Berührender feministischer Roman
Seit 2024 legt der Reclam Verlag in seiner Reihe "Reclams Klassikerinnen" Werke bedeutender und oft vergessener Autorinnen neu auf. Diese überarbeiteten Neuauflagen sind auch optisch so schön und modern gestaltet, dass sie in jeder Buchhandlung Beachtung finden und mancher Leser sich beim Lesen des Klappentextes wundert, dass es sich um wiederentdeckte Werke handelt.
Gabriele Reuter war bekannt als Autorin realistischer und sozialkritischer Romane, ihr größter Erfolg war das 1895 erschienene Buch "Aus guter Familie". 1908 veröffentlichte sie ihren Roman "Das Tränenhaus", in dem sie die damalige Doppelmoral in der Gesellschaft beschrieb und damit einen Skandal auslöste.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht die junge Autorin Cornelie Reimann, die ledig ist und ein Kind erwartet. Sie ist von zuhause geflohen und hat sich ein Zimmer in einem einfachen Wirtshaus genommen, um dort in Ruhe ihr Buch fertigzustellen. Die Tantiemen sollen die Versorgung ihres Kindes sicherstellen, da sie damit rechnet, die Geburt nicht zu überleben. Bald zieht sie in ein Frauenheim um, das von Frau Uffenbacher, einer resoluten Hebamme, geführt wird. Sie bietet ledigen Frauen einen Zufluchtsort, um ihre unehelichen Kinder fernab von ihren Familien zur Welt zu bringen. Cornelie zieht sich zu Beginn ihres Aufenthaltes auf ihr Zimmer zurück. Als sie erkennt, dass die übrigen Bewohnerinnen des Geburtshauses von Frau Uffenbacher schlecht behandelt werden, ergreift sie Partei für die Frauen und schließt Freundschaft mit ihnen.
Die Autorin erzählt die berührende Geschichte, in der es um ungewollte Mutterschaft und die harten Lebensbedingungen der betroffenen Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts geht, in der Sprache der damaligen Zeit. Viele Dialoge sind im schwäbischen Dialekt verfasst, was meinen Lesefluss anfangs etwas bremste. Die Charakterzeichnung ist Gabriele Reuter hervorragend gelungen, ich konnte mich gut in die einzelnen Frauen hineinversetzen, die in ihrer Not und aus Angst vor der Schande Zuflucht in der Anonymität eines Geburtshauses suchten. Es war spannend, Cornelies Entwicklung und die ihrer Mitbewohnerinnen zu verfolgen, und ich habe mich darüber gefreut, dass die ungleichen Frauen ein Gemeinschaftsgefühl entwickelten und sich gegen die Schikanen der Hebamme auflehnten.
Ebenso lesenswert wie der Roman ist auch das 12-seitige Nachwort der Literaturwissenschaftlerin Annette Seemann, in dem sie viel Wissenswertes über die Autorin, die ihre eigenen Erfahrungen in ihr Buch hat einfließen lassen, erzählt. Sehr interessant fand ich auch die Zeittafel am Ende des Buches, die Gabriele Reuters Lebensstationen aufzeigt.
Leseempfehlung für dieses mutige Buch!