TIefgehend
Anfang des 20. Jahrhunderts – zwei Dörfer an der Österreischisch-Deutschen Grenze, getrennt durch die Salzach. Schon als Kinder sind Elisabeth, Annemarie und Hannes beste Freunde. Doch Hannes Winkler wird zu seinem Onkel, dem Fährmann geschickt, um zu dessen Nachfolger ausgebildet zu werden. Elisabeth, die die Gefühle von Hannes erwidert, muss Josef Steiner heiraten, Erbe des größtes Hofes in der Gegend. Und die Wirtstochter Annemarie, die eigentlich in Hannes verliebt ist, wird die Geliebte von Josef Steiner. Obwohl alle versuchen, ihr Schicksal zu ertragen, macht ihnen der jähzornige, brutale und eifersüchtige Josef das Leben schwer. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, scheinen sich die Rollen zu verändern ….
Die deutsche, in der bayrisch-österreichischen Grenzregion beheimatete Autorin Regina Denk ist vielen Leser*Innen bekannt durch ihre unter dem Pseudonym Fanny König veröffentlichten humoristischen Regionalkrimis. Nun legt sie (nach "Die Schwarzgeherin") mit „Der Fährmann“ unter ihrem Klarnamen ihren zweiten historischen Roman vor.
Die Heimatliebe der Autorin spiegelt sich deutlich im Setting wider. Anschaulich beschreibt sie das Leben und die Natur in der voralpinen Grenzregion. Eine besondere Rolle kommt dabei der Salzach zu; dieser Fluss fließt so träge daher, dass er einen Gegenpol zu den familiären Drama zu bilden scheint, doch unter seiner Oberfläche verbirgt sich eine trügerische, reißende Kraft. So ist die Salzach ein Symbol dafür, genau hinzuschauen, was sich unter der Fassade befindet.
Der Schwerpunkt der Handlung liegt auf den Frauen – ganz im Gegensatz zu dem Titel: Der Fährmann, der als ein Fixpunkt die Verbindung zwischen den Dörfern bzw. den Ländern darstellt, ist auch die Verbindung zwischen den Hauptfiguren. Er ist Beobachter, Freund, Ansprechpartner, doch auch er entwickelt sich irgendwann weiter und nimmt eine wichtige Rolle ein; man könnte es schon fast als Heldenreise betrachten.
Die Frauen hingegen sind die, deren Wünsche und Träume sich zerschlagen, die unter den patriarchalischen Strukturen und insbesondere dem gewalttätigen Antagonisten Josef Steiner zu leiden haben. Doch selbst dieser durch und durch böse scheinende Mann hat unter seinem Vater zu leiden und später unter Traumata. Diese Beschreibungen sind teilweise nur sehr schwer zu ertragen, da die Brutalität und gleichzeitige Hilf- und Rechtlosigkeit emotional belastet. Und anstatt dass die Frauen sich solidarisch zeigen, resignieren und erstarren sie in ihrer Machtlosigkeit – bis der Erste Weltkrieg ausbricht.
Die Figuren, die zunächst so eindimensional erscheinen, zeigen noch weitere Eigenschaften, entwickeln sich weiter und streben auf eine hoffentlich bessere Zeit hin.
Regina Denk zeichnet ein bemerkenswertes Sittengemälde der Neuzeit. Authentisch und detailgetreu beschreibt sie die Härte des Landlebens, persönliche Schicksale in einer Epoche - und sehr deutlich wird, dass wir uns keinesfalls diese Zeit zurückwünschen, in der Frauen rechtlos den Männern ausgeliefert waren. Gerade die Rolle der Frau seinerzeit ist für uns nur sehr schwer auszuhalten und weckt starke Emotionen.
Brandaktuell ist das Buch aber auch in einer anderen Hinsicht: Das Leben nicht nur der vier Hauptpersonen wird beeinflusst vom Ersten Weltkrieg; einem Krieg, der zwar nicht gerade vor ihrer Haustür abläuft, der jedoch erheblichen Einfluss auf ihr Leben hat. Regina Denk zeigt hier, dass auch wir von den momentan stattfindenden Kriegen – teilweise aus dem Nichts entstanden - beeinflusst werden, deren Auswirkungen sich zeigen, angefangen bei den knapper und teurer werdenden Energieträgern bis hin zu belastenden Staatsausgaben.
Sprachlich konnte Regina Denk mich sehr beeindrucken. Bildhafte, schon fast poetische Beschreibungen überzeugten mich. Komplexe Gefühle und Familiendynamiken waren wunderbar dargestellt, egal ob Neid, Freude, Hass oder auch Verzweiflung und Mitleid. Manche Sätze musste ich einfach wiederholen, so berührten sie mich.
Da die Autorin ein versöhnliches Ende in dieser doch sehr brutalen, teils gruseligen und höchst spannenden Geschichte finden wollte, die immer klug konstruiert war, steuert sie auf ein fulminantes Show-Down am Ende zu, das vielleicht in Teilen ein wenig überzogen war, aber mich dennoch mit einem guten Gefühl zurückließ.
„Der Fährmann“ ist ein kluger Roman, der neben dem Auslösen von starken Emotionen zum Nachdenken anregt und Hoffnung macht. Tiefgründig und nachhallend – definitiv ein Highlight!