Der Verinnerlichte
Hans Gál war mir als Biograf von Brahms - Wagner - Verdi bekannt: von den so unterschiedlichen Komponisten hat er einfühlsame, kenntnisreiche Biografien vorgelegt, die nahelegten, dass hier jemandem nicht nur nichts Musikalisches, sondern auch nichts Menschliches fremd ist. Der antiquarisch erhältliche Band ist immer noch unbedingt lesenswert (er hat noch viel mehr geschrieben). Von Gáls eigenem musikalischen Werk wusste ich wohl, dass es existierte, aber auch die vorhergehenden cpo-Veröffentlichungen kannte ich nicht - und so wusste ich auch nicht, dass man 1976 noch wie Brahms komponieren konnte. Hans' großes Streichquintett op. 106 lässt durchaus an die Gattungsbeiträge von Johannes denken (op. 88, op. 111). Es ist sehr geeignet, die sympathische und besondere Haltung dieses Mannes zur Musik kennenzulernen, zu seiner eigenen und zu der, die er liebte: Musik als Rückzugs- und Erinnerungsraum, der nicht primär die Verzerrungen seines Jahrhunderts spiegelt, sondern vor allem die versunkenen Schönheiten. Immerhin erlebte er, der als Untertan eines Kaisers geborene jüdische Wiener, nahezu 100 Jahre voller grundstürzender Ereignisse, Exil, Gefährdung, aber auch Neuanfängen. Er selbst erteilte dem Deskriptiven, Direkten in der Musik eine Absage und so hören wir hier traumhafte Reflexionen ohne Härten, transparenten Streichersatz und gekonnte Kontrapunktik, vor allem aber: ein Bekenntnis zur Melodie. Sein letztes Streichquartett op. 99 ist eine Synthese aus Vergangenem und wirkt dennoch nirgendwo "nachgemacht": Programmmusik in der eröffnenden "Legende", die gleichwohl unbestimmt bleibt, einer nicht ganz zu trauenden "Burleske" mit einem Humor, der an Schostakowitsch erinnert, die ergreifende "Elegie" und im Abschluss der Nachweis kompositorischer Meisterschaft im Capriccio Fugato. Wenige Komponisten lassen so in ihr Inneres blicken und wahren dabei stets die Form - Hans Gál, der Vornehme, hat seine Neuentdeckung mehr als verdient.