Verworrene Zeitsprünge, keine stringente Handlung: nicht überzeugend aus vielerlei Gründen
Buchinhalt:
Schlesien, 1945: Frieda wird mit ihren beiden Kindern aus ihrem Zuhause vertrieben – auf der Flucht vor der Roten Armee und im Angesicht von Hunger und den Schrecken des Krieges hält sie nur der Gedanke an ihren Mann Karl aufrecht. Doch Karl ist an der Front – und wie soll er seine Familie jemals wiederfinden?
Die Erinnerungen ihrer Mutter und Großmutter beschäftigen in der Gegenwart die Enkelin, die gerne wüsste, warum die beiden zeitlebens ein gestörtes Verhältnis zu Vertrauen und Bindung sogar innerhalb der eigenen Familie haben. Wird die Aufarbeitung der drammatischen Vergangenheit gelingen?
Persönlicher Eindruck:
Bis ans Meer ist beileibe nicht mein erster Roman, den ich zum Thema Flucht und Vertreibung aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten gelesen habe. Dementsprechend hoch waren meine Erwartungen. Leider konnte das Buch diese nicht erfüllen.
Gründe dafür gibt’s genug. Zum einen springt die Autorin scheinbar wahl- und ziellos durch drei Epochen, die Zeitsprünge verwirren den Leser und es wird bis zum Schluss nicht klar, welchem Plan das Ganze folgt. Es beginnt in der Gegenwart mit der namenlosen Enkelin, die im Zuge ihrer eigenen gescheiterten Beziehung Halt sucht in der Geschichte von Mutter und Großmutter. Daneben reist der Leser immer wieder in die Zeit zwischen den Weltkriegen, um die Beziehung zwischen den Großeltern Frieda und Karl zu ergründen, nur um im Hauptteil der Handlung die dramatische Flucht und Schicksalsgeschichte von Frieda und ihrer Tochter Erika hautnah mitzuerleben. Dabei nimmt die Erzählung kein Blatt vor den Mund, ist teilweise sehr brutal (Achtung, Triggerwarnung: Vergewaltigung und Fehlgeburt in allen Details!) und bringt dem Leser dadurch das Grauen derer nahe, die 1945 ihre alte Heimat für immer zurücklassen mussten.
Was mich massiv beim Lesen störte, waren die zahlreichen Handlungsbrocken, die dem Leser von Beginn bis zum Ende hingeworfen, dann aber nie wieder aufgenommen und weitergedacht werden. Das hatte für mich zunehmend den Eindruck, dass die Autorin zwar viele Ideen hatte, diese aber nicht zu nutzen wusste. Auch wurden Probleme und Schwierigkeiten an einigen Stellen sehr plump und kurzerhand „gelöst“, obwohl sie Potential für eine vielschichtige weitere Verarbeitung gehabt hätten.
Es geht hauptsächlich um Emotionen, die Handlung und der Alltag der Figuren an sich ist weniger wichtig. Natürlich bezweckt der Roman eine tiefer gehende Beschäftigung mit der Vergangenheitsbewältigung, hatte daneben aber auch Passagen, die handlungsmäßig absolut nichtssagend waren (die Gegenwartshandlung). Drama und Schicksal aber auch Kitsch und konstruierte Szenen wechseln sich ab, bleiben meiner Meinung nach aber nicht lange im Gedächtnis und hallen bei mir ganz sicher nicht nach. Vieles wirkt auch unglaubhaft, obwohl der Roman auf wahren Begebenheiten fußen soll.
Begeisterung konnte auf den rund 450 Seiten bei mir keine aufkommen, beim Lesen überwog zähes Durchhalten. Eine Empfehlung kann ich daher nicht aussprechen, für mich war der Roman eine bittere Enttäuschung.