstand in Krakau. Möchte erfahren, was die jüdische Gemeinschaft und die polnische Bevölkerung während der Besetzung Krakaus durch die Nationalsozialisten durchmachen mussten. Schon nach diesen ersten Seiten weiß ich, dass mich eine Geschichte erwartet, die unter die Haut geht.

    Im Folgenden geht es nach Paris in das Jahr 2017. Hier begegne ich Édith Mercier. Die 52-jährige Architektin entdeckt im Nachlass ihres Vaters Simon Dokumente und Fotos, die ihre bisherige Welt ins Wanken bringen. Simon war adoptiert!? Édith will sich über ihre Wurzeln Klarheit verschaffen. Sie macht anhand der Notizen ihres Vaters Familienangehörige in Fellbach bei Stuttgart ausfindig und trifft sich daraufhin mit ihrer Großcousine Tatjana. Die beiden Frauen stellen schnell fest, dass es viele Ungereimtheiten in ihren Familienangelegenheiten gibt und beschließen, auf Spurensuche zu gehen…

    Die Handlung des historischen Parts beginnt im Frühjahr 1941. Lilo Wagner und ihre Schwester Helene wachsen als sogenannte Volksdeutsche in Krakau auf. Während die rebellische Helene bereits 1936 ihrem konservativen Elternhaus den Rücken gekehrt und in Paris ihr Glück gesucht hat, ist die pflichtbewusste Lilo in der Stadt an der Weichsel geblieben und macht eine Ausbildung zur Apothekerin. Die Adlerapotheke, in der Lilo beschäftigt ist, liegt in dem vor kurzem errichteten Krakauer Ghetto im Stadtteil Podgórze. Obwohl der Alltag in der Stadt durch die Machenschaften der Nationalsozialisten mehr und mehr in Schieflage gerät und es Lilos Eltern ein Dorn im Auge ist, dass ihre Tochter im Ghetto arbeitet, hat die 27-Jährige sich bewusst entschieden, dort ihre Ausbildung zu beenden. Weil sie ihre Arbeit liebt. Und ein bisschen auch, weil sie für ihren Vorgesetzten Tadeusz Pankiewicz schwärmt. Zu diesem Zeitpunkt ahnt Lilo noch nicht, wie sehr ihre Entscheidung ihren gesamten Lebensweg prägen wird…

    Bettina Storks erzählt die Geschichte rund um die fiktive Krakauer Arztfamilie Wagner und ihre Nachkommen sehr anschaulich - die Charakterisierung der Figuren, die bildhaften Beschreibungen der Schauplätze (besonders Krakau hat mich fasziniert) und die intensiven Schilderungen des abwechslungsreichen Geschehens sowohl in dem historischen wie in dem zeitgenössischen Part machen diesen Roman zu einem genauso ergreifenden wie spannenden Leseerlebnis.

    In dieser mehrere Generationen umspannenden Familiengeschichte geht es um das Schweigen der Kriegsgeneration über die erlebten Schrecken. Es geht darum, wie sich Ereignisse und Entscheidungen aus früheren Zeiten auf das aktuelle Geschehen auswirken können und welchen Einfluss das Verdrängen von Wahrheiten auf die Lebenswege von Angehörigen und Nachkommen haben kann. Es war äußerst spannend zu beobachten, was Tatjana und Édith alles aufdecken. Gewichtige Tatsachen, sorgsam in den hintersten Winkeln der Gedächtnisse vergraben, kommen ans Licht und bewirken auch über ein dreiviertel Jahrhundert nach den eigentlichen Ereignissen bei den Protagonisten emotionale Achterbahnfahrten.

    Neben der Geschichte der Familie Wagner geht es in diesem Roman auch um den jüdischen Widerstand in Krakau. Hier hat Bettina Storks sich eng an das tatsächliche Geschehen in den 1940er Jahren gehalten und mit Gusta Dawidson Draenger und dem Apotheker Tadeusz Pankiewicz zwei überaus wichtige Mitglieder des Widerstands in den Mittelpunkt gestellt. Die Autorin schildert die Lebensumstände im Ghetto und die zutiefst bewegenden und manchmal erschütternden Ereignisse sehr mitreißend. Sie lässt die Widerstandsbewegung vor meinen Augen lebendig werden, so dass ich am Schicksal der Menschen teilhaben kann. Ich kann die ständige Bedrohung deutlich spüren und erlebe dabei mit, wie trotz aller Widrigkeiten absolute Einigkeit in der Gruppe um Gusta und Tadeusz herrschte und wie groß ihre Entschlossenheit war, für die Nachwelt etwas zu bewegen.

    Besonders begeistert hat mich dabei immer wieder das stimmige Bild, das Bettina Storks zeichnet. Romanhandlung und reale Ereignisse werden zu einer Einheit. Alles passt zusammen und wirkt durchweg authentisch und lebensnah. Auch das Zusammenspiel zwischen fiktiven Figuren und historischen Persönlichkeiten ist ausgeklügelt und funktioniert reibungslos.

    „Die Schwestern von Krakau“ hat mir sehr gut gefallen - eine tiefgründige Familiengeschichte, die voller tragischer Momente ist und mich auch nach dem Lesen noch lange beschäftigt hat.
    Die Lungenschwimmprobe

    Tore Renberg
    Die Lungenschwimmprobe (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    07.11.2024

    Zeitreise ins barocke Leipzig

    In seinem historischen Roman „Die Lungenschwimmprobe“ nimmt Tore Renberg den Leser mit in die 1680er Jahre nach Leipzig und erzählt von der Verteidigung der 15-jährigen Anna Voigt, die beschuldigt wurde, ihr Kind nach der Geburt ermordet zu haben.

    Dieser Roman ist anders, als ich erwartet hatte. Im Klappentext heißt es „Erzählt nach wahren Begebenheiten“ - eine Anmerkung, die mich immer anlockt. Meist wird dann ein historisches Ereignis mit reichlich stimmiger Fiktion verknüpft. Ich mag solche Geschichten sehr. Renberg hat mir ein etwas anderes Leseerlebnis beschert: hier steht die Historie dominant im Vordergrund, Fiktion scheint nur schmückendes Beiwerk. Ein Lückenfüller. Renbergs Schreibstil wirkt dadurch sehr sachlich. Wer hier eine emotionale und zu Herzen gehende Geschichte rund um Anna und ihr Schicksal erwartet hat, wird von diesem Roman enttäuscht sein. In der „Lungenschwimmprobe“ geht es um das Rechtssystem im ausgehenden 17. Jahrhundert und um den Beginn der modernen Gerichtsmedizin. Renberg hat mehrere Jahre intensiv recherchiert und aus den unzähligen Fakten über die damaligen Ereignisse und Persönlichkeiten ein sehr umfassendes und vor allen Dingen äußerst glaubwürdiges Bild von Zeit und Ort gezeichnet.

    Bei einer Lungenschwimmprobe handelt es sich um ein rechtsmedizinisches Verfahren, mit dem überprüft wurde, ob ein verstorbenes Neugeborenes womöglich nach der Geburt getötet wurde. Im Rahmen einer Obduktion wird ein Teil der Lunge in Wasser gelegt und beobachtet, ob diese sinkt oder schwimmt. Schwimmt die Lunge, so enthält sie bereits Luft in den Lungenbläschen und das Kind hat geatmet. Eine nicht belüftete Lunge von tot geborenen Kindern sinkt dagegen ab.

    Im Jahr 1681 führte der belesene Stadtphysikus Johannes Schreyer als erster Mediziner überhaupt diese Probe durch und erbrachte damit den Nachweis, dass Annas Kind tot zur Welt gekommen war. Doch die Stadtoberen hielten Anna weiterhin für schuldig und ein langjähriger Prozess nahm seinen Anfang.

    Im Mittelpunkt des Geschehens steht nicht - wie ich eigentlich vermutet hatte - die junge Anna, sondern der damals 26-jährige aufstrebende Jurist Christian Thomasius. Dieser hatte sich auf Bitte von Annas Vater bereiterklärt, die Verteidigung der Familie Voigt zu übernehmen. Im Verlauf der Handlung wird schnell klar, dass es dem Anwalt nicht nur darum ging, Annas Unschuld zu beweisen und sie vor der Todesstrafe zu bewahren. Thomasius, der heute als Wegbereiter der Frühaufklärung in Deutschland gilt, wollte die in den 1680er Jahren noch vorherrschenden mittelalterlichen Strukturen aufbrechen, für frischen Wind in Leipzig sorgen und Reformen durchsetzen. Besonders die miserable Verfassung des Gerichtswesens war ihm ein Dorn im Auge. Obwohl er großen Mächten gegenüberstand, scheute er sich nicht, die gesellschaftlichen Institutionen aufzurütteln und wissenschaftliche Neuerungen voranzutreiben, doch die Welt um Thomasius schien zu träge für sein Tempo und wehrte sich gegen Veränderungen und Umbrüche.

    Renberg erzählt die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven. Dabei erfahre ich gefühlt einfach alles über jede einzelne der handelnden Personen. Eine wahre Flut an Details. Auch viele Anmerkungen und Erläuterungen, die mit der eigentlichen Handlung und dem Gerichtprozess wenig bis gar nichts zu tun haben. Aber es sind gerade diese Nebensächlichkeiten und zusätzlichen Einblicke in die Historie, die mir die Möglichkeit gegeben haben, mich tief in die barocke Welt einzufühlen. Die damalige Stimmung zu spüren. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass Renberg jede Kleinigkeit recherchiert hat, damit jede einzelne Szene historisch korrekt dargestellt wird.

    Obwohl das Buch anders war, als ich es erwartet hatte, bleibe ich nach dem Lesen fasziniert zurück. Es war für mich äußerst spannend, das Miteinander und Gegeneinander an der Schwelle zu einer neuen Zeit zu beobachten und habe es als sehr gut gelungen empfunden, wie Renberg das Gerangel zwischen denen, die am Althergebrachten festhalten und denen, die Neuerungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen die Tür öffnen wollten, dargestellt hat.

    Es gibt eine Kleinigkeit, die mir nicht gefallen hat - statt eines gewohnten Anhanges am Ende des Buches, wird hier ein Link zum Download bereitgestellt. Ein kurzer Blick auf eine Karte oder mal eben eine Info zu den historischen Persönlichkeiten nachschlagen ist damit nicht möglich. Kein Beinbruch, dennoch hat es mich gestört.
    Frisch ermittelt: Der Fall Hartnagel

    Christiane Franke
    Frisch ermittelt: Der Fall Hartnagel (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    29.10.2024

    Mord im Erholungsheim

    Leer, 1958. Ein fröhliches Versteckspiel im Garten des Kindererholungsheimes in der Evenburg endet für den kleinen Holger schlagartig, als er hinter einen Gebüsch die zusammengekrümmte Leiche des Leiters des Heimes entdeckt. Schnell steht fest, dass Dr. Hartnagel an einer Zyankalivergiftung gestorben ist. Was auf den ersten Blick wie ein Suizid aussieht, erweist sich allerdings schon bald als ausgeklügelter Mord.

    Als die ersten Hinweise durchblicken lassen, dass Doktor Hartnagel nicht der ehrenwerte Mann gewesen ist, für den ihn alle gehalten haben, will Kommissar Onnen den Fall möglichst schnell zu den Akten legen, um das Ansehen des Arztes zu wahren. Im Gegensatz zu seinem Chef sieht Polizeiwachtmeister Hans Frisch einige Ungereimtheiten. Er will gute Ermittlungsarbeit leisten, wird aber von Onnen ausgebremst. Unterstützt wird Hans dagegen von seiner Großtante Martha und deren Enkelin Annemieke. Durch aufmerksames Zuhören und genaues Hinschauen können die beiden Hobbyermittlerinnen wertvolle Tipps zur Lösung des Falls beisteuern.

    „Frisch ermittelt: Der Fall Hartnagel“ ist bereits der dritte Band rund um die Heißmangel-Betreiberin Martha Frisch - der Krimi ist aber auch ohne Kenntnis der vorherigen Bände bestens verständlich.

    Christiane Franke und Cornelia Kuhnert haben ein ausgesprochen gutes Händchen dafür, die 1950er Jahre vor den Augen des Lesers lebendig werden zu lassen und verstehen es ganz ausgezeichnet, ihr Personal authentisch und lebensnah zu präsentieren. Es hat mir auch in diesem Band wieder ausnehmend gut gefallen, wie das Leben, der Alltag und ganz besonders die Polizeiarbeit in einer Kleinstadt zur damaligen Zeit dargestellt werden. Man fühlt sich mitgenommen in eine Welt, in der von der NS-Ideologie geprägte Strukturen noch nicht verdrängt wurden, freiheitliches Denken aber schon auf dem Vormarsch ist.

    Der verzwickte Kriminalfall mit den spannenden Ermittlungen steht natürlich im Mittelpunkt des Krimis. Falsche Fährten, mehrere Verdächtige, brisante Hintergründe und weitere Morde halten nicht nur die Handlung lebendig, sondern haben mich auch prima über das Motiv und die Identität des Täters miträtseln und mitgrübeln lassen.

    Darüber hinaus warten die Autorinnen mit einem dunklen Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte auf: es geht um das sehr ergreifende Thema Kinderverschickung. Unzählige Kinder wurden besonders in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg zum Aufpäppeln in Kindererholungsheime verschickt. Diese Heime waren allerdings vielfach nicht das, was sie vorgaben zu sein, sondern Orte des Schreckens. Die Kinder wurden systematisch gedemütigt, misshandelt, oft sogar missbraucht und erlebten statt Erholung und Genesung häufig einfach nur pures Leid.

    „Frisch ermittelt: Der Fall Hartnagel“ hat mir sehr gut gefallen - ein aufwühlender Krimi, der mit authentischen Figuren und einer spannenden Handlung punkten kann.
    Gras drüber

    Kathrin Heinrichs
    Gras drüber (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    01.10.2024

    Kurzweilige Kurzkrimis

    „Gras drüber“ beinhaltet 15 ganz unterschiedliche Kurzkrimis. Die Geschichten sind sowohl im idyllischen Sauerland wie auch in anderen eher ländlichen Regionen angesiedelt, also fernab von irgendwelchen Kriminalitäts-Hotspots. Den Leser erwarten daher auch keine actionreichen Verfolgungsjagden, sondern ganz normale Alltagssituationen und Leute wie du und ich, deren Leben - mal geplant, mal spontan, mal ganz unbeabsichtigt - in eine mörderische Richtung abdriftet.

    Es geht in diesen Krimis nicht darum zu ermitteln, wer ein Verbrechen begangen hat. Es ist sogar meist schnell auszumachen, wer der Täter und wer das Opfer ist. Für Spannung und Unterhaltung sorgen hier das Drumherum und vor allen Dingen die Fragen, warum jemand einen Mitmenschen aus dem Weg räumen will und wie er es anstellt, unerkannt und damit am Ende straffrei aus der Sache herauszukommen.

    Kathrin Heinrichs hat ein gutes Händchen dafür, alltägliche Verstrickungen amüsant darzustellen und versteht es ganz ausgezeichnet, mich schnell mit den jeweiligen Gegebenheiten vertraut zu machen. Ich bin ruckzuck mittendrin im Geschehen und verfolge aus Tätersicht gespannt die verbrecherischen Ereignisse. Die Geschichten sind allesamt kurzweilig, meist humorvoll, manchmal bewegend und ab und an sogar skurril ausgeprägt.

    „Gras drüber“ hat mir sehr gut gefallen. Ich habe die abwechslungsreichen Kurzkrimis, deren Figuren und Handlungen wie aus dem Leben gegriffen wirken, mit viel Vergnügen gelesen.
    Die Löwin von Jerusalem

    Ruben Laurin
    Die Löwin von Jerusalem (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    04.08.2024

    Eine dramatische Liebesgeschichte

    In seinem Roman „Die Löwin von Jerusalem“ nimmt Ruben Laurin den Leser mit in die Zeit um 1000 v. Chr. nach Israel und erweckt Figuren aus dem 1. und 2. Buch Samuel des Alten Testaments zu neuem Leben. Der Autor hält sich eng an die ursprüngliche Erzählung, schildert den Lebensweg Davids vom Hirtenjungen zum König allerdings aus der Perspektive von Bathseba.

    Bathseba ist 16 Jahre jung, als sie sich in den Hirtenjungen David verliebt. David, den sie mutig vor einer gefräßigen Löwin beschützt. David, der so wundervoll Harfe spielt und Lieder dichtet. David, der anmaßend und unverschämt ist, ein Großmaul. David, der den Riesen Goliath besiegt. David, der König von Israel wird. David, der Bathseba begehrt, während ihr gewalttätiger Ehemann Uriah sich auf einem Feldzug befindet. David, der zum Sünder wird...

    Da Bathseba in der Bibel eine sehr kleine Rolle innehat und es entsprechend nur wenige Fakten über die junge Frau gibt, hat Ruben Laurin für sie eine fiktive Biografie angelegt, die sich überzeugend in das historische Umfeld einfügt. Der Autor zeichnet nicht nur ein sehr stimmiges Bild von Zeit und Ort, er scheut sich auch nicht, die alttestamentarischen Grausamkeiten wiederzugeben. Er schildert die Lebensumstände und die zutiefst bewegenden und manchmal erschütternden Ereignisse sehr mitreißend. Er lässt Bathseba vor meinen Augen lebendig werden, so dass ich an ihrem Schicksal teilhaben kann. Ich erlebe mit, wie trotz aller Widrigkeiten aus einem selbstbewussten Mädchen eine starke Frau wird. Bathseba, die auf Geheiß ihres Vaters einen Mann heiraten muss, der als Frauenschläger bekannt ist. Bathseba, die tapfer das ihr auferlegte Schicksal erträgt und geduldig auf eine Gelegenheit wartet, um der jahrelangen Ehehölle zu entkommen. Bathseba, die für ihren Mädchentraum kämpft und bereit ist, für Selbstbestimmung und für eine nicht mehr für möglich gehaltene Freiheit alles aufs Spiel zusetzen.

    Ruben Laurin erzählt diese tragische Liebesgeschichte auf unterschiedlichen Zeitebenen. Im lockeren Wechsel begegnet man mal den jugendlichen Protagonisten, dann wieder geht es um die späteren Jahre, als David bereits König ist. Darüber hinaus kommt ein auktorialer Erzähler zu Wort, der den Leser direkt anspricht und die Erlebnisse der Akteure schildert. Ich habe diesen Mix aus unterschiedlichen Zeiten und Perspektiven als sehr gelungen empfunden, weil die Handlung dadurch bis zum Schluss lebhaft und abwechslungsreich bleibt.

    „Die Löwin von Jerusalem“ hat mir sehr gut gefallen - eine dramatische, sehr bewegende Geschichte. Ein Roman für alle, die den Werdegang einer der faszinierendsten Figuren der Bibel einmal aus einer anderen Perspektive entdecken möchten.
    Die nackte Kuh

    Jürgen Ehlers
    Die nackte Kuh (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    14.06.2024

    Unterhaltsame Beispiele aus der KI-Bilderzeugung

    Künstliche Intelligenzen wirken sich immer stärker auf unser Leben aus und sind aus unserem Alltag kaum noch wegzudenken. Ein Anwendungsgebiet dieser Technologie ist die Erzeugung von Bildern. Hierfür gibt es mittlerweile eine Vielfalt an KI-Werkzeugen. Doch welche Möglichkeiten bieten Bildgeneratoren wie ChatGPT und Bing Image Creator und wie verlässlich sind eigentlich die Informationen, die sie liefern?

    Jürgen Ehlers ist diesen Fragen nachgegangen. Obwohl er, wie er in seinem Vorwort verrät, nichts von KI versteht, wollte er einfach mal spielerisch herausfinden, was möglich ist und was nicht. In „Die nackte Kuh“ stellt er die Ergebnisse vor und erzählt von seinen Erkenntnissen.

    Schon das Cover und der Untertitel „Beispiele künstlicher Intelligenz und Dummheit“ lassen erahnen, dass die mit den genannten Programmen erzeugten Bilder zwar schön anzusehen sind, man den Abbildungen aber auch mit einem gut geschärften kritischen Blick begegnen sollte.

    ChatGPT und Bing Image Creator brauchen nur eine Texteingabe, die das gewünschte Bild möglichst präzise beschreibt und ruckzuck wird eine passende Abbildung erstellt. Es gibt allerdings ein paar Einschränkungen. Bilder, die die Programme für unsicher oder schädlich halten, werden nicht erstellt. So können zum Beispiel reale Persönlichkeiten nicht abgebildet und gewalttätige Handlungen nicht dargestellt werden. Dafür legt die KI großen Wert auf positives Denken, bleibt sogar bei verheerenden Naturkatastrophen recht gelassen und stellt entsprechende Situationen verharmlost dar. Außerdem mögen die Programme keine Nacktheit - deshalb sind die Kühe auf dem Cover auch alle schicklich bekleidet. Gleiches gilt für Adam und Eva - der Algorithmus hat sie in Tücher gehüllt. Die biblischen Stammeltern aller Menschen Klavier spielen zu lassen, ist dagegen problemlos möglich. Hmmm…

    Ich habe mich bisher nur wenig mit künstlichen Intelligenzen und deren Möglichkeiten beschäftigt. Abgesehen davon, dass ich mich über die Bilder in diesem kleinen Buch köstlich amüsiert habe, ist mir beim Lesen einmal mehr bewusst geworden, wie leicht es ist, mit Hilfe von KI fehlerhafte Informationen oder gefälschte Nachrichten zu verbreiten und die Realität zu verzerren.

    „Die nackte Kuh“ hat mir sehr gut gefallen - ein reich bebildertes Büchlein, das gute Unterhaltung bietet und gleichzeitig deutlich macht, dass man mit offenen Augen durch die Welt gehen sollte und nicht ohne nachzudenken alles abnickt, was einem vorgesetzt wird.
    Das Baumhaus

    Vera Buck
    Das Baumhaus (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    29.05.2024

    Thriller mit Sogwirkung

    Ein Ferienhaus an einem See inmitten der urwüchsigen Wälder Schwedens - das klingt nach traumhafter Atmosphäre, nach purer Erholung, nach einem Paradies zum Spielen, nach einem unbeschwertem Familienurlaub à la Bullerbü. Mit diesen Bildern im Kopf machen sich Henrik und Nora mit ihrem fünfjährigen Sohn Fynn von Greifswald aus auf den Weg nach Västernorrland. Doch schon bei ihrer Ankunft bekommt die freudige Erwartung einen Dämpfer - nicht nur, dass sich die Hütte, die Henriks Großvater gehörte, als recht verwahrlost erweist, auch geht etwas Dunkles und Bedrohliches von dem idyllischen Fleckchen aus.

    In einem weiteren Handlungsstrang lernt man Rosa Lundqvist kennen. Rosa war schon als Kind eine Einzelgängerin und daran hat sich bis heute nichts geändert. Sie durchstreift gern allein die Wälder und beschäftigt sich mit toten Tieren. Sie studiert die Auswirkungen von Verwesungsprozessen auf die Pflanzenwelt und hat mittlerweile in forensischer Botanik promoviert. Als sie unter einer Esche eine neue Grube aushebt, legt Rosa statt des erwarteten Tierkadavers das Skelett eines Kindes frei…

    Bereits im Prolog begegnet man Marla. Marla wurde vor Jahren als fünfjähriges Mädchen entführt und unter menschenunwürdigen Verhältnissen in einem Baumhaus festgehalten.

    „Das Baumhaus“ hat mich schon nach wenigen Seiten fest im Griff gehabt. Vera Buck versteht es ganz ausgezeichnet, die vielfältigen Situationen und Emotionen greifbar darzustellen, so dass es mir ganz leicht gefallen ist, in die Handlung einzutauchen und mit den Akteuren mitzufiebern und mitzufühlen.

    Die Spannung ist von Anfang an auf einem hohen Level und wird durch unerwartete Ereignisse, unheimliche Begegnungen und das stückweise Aufdecken von Hintergründen immer wieder aufs Neue befeuert. Auch, dass schon im Klappentext verraten wird, dass Fynn spurlos verschwindet, ist in Sachen Spannung ein gelungener Schachzug. Immer, wenn Fynn in eine bedenkliche Situation gerät, fiebert man ganz besonders mit und lauert regelrecht darauf, dass das Unvermeidliche geschieht. Unglaublich aufwühlend sind zudem die Kapitel, in denen Marla ihr Martyrium schildert. Je mehr ich darüber erfahren habe, was das Mädchen erdulden musste, desto größer wurde mein Wunsch, dass die Polizei den Schuldigen am Ende dingfest macht.

    Ganz besonders spannend war es für mich, das Verhalten von Nora und Henrik zu beobachten, als Fynn plötzlich wie von Erdboden verschluckt ist und mit jedem weiteren Tag die Hoffnung schwindet, den Jungen lebend zu finden. Vera Buck katapultiert ihre Protagonisten nicht nur in diese furchtbare Ausnahmesituation, sie konfrontiert die beiden gleichzeitig mit Fehlern, die sie in ihrer Vergangenheit gemacht haben. Längst verschollene Erinnerungen werden an die Oberfläche gespült. Schuldgefühle aufgrund von Fehlverhalten keimen auf. Die Ehe, die sowieso schon nicht so harmonisch ist, wie sie auf den ersten Blick erschien, rutscht immer weiter in Schieflage. Beide wissen nicht, wie sie mit den albtraumhaften Ereignissen umgehen sollen und werden an ihre physischen und psychischen Grenzen gedrängt.

    Gefesselt hat mich auch Rosas Job als forensische Botanikerin (ich wusste gar nicht, dass es diesen Beruf gibt). Spannend, was in diesem Bereich alles möglich ist. Mit ihrem Wissen ist Rosa in der Lage, Veränderungen an Pflanzen zu deuten und der Polizei so bei der Suche nach Mordopfern in unwegsamen Waldgebieten zu helfen.

    Als sehr gelungen habe ich auch die Beschreibungen der Schauplätze empfunden - der schmuddelige Zustand der Ferienhütte, die einsame Umgebung mit dem undurchdringlichen Wald und auch die Überreste des alten Baumhauses sorgen für eine gruselige Atmosphäre und geben der Thrillerhandlung den passenden düsteren Rahmen.

    Als es im letzten Drittel des Buches immer offensichtlicher wird, wie alles zusammenhängt, gab es für mich kein Halten mehr - ich musste einfach lesen, lesen, lesen, um herauszufinden, wie sich alles auflöst und wer hinter allem steckt.

    „Das Baumhaus“ hat mir sehr gut gefallen - ein abwechslungsreicher Thriller, der mit interessanten Figuren und einer fesselnden Handlung punkten kann.
    Evas Rache

    Thomas Ziebula
    Evas Rache (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    25.04.2024

    Inspektor Stainers 4. Fall

    Thomas Ziebula wartet auch im 4. Fall für Kriminalinspektor Paul Stainer mit einer großen Portion Zeit- und Lokalkolorit auf - den Leser erwartet nicht nur spannende Krimiunterhaltung, sondern auch eine fesselnde Zeitreise in das Jahr 1922 nach Leipzig.

    Paul Stainer und seine Kollegen aus der Wächterburg haben wieder einmal alle Hände voll zu tun - ein Lustmörder treibt sein Unwesen in der Stadt, bereits drei junge Frauen sind der „Bestie von Leipzig“ zum Opfer gefallen. Stainer macht es schwer zu schaffen, dass die Ermittlungen ins Stocken geraten sind. Er trinkt zu viel, seine Depression droht zurückzukehren. Dann plötzlich eine neue Spur! Endlich geht es voran…

    Die Münchnerin Eva-Maria Dorn will sich an ihrem betrügerischen Ehemann Armin rächen und folgt ihm nach Leipzig, wo er seine neue Erfindung auf der Technischen Messe vorstellen will. Eva hat einen sorgfältig ausgeklügelten Racheplan im Kopf, doch die Dinge sollen ganz anders verlaufen, als sich vorgestellt hat…

    Der ereignisreiche Kriminalfall mit den spannenden Ermittlungen in Leipzigs Straßen hat mich schnell gefangen genommen, und auch das stimmige historische Bild, das Thomas Ziebula in diesem - leider letzten - Band der Reihe zeichnet, hat mich rundum begeistert. Es ist dem Autor wieder einmal ganz ausgezeichnet gelungen, den Zeitgeist der 1920er Jahre einzufangen und den Alltag seiner Figuren authentisch darzustellen. Die Eigenarten und Denkweisen der Menschen in den frühen Jahren der Zwischenkriegszeit fließen genauso wie die politische und wirtschaftliche Lage, die gesellschaftlichen Gepflogenheiten, Mode und Kultur in die Handlung ein. Während man die Akteure auf ihren Wegen begleitet, fühlt man sich mittendrin im damaligen Leipzig. Dabei ist es nicht nur spannend, Stainer & Co. bei den Ermittlungen über die Schultern zu schauen, auch die Höhen und Tiefen, die Eva im Verlauf der Handlung erlebt bzw. durchmachen muss, werden mitreißend dargestellt, so dass man durchweg mit ihr mitfiebert.

    „Evas Rache“ hat mir sehr gut gefallen - ein historischer Kriminalroman, der mit interessanten Charakteren, stimmigem Zeitkolorit und einer anschaulich und lebendig erzählten Handlung zu überzeugen weiß.
    Das Flüstern des Lebens

    Katharina Fuchs
    Das Flüstern des Lebens (Buch)

    3 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    23.04.2024

    Unausgegorene Familiengeschichte

    Die 68-jährige Münchner Unternehmerin Corinna Waldeck ist auf ihrer Farm in Tansania ums Leben gekommen. Ihre in München lebende Zwillingsschwester Doris und deren Tochter Isabelle sind immer noch zutiefst geschockt, als eine überraschende Neuigkeit die beiden Frauen sprachlos macht: Corinna hatte eine Tochter! Die 14-jährige Hannah ist bereits auf dem Weg nach München und braucht eine Bleibe. Die Familienähnlichkeit des selbstbewussten Mädchens ist unverkennbar, dennoch wirft ihre Existenz natürlich einige Fragen auf, allen voran, warum Corinna niemandem von ihrer Tochter erzählt hat.

    Die Testamentseröffnung sorgt für weitere Überraschungen. Hannah erbt den Großteil des Vermögens ihrer Mutter, allerdings unter der Voraussetzung, dass sie bis zu ihrem 21. Geburtstag in Deutschland bleibt. Die Bogenhausener Villa geht an Doris und die Farm mit der Kaffeeplantage in Tansania bekommt Isabelle. Corinnas Neffe Moritz wird mit einem vergleichsweise winzigen Betrag abgespeist. Er fühlt sich betrogen, reagiert entsprechend aufbrausend und zweifelt daran, dass das Testament rechtmäßig ist.

    Für Isabelle kommt das Erbe völlig unerwartet. Sie reist kurze Zeit später nach Tansania und muss schon in den ersten Tagen ihres Aufenthalts erkennen, dass der Glanz, der die erfolgreiche Corinna stets umgeben hat, zahlreiche matte Stellen aufweist. Während Isabelle versucht, die Kaffeeplantage wieder in Schwung zu bringen, ahnt sie nicht, dass die baldige Ankunft des Piloten Frank Barnes ihr bisheriges Leben gänzlich umkrempeln wird…

    Katharina Fuchs hat mich bisher mit ihren Romanen immer begeistert. Entsprechend vorfreudig war ich auf „Das Flüstern des Lebens“ - und bleibe nach dem Lesen des Buches recht zwiegespalten zurück.

    Die Autorin hat einen tollen Schreibstil, es braucht immer nur wenige Seiten, bis mir die Akteure vertraut sind und die Handlung mich gefangen nimmt. Das war auch diesmal so - ich war schnell mittendrin im Geschehen und konnte den Ereignissen, die aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt werden, problemlos folgen.

    Anders als der Klappentext es vermuten lässt, spielt das erste Drittel der Geschichte ausschließlich in München. Man lernt die einzelnen Familienmitglieder und ihre Eigenarten ausgiebig kennen, es geht viel um das unerwartete Auftauchen der 14-jährigen Hannah und natürlich um die Regelungen rund um Corinnas Nachlass. Insgesamt ein etwas in die Länge gezogener Part, den ich dennoch als ganz unterhaltsam empfunden habe.

    Endlich in Tansania angekommen, leuchten die atemberaubenden Farben der afrikanischen Wildnis vor meinen Augen auf. Mit den Schilderungen von Land und Leuten kann Katharina Fuchs ganz besonders punkten. Ich bin begeistert von den lebendigen Beschreibungen der vielfältigen Natur und der Tierwelt. Spannend sind auch die Ausführungen zum Kaffeeanbau und die ganzen Probleme, die damit einhergehen. Die im Klappentext angepriesene Liebesgeschichte lässt allerdings auf sich warten. Doch als Frank Barnes dann endlich auf der Sandpiste der Plantage landet, geht alles holterdiepolter - er erscheint auf der Farm und ist nach wenigen Stunden Isabelles große Liebe. Eine Entwicklung der Beziehung, die mich erkennen lässt, woher diese tiefen Gefühle kommen, gibt es nicht. Ab hier wurde die gesamte Handlung für mich immer unglaubwürdiger, besonders Isabelle agiert nicht wie die gewissenhafte Mittvierzigerin, die ich zu Beginn des Buches kennengelernt habe. Während Isabelle ihr Leben und ihre Verpflichtungen in Deutschland anscheinend fast vergessen hat, darf ich weiter an den dortigen Ereignissen teilhaben - immer wieder schwenkt die Handlung nach München und ich erfahre, wie es Doris, Hannah und Moritz ergeht.

    Katharina Fuchs wartet in diesem Roman mit einer Flut unterschiedlicher Themen auf, die zwar im Einzelnen alle interessant und wichtig sind, aber leider aufgrund der Vielzahl oft nur oberflächlich angerissen werden, so dass das tatsächliche Geschehen nicht bereichert wird, sondern durch die Fülle überfrachtet wirkt. Hinzu kommen Nebenhandlungen, die die Haupthandlung nicht stützen, sondern gefühlt eher verdrängen. Das Zuviel insgesamt hat ein Zuwenig bei der eigentlichen Handlung zur Folge: am Ende bleiben doch einige Fragen offen.

    Ich habe die lebendigen Schilderungen über Tansania und die Kaffeeplantage genossen und fand die Erläuterungen zum Kaffeeanbau interessant, aber die Entwicklung der Handlung und die der Figuren besonders in der zweiten Hälfte des Buches haben mich nicht überzeugt. Dort, wo ich das Besondere erwartet habe, habe ich nur Durchschnitt bekommen und bin entsprechend ein wenig enttäuscht. 2,5/5
    1 bis 25 von 283 Rezensionen
    1
    2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12
    Vertrag widerrufen
    Newsletter abonnieren
    FAQ- und Hilfethemen
    • Über jpc

    • Das Unternehmen
    • Unser Blog
    • Großhandel und Partnerprogramm
    MasterCard VISA Amex Diners Club PayPal
    DHL
    • AGB
    • Versandkosten
    • Datenschutzhinweise
    • Barrierefreiheitserklärung
    • Impressum
    • Kontakt
    • Hinweise zur Batterierücknahme
    * Alle Preise inkl. MwSt., ggf. zzgl. Versandkosten
    ** Alle durchgestrichenen Preise (z. B. EUR 12,99) beziehen sich auf die bislang in diesem Shop angegebenen Preise oder – wenn angegeben – auf einen limitierten Sonderpreis.
    © jpc-Schallplatten-Versandhandelsgesellschaft mbH
    • jpc.de – Leidenschaft für Musik
    • Startseite
    • Feed
    • Pop/Rock
    • Jazz
    • Klassik
    • Vinyl
    • Filme
    • Bücher
    • Noten
    • %SALE%
    • Weitere Bereiche
      • Themenshops
      • Vom Künstler signiert
      • Zeitschriften
      • Zubehör und Technik
      • Geschenkgutscheine
    • Hilfe
    • Anmelden
    • Konto anlegen
    • Datenschutzhinweise
    • Impressum
    • Kontakt