Ich bleibe zwiegespalten zurück
Die 17-jährige Dia Gannon kann es nicht glauben - obwohl es über sechshunderttausend Bewerber gab, ist sie eine von sieben Jugendlichen, die von der Louisiana Veda Stiftung für ein Sommerpraktikum ausgewählt wurden. In London angekommen, wird allerdings schnell klar, dass es hier nicht um gewöhnliche Bürotätigkeiten und das Erfassen von Daten geht, denn Dia und ihre Mitstreiter werden statt in die Geschäftsräume der Stiftung auf eine abgelegene Insel gebracht - die Insel, auf der Louisiana Veda ihre begnadeten Darkly-Spiele entwickelt und hergestellt hat.
Louisiana Veda war die Gründerin der Brettspielfirma „Darkly“ und eine brillante Erfinderin von perfekt ausgetüftelten Spielen. Eine absolute Legende. Auch zig Jahre nach ihrem Tod haben ihre genialen Brettspiele eine riesige Fangemeinde. Originale werden in Auktionshäusern für Millionen Dollar gehandelt.
Vor knapp vierzig Jahren wurde der Prototyp des Darkly-Spiels „Walküre“ samt Anleitung gestohlen. „Walküre“ ist ein überaus gefährliches Spiel, das nie veröffentlicht werden sollte, daher hat Louisiana Veda in ihrem Testament verfügt, dass der Dieb aufgespürt und zur Rechenschaft gezogen werden muss und das Spiel unbedingt vernichtet werden soll.
Obwohl die mit der Suche beauftragte Kanzlei über die Jahrzehnte hinweg alle Ecken der Welt durchkämmt hat, blieb das Spiel verschwunden - bis es vor einigen Monaten wieder aufgetaucht ist und im Verborgenen von Jugendlichen gespielt wird. Da „Walküre“ bereits ein erstes Opfer gefordert hat - der 15-jährige George Glenfell hat das Spiel gewonnen und ist seit dem spurlos verschwunden - begeben sich Dia und die anderen Praktikanten auf eine äußerst gefahrenvolle Mission, denn sie müssen das Spiel bis zum Ende spielen, um den Täter dingfest zu machen und die Wahrheit ans Licht zu bringen.
Marisha Pessl hat mich mit diesem Thriller für junge Leser ab 12 Jahre von der ersten Seite an fest im Griff gehabt. Schon die Ausschreibung für das Sommerpraktikum mit der verstörenden Bewerbungsfrage („Wofür würden Sie töten?“) und der unbedingten Anforderung, ein Tückling sein zu müssen, hat mein Kopfkino auf Hochtouren rotieren lassen. Ich war sofort neugierig auf alles - die ominösen Darkly-Spiele, deren geniale Schöpferin, die dubios wirkende Stiftung, die Mitglieder in der Gruppe um Dia.
Die Autorin versteht es ganz ausgezeichnet, diese anfängliche Spannung auf einem hohen Level zu halten, indem sie immer nur kleine Andeutungen macht und Hintergründe nur häppchenweise preisgibt. Geschickt befeuert sie die Sogwirkung der Geschichte mit diversen Überraschungen, immer neuen Wendungen, rätselhaften Hinweisen, abstrusen Theorien und einigen Ungereimtheiten, so dass ich mit hoher Geschwindigkeit durch das Buch gerauscht bin, immer begierig darauf zu erfahren, was als nächstes auf die Teenager zukommt und welche Wahrheit hinter allem steckt.
Auch die gruselige Atmosphäre hat mich begeistert. Alles wirkt sehr düster. Die nebelverhangene Insel, die alte Fabrik und auch die verfallene Villa sorgen für einen schaurigen Touch. Man hat ständig das Gefühl, dass hinter den trüben Fenstern eine Bedrohung lauert. Auch Dias Umfeld ist schwer zu durchschauen. Immer wieder fragt man sich: Wer meint es ehrlich? Wer ist gefährlich?
Nicht so gut gefallen hat mir die Charakterdarstellung. Ich hätte mir gewünscht, dass die unterschiedlichen Eigenschaften der Teenager deutlicher hervorgehoben werden und sie mehr entsprechend ihren Eigenarten agieren. Das Zusammenspiel wäre viel lebhafter geworden. Selbst Dia, die mich am Anfang mit ihrem altmodischen Typus so fasziniert hat, wird im Verlauf der Handlung immer blasser. Ja, Dia erfüllt ihre Aufgabe als Hauptfigur, sie ist gewieft und mutig, sie besteht die Abenteuer, es Spaß macht, ihr zu folgen und gemeinsam mit ihr die Rätsel zu lösen. Dennoch haben mir ihre außergewöhnliche Ausstrahlung und ihre charmante Selbstironie vom Beginn der Geschichte gefehlt.
Als sehr gut gelungen habe ich die Aufmachung des Buches empfunden. Nicht nur das Cover verdient ein großes Lob, auch die Idee, die eigentliche Handlung durch informative Zeitungsausschnitte, Fotos und Briefe zu ergänzen, finde ich großartig.
Alles in Allem bleibe ich etwas zwiegespalten zurück. Eine spannende Geschichte, die mit einer herrlich schaurigen Atmosphäre punkten kann, die aber durch nur halbgar ausgearbeitete Charaktere hinter meinen Erwartungen zurückgeblieben ist. Daher 3,5/5.