Der große Name
Es kann bekanntlich Last wie Lust sein, Mendelssohn, Wagner oder auch Mozart zu heißen, wenn man nicht "der Mendelssohn", Mozart oder Wagner ist. Das ging den Söhnen so, in der Nachbetrachtung wird natürlich auch einem Großneffen ein solcher Vergleich eher schaden als nützen - zumal wenn, wie im Fall Arnolds Mendelssohns, jemand so komponiert, als seien eben seit dem berühmten Vorfahren nicht 100 Jahre vergangen. Die CD überrascht sofort mit einem hemmungslos romantischen Violinkonzert, dessen "unendliche Melodie" (ich benutze den Terminus mit Absicht) tatsächlich erst 1921 geschrieben und auch uraufgeführt wurde. Man kann das einfach hören und genießen, anstatt es musikhistorisch zu problematisieren, wenn es derart kunstfertig dargeboten wird wie von der chinesischen Meistergeigerin Ziling Guo und den Hamburger Symphonikern. Deren Streichergruppe ist in der Ära des großen Jeffrey Tate förmlich aufgeblüht, und das hört man hier - während in der Symphonie op. 92, ebenfalls einem Spätwerk von 1922, so viele Stil-Elemente durcheinanderpurzeln, dass das Werk deutlich weniger fassbar erscheint: Nicht sperrig-atonal, sondern im Gegenteil eben durchgehend nostalgisch, eklektizistisch. Letzterer Begriff, ohne den man einen Arnold Mendelssohn wohl auch hörend nicht begreifen kann, wird im Beiheft zu Recht aufgeworfen - und in einem Genre, das ja in der Beethoven-Nachfolge bis zu Mahler immer für das persönliche Bekenntnis genutzt wurde, macht das ebenso nachdenklich wie die Information, dass diese Symphonie in den 20er Jahren beim Publikum sehr gut ankam. Dass auch man auch der "ernsten Musik" in Deutschland damals also mehr als einen Weg offenhielt, scheint eine gute Nachricht, dass diese Nachricht zu spät kommt und danach sehr viel schlechtere kamen, wird durch ein weiteres Detail klar: Wilhelm Furtwängler wollte Mendelssohns 3. Symphonie aufführen, doch "die Zusammenarbeit kam nicht zustande". Angesichts des Todesjahrs 1933 des Komponisten mit dem berühmten, dann verfemten Namen muss man sich wohl nicht fragen, warum nicht. Der Künstler hatte womöglich ein eigenartiges Glück, Erfolge als "der andere Mendelssohn" genießen zu können und das Schlimmste nicht mehr miterleben zu müssen.