Geht unter die Haut
In den frühen Morgenstunden des 18. Januar treffen sich zwei Männer im Kiosk einer Minigolfanlage in Berlin-Heiligensee. Der eine wird zum Täter, der andere zum Mordopfer. Oder geschieht hier gar kein Mord?
Einige Tage später. Es herrscht Aufregung im Kanzleramt, denn Bundeskanzler Henrik Westphal ist spurlos verschwunden. Wurde der Kanzler entführt? Ist er womöglich tot? Oder ist er abgetaucht, weil er einem handfesten Skandal aus dem Weg gehen will? Denn in den sozialen Medien kursieren Videos, in denen eine junge Frau, die sich Kessy X nennt, sehr glaubwürdig sein übergriffiges Verhalten anprangert.
Die bereits aufgeheizte Stimmung bekommt noch mehr Zündstoff, als in einem U-Bahntunnel unter dem Alexanderplatz eine entstellte Leiche gefunden wird, denn die Tote hat das gleiche auffällige Tattoo, dass in den Videos auf Kessy’s Unterarm zu sehen ist.
„Im Morgengrauen“ ist der vierte Band rund um die BKA-Ermittler Art Mayer und Nele Tschaikowski. Ich empfehle, die Bücher der Serie in der richtigen Reihenfolge zu lesen, da die Ereignisse über die einzelnen Bände hinweg alle zusammenhängen. Das Wissen über die Hintergründe, Beziehungen und persönlichen Entwicklungen der Protagonisten erhöht den Lesegenuss dieser spannenden Fortsetzung ganz enorm.
Der Schreibstil von Marc Raabe begeistert mich immer wieder aufs Neue. Er hat ein ausgesprochen gutes Händchen für vielschichtig konstruierte Thriller und versteht es ganz ausgezeichnet, die spannenden Ermittlungen und die privaten Angelegenheiten seiner Figuren authentisch und mitreißend darzustellen.
Die Kapitel sind kurz, die Perspektive wechselt ständig - auch hier trifft Marc Raabe genau meinen Geschmack. Besonders der stetige Blickwinkelwechsel gefällt mir, da ich so von den Gedanken, Ansichten und Beweggründen aller Akteure Kenntnis habe und prima mitverfolgen kann, wie jeder Einzelne auf unerwartete Ereignisse reagiert oder Konflikte meistert. Ich kann nicht nur die Kraft, Energie und Leidenschaft spüren, mit der sie ihre Aufgaben bewältigen und sich den immer neuen Herausforderungen stellen, sondern erlebe auch immer wieder ihre innere Zerrissenheit und ihre mentalen Kämpfe mit.
Sehr gut gefallen hat mir, dass die aktuelle Handlung mit der nervenaufreibenden Spurensuche des Öfteren von Rückblenden unterbrochen wird, die in den Wochen vor dem Verschwinden des Kanzlers spielen und Kessys bewegende Geschichte zum Inhalt haben.
Auch die vielen Wendungen sind überzeugend - immer wieder meint man zu wissen, in welche Richtung die Dinge sich entwickeln und dann kommt es doch wieder ganz anders, als man denkt. Außerdem gibt es zahlreiche Nebenhandlungen und nicht eine davon ist überflüssig. Im Gegenteil, sie ergänzen die Haupthandlung perfekt und machen den Thriller lebendiger, komplexer und realistischer.
Am Ende fügt sich alles zu einem großen Ganzen. Ich bekomme über die vier Bände hinweg ein stimmiges Gesamtbild und bleibe zufrieden zurück.
„Im Morgengrauen“ hat mich rundum begeistert - ein abwechslungsreicher, gut durchdachter Thriller, der mit einer temporeichen Handlung und ausdrucksstarken Figuren punktet und dabei einen Sog entwickelt, dem man sich als Leser nicht entziehen kann.