Der Vollendete
Hier muss ich mal Hurra schrei(b)en: Mit dieser Gesamtaufnahme plus fügt das begabte Minguet-Quartett den bisherigen Referenzen eine weitere hinzu. Hiermit meine ich insbesondere den Powerhouse-Mendelssohn des Emerson Streichquartetts (DG) mit dem Extra-Zauberkunststück eines von den vier Herren in Doppelbesetzung aufgenommenen Oktetts, und die ausgeglichene, manchmal etwas verhaltene Version des Ysaye-Quartetts (DECCA), die jeweils unterschiedliche Seiten des Genies hervorheben: den strahlenden "Star" und den nachdenklichen Philosophen-Enkel. Das Minguet Quartett scheint eine weitere Seite für wichtig zu halten: Den Gefühlsmenschen Mendelssohn. Ihre direkte, in den Einzelstimmen eindringlich "sprechende" Interpretation bringt uns dessen Ausnahmebegabung in jedem Satz, jedem Takt zu Gehör, aber eben auch seine Menschlichkeit, die Nähe zu seiner Schwester Fanny (das unerhörte späte Quartett op. 80 ist ein direkter Reflex auf ihren frühen Tod und kann als "foreshadowing" seines eigenen gehört werden; musikalisch weist es ebenfalls weit über seine Zeit hinaus bis auf Smetanas ebenfalls schicksalhaftes Quartett Nr. 1 "Aus meinem Leben"), die frische Lebensbejahung der ganz frühen Werke und den künstlerischen Ernst der mittleren. Gut auch die Kopplung beispielsweise des ersten Gattungsbeitrags op. 13 (vor op. 12 komponiert, das ist so ähnlich wie bei Beethovens "erstem" und "zweitem" Klavierkonzert) mit ebendiesem letzten Quartett, oder des 5. mit Fannys eigenem Quartett: Es straft jedermann Lügen, der Geschlechterklischees in Musik sucht und tritt energisch und "maskulin" ins Rampenlicht, das der begabten Schwester im Leben zu oft verwehrt war. Ich habe nie verstanden, warum es relativ wenige Gesamteinspielungen von Mendelssohns Streichquartetten gibt; er war einer der absoluten Meister. Also: Hurra!