Jauchzet ... mal anders
Wer nach all dem Lebkuchen und Christstollen noch Christstollen und Lebkuchen verzehren mag, der hört sich vielleicht auch früh im neuen Jahr weiter Weihnachtskantaten an - mit Gewinn, wenn er zu diesen Scheiben greift, deren erste überwiegend dem 1. bis 4. Advent gewidmet ist. Die zweite bietet die Kantaten für die Sonntage nach dem Dreieinigkeitsfest (Trinitatis) und sind ebenso aufschlussreich in ihrer Verbindung aus Singbarkeit und hoher Kunstfertigkeit. Lebensbejahende, geradezu sprühende Kirchenmusik ist das, dem frohen Anlass entsprechend und mit jener Farbigkeit z.B. gerade auch in den Bläserstimmen, die Telemanns Können und Wissen im Instrumentalbereich belegen. Die Aufnahmen wirken sehr "nah" und präsent, was dem herzhaften menschlichen Ausdruck zugutekommt, den ich als typisch für diesen barocken Großmeister empfinde. Telemann, der Vielschreiber, Alleskönner, Postensammler, hat ja in der Nachbetrachtung lange das Schicksal Haydns geteilt, gegenüber vermeintlich bedeutenderen Zeitgenossen gönnerhaft herabgesetzt zu werden. Bach und er hätten sich darüber vermutlich am meisten gewundert. Die beiden waren befreundet und bewunderten sich gegenseitig, Telemann wurde Pate des Bach-Sohns Carl Philipp Emmanuel, der wiederum sein Nachfolger in Hamburg wurde. Das Booklet ist - wie gewohnt bei cpo - großzügig und kenntnisreich gestaltet und bietet u.a. interessante Informationen zum innovativen Textdichter Erdmann Neumeister und dem oft nicht unkomplizierten Verhältnis von lutherischer Orthodoxie und Pietismus, das ja auch viele Bach-Texte geprägt hat.
Nebenbei erinnert diese Veröffentlichung, bei der neben cpo auch der SWR, die Johannes-Gutenberg-Universität, die Telemann-Gesellschaft und viele andere mitgewirkt haben, an die Errungenschaften eines Kulturlebens, das gegen Herabsetzungen und Kürzungen weiter in Schutz genommen werden muss - es hilft, solche Schätze zu bewahren oder überhaupt erst zu heben!