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    SusanK

    Aktiv seit: 01. September 2024
    "Hilfreich"-Bewertungen: 0

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    Wir können nicht sicherstellen, dass die Angaben von Verbrauchern stammen, die das Produkt tatsächlich genutzt oder erworben haben.

    55 Rezensionen

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    Das Gesetz der Elite

    Sandrone Dazieri
    Das Gesetz der Elite (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    25.05.2026

    Ist der Reichtum ihr Untergang?

    Der ehemalige Fußballstar und erfolgreiche UnternehmerJesus Martinez wird tot in der Kryosauna in seiner Wohnung in der Mailänder Jungla Urbana aufgefunden. DIe Polizei glaubt an einen technischen Defekt und nimmt keine Ermittlungen auf. Der Bruder des Toten engagiert die Privatermittlerin und frühere Polizistin Colomba Caselli, die - gemeinsam mit ihrem Freund Dante Torre - schon bald auf HInweise zu einem Serienmörder findet, der mit der Forderung "Tötet die Reichen" für gesellschaftliche Brisanz sorgt.

    Nachdem der beliebte italienische Krimiautor Sandrone Dazieri bereits 2018 seine Trilogie um die Polizistin Colomba Caselli abgeschlossen hatte, geht es nun in "Das Gesetz der Elite" mit den beiden Hauptfiguren weiter. Ob man hier von einer Fortsetzung der Reihe oder dem Start einer neuen Serie (wie der Verlag es tut) redet, ist ohne Balang; das Buch lässt sich problemlos ohne Vorkenntnis der Trilogie genießen - obschon es immer wieder Anspielungen auf den alten Fall gibt, der bei Caselli, aber noch mehr bei Torre schlimme Traumata ausgelöst hat, die bei beiden intensiv nachklingen.

    Die prägnante Schreibweise, die spannenden Themen und die atemlose Spannung haben mich schnell begeistert. VIele unvorhersehbare Wendungen sorgen für stetigen Nervenkitzel und ließen mich das Buch in einem Rutsch verschlingen.

    Für die VIelzahl der Figuren war das Personenverzeichnis hilfreich; hier konnte ich immer mal wieder nachschlagen, bevor ich die Namen durcheinanderbrachte.
    DIe beiden Hauptfiguren Colomba Caselli und insbesondere ihr Freund Dante Torres waren vielleicht ein wenig überzeichnet, doch die komplexen Persönlichkeiten bereiteten mir viel Vergnügen und sorgten auch das ein oder andere Mal für ein Schmunzeln in diesem ansonsten doch recht düsteren Thriller. Speziell der durchaus als verhaltensauffällig zu bezeichnende Torre sorgte durch sein unkonventionelles Benehmen, seine vielfältigen Kontakte und seine hohe Intelligenz für viele überraschende Auftritte und Wendungen.

    Besonders hervorheben möchte ich auch die von Dazieri geübte Gesellschaftskritik und die - teils erschreckenden - Einblicke in die Welt der Superreichen. Fast unvorstellbarer Reichtum sorgt für große Macht, die ohne zu Zögern von diesen ausgenutzt wird; und so konnte schon allein dieses Thema für erhebliche Gänsehaut sorgen - neben der ermittlungstechnischen Spannungskurve. Doch lest selbst, was die Superreichen mit ihrem Vermögen alles anzustellen gedenken ....

    Für mich ist "Das Gesetz der Elite" ein absolutes Highlight, das mir höchsten Lesegenuss beschert hat und das ich allen Interessierten wärmstens weiterempfehlen kann. Ich hoffe, bald wieder von Sandrone Dazieri zu lesen!
    Tödliche Nachlese

    Matthias Melich
    Tödliche Nachlese (Buch)

    3 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    25.05.2026

    Für den guten Zweck!

    Im beschaulichen Weinort Malsch im Kraichgau wird vor dem KIrchenportal eine von Nadeln durchbohrte Puppe gefunden. Tobias Stetten misst dem Fund zunächst keine tiefere Bedeutung bei, doch als ein Tennis-Freund bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben kommt und er selbst sich verfolgt und bedroht fühlt, zieht er einen Zusammenhang zu einer Mordserie, die den Ort vor einigen Jahren in Atem hielt und an deren Aufklärung er maßgeblich beteiligt war. Sind er und sein Freund Dominik in Lebensgefahr durch den Bruder des ehemaligen Mörders, der seine Familie rächen will?

    "Tödliche Nachlese" ist der Nachfolgeband von "Blutige Spätlese" des Autoren Dr. Matthias Meilich, dessen Augenmerk nach über 25 Jahren erfolgreicher Tätigkeit in unterschiedlichen Funktionen bei SAP heute auf kreativen und karitativen Aktivitäten liegt. Alle Einnahmen aus dem Verkauf der Bücher werden zugunsten von EIN KIWI GEGEN KREBS gespendet, was ich absolut bemerkenswert finde.

    Matthias Meilich hat einen durchaus interessanten Plot erdacht; doch leider wird die Spannung durch ständige Wiederholungen und ausladende Gedankengänge der Hauptfigur gebremst. Der Autor erzählt abwechselnd durch seine beiden Hauptfiguren Tobias und Dominik, wodurch die Leser*Innen viele Hintergründe aus dem vorhergehenden Band sowie weitere Zusatzinformationen erfahren, die nicht immer die Handlung vorantreiben. Dass Meilich ein begeisterter Golfer ist, konnte er durch seine ausführlichen Beschreibungen des Geschehens auf dem Golfplatz nicht verbergen.

    Das Setting im Kraichgau, die Ortsbeschreibungen mit ihrem Brauchtum wie Karnevalsfeiern und Wallfahrt, ist sicher nicht nur für Einheimische interessant.

    Leider konnte mich auch die Schreibweise nicht wirklich überzeugen. Dabei störten mich nicht einmal die vielen englischen Ausdrücke, die sich folgerichtig aus Ausbildung und Tätigkeit des Autoren ergeben. Vielmehr irritierten mich die kurzen Sätze, teilweise ohne Verb; oftmals kam es mir vor, als wenn ein Schüler einen Aufsatz geschrieben hätte, was ich sehr schade fand.

    Trotz der Einblicke in die eigene Gedanken- und Gefühlswelt der Hauptfiguren blieben diese mir seltsam fremd und ich konnte keine wirkliche Beziehung zu ihnen aufbauen. Weitere Figuren blieben eindimensional. Die Figur des Söldners, der Rache für die Bestrafung seines Mörder-Bruders suchte, aber vor allem auch der mysteriöse Ritter, den nicht einmal seine Kollegen kennen und der in bizarren Situationen auf- und untertaucht, konnten mich nicht wirklich überzeugen.

    Trotz einiger Kritik an dem Buch möchte ich die Serie als kleine Lektüre für zwischendurch weiterempfehlen aufgrund ihres karikativen Zwecks.
    Amalfi Mortale. Kein Urlaub ohne Mord

    Catherine Mack
    Amalfi Mortale. Kein Urlaub ohne Mord (Buch)

    3 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    17.05.2026

    Sehr leichte Unterhaltung

    Eleanor Dash ist Bestsellerautorin. Für ihre erfolgreiche Krimireihe hat sie ihre Urlaubsliebe Connor als Hauptfigur gewählt, der sie nun allerdings erpresst, um am Erfolg teilzuhaben. Von ihrem Verlag wird Eleanor - sehr widerwillig - zusammen mit ihrer Schwester, die sie managt, und Connor sowie einigen Leserinnen auf eine Lesereise nach Italien geschickt. Eigentlich hatte Eleanor beschlossen, Connor in ihrem nächsten Band sterben zu lassen, doch plötzlich werden vermeintlich Anschläge im wahren Leben auf Connor verübt. Und als es tatsächlich einen Mord gibt, spitzt sich die Lage weiter zu ....

    Catherine Mack ist das Pseudonym einer US-amerikanischen und kanadischen Bestellerautorin. MIt "Amalfi Mortale - Kein Urlaub ohne Mord" legt sie nun den Auftakt ihrer neuen Krimireihe vor, die an der malerischen Amalfi-Küste angesiedelt ist.

    DAs Setting verspricht Urlaubsfeeling, allerdings bleibt der Ort ziemlich im Hintergrund und wird kaum beschrieben, was vielleicht auch daran liegt, dass die Autorin doch geografisch sehr wenig mit Italien zu tun hat.

    Catherine Mack schreibt in der Ich-Perspektive aus der Sicht ihrer Hauptfigur Eleanor Dash und es gibt wirklich sehr viele Dialoge, die ich - entgegen der Werbung für das Buch - nur bedingt als "spritzig" bezeichnen würde. Ein wirklich sehr ungewöhnliches Stilmittel sind die 234 Fußnoten, die das Buch enthält: Die fiktive Bestsellerautorin kommentiert darin alles Geschehen, das sie erzählt, noch einmal zusätzlich. Wenn die Autorin damit die Handlung bereichern wollte, ist dies meiner Meinung nach nicht gelungen; mich haben die vielen Fußnoten unglaublich gestört und den Lesefluss extrem unterbrochen, ohne eine Mehrwert darzustellen. Auch die eingefügten Notizen (von Eleanor als "Exposé" für ihren nächsten Krimi gedacht) sind einfach nur eine Zusammenfassung des zuvor Beschriebenen.

    Die (zahlreichen) Figuren werden nicht wirklich eingeführt und bleiben in der Charakterisierung recht blass. So konnte man auch nicht wirklich miträtseln, wer der Mörder war. Witzig fand ich die Titulierung der Leserinnen als BookFace Ladies; allerdings spielten sie auch keine wirklich Rolle außer eben Dazusein.

    Gefallen hat mir, über das Verlagsgeschöft ein wenig zu erfahren und dem Leben einer Bestsellerautorin.
    Und auch die Spannungskurve, bei der sich in einem spektakulären Show-Down auch Eleanor in Gefahr brachte, war für einen Cosy Crime absolut ok, wenn auch ein wenig verwirrend.

    Insgesamt ist "Amalfi Mortale - Kein Urlaub ohne Mord" ein leichter Krimi ohne Tiefe, den man sicherlich einmal zwischendurch lesen kann. Ich werde auf die weiteren Bände allerdings verzichten.

    Schlaf

    Honor Jones
    Schlaf (Buch)

    3 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    14.05.2026

    Sexualisierte Gewalt ohne Heilung

    Margaret wächst scheinbar behütet in einer amerikanischen Kleinstadt auf; allerdings hinterlassen sexuelle Übergriffe ihres eigenen Bruders und der Nachbarjungen zusammen mit dem ignoranten Verhalten ihrer narzisstisch anmutenden Mutter Elizabeth tiefe Traumata. Margaret flüchtet quasi in ein anderes Leben in New York, doch ihre Ehe mit dem scheinbar perfekten Mann Ezra scheitert. Dennoch versucht Margaret, ihren Töchtern ein liebevolles Zuhause zu bieten; schließlich versucht sie sogar, sich mit ihrer Mutter und ihrem Bruder auszusöhnen, was jedoch nicht gelingt ....

    Die US-Amerikanerin Honor Jones legt mit "Schlaf" ihren Debütroman vor, der sich in sieben Abschnitten behutsam mit sensiblen (Frauen?) Themen befasst.

    Honor Jones schreibt einfühlsam und anschaulich; allerdings haben einige Längen und Sprünge in Zeit und Raum das Lesevergnügen für mich getrübt. Von Spannung lässt sich nicht reden.

    Die Figuren bleiben für mich eindimensional; schnell ergreift man beim Lesen Partei für Margaret und ihre Freundin BIddy (zu der sie jedoch auch nicht wirklich offen ist) und gegen die harte, dominante, fast narzisstisch wirkende Mutter, die stets auf Äußerlichkeiten fixiert, stets Margarets Bruder Neal bevorzugt und selbst ihre Tochter erniedrigt. Charakteristisch ist dafür bereits das beschriebene Bild zu Beginn, als Elizabeth die 10jährige Tochter zwingt, sich vor versammelter Feierrunde komplett auszuziehen, damit sie keinen Schmutz ins Haus trägt, bis zu dem Zeitpunkt, als sie ihre Tochter nur wegen der Scheidung vor ihren Kindern als Hure beschimpft. Der Vater wirkt überwiegend nicht wirklich vorhanden; ihm wird lediglich gegen Ende eine kleine Rolle zuteil, als er sich erstmals dem Sohn entgegenstellt.

    Trotz der erlittenen sexualisierten Gewalt, vor der Margaret keinen Schutz erfährt, versucht sie, nicht ihren Traumata zu erliegen, sondern ihr Leben und vor allem das ihrer Töchter in bessere Bahnen zu lenken, was wenigstens etwas Hoffnung gibt. Allerdings hätte ich gerne mehr erfahren darüber, warum ihre Ehe wirklich scheiterte und vor allem, wie ihre Gefühle tatsächlich sind, denn die Erzählweise konzentriert sich doch mehr auf Beschreibungen des Erduldeten. Ob Margarets sexuelle Vorlieben, die sehr deutlich beschrieben werden, unbedingt zum Fortgang der GEschichte beitragen, mag dahingestellt sein.

    Über allem liegt Trauer und Melancholie und damit überwältigte mich auch eine gewisse Düsternis. Lediglich ein Mal musste ich auflachen, weil die Weitergabe von gehörten Schimpfwörtern durch die Töchter umso absurder wirkten.

    Ich muss allerdings zugeben, dass mich einige der geschilderten Taten und Charakterzüge mich extrem getriggert haben, sodass ich das ganze Buch mit Bauchschmerzen lesen musste und das vielfach gelobte "literarische Meisterwerk" nicht als solches sehen kann.

    Leider konnte ich nicht wirklich Zugang finden zu Figuren und Geschichte; die geschilderten Erlebnisse und die Negierung der sexualisierten Gewalt durch Margarets Mutter (und des Bruders), die auch zu keinem Zeitpunkt Heilung erfährt, lassen mich wütend und frustriert zurück und wirken noch lange nach. So kann ich den Hype um diesen angeblich so großartig einfühlsamen Roman nicht wirklich teilen.
    Untergang - Jensen und Sander ermitteln

    Steffen Jacobsen
    Untergang - Jensen und Sander ermitteln (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    28.04.2026

    Ein Unglück?

    Am 28. September 1994 versinkt die Fähre "Estonia" in der tosenden Ostsee. Von 989 Passagieren und Crewmitgliedern überleben nur 137 Menschen die größte Schiffskatastrophe der Nachkriegszeit in Europa. Laut offizieller Meldungen hat die Konstruktion der "Estonia" der extremen Belastung von See und Wetter nicht mehr standgehalten: ihr Bugvisier reißt aus seiner Verankerung. Anschließend fährt die Fähre über ihr abgebrochenes Teil - die Ursache für die heftigen Erschütterungen an Bord und das Sinken des Schiffes. Da sich die schwedische Regierung gegen eine Bergung ausspricht, ein Sarkophag um das Wrack geplant wurde und Tauchgänge verboten wurden, könnte aber auch ein friendly fire die Ursache für das Eindringen von Wasser gewesen sein. Sowohl für Schweden als auch Russland ist das Bekanntwerden der wahren Ursache nicht gewünscht. Als die Ereignisse sich beginnen zu überschlagen, bittet der russischer Offizier Golonin Michael Jensen um Hilfe in scheinbar aussichtsloser Stellung und Jensen gerät dabei in das Kreuzfeuer aus allen Richtungen .....

    Nach sechs Jahren Pause erscheint mit "Untergang" der sechste Fall aus der Jensen und Sander-Reihe des dänischen Autors und Chirurgen Steffen Jacobsen, der in sich abgeschlossen ist und auch ohne Vorkenntnis der vorherigen Bände gut lesen lässt.

    Ausgehend von dem realen Schiffsunglück der Estonia 1994 ersinnt Jacobsen eine in sich stimmige Verschwörungstheorie, in die mehrere Staaten und ihre Geheimdienste verwickelt sind. In prägnanter Schreibweise mit kurzen Kapiteln, unterschiedlichen Perspektiven und einer Spannungskurve auf hohem Niveau entwickelt sich der "Untergang" zu einem rasanten und fesselnden Thriller, der stellenweise auch sehr brutal ist.

    Ehrlicherweise habe ich mir manches Mal gewünscht, dass die Handlung absolut fiktiv ist, doch die Geschehnisse weltweit lassen mich nicht daran zweifeln, dass die geschilderten Aktionen im Bereich des Möglichen sind. Der gnadenlose Showdown erscheint mir in seiner rohen Gewalttätigkeit und dem schnellen Überlaufen von Geheimdienstlern allerdings doch ein wenig zu überzogen.

    Die Figuren sind mehrdimensional angelegt; und gerade die unterschiedlichen Facetten des Russen Golonin zwischen unmenschlicher Härte und einem Ehrenkodex mit moralischen Grundsätzen haben mich beeindruckt.

    Michael Sander entwickelte sich tatsächlich zu einer Figur, von der ich gerne mehr lesen mag - die der Reihe mit namensgebende Lene Sander spielt in diesem sechsten Band allerdings nur eine Nebenrolle und ermittelt nicht wirklich.

    "Untergang - Jensen und Sander ermitteln" hat mich sehr gut unterhalten und ich empfehle das Buch wirklich gerne weiter an alle Thrillerbegeisterten, die bereit sind, sich auf eine sehr komplexe Handlung einzulassen. Wer sich noch an den Untergang der Estonia erinnern kann, hat sicherlich ein besonderes Interesse an dieser gut untermauerten Verschwörungstheorie, in der der Autor Realtität und Fiktion gekonnt miteinander verwebt.
    Die Schatten der Schuld

    Michael Jensen
    Die Schatten der Schuld (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    28.04.2026

    Wie aus Schuld Verantwortung wird

    Marlene Reinhardt, Gründerin der Reinhardt Int. Group und Grande Dame der Hamburger Gesellschaft, wird auf einer Feier anlässlich ihres 80. Geburtstages brutal niedergestochen. Während sie im Krankenhaus um ihr Überleben kämpft und die polizeilichen Nachforschungen plötzlich sogar vom Staatsschutz übernommen werden, beginnt ihre Enkelin Katharina mithilfe eines Privatermittlers, eigene Nachforschungen zu dem Attentat anzustellen. DIe Spuren führen in die Vergangenheit, nicht zuletzt zu nationalsozialistischen Judenverfolgungen im Dritten Reich....

    Der deutsche Autor Michael Jensen, der vor seiner Zeit als Autor als Arzt und Psychologe gearbeitet hat, lässt in "DIe Schatten der Schuld" viele berufliche Erfahrungen einfließen. Sein Werk befasst sich u. a. mit transgenerationalen Traumata, also unverarbeiteten psychischen Belastungen, die von Eltern auf Kinder und Folgegenerationen übertragen werden, was ich unglaublich interessant fand.
    Des weiteren hat Jensen die Hintergründe der Tat akribisch recherchiert und fügt Vergangenheit und Zukunft zu einem runden Ganzen zusammen. Dazu wechseln sich Kapitel aus verschiedenen Zeitebenen ab; während Historisches aus auktorialer Perspektive erzählt ist, berichtet Katharina Reinhardt in der Gegenwart als Ich-Erzählerin, so dass ich beim Lesen ihre Gedanken und vor allem Gefühle während ihrer sich stetig verändernden Sichtweise auf die Großmutter sehr gut nachempfinden konnte.

    Die Figuren sind authentisch beschrieben und Katharinas Erkenntnisse und Entwicklung waren bemerkenswert.
    Ein beständiger Spannungsbogen zog sich über das gesamte Buch, das in einem überaus flüssigen Stil geschrieben ist.

    Jensens Kernbotschaft ist dabei stets deutlich: Dass wir Verantwortung dafür tragen, kein Rädchen in einem Unrechtsgefüge zu werden und wie wichtig eine Erinnerungskultur ist und bleibt. Gut gefallen hat mir, dass der Autor keinesfalls mit einem erhobenen Zeigefinger daher kommt, sondern mit erzählter Geschichte, ihren Auswirkungen auf unsere Gegenwart und unserem diesbezügliches Handeln zum Nachdenken anregt.

    Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch das sehr eindringliche Nachwort des Autors.
    Ein Personenverzeichnis und ein ausführliches Glossar runden die Lektüre perfekt ab.

    "DIe Schatten der Schuld" verdient in meinen Augen eine Fünf-Sterne-Bewertung und ich kann es nur wärmstens weiterempfehlen.

    Faustschlag von rechts

    Stefanie Kaluza
    Faustschlag von rechts (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    15.04.2026

    Erklärung und Warnung

    Der 15jährige Jarik fühlt sich unverstanden und verunsichert: Der Vater, der wegen einer Geliebten die Familie verlassen hat, ist unzuverlässig und enttäuscht seine Söhne ständig mit nicht eingehaltenen Verabredungen, die nun alleinerziehende Mutter ist verbittert und überfordert und im Freundekreis fühlt Jarik sich unwohl, weil er GEfühle für Mo entwickelt, die aber scheinbar mit einem anderen anbändelt. Im Jugendclub kann JArik sich beim Boxen richtig austoben, und dann lädt ihn sein Boxtrainer zu einer Zeltfreizeit in den Ferien ein. Zum ersten Mal fühlt Jarik sich wieder wohl, findet Lob und Anerkennung. Doch nicht alles ist Gold, was glänzt ....

    Die Erziehungswissenschaftlerin und Theaterpädagogin Stefanie Kaluza legt mit "Faustschlag von rechts" ihren ersten Jugendroman vor, der eine deutliche Botschaft verkündet.

    Erzählt wird die Geschichte des 16jährigen Jarik aus seiner Perspektive, der verunsichert und enttäuscht ZUgehörigkeit und ANerkennung sucht und ein williges Opfer rechter Manipulation wird.
    Die Schreibweise ist selbst für ein Jugendbuch sehr einfach gehalten, was mich aber nicht wirklich gestört hat.

    Kaluza baut eine angenehme Spannungskurve auf - und obwohl es den Leser*Innen schon früh klar wird, wohin es mit Jarik gehen wird - bleibt es bis zum Ende spannend. Man mag es am Ende ein bisschen zu sehr Friede, Freude, Eierkuchen nennen, doch mich hat der versöhnliche Schluss begeistert; es gibt noch Hoffnung!

    Jariks Gedanken und Konflikte sind gut verständlich beschrieben und es bleibt nachvollziehbar, wie er auf perfide Art von dem rechten Falk manipuliert werden konnte, auch trotz seines stabilen Freundeskreises. DIe Autorin hat hier eine Erklärung geschaffen, wie selbst kluge und nachdenkende Jugendliche auf die rechte Bahn geraten können - aber auch eine sehr deutliche Warnung ausgesprochen vor den existierenden Strömungen und ihren Gefahren.

    Gerade der Wirklichkeitsbezug und die Aktualität sind erschreckend.

    In meinen Augen ist "Faustschlag von rechts" ein wichtiges Buch, das sich als perfekte Schullektüre über alle Schulformen sehr gut eignen würde.
    Der Fährmann

    Regina Denk
    Der Fährmann (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    15.04.2026

    TIefgehend

    Anfang des 20. Jahrhunderts – zwei Dörfer an der Österreischisch-Deutschen Grenze, getrennt durch die Salzach. Schon als Kinder sind Elisabeth, Annemarie und Hannes beste Freunde. Doch Hannes Winkler wird zu seinem Onkel, dem Fährmann geschickt, um zu dessen Nachfolger ausgebildet zu werden. Elisabeth, die die Gefühle von Hannes erwidert, muss Josef Steiner heiraten, Erbe des größtes Hofes in der Gegend. Und die Wirtstochter Annemarie, die eigentlich in Hannes verliebt ist, wird die Geliebte von Josef Steiner. Obwohl alle versuchen, ihr Schicksal zu ertragen, macht ihnen der jähzornige, brutale und eifersüchtige Josef das Leben schwer. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, scheinen sich die Rollen zu verändern ….

    Die deutsche, in der bayrisch-österreichischen Grenzregion beheimatete Autorin Regina Denk ist vielen Leser*Innen bekannt durch ihre unter dem Pseudonym Fanny König veröffentlichten humoristischen Regionalkrimis. Nun legt sie (nach "Die Schwarzgeherin") mit „Der Fährmann“ unter ihrem Klarnamen ihren zweiten historischen Roman vor.

    Die Heimatliebe der Autorin spiegelt sich deutlich im Setting wider. Anschaulich beschreibt sie das Leben und die Natur in der voralpinen Grenzregion. Eine besondere Rolle kommt dabei der Salzach zu; dieser Fluss fließt so träge daher, dass er einen Gegenpol zu den familiären Drama zu bilden scheint, doch unter seiner Oberfläche verbirgt sich eine trügerische, reißende Kraft. So ist die Salzach ein Symbol dafür, genau hinzuschauen, was sich unter der Fassade befindet.

    Der Schwerpunkt der Handlung liegt auf den Frauen – ganz im Gegensatz zu dem Titel: Der Fährmann, der als ein Fixpunkt die Verbindung zwischen den Dörfern bzw. den Ländern darstellt, ist auch die Verbindung zwischen den Hauptfiguren. Er ist Beobachter, Freund, Ansprechpartner, doch auch er entwickelt sich irgendwann weiter und nimmt eine wichtige Rolle ein; man könnte es schon fast als Heldenreise betrachten.
    Die Frauen hingegen sind die, deren Wünsche und Träume sich zerschlagen, die unter den patriarchalischen Strukturen und insbesondere dem gewalttätigen Antagonisten Josef Steiner zu leiden haben. Doch selbst dieser durch und durch böse scheinende Mann hat unter seinem Vater zu leiden und später unter Traumata. Diese Beschreibungen sind teilweise nur sehr schwer zu ertragen, da die Brutalität und gleichzeitige Hilf- und Rechtlosigkeit emotional belastet. Und anstatt dass die Frauen sich solidarisch zeigen, resignieren und erstarren sie in ihrer Machtlosigkeit – bis der Erste Weltkrieg ausbricht.

    Die Figuren, die zunächst so eindimensional erscheinen, zeigen noch weitere Eigenschaften, entwickeln sich weiter und streben auf eine hoffentlich bessere Zeit hin.

    Regina Denk zeichnet ein bemerkenswertes Sittengemälde der Neuzeit. Authentisch und detailgetreu beschreibt sie die Härte des Landlebens, persönliche Schicksale in einer Epoche - und sehr deutlich wird, dass wir uns keinesfalls diese Zeit zurückwünschen, in der Frauen rechtlos den Männern ausgeliefert waren. Gerade die Rolle der Frau seinerzeit ist für uns nur sehr schwer auszuhalten und weckt starke Emotionen.

    Brandaktuell ist das Buch aber auch in einer anderen Hinsicht: Das Leben nicht nur der vier Hauptpersonen wird beeinflusst vom Ersten Weltkrieg; einem Krieg, der zwar nicht gerade vor ihrer Haustür abläuft, der jedoch erheblichen Einfluss auf ihr Leben hat. Regina Denk zeigt hier, dass auch wir von den momentan stattfindenden Kriegen – teilweise aus dem Nichts entstanden - beeinflusst werden, deren Auswirkungen sich zeigen, angefangen bei den knapper und teurer werdenden Energieträgern bis hin zu belastenden Staatsausgaben.

    Sprachlich konnte Regina Denk mich sehr beeindrucken. Bildhafte, schon fast poetische Beschreibungen überzeugten mich. Komplexe Gefühle und Familiendynamiken waren wunderbar dargestellt, egal ob Neid, Freude, Hass oder auch Verzweiflung und Mitleid. Manche Sätze musste ich einfach wiederholen, so berührten sie mich.

    Da die Autorin ein versöhnliches Ende in dieser doch sehr brutalen, teils gruseligen und höchst spannenden Geschichte finden wollte, die immer klug konstruiert war, steuert sie auf ein fulminantes Show-Down am Ende zu, das vielleicht in Teilen ein wenig überzogen war, aber mich dennoch mit einem guten Gefühl zurückließ.

    „Der Fährmann“ ist ein kluger Roman, der neben dem Auslösen von starken Emotionen zum Nachdenken anregt und Hoffnung macht. Tiefgründig und nachhallend – definitiv ein Highlight!
    Dunkelmann

    Lars Findsen
    Dunkelmann (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    13.04.2026

    Maja Birk und Daniel Hartmann ermitteln in ihrem ersten Fall

    Als sich eine chinesische Delegation ankündigt, entdeckt Daniel Hartmann, Analyst beim dänischen Geheimdienst, dass einer der Teilnehmer mit einer falschen Identität einreisen will. Zusammen mit der Agentin Maja Birk, die gerade von einem tragisch geendeten Auslandseinsatz verletzt zurückgekehrt ist, soll Daniel den Fall untersuchen. Schon bald stellt sich heraus, dass das Interesse der Chinesen an Grönland auch mit Maja letztem Einsatz zusammenhängt, nur wie?

    Der dänische Bestseller-Autor Jacob Weinreich hat sich für seine neue Reihe um die Geheimdienstler Maja Birk und Daniel Hartmann prominente Unterstützung an die Seite geholt: Lars Findsen war lange Zeit Chef des dänischen Geheimdienstes. Mit „Dunkelmann“ legt das Autorenduo nun den ersten Teil dieser brisanten Reihe vor.

    Die klare, prägnante Sprache und die bildhaften, genauen Beschreibungen des Settings – das in der Türkei, Dänemark und Grönland beheimatet ist – schaffen eine tolle, durchaus düstere Atmosphäre.
    Schnell ist zu bemerken, dass Lars Findsen exakt weiß, wovon er schreibt: Die detailgenauen Darstellungen der Geheimdienstarbeit tragen zu einem ungewöhnlichen, packenden Thriller bei, der mit aktuellen Themen wie Datenanalyse, Überwachung und dem politischen Interesse an Grönland aufwartet.

    Den Autoren gelingt es von Anfang an, eine hohe Spannungskurve zu schaffen. Unerwartete Wendungen und eine raffiniert konstruierte Handlung ließen mich Seite um Seite verschlingen; auch, wenn die Geheimdienstarbeit mit ihren internen Abläufen für mich ein paar Mal kürzer dargestellt hätte sein können zugunsten von etwas mehr Action – doch so ist es sicherlich realistischer. Nach einem dramatischen Show-Down findet der Thriller ein befriedigendes Ende, in dem alle offenen Fragen aufgelöst werden.

    Hervorzuheben ist die multidimensionale Figurendarstellung; sie alle wirken authentisch und menschlich mit Ecken und Kanten und zahlreichen persönlichen Problemen neben ihrer oder durch ihre Arbeit. Ihre inneren Konflikte sind glaubhaft und zeigen eine spannende Tiefe.

    Im Gegensatz zu der brisanten Story lebt die komplexe Handlung von zahlreichen spannenden Beziehungen der Figuren untereinander neben dem eigentlichen Fall, was ich besonders interessant fand. Damit sind nicht (nur) die schwierigen Beziehungen von Maja und Daniel zu ihren Partner*Innen gemeint, sondern auch das Verhältnis von Daniel zu seinem Vorgesetzten Gregers und der Chinesin Jia zu ihren falschen Freunden sowie ihrem unfreiwilligen Geheimdienst-Kontakt, aber auch und vor allem Majas Verhältnis zu ihren Kollegen Mikael Meisler oder Ramin.
    Aufgrund der hohen Anzahl an wichtigen Figuren (mit dänischen oder chinesischen Namen) hätte dem Buch ein Personenverzeichnis gut getan, um den Überblick zu gewährleisten.

    Jacob Weinreich und Lars Findsen ist mit „Dunkelmann“ ein außergewöhnlicher Thriller gelungen, der durch seine intelligente Handlung und psychologische Tiefe überzeugt. Ich freue mich auf eine hoffentlich baldige Fortsetzung der Reihe um Maja und Daniel.
    Die Rätsel meines Großvaters

    Masateru Konishi
    Die Rätsel meines Großvaters (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    04.04.2026

    Der Meisterdetektiv Teil 2

    Die junge Lehrerin Kaede kümmert sich liebevoll um ihren an der Lewy-Körper-Demenz erkrankten Großvater. Außerdem verbringt sie immer wieder Zeit mit ihrem Kollegen Iwata und dessen Freund Shiki. Die von den Freunden beobachteten oder erlebten Rätsel trägt Kaede ihrem Großvater vor, der in seinen lichten Momenten darin brilliert, die Rätsel zu entschlüsseln. Doch Kaede hat ein eigenes Trauma und gerät so selbst in einen Fall----
    »Die Bibliothek meines Großvaters« ist bereits der zweite Roman des japanischen Autors Masateru Konishi. Es beruht zum Teil auf dessen eigenen Erfahrungen mit der Pflege seines demenzkranken Vaters und lehrt die Leser*Innen einiges über die seltene Form der Demenz, das Lewy-Körper-Syndrom; dennoch erschienen mir einige Passagen nicht ganz glaubwürdig, sondern eher der dichterischen Freiheit zu unterliegen.
    »Die Bibliothek meines Großvaters« war in Japan ein Bestseller und ist Teil einer Trilogie.
    Die Handlung erinnert ein wenig an einen Episodenroman und ist durch die Treffen Kaedes mit ihrem Großvater sowie Iwara und Shiki angenehm verbunden und mit einem roten Faden ausgestattet.
    Nach Art der klassischen Detektive löst Kaedes Großvater in seinem stillem Kämmerlein jedes Rätsel, das Kaede ihm vorträgt. Während im ersten Band noch der Schwerpunkt bei Agatha Christie liegt, kommt hier im zweiten Band das Gespräch immer wieder auf Alfred Hitchcock und seine klassischen Krimis.
    Diesmal gibt auch Kaedes Freund Shiki den anderen ein Rätsel auf durch sein Verhalten, dem seine Freunde natürlich ebenfalls nachgehen und auch Kaedes großes Trauma spielt wieder eine Rolle.
    Von der leicht erzählten Schreibweise sollte man sich nicht täuschen lassen, denn die Geschichten haben durchaus Tiefgang und die Handlung ist sehr emotional. Großartig empfand ich die Passage, in der Kaede mit ihrem Großvater wegen seiner zunehmenden Ausfälle eine Ärztin aufsucht und diese Kaede die positiven Seiten ihrer besonderen Situation aufzeigt und ermahnt, die Erkrankung nicht als Katastrophe anzusehen, sondern Mut macht. Dies gibt noch einmal einen anderen, bemerkenswerten Blick auf die Krankheit und kann auch den Leser*Innen Hoffnung machen, die ebenfalls mit einer Form von Demenz konfrontiert sind.
    Die Figuren sind allesamt einfühlsam und mehrdimensional beschrieben; mich konnte ihr aller Schicksal absolut fesseln. Schade fand ich, dass die sich im ersten Band entwickelnden zarten Liebesbande nicht wirklich weiter verfolgt wurden; ich hoffe darauf, dass es hier im dritten und letzten Band zu einer Lösung kommt.
    Der Roman ist auch eine Hommage an die klassische (Kriminal-)Literatur, und so besteht er nicht nur aus den ausschließlich mit Kombinationsgabe gelösten einzelnen Fällen, sondern enthält auch eine Vielzahl an Anspielungen und Hinweisen auf Bücher bzw. Filme (die ich leider nicht alle entschlüsseln konnte).
    Sehr schön empfand ich das japanische Flair der Geschichte; nach einigen Erfahrungen muss ich doch sagen, dass japanische Autor*Innen Geschichten einfach ganz anders erzählen als alles, was ich sonst lese.
    Lobend erwähnen möchte ich auch die wunderschöne Ausstattung des Buches mit dem wundervollen Farbschnitt; dieser zusätzliche Genuss entgeht des Lesern des Ebooks leider.
    Ich empfehle das Buch gerne weiter an jeden, der sich auf den besonderen Erzählstil einlassen mag. Da in unserer Zeit eigentlich jede*r früher oder später mit dem Thema der „Demenz“ in seinem Umfeld konfrontiert wird, möchte ich dieses Buch ebenfalls allen sehr ans Herz legen.
    Der Gesang der See

    Trude Teige
    Der Gesang der See (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    30.03.2026

    Gegen gesellschaftliche Konventionen

    In Sunnmøre an der Westküste Norwegens im 19. Jahrhundert führen die Einwohner ein hartes Leben, das geprägt ist vom Fischfang und der Schafzucht. Als die junge, schwangere Kristiane ihren Ehemann verliert, soll ihr auch das Lotsenrecht entzogen werden, das seit Generationen ihre Familie innehat, denn als Frau darf sie dieses nicht ausüben; genau, wie ihr viele andere Tätigkeiten nicht zugestanden werden. Ihr Versprechen an ihren Vater, das Recht in der Familie zu halten, kann sie nur durch eine schnelle neue Heirat halten. Kristianes Jugendfreund Lars, für den sie sich entscheidet, wird ein zuverlässiger und verständnisvoller Ehemann, guter Vater für Kristianes Sohn Lisje-Anders und gewissenhafter Lotse. Doch Kristiane verliebt sich in den Kaufmannssohn und Kapitän Fredrik…..

    Die norwegische Schriftstellerin Trude Teige ist vor allem aufgrund ihrer Generationen Romane 2015-2025) bekannt und beliebt. „Der Gesang der See“ von 2002, der sie als Autorin bekannt machte, wurde allerdings jetzt erst auf Deutsch veröffentlicht; in ihm verarbeitet sie ihre eigenen Erfahrungen als Tochter eines Fischers an der norwegischen Westküste und die Geschichte ihrer Ururgroßmutter, die sich ihren Platz in der Männerwelt erkämpfte; sicher ein Grund, warum der Roman überaus authentisch und glaubhaft wirkt.

    Die norwegische Landschaft mit ihren harten Lebensbedingungen ist überzeugend beschrieben.

    Trude Teige schreibt klar und bildhaft und auf ruhige Art und Weise. Wie die Einwohner des Fischerortes macht sie kein großes Aufheben um die Geschehnisse, sondern beschreibt nüchtern die Vorgänge und schafft dennoch dabei eine gewisse Emotionalität. Allerdings ist in meinen Augen deutlich zu erkennen, dass die Autorin sich in den späteren Romanen weiterentwickelt hat und es ihr noch stärker gelingt, die Leser*Innen in die Geschichte hineinzuziehen.

    Teige zeichnet ein genaues Bild der norwegischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert. Sehr deutlich kommt dabei das patriarchalische Verhalten der Einwohner zum Ausdruck. Frauen waren nicht nur bestimmte Tätigkeiten wie das Arbeiten als Lotse untersagt, sie waren auch stark eingrenzenden gesellschaftlichen Zwängen unterworfen. Kristiane agiert in einer Weise, die widersprüchlich zu den geltenden gesellschaftlichen Konventionen ist und eckt mit ihrem Wunsch nach Selbstbestimmung immer wieder an. Dabei kämpft sie nicht nur für sich selbst um einen Platz in der Männerwelt, sondern für alle Frauen, wie zum Beispiel die musikalische Andrine, der ihre Familie Cellospielen verbietet, weil es angeblich unschicklich ist.

    Die Figuren sind mehrdimensional beschrieben und als Leser*In erhält man ein genaues Bild der klassengeprägten Gesellschaft zu der Zeit. Allerdings empfinde ich eine gewisse Distanz selbst zu Kristiane, obwohl ich sie als starke Frau schätze und bewundere.

    Für dieses bewegende und überaus lesenswerte Buch vergebe ich vier Sterne und empfehle es gerne weiter.
    Vergiss nicht zu tanzen, Hanna

    Mareike Busch
    Vergiss nicht zu tanzen, Hanna (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    29.03.2026

    Schrecklich schön

    Die Übersetzerin Anne reist in eine Kleinstadt in Norddeutschland, um ihre Mutter, die im Sterben liegt, zu begleiten. Die letzten Worte der Mutter deuten auf ein unausgesprochenes Familiengeheimnis, dem Anne nach und nach auf die Spur kommt, als sie nach deren Tod das handgeschriebene Buch ihrer Mutter findet, in dem diese von ihrer Kindheit in Westpommern zur Zeit des Nationalsozialismus berichtet ….

    Die als Autorin genannte Mareike Busch ist das Pseudonym eines Autors, der bisher überwiegend Kriminalromane verfasst hat; für dieses Buch hat er nun aber einen weiblichen Autorennamen gewählt. Er verarbeitet mit dieser Familiengeschichte auch seine eigene, denn die Hauptfigur Hanna ist nach dem Vorbild seiner Mutter entstanden.

    Eingebettet in die Rahmenhandlung der Gegenwart lässt Mareike Busch die - zunächst - sechsjährige Hanna in der Ich-Perspektive von ihrem Leben auf einem Bauernhof in Westpommern erzählen. Ihre Eltern sind mit ihren drei Kindern und dem Großvater, zu dem Hanna eine besondere Verbindung hat, aus einem niedersächsischen Dorf ausgewandert, woraus sich erste Schwierigkeiten ergaben, denn die Auswanderer sind streng katholisch und haben nur wenig mit den evangelischen Bewohnern gemein. Als der Nationalismus Einzug hält, geht ein Riss nicht nur durchs Dorf, sondern auch durch Hannas Familie. Zunächst schleichend, doch immer stärker wird das Leben von den politischen Auswirkungen und schließlich dem Zweiten Weltkrieg berührt. Während Hanna beobachtet und zu verstehen versucht, erhofft sie weitere Informationen durch das Belauschen ihrer Eltern zu erhalten.
    Diese Erzählperspektive aus der Sicht eines Kindes ist ungewöhnlich, doch sie konnte hervorragend ein authentisches und genaues Bild zeichnen von den Vorgängen im Dorf. Unbefangen und eher wertfrei schildert Hanna das Gesehene und es wird aufgezeigt, welchen Einfluss die Geschehnisse und Schrecken des Krieges tatsächlich auf das alltägliche Leben hatten, was ich viel emotionaler empfand als in vielen Geschichtsbücher.

    Leider endete der Roman mit einer nur kurzen Abhandlung über die Flucht und ihre dramatischen Auswirkungen für die Familie. Ich hätte so gerne noch mehr darüber erfahren, wie das Leben Hannas und ihrer Familie nach dem Krieg und einem weiteren Neuanfang weitergegangen ist, doch würde dies den Umfang des Buches restlos sprengen.

    Die tragische Figur dieses Romans ist sicher die zuletzt geborene Tochter Rosa, die aufgrund einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte und einer Entwicklungsverzögerung nicht nur besondere Aufmerksamkeit von ihrer Familie benötigte, sondern auch ins Visier des menschenverachtenden Systems geriet. Welches Schicksal sie ereilte, warum in Annes Familie später diese Schwester Hannas totgeschwiegen wurde, ergibt den besonderen Spannungsbogen in dieser Familiengeschichte.

    Die Figuren sind einfühlsam beschrieben, wirken sehr authentisch und durch Hannas Sicht einfach wie aus dem Leben gegriffen. Einen besonderen Bezugspunkt stellte dabei der Großvater dar, der Hanna Denkanstöße und Erklärungen lieferte, aber auch ihr Freund Martin, der mit seiner künstlerischen Ader einen schweren Stand bei seinem Vater hatte, dem Metzger mit brauner Uniform und überzeugten nationalsozialistischen Ansichten.

    Ein kleiner Wermutstropfen stellt in meinen Augen lediglich das etwas kitschige Ende dar, das einem großartigen Buch einen für mich zu banalen Abschluss bescherte.

    Die ruhige Erzählweise, in der Gedanken und Gefühle ihren Raum fanden, konnte mich ganz in ihren Bann ziehen und ich wollte gar nicht mehr mit dem Lesen aufhören. Das sehr genaue Bild, das Mareike Busch von einer normalen Familie in einer schrecklichen Zeit zeichnete, wirkte unaufgeregt und trotzdem - oder gerade deshalb - sehr eindringlich und ich möchte das Buch dringend allen weiterempfehlen, die mehr über diese Zeit wissen möchten (oder sollten).
    Zwei in einem Bild

    Morgan Pager
    Zwei in einem Bild (Buch)

    3 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    23.03.2026

    Eine magische Geschichte, etwas blass umgesetzt

    DIe alleinerziehende Claire nimmt eine Stelle als Putzkraft in der Barnes Foundation in Philadelphia an, wo sie fortan in Nachtschichten für einige Galerien zuständig ist. Besonders gefällt ihr das Gemälde "DIe Musikstunde", das 1917 von Henri Matisse erschaffen wurde und seine Familie (seine Ehefrau Amélie Noellie Parayre und die drei Kinder Marguerite, Jean und Pierre) zeigt. Eines Nachts steigt sie, eher durch Zufall, und von Jean gezogen, in dieses Bild ein und findet sich in der magischen Welt des Künstlers wieder. Sie erfährt, dass die Portraitierten in den Bildern ein geheimes Leben führen und zwischen den ausgestellten Kunstwerken reisen können. Nacht für Nacht unterbricht sie ihre Arbeit, um zu Jean in das Bild zu steigen und mit ihm Partys zu feiern, die Rennbahn zu besuchen und über Klippen zu wandern, während CLaire und Jean sich dabei immer näher kommen...

    Morgan Pager, Bookstagramerin und tätig im Verlagswesen, hat mit "Zwei in einem BIld" einen eigenen Genre-übergreifenden Roman geschrieben. Dabei geht sie der Frage nach, ob die Portraitierten in einem Gemälde möglicherweise abseits der Blicke der Betrachter ein eigenes Leben führen und wie dieses aussehen könnte: dabei lässt sie die Welten der Realität und der Kunst miteinander verschmelzen. Ausgesucht hat sie dazu ein Gemälde von Henri Matisse, einem bedeutenden Künstler der klassischen Moderne und es ist absolut empfehlenswert, sich dieses Bild begleitend - zum Beispiel im Internet - anzuschauen.

    In meinen Augen ist es eine bezaubernde Idee, eine junge Frau wortwörtlich in ein Gemälde eintauchen zu lassen, dort das Leben zu spüren und die Portraitierten näher kennenzulernen. Abwechselnd erzählt Morgan Pager die Geschehnisse dabei von Jean und Claire und lässt uns Leser*Innen an deren Gefühlen teilhaben. So wird das Kunstwerk Matisse' buchstäblich lebendig und wir erfahren etwas über die Familie Matisse' und die Zeit. (Ein wenig mehr Recherche und Hintergrundwissen hätte hier auch noch einen echten Mehrwert geben können.) Außerdem hat Claire aber auch ein Leben abseits des Museums, das wir mit zunehmendem FOrtgang der Handlung immer genauer kennenlernen und das voller Probleme und Sorgen ist.

    Leider bleiben die Figuren dabei recht eindimensional und fest in ihrer Rolle. Sowohl die Geschichte als auch die Figuren entwickeln sich nicht wirklich weiter; manche Handlungen Claires bleiben für mich nicht nachvollziehbar und insbesondere das Ende ist vorhersehbar. Obwohl ich mich gerne auf die magische Geschichte eingelassen habe, hat mich dennoch geärgert, dass manche Aktionen, die es nicht hätten sein müssen, völlig unrealistisch sind und damit in meinen Augen die ganze Geschichte abwerten. (Leider kann ich das hier nicht genauer beschreiben ohne zu spoilern - am schlimmsten fand ich da eine Sache am Ende.) Und auch die zarte Liebesgeschichte zwischen Claire und Jean hätte weiter ausgearbeitet sein können, um glaubhaft zu wirken. An manchen Stellen hätte ich die Handlung gerne angestupst, um mehr Spannung zu erhalten.

    Eine Auflistung der vorkommenden Gemälde wäre eine sehr schöne Ergänzung im Buch gewesen.

    Obgleich der Roman für Kunst-Interessierte eigentlich ein Muss sein könnte, blieb die Umsetzung einer charmanten Idee leider etwas blass, so dass ich nur drei Sterne vergeben kann.

    Alma

    Federica Manzon
    Alma (Buch)

    2 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    23.03.2026

    Alma

    Als der Vater der inzwischen 50jährigen Alma stirbt, reist sie zurück nach Triest, dem Ort, an dem sie aufgewachsen ist. Hier soll Vili, den ihr Vater einst in ihre Familie brachte, ihr ihr Erbe übergeben. An diesem Ort wird Alma heimgesucht von den Erinnerungen an ihre Familie, ihre Kindheit und ihre erste Liebe …

    Federica Manzon, italienische Autorin und Verlegerin, legt mit „Alma“ ihren ersten auch auf Deutsch erschienenen Roman vor, der bereits vielfach ausgezeichnet und in neun Sprachen übersetzt wurde.

    Positiv zu erwähnen ist die wunderschöne Sprache, die Federica Manzon verwendet. Anspruchsvoll und beinahe als künstlerisch zu bezeichnen, möchte man etliche Sätze aufschreiben und bewahren.

    Allerdings ist der Schreibstil insgesamt alles andere als leicht zu lesen, denn die Autorin springt von Gedanke zu Gedanke und verliert sich in Zeit und Raum. Ein roter Faden ist schwer zu finden, wirkliche Spannung kam bei mir nicht auf, und so wurde ich lange Zeit nur angetrieben von dem Wunsch, endlich zu erfahren, was denn nun das Erbe Almas Vater sein würde.

    Manzon scheut davor, Zeiten und Namen der Orte zu nennen, was es mir zusätzlich schwer machte. Sie lässt Alma häufig in Gedanken an „die Insel“ oder „die Hauptstadt“ verweilen, was die Geschichte in meinen Augen undurchschaubarer machte.

    Alma, die in Triest aufwuchs, einer Stadt mit einem spannenden historischen Werdegang, wird mehr oder meist weniger erzogen von einer Mutter, die in „der Stadt der Irren“ arbeitet, wohin sie Alma oft mitnimmt, einem Vater, der als rechte Hand des Marschall Tito meist durch Abwesenheit glänzt und ihren intellektuellen Großeltern, mit denen sie die österreichische Kaffeekultur in der Stadt genießt. Echte Nähe wird Alma nicht zuteil, was sich schließlich durch ihr ganzen Leben zieht – und auch nicht zu den Leser*Innen aufkommt. Manzon lässt Alma sich erinnern, aber Gefühle oder Wertungen der Hauptfigur erfahren wir nicht. Nicht nur Alma, sondern ihre ganze Familie blieb mir fremd. Diese doch recht ungewöhnliche Art, die Figuren zu zeichnen, ließ bei mir mehr Fragen offen, als beantwortet wurden. Trotzdem – oder vielleicht oder gerade deshalb – herrscht ein Gefühl von Melancholie, Zerrissenheit, Entwurzelung und fehlender Heimat.

    Dass Triest durch eine wechselhafte Geschichte mit Einflüssen aus Italien, Österreich-Ungarn und Slowenien gekennzeichnet ist, klang immer wieder an. Allerdings hatte ich häufig das Bedürfnis, die Lektüre durch weitere Informationen ergänzen zu müssen und forschte immer wieder im Internet nach.
    Während ich bei den geschilderten Kriegsgrauen zunächst an die Jugoslawienkriege (von 1991 bis 2001), die mit dem Zerfall des Staates verbunden waren, dachte, an die ich mich gut erinnern kann, deuten die Anspielungen auf den Marschall Tito jedoch auf frühere Kriege hin.

    Wirklich etwas gelernt oder verstanden habe ich leider nicht direkt durch die Lektüre, sondern durch meine zusätzlich erworbenen Informationen.

    Obwohl ich große Erwartungen an den Roman hatte, fand ich leider nicht wirklich einen Zugang zu Figuren und Handlung und bleibe enttäuscht zurück, obwohl Sprache und Themen durchaus lobenswert waren.

    Schatten von Potsdam

    Frank Hagedorn
    Schatten von Potsdam (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    05.03.2026

    Die Frage nach der Schuld

    Ein 19jähriger Schüler treibt tot in der Havel. Sein reicher Vater scheint eigene Ermittlungen aufzunehmen und versucht, die Kriminalisten Paula Osterholz und Henry Wullitzer vom Kommissariat in Potsdam auszubremsen. Und auch, als eine weitere Schülerin verschwindet, stoßen die Ermittler bei den betuchten Familien auf Widerstand ….

    Frank Hagedorn ist ein norddeutscher Autor, der unter dem Mädchennamen seiner Mutter veröffentlicht. Mit Schatten von Potsdam“ legt er den mittlerweile dritten Fall aus der Reihe „Paula Osterholz ermittelt“ vor, der sich problemlos ohne Vorkenntnis der beiden vorhergehenden Fälle lesen lässt.

    Auch, wenn diese Reihe stark lokal in Potsdam verankert ist und der Autor die Leser*Innen zu vielen markanten Orten mitnimmt, geht „Schatten von Potsdam“ inhaltlich weit über einen Regionalkrimi hinaus.

    Dass Frank Hagedorn bereits an vielen Film- und Fernsehproduktionen mitgewirkt hat, findet sich wieder in seinen überaus bildhaften und atmosphärisch dichten Beschreibungen. Der Schreibstil ist flüssig, die Perspektiven wechseln häufig, auch innerhalb der Kapitel, was einiges an Aufmerksamkeit erfordert.

    Besonders interessant ist, dass Hagedorn überwiegend als personaler Erzähler über Pascal, den Schuldigen, erzählt. So weiß der Leser fast von Anfang an, wer für die Todesfälle verantwortlich ist und erfährt eine Menge über die dahinter stehenden Motive. Dies tut der Spannung jedoch keinen Abbruch; im Gegenteil ist die Spannungskurve im gesamten Verlauf auf hohem Niveau bis hin zum dramatischen Show-Down.

    Im Mittelpunkt der Geschichte stehen das Mobbingopfer Vicky und ihr geschiedener Vater Pascal, der nach einem eigenen Gefängnisaufenthalt die Nähe zu seiner Tochter nicht verlieren will und diese daher stalkt – und so in etwas hineingezogen wird, worin er sich immer weiter verstrickt. Mit viel psychologischem Feingefühl und Gespür für seine Figuren teilt Hagedorn hier nicht in Gut und Böse ein, sondern hebt die authentischen und mehrdimensionalen Figuren auf eine andere Ebene: Der Krimi hat für mich dadurch schon einen rechtsphilosophischen Ansatz und stellt die Frage nach moralischer Schuld bei verschiedenen Akteuren.So kommen auch viele gesellschaftspolitische Themen zur Sprache, wie Mobbing, Influencertum, Korruption usw., über die gerne und viel diskutiert werden sollte.

    Lediglich die Rolle von Vicky, Pascals Tochter, ist für mich nicht ganz zu Ende erzählt. Ihre Figur in dem Ganzen wurde etwas vernachlässigt und eine avisierte Wendung findet keinen Abschluss.

    Überraschenderweise kommt den Ermittlern Paula und Wullitzer (mich störte ein wenig das Zusammenspiel vom Vorname bei der weiblichen Ermittlerin und Nachname beim männlichen Ermittler) eher ein wenig eine Statistenrolle in der Handlung zu. Sie ermitteln zwar, aber das eigentliche Krimigeschehen findet an anderer Stelle statt.
    Allerdings hat Paula auch einen persönlichen Fall am Hals, der sich sogar auf das Team auswirkt. Hier fehlte mir ein wenig Vorkenntnis aus den ersten beiden Bänden; es macht aber auch Lust, die Fortsetzung zu lesen, um zu erfahren, wie Paula dieses Problem lösen wird.

    „Schatten von Potsdam“ ist ein spannungsgeladener, psychologisch dichter Krimi mit überraschenden Wendungen und starken Figuren, den ich unbedingt weiterempfehle. Ich freue mich schon auf den nächsten Teil der Reihe!
    Die Witwe

    M. W. Craven
    Die Witwe (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    01.03.2026

    Komplexer Krimi mit einem tollen Ermittlerduo

    DS Washington Poe und die Analystin Tilly Bradshow, eigentlich bei der Serious Crime Analysis Section auf Serienmörder spezialisiert, werden - mehr oder weniger freiwillig vom MI5 beauftragt zu ermitteln: In einem geheimen Bordell wird ein Hubschrauberpilot, grausam gefoltert, tot aufgefunden. Da dessen Firma für Shuttleflüge bei dem in Cumbria bevorstehenden intenationalen Gipfeltreffen beauftragt ist, bekommt die Aufklärung ein besonderes Gewicht. DS Poe zur Seite gestellt werden Melody Lee vom FBI, die für die Sicherheit der US-Teilnehmer der Konferenz verantwortlich ist und - sehr zu Poes MIssfallen - die MI5 Mitarbeiterin Hannah Flint, die zu Beginn der Ermittlungen eine Keramikratte vom Tatort entwendet. Als Tilly durch diese Figur eine Verbindung zu einem länger zurückliegenden Banküberfall herstellt, bei dem nichts gestohlen, aber eine Leiche zurückgelassen wurde, ist Poes Interesse endgültig geweckt ....

    Mike W. Craven ist ein britischer Krimi- und Thriller-Autor, der vor allem für seine Bestseller-Reihe um Detective Sergeant Washington Poe bekannt ist. Mit "Die Witwe" erscheint in Deutschland nun (am 1.1.26) der vierte Fall aus dieser Serie. EIne Kenntnis der vorhergehenden Werke ist absolut nicht erforderlich; ist es zwar an manchen Stellen eine Verbindung zu erkennen, doch ist - bis hin zu einer genauen Charakterisierung der beteiligten Figuren - dieser Krimi in sich abgeschlossen und rund.

    Schauplatz dieses Krimis ist die Gegend um Cumbria im nordwestlichen England, einer rauhen und ländlichen Gegend.

    Cravens Schreibstil ist flüssig und bildhaft. Ausgehend von einer doch als bizarr zu bezeichnenden Situation, also der gefolterten Leiche in einem geheimen Bordell, die bereits viele Fragen aufwirft, führt Craven seine Leser*Innen in einem hohen Tempo und teilweise eindeutigen Gewaltdarstellungen durch die Story. Immer neue überraschende Wendungen und Cliffhanger halten die Spannung auf einem extrem hohen Niveau, bis Poe schließlich zu einer von allen unvorhergesehenen Lösung kommt. Besonders gut gefallen hat mir hier, dass das Buch mit der Präsentation des Mörders noch nicht zu Ende war, sondern Craven Poe noch weitere Hintergründe entdecken ließ, die jetzt erst den Titel des Buches erklärten.
    Brillant sind im gesamten Verlauf die Wortwechsel von Poe und Tilly, die inmitten der Grausamkeit der Verbrechen einen kontrastierenden schwarzen Humor offenbaren.

    Überraschend an der Handlung dieses Krimis ist eine Hinwendung zum Militär. Allerdings ist diese so plausibel und in den Details und Fachbegriffen so genau erklärt, dass keine Fragen offen blieben. Hier merkt man auch, dass der Autor weiß, von was er schreibt, denn er war selbst Mitglied der Britischen Armee.

    "Die Witwe" zeichnet sich aus durch das zentrale Duo der gesellschaftlichen Außenseiter: Washington Poe, einem zynischen, intuitiven Ermittler, und Tilly Bradshaw, einer hochbegabten zivilen Analystin, die sozial völlig unbeholfen ist und alles wörtlich nimmt. Und nur durch die Kombination dieser Fähigkeiten, Poes Hartnäckigkeit, seine Sturheit auch gegen die Wünsche des MI5 und seine Erfahrung und Tillys datenbasierter Analyse, kann die Lösung des Falles vorangetrieben werden. Obwohl beide Figuren unangepasst und durchaus schwierig zu nennen sind, sind mir beide schnell ans Herz gewachsen und mir haben ihre Interaktionen sehr gefallen.
    Die weiteren Figuren sind nicht so umfassend beschrieben und insbesondere die Rolle von Hannah Flint blieb für mich recht undurchsichtig.
    Ich hätte mir auch ein Personenverzeichnis gewünscht, da eine VIelzahl an handelnden Figuren und ihre unterschiedlichen Zugehörigkeiten zur National Crime Agency, zur Polizei, zum MI5 und FBI mich teilweise den Überblick verlieren ließen.

    DIeser überaus komplexe Fall, die detaillierte Ermittlungsarbeit und das besondere zentrale Duo Poe/Tilly machen diesen Krimi im modernen Police Procedural Stil zu einem absolut empfehlenswerten Krimi, der Lust auf die komplette Reihe macht.
    Es ist hell und draußen dreht sich die Welt

    Dita Zipfel
    Es ist hell und draußen dreht sich die Welt (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    01.03.2026

    Intensiv und feministisch

    Felix, erfolgreich, wohlhabend und selbstbewusst und mit einer jungen, schönen und fruchtbaren Frau namens Eva liiert sowie zwei Kindern, lädt seinen besten Freund Matze, wenig erfolgreich und finanziell sehr viel weniger gut gestellt und dessen Frau Linn, älter, nicht so schön und vor allem ungewollt kinderlos, in einen Luxusurlaub nach Südfrankreich ein. Während sich die Männer – klischeehaft männlich – alle Unterschiede ignorierend mit Crémant betrinken und angeln gehen, beobachten die Frauen sich und ihre Haltungen distanziert. Derweil Eva scheinbar in ihrer Mutterrolle aufgeht, ist Linn zerrissen zwischen dem Wunsch, mit einer weiteren künstlichen Befruchtung endlich Mutter zu werden und der Frage, ob sie überhaupt eine „gute“ Mutter sein kann…..

    Die Autorin Dita Zipfel hat neben Romanen auch Drehbücher und Theaterstücke geschrieben, und „Es ist hell und draußen dreht sich die Welt“ wirkt wie ein Kammerspiel mit seinen vier (oder genauer gesagt fünf) Darsteller*Innen in einer französischen Luxusvilla, ohne Statisterie und ohne Dekorationsaufwand; ausgenommen der gelbe Kanarienvogel, der die Titelseite ziert und auch als Symbol im Roman wirkt.

    Die Kapitel sind kurz, genau wie die knappen Sätze und die manchmal fast sperrig wirkende Sprache. Dazu kommen viele Perspektivwechsel, die nicht gekennzeichnet sind und teilweise sehr abrupt wirken. Dennoch zeichnet Dita Zipfel ein klares Bild von ihren Figuren, ihren Gedanken und Wünschen; vieles entwickelt sich zwischen den Zeilen und lässt Raum für Interpretationen, dazu kommt eine starke Symbolik, mit der sich weiter befasst werden kann.
    Obgleich die Themen um Kinderwunsch und die Frage einer „guten“ Mutter nicht (mehr) mein Thema sind, konnte mich dieser Roman absolut in seinen Bann ziehen mit seiner Intensität.

    Während die Männer in ihren vertrauten Mustern bleiben und ihre zugewiesenen Rollen annehmen, stehen die Frauen im Mittelpunkt: sie beobachten, hadern mit sich und anderen, setzen sich mit dem Erfahrenen auseinander und planen schließlich ihre Zukunft. Aus Neid und Missgunst entwickeln sich im Laufe der Zeit Verständnis, Respekt und Solidarität bei Eva und Linn; schließlich werden sie sogar zu Verbündeten. Insbesondere die Frauen bestechen durch die einfühlsam beschriebenen Gedanken und Handlungen, ihre authentische Mehrdimensionalität und ihre Zerrissenheit sowie ihre mehr oder weniger offen gezeigte Wut. Und auch, wenn mir Linn vornehmlich unsympathisch blieb mit ihrer offen gelebten Female Rage und irritierenden Handlungen, war ihre Rolle durchaus nachvollziehbar und regte zum Nachdenken an.

    Es ist beachtlich, wie viele Themen Dita Zipfel auf gerade einmal gut 200 Seiten abhandelt: Rollenbilder, patriarchale Strukturen, Weibliche Selbstbestimmung, Muttersein und ungewollte Schwangerschaften, die Belastungen künstlicher Befruchtungen, psychische Erkrankungen, weibliche Wut und gesellschaftliche Regeln. Gut beobachtet von der Autorin und mit feinen Zwischentönen kraftvoll erzählt. Für mich passte auch das einigermaßen überraschende Ende und viele offene Fragen absolut zu diesem Roman, der dahin reicht, wo es wehtut.

    Ein Buch, das mich bewegt hat und noch lange nachhallt, aber das sicherlich polarisiert.
    Waldmann

    Thomas Ziebula
    Waldmann (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    01.02.2026

    Menschenhandel, Zwangsprostitution und Ausbeutung

    Kommissar Hannes Waldmann ist seit dem spurlosen Verschwinden seiner Frau vor einigen Jahren auf einem Bazar in Lagos (Nigeria) in einem psychischen Ausnahmezustand. Als er nach einer Zwangspause wieder zurück im Polizeidienst ist, wird er mit einem ermordeten Politiker konfrontiert. Die Ermittlungen führen zu Menschenhandel, Zwangsprostitution und Ausbeutung. Auch die Journalistin Pia Luninger, die sich mit ihrer Recherche zu einem Artikel über die frauenverachtenden Machenschaften in Gefahr begibt und die ominöse Suse, die Kontakt zu misshandelten Frauen hat, bringen Waldmanns Ermittlungen voran....
    Der deutsche Autor Thomas Ziebula ist in den verschiedensten Genres zuhause. Nach den scharfsinnigen historischen Kriminalromanen um den kriegsversehrten Inspektor Paul Steiner legt der Autor nun mit „Flucht in den Tod“ den Auftakt einer neuen Reihe um den - ebenfalls psychisch angeschlagenen – Kommissar Hannes Waldmann vor.
    Ziebula hat beeindruckend recherchiert und konfrontiert seine Leser*Innen mit höchst aktuellen realen Themen. Nur schwer aushaltbar ist es, von jungen Frauen zu erfahren, die vor den Schrecken des Krieges aus der Ukraine flüchten und naiv und gutgläubig skrupellosen Männern in die Hände fallen, die in ihnen lediglich eine Ware sehen, mit der sich viel Geld verdienen lässt. Und das Entsetzen wird noch größer bei der Entdeckung, dass hinter allem die – real existierende - nigerianische Mafia „Black Axe“ steckt, die offenbar länderübergreifend völlig kaltblütig und abscheulich agiert.
    Ziebulas Schreibstil ist angenehm lesbar und dabei alles andere als flach. Durch häufige Wechsel der Erzählperspektive lässt er ein genaues Bild des Geschehens entstehen, in dem viel Platz für die Hauptfiguren ist und ihre Gefühle und ihr Handeln klar ersichtlich werden. Angabe von Zeit und Ort bei den Kapitelüberschriften empfand ich als hilfreich.
    Überhaupt ist die Zeichnung der mehrdimensionalen Figuren mit ihren Ecken und Kanten und manchmal nicht sofort erkennbaren Intentionen eine Stärke des Autors. Jede einzelne ist genau beschrieben in dem, was sie ausmacht. Der Anspruch Ziebulas ist nicht, eine sympathische Hauptfigur zu erschaffen, sondern eine bedeutsame, die auffällt in der Masse. Dabei entwickeln sich sowohl Waldmann als auch Pia und Suse im Laufe der Geschichte nicht nur selbst weiter, sondern öffnen sich auch dem/der Leser*In immer weiter, so dass das Bild von ihnen im Laufe der Handlung zunehmend plastisch wird.
    Die Krimihandlung ist von Anfang bis Ende spannend und wird durch ein dramatisches Showdown abgeschlossen, in dem dieser Fall aufgeklärt wird, doch Waldmann und die Leser*Innen müssen sich damit abfinden, dass „das Böse“ nicht besiegt ist.
    Gut gefällt mir, dass es Thomas Ziebula gelingt, ein hochkomplexes Thema übersichtlich zu beschreiben und sich nicht in langatmigen Ausführungen verliert. Ein spannender Fall wird mit überraschenden Wendungen dargestellt, der letztlich einen Blick auf das große Ganze der mafiösen Verbrechen gibt.
    Ich empfehle diesen intelligenten Krimi unbedingt weiter an alle Freunde des Genres, die das Leid – nicht nur - der Frauen aushalten können und denen, die interessiert sind an dem aktuellen Weltgeschehen, das unter den lauten Tagesmeldungen leider zu oft verschwindet: das Schicksal der Ukrainerinnen, die sich nach Frieden sehnen und all der Frauen, die unverschuldet in die Hände menschenverachtender Ungeheuer fallen – und das große Business, das mit Sex betrieben wird.
    Liebesrausch

    Charlotte von Feyerabend
    Liebesrausch (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    28.01.2026

    Liebe und Schaffen wie im Rausch

    Die Amerikanerin Anaïs Nin zog 1924 mit ihrem Ehemann, dem Bankangestellten Hugh Parker Guiler, nach Paris. Finanziell gut aufgestellt, unterstützte das Ehepaar avantgardistische Künstler und lernte so auch Henry Miller kennen. Anaïs und Henry stürzten sich in eine rauschhafte Liebesaffäre und trieben sich gegenseitig in ihrer literarischen Kunst an. Doch das wilde Leben im Paris der 30er Jahre fordert auch einen Preis: Anaïs ist zerrissen zwischen ihren Bedürfnissen und Gefühlen, die sie ihren Tagebüchern anvertraut, die einmal zu den Klassikern der Literatur gezählt werden…..

    Die deutsche Autorin Charlotte von Feyerabend hat – zusätzlich zu ihrem Schaffen innerhalb DELIAs (Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautorinnen und -autoren) – wichtige Romanbiografien über starke Frauen veröffentlicht (Beate Uhse, Selma Lagerlöff, Caroline Märklin) und legt nun ihre Biografie über die skandalumwitterte Schriftstellerin Anaïs Nin vor, die insbesondere für ihr ausschweifendes Leben im Paris der 30er Jahre bekannt ist, und ihre Beziehung zu dem amerikanischen Schriftsteller Henry Miller, dessen damals entstandenes Buch „Im Wendekreis des Krebses“ lange Jahre indiziert war.

    Nachdem Charlotte von Feyerabend auf einem Pariser Flohmarkt alte Ausgaben der Tagebücher Nins in die Hände gefallen worden, war klar, dass sie über die Frau schreiben muss – und hat absolut akribisch recherchiert. Herausgekommen ist eine gut lesbare Geschichte, die jedoch inhaltlich nicht ganz leicht verdaubar ist, wie ich finde, in vielerlei Hinsicht.

    Erzählt wird „Liebesrausch“ aus den unterschiedlichen Perspektiven von Anaïs Nin in der Ich-Perspektive erzählt und Henry Millers durch einen personalem Erzähler, unterbrochen von Tagebucheinträgen der Schriftstellerin. Die Sprache ist teilweise sehr derb in der sexuellen Verbalerotik, aber durchaus auch immer wieder anspruchsvoll. Das mag nicht jedem gefallen, gehörte jedoch unabdingbar zu den beschriebenen Personen und folgt aus ihren Originaltexten.

    Auf den ersten Blick geht es um eine alles verzehrende Liebesbeziehung zwischen zwei Künstlern in ihrer kreativen Schaffensphase, die sich gegenseitig zu immer größeren Höhen anspornen und dadurch Welt-Literatur erschaffen; doch haben beide auch weitere Affären und Anaïs’ Verhältnis zu June ist durch einen Spiegel ihrer selbst gekennzeichnet, in der sie eine eigene Welt durch ihre Sprache erschaffen wollen. Trotz aller Intellektualität wird – bereits schon im Elternhaus - eine eigene Wahrheit hervorgebracht.

    Ein Kernthema von Anaïs ist – bewusst und unbewusst - die Selbstbestimmung von ihr als Frau, resultierend aus der Tatsache, dass jeder Mann, dem sie begegnet, sie besitzen will. Aus dem Gedanken, dass Frauen anders sind, sehnt Anaïs sich dann auch nach dem Gleichgeschlechtlichen. Doch nicht nur die sexuelle Selbstbestimmung (zu der Zeit vor 100 Jahren noch ein absolut abwegiger Gedanke), sondern auch der Wunsch, sich ausleben zu können, prägt ihr Handeln, mit dem sie auch ihrer Zeit weit voraus ist.

    Charly von Feyerabend gelingt es außerordentlich bildhaft, den mehrdimensionalen Charakter und die innere Zerrissenheit der Anaïs Nin darzustellen; dass diese Hauptfigur mir dennoch fremd blieb, liegt aber gewiss nicht an den Ausführungen, sondern einer völlig anderen Lebenswelt und anderen Werten.

    Spannend ist im Zusammenhang mit der Psyche der skandalträchtigen Schriftstellerin auch die objektive und subjektive Psychoanalyse. Doch auch hier bestätigt sich das Männerbild von Anaïs Nin: Ihr Analytiker gibt Hinweise, hält diese aber auch selbst nicht ein und überschreitet so ebenfalls Grenzen. Und die wiederkehrenden eigenen Grenzüberschreitungen bleiben ein Thema für Anaïs, bis hin zum Inzest – nicht leicht zu ertragen für mich beim Lesen.

    Anaïs Nin ist und bleibt der Mittelpunkt dieser starken Romanbiografie. Die außerdem auftretenden Männer befriedigen dabei lediglich ihre Bedürfnisse: ihr Ehemann Hugo den nach Sicherheit, Henry literarisch, dieser und weitere Männer ihren Sexualtrieb und der Psychoanalytiker den Intellekt. Und immer wieder geht es darum, Grenzen zu überschreiten.

    Im gesamten Verlauf der Biografie fiebert man mit, bis Anaïs schließlich zu sich selbst findet.

    Abgerundet wird das Buch durch Karten von Paris, zusätzliche Informationen der Autorin, als „Épilogue“ tituliert mit Informationen über die Wegbegleiter von Anais Nin, wichtigen Anmerkungen der Autorin zu einzelnen Textstellen, Rezepten und einem umfassenden Literaturverzeichnis.

    Wer mehr über die inzwischen fast vergessene skandalumwitterte Literatin Anaïs Nin erfahren möchte und über die wilde Künstlerszene im Paris der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts, ist mit der Romanbiografie absolut richtig beraten. Ich möchte allerdings eine Triggerwarnung aussprechen, da die Grenzüberschreitungen und die sexuellen Handlungen bis hin zum Verkehr Anaïs’ mit ihrem Vater nicht für jeden geeignet sind.

    Wunderbar herausgearbeitet ist Anaïs’ Liebe zur Sprache, ihr Streben nach dem Perfekten, der Veröffentlichung, ihr Arbeiten im Wahn: Liebe und Rausch!
    Ich vergebe fünf Sterne für dieses anspruchsvolle Werk, in dem ich mir bislang fast unbekannte Personen näher kennenlernen durfte und jetzt auch Lust bekommen habe den Klassiker von Henry Miller zu lesen.
    Montmartre - Traum und Schicksal

    Marie Lacrosse
    Montmartre - Traum und Schicksal (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    15.01.2026

    Frauenleben in der Belle Epoque

    Paris 1889. Elise Lambert ist zum gefeierten Star des Moulin Rouge aufgestiegen, doch ihre ehemalige Freundin La Goulue wird neidzerfressen zu einer erbitterten Feindin. Valérie Dumas wird aus finanziellen Gründen von ihrer Familie in eine arrangierte Ehe gezwungen, in der ihr widerlicher Ehemann ihr eine selbstbestimmte Tätigkeit als Kunstmalerin mit brutaler Gewalt verbietet. Auch Elises Schwester Simone kann nicht selbstbestimmt leben, sondern wird von ihrem Ehemann in die Prostition gezwungen.

    Marie Lacrosse, Pseudonym der deutschen Bestseller-Autorin Marita Spang für ihre historischen Romane, legt mit "Montmartre - Traum und Schicksal" den zweiten Band ihrer Dilogie um die beiden künstlerisch begabten jungen Frauen Elise und Valérie vor, die im Paris zum Ende des 19. Jahrhunderts ihren Träumen nachjagen und sich doch ihrem Schicksal ergeben müssen. Was für ein passend gewählter Titel für die wunderbare Fortsetzung!

    NIcht umsonst hat sich Marie Lacrosse für die beiden Frauen Elise und Valérie als Hauptfiguren entschieden, die zwar am gleichen Tag von derselben Hebamme entbunden wurden, die aber perfekt für die sozialen Gegensätze und damit einem Kernthema der Belle Epoque stehen. Elise, in bitterer Armut aufgewachsen, und Valérie, aus einer wohlhabenden Familie stammend, sind beide künstlerisch talentiert und träumen von einer Karriere als Tänzerin bzw. Kunstmalerin - und für beide scheinen sich ihre Träume zu erfüllen. In der dargestellten Zeit der kulturellen Blüte findet sich - von der Autorin wunderbar erzählt - eine faszinierende Künstlerszene mit berühmten Künstlern wie Henri de Toulouse-Lautrec, Vincent van Gogh oder Edgar Degas und die schillernde Scheinwelt der Cabarets, allen voran das berühmt-berüchtigte Moulin Rouge.
    Trotz moderner Tendenzen und neuen Fragen der sozialen Gerechtigkeit herrschten weiterhin konservative Meinungen vor; Frauen waren dem Manne untergeordnet und ihrem Streben nach Anerkennung wurde abfällig ("Malweiber") bis gewaltbereit begegnet.

    Die Autorin hat genauestens recherchiert und entführt ihre Leser*Innen in ein Paris, das bildgewaltig vor dem inneren Auge entsteht. Das geschilderte Treiben im weltbekannten Moulin Rouge, auch der Bau der Basilika Sacré-Cœur, die Gebäude der Haussmann-Ära (im Gegensatz zu den Slums am Montmartre) und die Vorkommnisse beim Bau des Panama-Kanals stehen im Zusammenhang mit klangvollen Namen, die mit Leben gefüllt werden. DIe gesellschaftspolitischen Umstände spiegeln sich in den Handlungen wieder und ziehen die Leser*Innen tief in die Welt des Montmartre.

    Brillant ausgearbeitet mit psychologisch genauem Blick sind auch die Figuren, und zwar nicht nur die, die wie Elise und Valérie im Mittelpunkt der Handlung stehen, sondern auch die zahlreichen Nebenfiguren. Sie sind mehrdimensional, entwickeln sich weiter und bleiben absolut authentisch. Zu jedem Zeitpunkt habe ich mit den zahlreichen starken Frauen, die in der realen Geschichte leider zu oft untergehen, mitgefiebert und mitgelitten und konnte das Buch nicht aus der Hand legen, bevor sich für alle eine zufriedenstellende Lösung ergeben hatte.
    Großes Können beweist die Autorin auch dabei, die fiktiven Figuren und ihre Handlungen in die reale Geschichte einzufügen und historische Persönlichkeiten darin ebenso schlüssig handeln zu lassen.

    Der Roman ist in vier Teile gegliedert, die Kapitel werden in personaler Erzählweise aus der Sicht der Frauen erzählt, die die Leser*Innen emotional mitreißend auf ihrer Suche nach einem selbstbestimmten Leben begleiten. Eine Karte des Montmartre Ende des 19. Jahrhunderts, aussagekräftige Zitate, ein Personenverzeichnis, in dem Historische Persönlichkeiten ausdrücklich gekennzeichnet sind, befinden sich am Anfang des Buches sowie eine Abgrenzung von Wahrheit und Fiktion durch die Autorin (was ich besonders hervorheben möchte!), Informationen zu Stilrichtungen der Malerei, eine Liste der erwähnten Kunstwerke und ein Quellenverzeichnis am Ende runden das Gesamtwerk ab.

    "Montmartre - Traum und Schicksal" ist meiner Meinung nach perfekte Unterhaltung mit einem großartigen Mehrwert durch genau recherchiertes Geschichtswissen, das sich quasi nebenbei erfahren lässt. Ich vergebe glänzende fünf Sterne und empfehle das Buch unbedingt weiter. Hoffentlich gibt es bald Neues aus der Feder von Marie Lacrosse.
    Die weiße Nacht

    Anne Stern
    Die weiße Nacht (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    10.01.2026

    Meisterhafte Verbindung von authentischer Historie und Krimi

    Die junge Fotografie Lou Faber streift im eiskalten Hungerwinter durch Berlin, auf der Suche nach Motiven, die ihren Lebensunterhalt sichern könnten. Eine junge Frau, die mit gefalteten Händen tot im Schnee liegt, wird von Lou fotografiert; und diese Bilder lassen ihr keine Ruhe, sie beginnt nachzuforschen. Offiziell mit den Mord-Ermittlungen beauftragt wird der Kriminalkommissar Alfred König, für den Lous Fotos und ihre messerscharfen Beobachtungen und Analysen bald unverzichtbar werden. So kommen beide abscheulichen Machenschaften auf die Spur, wobei Lou selbst in Gefahr gerät....

    Die deutsche Bestseller-Autorin Anne Stern, bekannt für ihre historischen Romane, die oft im Berlin des 19. und 20. Jahrhunderts spielen, und die insbesondere für die erfolgreiche Reihe um die Hebamme "Fräulein Gold" bekannt ist, legt mit "DIe weiße Nacht" den Autakt zu einer neuen Krimiserie um den geheimnisumwitterten Kriminalkommissar Alfred König und die aufmerksame Fotografin Lou Faber vor. (Ich muss zugeben, dass es mich nicht nur aus femininer Sichtweise verwundert hat, dass die Reihe "Lou und König heißt - also die Frau nur mit Vornamen, der Mann mit Nachnamen benannt wird.)

    Als promovierte HIstorikerin hat Anne Stern einmal wieder nicht nur genauestens recherchiert, sondern es gelingt ihr auf wunderbare Art und Weise, die äußeren Umstände und das schwere Leben im Nachkriegs-Berlin des Winters 1946/47 den Leser*Innen vor Augen zu führen. Sehr berührt haben mich die Beschreibungen der eisigen Kälte und des Hungers der Menschen im zerbombten Berlin und ihre Bemühungen, zumindest auf den Schwarzmärkten das Überleben zu sichern. Auch die Aufteilung der Stadt in die vier Besatzungszonen und die sich hieraus ergebenden Umstände waren eindringlich. Die Nachwirkungen des Krieges sind präsent, während das Handeln auf das tägliche Überleben ausgerichtet ist.

    Sterns Erzählweise ist klar und ruhig und geht unter die Haut. DIe Spannungskurve zieht sich vom ersten Moment an durch die Handlung; nach einigen durchaus überraschenden Wendungen wird der Fall der Toten mit ihren Hintergründen aufgedeckt - und dennoch erwartet uns am Ende ein fieser Cliffhanger, der erst im nachfolgenden zweiten Band bearbeitet werden wird, dessen Erscheinungstermin noch offen ist.

    Begeistert haben mich einmal mehr die Figuren. DIe beiden namensgebenden Lou Faber und Alfred König sind mehrdimensionale Charaktere mit Ecken und Kanten und insbesondere König schleppt ein erdrückendes Geheimnis mit sich herum,; doch auch in Lous Leben scheint es Rätsel zu geben. DIe Entwicklung der Figuren und ihre vorsichtige Annäherung zu dem Ermittler-Paar, das der Name der Reihe verspricht, ist spannend zu verfolgen - sind sie sich doch anfangs alles andere als sympathisch und sehr diskrepant in ihren Handlungen. Darüberhinaus haben mich auch die weiteren Figuren absolut fesseln können; sei es der Königs junger Kollege Trautwein, Emil, Gregor oder Bruno, Lous Mitbewohner, dessen Geschichte zwar unausgesprochen bleibt, doch sehr nahe geht. Trotz viele Andeutungen und Leerstellen wirkte die Geschichte stets intensiv, schlüssig und authentisch.

    Besonders ansprechend war es, die Geschichte, in der Kälte und Schnee (und auch das Weihnachtsfest) eine große Rolle spielen, in diesem WInter zu lesen - doch das soll niemanden abhalten, das BUch jederzeit zur Hand zu nehmen!

    Für Leser*Innen, die eine rasante Krimihandlung bevorzugen ohne viel Ablenkungen, ist dieses Buch eher ungeeignet, aber:
    Anne Stern ist es geradzu meisterhaft gelungen, Geschichte und Krimi zu verbinden und authentisch und spannend zu erzählen. Für mich gehört "DIe weiße Nacht" zu den HIghlights des Jahres und ich kann es nur wärmstens empfehlen an interessierte Leser*Innen.
    Adama

    Lavie Tidhar
    Adama (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    24.11.2025

    FamilienEpos auf palästinensischem Boden

    Die junge Jüdin Ruth verlässt ihre Familie in Budapest, um vor den Nazis zu flüchten und sich in Palästina in neues Leben aufzubauen. Sie ist Mitbegründerin des Kibbuz Trashim, dessen Existenz ihre Lebensaufgabe wird - neben der Freiheit des neuen Staates Israels. Zunächst die Auseinandersetzungen mit den Briten, die das Land besetzt hielten und schon bald die Vertreibung der Araber und die arabisch-israelischen Kriege des Nahostkonflikts machen Ruth zu einer harten Kämpferin, die vor Waffengewalt, Lügen und Mord nicht zurückschreckt. Ganz privat wird sie geleitet von dem Hass auf einen Mann, der ihre ungarische Familie an die Nazis verraten hat, die allesamt mit Ausnahme ihrer Schwester Shosh getötet wurden. Als diese befreit wird und Ruth wiederfindet, zeigt sich der Unterschied der Schwestern: Shosh kommt mit dem Leben im Kibbuz und der Härte Ruths nicht klar.....

    Der englischsprachige Autor Lavie Tidhar, selbst in Israel geboren und in einem Kibbuz aufgewachsen, lebte seither in verschiedenen Ländern und ist eigentlich bekannt als SciFi- und Fantasy-Autor. Mit "Adama" versucht er sich nun an einem völlig neuen Genre, dessen Bezeichnung als "Thriller" diesem Werk nicht gerecht wird; vielmehr ist es ein Roman der Gegenwartsliteratur, Politthriller, FamilienSaga und ein gnadenloses historisches Epos.

    Ein echter Spannungsroman ist "Adama" sicher nicht; dennoch konnte mich Lavie Tidhar fesseln mit dieser packend erzählten Familiengeschichte in einem Land, das von ständigen Krisen und Spannungen mit seinen Nachbarn gebeutelt wird. Interessant finde ich, dass auch der Autor selbst alles andere als versöhnlich mit seiner Vergangenheit als Kibbuznik oder seiner Heimat Israel umgeht, ohne direkt Kritik zu üben. Tatsächlich erinnere ich mich daran, dass es in meiner Jugend noch als chic galt, einige Zeit in einem Kibbuz zu arbeiten - was sich im Buch ja auch durch die ausländischen jungen Menschen widerspiegelt; jedoch habe ich nun durch "Adama" einen sehr starken Widerwillen gegen dieses mikrosozialistische Experiement.

    Der Titel des Romans "Adama" bedeutet im Hebräischen übrigend „Erde“ oder „Erdboden“ ; und genau darum geht es in diesem Buch: Um die Erde, die Ruth in ihrem Kibbuz Trashim beackert und um den Boden, auf dem der Staat Israel gegründet wird. Beides ist eine Geschichte von Gewalt und Tod, Liebe und Verrat und den Behauptungswillen einer starken Frau.

    Wenngleich es mir gut gefällt, dass eine starke Frau im Mittelpunkt der Geschichte steht, muss ich doch zugeben, dass ich weder mit ihr noch einer anderen Figur wirklich warm geworden bin. Lavie Tidhar zeichnet seine Figuren distanziert und mit aller Brutalität, was es mir schwer machte, Sympathie für sie oder irgendwelche ihrer Handlungen zu empfinden.

    Lavie Tidhar erzählt die Geschichte nicht chronolisch, sondern springt zwischen den Zeiten hin und her, während er die Geschichte dreier Generationen zwischen 1946 und 2009 beschreibt und wechselt dabei auch die Erzählperspektive.
    Meiner Meinung nach hätte ein übersichtliches Personenverzeichnis und vor allem ein Zeitstrahl mit den entscheidenden Ereignissen in der Geschichte des Landes Israel sowie ggf. noch eine Landkarte dem Buch gut getan. So musste ich tatsächlich parallel zur Lektüre sehr viel googeln, um die einzelnen Etappen logisch zusammenzufügen.

    "Adama" ist ein eindrucksvoller Roman, der die Geschichte des jungen Staates mitreißend erzählt und damit die komplizierte Gegenwart besser verständlich macht; absolut empfehlenswert für interessierte Leser*Innen. Wer allerdings einen spannenden Thriller in der Gegend des östlichen Mittelmeerraums erwartet, wird sicher enttäuscht werden.
    Kälter

    Andreas Pflüger
    Kälter (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    24.11.2025

    Personenschützerin im Blutrausch

    Wir schreiben das Jahr 1989 und Luzy Morgenroth, die als biedere Provinzpolizistin auf Amrum ihren Dienst schiebt, scheint eine mysteriöse Vergangenheit zu haben, die sie vor ihren neuen Freunden verbirgt. Als ein Mitarbeiter des Fährbetriebes spurlos verschwindet und ihr Freund und Kollege ermordet wird, kehrt Luzy in ihren ehemaligen Job zurück: als knallharte Personenschützerin in höchsten politischen Kreisen hat sie einen Feind kennengelernt, auf dessen Spur sie nun wieder Jagd macht ....

    Andreas Pflüger ist ein deutscher Autor und Drehbuchschreiber, der sich neben seiner Arbeit für zahlreiche Tatort-Folgen bereits als Thriller-Autor auszeichnen konnte und der es definitv mit den amerikanischen Größen seines Genre aufnehmen kann. MIt "Kälter" legt er nun sein neuestes Werk vor, das wieder einen wichtigen Platz in der deutschen Szene einnehmen wird.

    Während "Kälter" ruhig und fast wie einer der momentan so beliebten Nordsee-Krimis beginnt (was mich ehrlich gesagt schon sehr verwunderte), regiert Luzy Morgenroth völlig unangemessen auf einen Vermissten- und Todesfall. Doch nach und nach erfahren wir in häufigen Orts- und Zeitwechseln zunächst von Luzys Vergangenheit und nehmen mit ihr die Suche nach einem der raffiniertesten und grausamsten Verbrecher der Gegenwart auf. Dabei schreibt Pflüger mit einer deutlichen Distanz zu Figuren und Handlung, bildgewaltig und recht brutal, was ich teilweise ein wenig unglaubwürdig fand; genauso wie Luzys Wandlung von einer übergewichtigen Mittfünfzigerin zu einer tödlichen Kampfmaschine.

    Die Entwicklung der Figuren steht zurück hinter einer rasanten Story. Hier haben mich besonders die Einblicke nach Israel einschließlich des Israelischen Geheimdienstes und die Vorkommnisse rund um den Fall der Berliner Mauer beeindruckt, die ergreifend und monumental geschildert wurden.

    Insgesamt ist "Kälter" ein durchaus spannender Thriller, der durch seine zahlreichen Figuren sowie Sprünge in Ort und ZEit höchste Aufmerksamket erfordert. Obwohl ich mich gut unterhalten fühlte, war mir allerdings manches ein wenig "too much", so dass ich 3,5 Sterne vergebe.
    Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels

    Vea Kaiser
    Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    15.10.2025

    Eine Betrügerin macht reinen Tisch

    Angelika Moser, uneheliches KInd einer Wiener Hausbesorgerin, entflieht dem Kleinbürgerlichen, wird Buchhalterin im renommierten Luxushotel Frohmer, und während sie die Nächte mit ihrer Freundin Ingi durchfeiert, zeigt sie sich tagsüber als pflichtbewusste, genaue Zahlenkünstlerin. Nachdem Direktor Frohmer auf sie aufmerksam wird und ihre beruflichen Fähigkeiten für seine Zwecke missbraucht, kommt Angelika auf die Idee, sich Geld zu "leihen" und mittels gefäschten Rechnungen Geld auf ihre Konten abzuzweigen, um so ihre eigenen Probleme damit zu lösen. Denn Angelika ist inzwischen auch alleinerziehende Mutter von dem sprunghaften KIndsvater Freddy, ihre Mutter leidet unter zunehmender Demenz, ihre Freundin Ingi gleitet ins Drogenmilieu ab und dann soll auch noch das Haus, in dem sich ihre Wohnung befindet, verkauft und saniert werden ....

    Vea Kaiser, Wiener Autorin und bereits mehrfache Preisträgerin, legt mit "Fabula rasa" ihren vierten Roman in drei AKten vor.

    Angelehnt an die bekannte Redewendung "tabula rasa" (reinen Tisch) machen, erzählt "Fabula Rasa" die Geschichte der Betrügerin Angelika Moser, die ihrem Arbeitgeber 3,3 Millionen Euro entwendet hat und nun die ganze Fabula (Geschichte) aus ihrer Sicht erzählen möchte und erklären, wie es zu allem kommen konnte.

    Auch, wenn der Titel schon einen Hinweis darauf gibt, dass alles nur eine Geschichte, also etwas Ausgedachtes ist, könnte man beim Lesen auf die Idee kommen, Vea Kaiser würde uns von einer realen, tatsächlich stattgefundenen Straftat erzählen. Denn alles beginnt damit, dass eine namenlose Autorin von einem Betrug in der Zeitung liest und im Anschluss daran die Betrügerin wiederholt im Wiener Gefängnis besucht, um deren Lebensgeschichte und die Hintergründe der Tat zu erfahren - ein Erzählstil, der großartig zum Roman passt.

    Vea Kaiser schreibt bildgewaltig und emotional ausdrucksstark und dabei immer brillant und mit Witz, so dass ich völlig in der Geschichte versinken konnte. Dabei spricht sie eine ganze Reihe von schwierigen Themen an (alleinerziehende Mütter, Gemeinschaft und Freundschaft, gegenseitige Hilfe, unzuverlässige Väter, Geldnot, Drogen, Immobilienhaie, Demenz ...) und alle sind ausnehmend glaubhaft und intensiv geschildert. Das Berührende regt zum Nachdenken an, aber die Autorin schafft es, für ihre Figuren und damit auch die Leser*Innen durch Witz und viele positive Wendungen immer Hoffnung und Zuversicht zu bewahren.

    Großartig ausgearbeitet sind dabei die Figuren, die mehrdimensional und schillernd daherkommen, und kaum ist eine Einteilung in Gut und Böse möglich. Menschliche Schwächen werden erklärt und niemals verdammt und so konnte ich mich nicht nur für Angelika Moser, ihre Mutter und Freddy erwärmen, sondern auch für allerhand weitere Nebenfiguren, die ich allesamt zu kennen glaubte. Natürlich sind Angelikas Betrügereien unentschuldbar, doch mag man sie kaum als "böse" Straftäterin verurteilen und fühlt sehr mit ihr.

    Auch die Stadt Wien und das Wienerische finden ihren Platz in der Geschichte; für Uneingeweihte gibt es zum Glück ein "sehr kleines Wienerisch-Wörterbuch" am Ende; Zitatnachweise und ein Inhaltsverzeichnis runden den Roman ab.

    Mir hat "Fabula Rasa" viel Vergnügen bereitet und die Geschichte wirkt noch lange nach. Absolute Weiterempfehlung und 4,5 Sterne.
    Drei Tage im Schnee

    Ina Bhatter
    Drei Tage im Schnee (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    15.10.2025

    Eine Auszeit

    Hannah, eine Single-Frau Mitte 30, arbeitet hart daran, Karriere zu machen und weiter aufzusteigen. Ihr Privatleben beschränkt sich - außer auf Selbstoptimierung durch Fortbildungen und Training im Fitnessstudio, Wellnesseinheiten und KLeidungssuche - auf mäßge zu Kontakte zu Freundinnen. Um "ihre Akkus wieder aufzuladen", verbringt sie ein Wochenende in einem Holzhäuschen im Nirgendwo und es beginnt zu schneien. Zunächst überlegt sie, schon wieder abzureisen, als ihr das kleine Mädchen Sonja begegnet. Die beiden freunden sich an, mychen Schneeengel, bauen ein "Schneinhorn" und trinken weißen Kakao. Dabei verliert sich Hannah in Erinnerungen und Gedanken über ihr Leben, ihre Ziele und die Freude, die sie vermisst ...

    Die deutsche Journalistin Ina Bhatter hat mit "Drei Tage im Schnee" ihr erstes Buch vorgelegt. Da sie selbst beruflich im PR-Bereich arbeitet und sich den Luxus einer längeren Auszeit genommen hat (allerdings ein Jahr auf Weltreise), gibt es gewisse Überschneidungen mit ihrer Figur Hannah, die sie überaus authentisch dargestellt hat.

    Als Ich-Erzählerin lässt Bhatter ihre Leser*Innen teilhaben an den Erinnerungen und Gedanken Hannahs, die echte Freude in ihrem Leben vermisst. Mittels des angenehmen, sanften Schreibstils taucht man tief in Hannahs Gefühlswelt ein, die in der Atmosphäre des alleinstehenden Häuschens in verschneiter Landschaft und Sophies Gesellschaft ihr Leben überdenkt und sich schließlich neue Ziele setzt, sowie den Kontakt zu einer alten Freundin wieder aufleben lassen möchte. Dabei bleibt die Erzählung aber auch immer "hyggelig" und ohne Probleme und Dramen. Sophie erscheimt zur richtigen Zeit aus dem Nichts, begleitet Hannah eine zeitlang und verschwindet wieder; sie ist nicht greifbar und lässt gerade zu ihrer Person einige Fragen offen. Sie wirkt auf mich nicht wie eine eigenständige Figur, sondern lediglich wie ein Katalysator für Hannahs Entwicklung.

    Durch die Lektüre kann man selbst einige Zeit eintauchen in die zauberhaft anmutende verschneite Welt und sich wohlfühlen - oder sich anregen lassen, über das eigene Leben nachzudenken und auf die eigene innere Stimme zu hören. Dabei war mir die Zielrichtung allerdings ein wenig einseitig und sehr egoistisch, denn meiner Meinung nach kann es im Leben nicht ausschließlich darum gehen, Spaß zu haben.

    "Drei Tage im Schnee" ist eine unterhaltsame kleine Auszeit des Lesenden und obwohl die Geschichte noch lange nachhallt, ist der Mehrwert gering. Mit 176 kleinformatigen Seiten (von denen einige unbedruckt sind) für 20€ handelt es sich in meinen Augen eher um ein Geschenk-Büchlein.
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