Lesegenuss pur – vielschichtig, spannend, wendungsreich
Dass die Provence auch jenseits der sommerlichen Idylle viel zu bieten hat, beweist Sophie Bonnets zwölftes Buch um den liebenswerten Ermittler Pierre Durant, den ehemaligen Pariser Kommissar, der sich der Liebe wegen vor geraumer Zeit nach Sainte-Valérie hat versetzen lassen.
Die „Provenzalische Kälte“ führt Pierre nach Gréoux-les-Bains in eine Thermalklinik, deren Direktor Thomas Garcin in seiner nahen Ferienvilla tot aufgefunden wird. So einiges spricht dafür, dass Garcin Opfer einer Gewalttat wurde, auch führen Spuren direkt in die Klinik. Daneben deuten wertvolle, seit dem Auffinden der Leiche verschwundene Gegenstände, auf Raub hin, zumal diese Villengegend gerade in der Winterzeit vielfach unbewohnt ist und es verstärkt zu Einbrüchen mit gezielt gesteuerten Beutezügen kommt.
Es ist der mittlerweile zwölfte Südfrankreich-Krimi vor diesmal winterlicher Kulisse, der in sich abgeschlossen ist, also ohne Vorkenntnisse gelesen werden kann. Genussvoll gelesen werden kann, ja – denn auch dieses Buch hat neben der vielschichtigen, geradezu verzwickten Aufklärungsarbeit noch mehr zu bieten. Neben der bis zuletzt anhaltenden Spannung steigt einen beim Lesen der Duft der Provence direkt in die Nase. Winterliche Köstlichkeiten werden von Charlotte (aber nicht nur von ihr), der leidenschaftlichen Köchin und Pierres Lieblingsmensch, kredenzt.
In erster Linie aber sind es die Ermittlungen, die immer mehr Ungereimtheiten zutage fördern. Pierre wird Lieutenante Jeanne Fenechs Team zugeordnet. In ihrer Art ist sie ein komplett anderer Charakter, sie ist ungeduldig, weist ihr Umfeld gern in ihre Schranken, ganz im Gegensatz zu dem überlegt agierenden Pierre, sodass zuweilen die Funken nur so sprühen - und das nicht nur zwischen den beiden. Als dann Pierres Schreibkraft Penelope sich zurückzieht, wird auch Charlotte in geheimnisvolle Vorkommnisse hineingezogen, die direkt zu Penelopes Vergangenheit führen.
Gleich zu Anfang wirft der Prolog Fragen auf, die man erst später mit der Handlung in Zusammenhang bringen kann. Und ja, schon ab der ersten Seite fesselt diese „Provenzalische Kälte“ ungemein, die bis zum Schluss anhält. Denn erst da wird sichtbar, wie die einzelnen Handlungsstränge ineinandergreifen und letztendlich schlüssig gelöst werden.
Neben den umfangreichen Ermittlungen sind es gelegentliche Blicke auf das Private, dessen Focus diesmal eher auf Alain, Pierres Vater, und seiner jungen Lebensgefährtin Audrey liegt. Alain kann ganz schön fordernd sein, Pierres Arbeit als „Dorfpolizist“ sieht er eher als Zeitvertreib, was so natürlich nicht stimmt. Aber – mit seiner lebensklugen Charlotte nimmt Pierre auch diese väterlichen Spitzen mal mehr, mal weniger gelassen hin.
Der Handlung vorangestellt ist ein Plan von Sainte-Valérie mit markanten Örtlichkeiten, was ich gerade anfangs sehr schätze und neben den Anmerkungen der Autorin zum Schluss sind es das Glossar und auch einige Rezepte provenzalischer Wintergenüsse, die das Buch genussvoll abrunden. Das französische Gesundheitssystem ist Thema, hier speziell die Problematik der Thermalbäder und deren Finanzierung. Gerne bin ich zum wiederholten Male in die Provence gereist, um Pierre ein wenig über die Schulter zu schauen - Lesegenuss pur!