Welch wunderbares Buch
Immer, also wirklich immer, wenn Pina an den Tod denkt, sieht sie Leo vor sich. Wie er mutterseelenallein auf einer Lichtung im Wald steht. Völlig einsam und verlassen. Sie ist überzeugt, dass Leo nicht ohne sie zurechtkommt. Leo, das ist ihr 20jähriger Sohn. Er ist nicht so wie andere Söhne in dem Alter. Fährt täglich in eine Werkstatt für Behinderte und lebt in seiner eigenen Welt. Nur Pia, so denkt sie, weiß wirklich, was ihm Freude macht. Wie er den Alltag bewältigen kann. Bis sie völlig unerwartet mitten auf einem Zebrastreifen zusammenbricht. Der Einkauf kullert auf die Straße und aufmerksame Zeitgenossen alarmieren den Rettungsdienst. Pina hat einen Magendurchbruch und liegt im Koma. Ob sie wieder gesund wird? Keiner weiß es.
Sie hätte so gerne gesehen, wie Leo an seinem ersten Schultag zur Schule rennt, von einer Party spät nach Hause kommt oder seine Freunde mitbringt. Was für die meisten Eltern selbstverständlich ist, für Pia bleibt es ein Traum. Als Leo klar wird, dass seine „Mutsch“ ihn nicht vom Bus abholt und auch später nicht da ist, begreift er es nicht. Er macht seinem Ärger und seiner Verzweiflung Luft. Die Nachbarn wissen nicht, wie sie ihn beruhigen können. Es sind vier Wohnungen in dem Haus und die Mieter könnten unterschiedlicher nicht sein. Aber alle Parteien sehen die Not Leos und sind sich einig, sie werden den jungen Mann in seinem Elend nicht alleine lassen.
Das Buch behandelt ein wichtiges Thema, das in der Bevölkerung kaum Beachtung findet. Es geht um eine Mutter, die restlos überfordert ist. Völlig alleine bewältigt sie ihren Alltag mit einem Kind, das bis an sein Lebensende unselbstständig sein wird. Ihr geht es dabei so, wie vielen Eltern in ähnlichen Situationen. Sie opfern sich auf und denken dabei nie an sich selbst. Bei Pina kam der Zusammenbruch plötzlich und glücklicherweise kümmerten sich die Nachbarn um Leo. Das ist leider nicht immer so.
Obwohl es ein ernstes Thema ist, musste ich beim Lesen immer wieder herzhaft lachen. Die Autorin verstand es einwandfrei, die Problematik von Eltern behinderter Kinder zu verdeutlichen. Auch wenn der Humor dabei nicht zu kurz kam. Die Schwierigkeiten können nicht verleugnet oder wegdiskutiert werden. Klare Leseempfehlung gibt es von mir.