Großartige Filmkunst (nichts für die Masse)
„In die Sonne schauen“ ist ein Beispiel für Filme, die besonders in Deutschland Seltenheit geworden sind: Ein rätselhaftes Kunstwerk, das allein durch Filmlänge, Sujet und Gestaltung/Montage sicher kein Film für die Masse ist.
Ich habe den Film nun zweimal im Kino und zweimal auf DVD gesehen. Er versetzt mich jedes Mal in eine ruhige und andächtige Stimmung; das Gesehene und die Bilder wirken nach.
Der Film schildert in weitestgehend assoziativ montierten Episoden das Innenleben von Mädchen/jungen Frauen aus vier Generationen (1910, 1940, 1980 und Jetztzeit). Somit werden zum Beispiel die Vorbereitungen für ein Totengedenken im Haus gezeigt (1910), ein Hoffest (1910, 1970) oder Schwimmübungen im Fluss (Gegenwart). Es geht weniger um Handlung und den Aufbau von Spannungsbögen, sondern um Stimmungen und Gedanken der gezeigten Figuren. Die Personen sind konfrontiert mit Todesfällen im Hof, daher wird der Umgang mit und die Wirkung von Tod und Toten thematisiert. Die Personen kommentieren teilweise das Geschehen bzw. ihre eigenen Gedankengänge aus dem Off. Die Gedanken drehen sich um Todessehnsucht und -faszination; generell sind die Mädchen von dem Wunsch geprägt, ein anderer Mensch zu sein oder unglücklich mit ihrem eigenen Leben. Daher kommen die Figuren auch zu dem Schluss, umsonst zu leben und fantasieren ihren eigenen Suizid.
Warum überzeugt der Film?
Mascha Schilinski (Regie und Drehbuch, gemeinsam mit Louise Peters) hat einen Film vorgelegt, der in atmosphärischen dichten Bildern das Publikum für eine Stimmung öffnet, die ins Innenleben und die Gedankenwelt der Figuren führen soll. Das Casting ist hervorragend, besonders Hannah Heckt als Alma (1910) bleibt in Erinnerung (das blonde Mädchen auf den Kinoplakaten und dem DVD-Cover).
Es wird weitestgehend auf Musik verzichtet, sondern mit einer Mischung aus Naturgeräuschen, Stille und mit unterschiedlichen Formen von indirekter Stimmungsmusik gearbeitet (Rauschen, Dröhnen, Brummen). Das Erzähltempo ist langsam, in einigen Einstellungen herrscht auch Minutenlange Stille während der Kamerafahrt. In gewisser Weise ist auch die Umgebung und der Schauplatz als solcher handelnder Akteur.
Wie oben bereits erwähnt schildert der Film meistens aus Perspektive der Akteure Gedanken über Tod und Todessehnsucht. Vor allem im letzten Drittel des Films werden Suizide gezeigt und die Vorbereitung einer Leiche für den Sarg bzw. für die Anfertigung einer Post mortem-Fotografie gezeigt. Diese Darstellungen erfolgen dann in Ultragroßaufnahmen. Das mag auch der Grund sein, warum der Film bei der Masse in einschlägigen Foren als „langweilig“ und „eklig“ oder „einschläfernd“ ankam. Mehr noch als bei anderen Filmen gilt hier, dass jeder Film sein Publikum hat. Wer nachdenkliches, atmosphärisch dichtes und stilles/leises Kino sucht, wird es hier finden und sicher immer wieder in die dichte Bildwelt von „In die Sonne schauen“ eintauchen wollen. Dafür bietet sich der Film an. Wer also Lars von Trier (Antichrist) oder Andrej Tarkovsky (Spiegel, Opfer, Nostalghia) mag, ist hier genau richtig.
Vielen Dank für dieses seltene Stück Filmkunst; es sollte mehr davon geben!
Warnung:
Da der Film, wie oben erwähnt, um die Themen Suizid und Tod kreist, ist „In die Sonne schauen“ Menschen, die sich mit suizidalen Gedanken beschäftigen oder gerade den Tod eines Menschen verarbeiten, nicht zu empfehlen.