Absolut lesenswert!
„Dieses Buch soll weder eine Anklage noch ein Bekenntnis sein. Es soll nur den Versuch machen, über eine Generation zu berichten, die vom Krieg zerstört wurde – auch wenn sie seinen Granaten entkam.“ Erich Maria Remarque.
Hannes ist sechs Jahre alt, als wir ihm das erste Mal begegnen. Wir schreiben das Jahr 1894, es ist November, draußen ist es stockfinster und eiskalt. Grad haben sie Hannes aus dem Wasser gefischt und trotzdem die Mutter ihm sofort die nassen Sachen ausgezogen und ihn warm eingepackt hat, kriecht die Kälte durch ihn durch. Schwimmen soll er dringend lernen, meint sein Onkel Georg Winkler, der als Fährmann auf der Salzach die österreichische und die deutsche Seite miteinander verbindet.
„Ich verbiete es euch, der Hannes wird kein Fährmann werden. Suchts euch einen anderen Hochzeiter für eure Salzachbraut“ schimpft die Mutter. Sie aber kommt dagegen nicht an, als jüngstem von vier Söhnen bleibt Hannes nicht recht viel anderes übrig, den Hof wird er nie übernehmen können. Und so kommt es auch, Hannes Winkler ist der Fährmann, der seiner Lebtag lang ledig bleiben muss, so ist es und so war es immer schon.
Hannes, Elisabeth und Annemarie waren als Kinder unzertrennlich und nun, kaum der Kindheit entwachsen, wird Elisabeth den jungen Steiner heiraten, die Eltern haben es so beschlossen. Der Hoferbe Josef Steiner kann nur eine heiraten, die etwas mitbringt – Sach kommt zu Sach. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als sich zu fügen, auch wenn sich alles in ihr nach Hannes sehnt. Die Eltern bestimmen sogar, dass Elisabeths beste Freundin Annemarie als Wirtstochter zu wenig her macht, um bei der Hochzeit ihre Kranzljungfrau zu sein. Die Ehe ist für Elisabeth kein Zuckerschlecken und wo die Liebe fehlt, ziehen Gewalt und Missbrauch ein und damit auch Hass und Härte. Und wäre es damit nicht schon genug, beginnt der Erste Weltkrieg. Die Männer müssen fort, nicht jeder kommt wieder heim und wenn doch, dann ist er ein anderer.
Den Fährmann und die Geschichte drumherum begleiten wir von 1894 an, als sie noch unbeschwert Kinder sein durften, bis zum Kriegsjahr 1915. Viel ist geschehen, auch schon vor dem Krieg. Als Bäuerin auf dem Steiner-Hof hat Elisabeth nicht viel zu melden, der alte Steiner führt nach wie vor das Regiment und Josef, der Jungbauer, steht in seinem Wesen dem Alten in nichts nach. Er nimmt sich, was und wen er will und wird grob, wenn eine aufmuckt.
Die kurzen Kapitel mit Zeitangabe wechseln von Elisabeth zu Hannes zu Annemarie und auch zu Josef. War es schon vor dem Krieg kaum auszuhalten, so wird es später dann richtig schlimm. Dabei ist es Hannes, der die beiden jungen Frauen immer wieder auffängt, er ist ihr Ruhepol und auch wenn er selber oft darunter leidet, lässt er sich nichts anmerken.
Die Geschichte hat trotz des unerbittlichen Schicksals eines jeden einzelnen eine Sogwirkung, der man sich nicht entziehen kann und wenn man meint, alles ist kaum auszuhalten, kommt es noch ein Stück weit schlimmer. Die Rolle der Frauen, der verheirateten und der ledigen und jenen, die als Hexe abgestempelt sind, wird deutlich sichtbar und auch die des Mannes. Das Patriarchat und die Unterordnung der Frauen war gang und gäbe, keiner hat diese Rangordnung je infrage gestellt und wenn doch, hat er (hat sie) dies am eigenen Leibe zu spüren bekommen. Es ist eine schmerzhafte Geschichte, die Regina Denk erzählt. Die nichts beschönigt, die voller Gewalt und Wutausbrüchen ist, aber auch die liebevollen Momente sind da, wenn auch rat gesät. Es ist ein wunderbares Buch, eine eindringlich erzählte Geschichte, aufwühlend und atmosphärisch. Ein historischer Roman, der gelesen werden will. Unbedingt.