Der etwas uncoole ältere Bruder von "Kind Of Blue"
Musik: das Album entstand nur wenige Wochen nach Zusammenkunft des Sextets im Mai 1958, ein knappes Jahr vor Kind Of Blue . Alle vier Stücke wurden schon früh als Resterampe verwertet, erscheinen jetzt erstmals als komplettes Album.
Leider wird die von Kind Of Blue gepushte Erwartungshaltung enttäuscht. Sicherlich sind alle drei Bläser Davis, Coltrane und Adderley hier in Topform, doch erscheint es so - auch bei den Balladen - als ob jeder noch suchend den Boss markieren will und zu dominant loslegt. In jedem Track werden die Soli aneinandergereiht, ich vermisse aber den Kontext, den Teamspirit von Kind Of Blue. Mir fehlt das Intime, Zerbrechliche, Bluesige, die Atmosphäre. Und Bill Evans kann sich nicht wirklich in Szene setzen, so schade.
Das ist Jammern auf hohem Niveau, es ist immer noch eine gute Jazzplatte, doch der Vergleich mit Kind Of Blue, den die Werbung unbedingt herbeizitiert, muß leider scheitern.
Anspieltipp und Favorit: Fran-Dance.
Klang: Das Problem ist wie bei Kind Of Blue, daß aus dem 3-Track-Studiotape kein räumliches Stereo erzeugt werden konnte, es ist Pingpong plus Mitte. Dennoch, für ein Master aus 1958 ist die Qualität sehr hoch, die Bläser sind sauber und körperhaft aufgenommen, mit kantigem Hochton, haarscharf an der Grenze zum Stress. Klavier ist unterrepräsentiert, ebenso Bass und Drums.
Pressung: makellos, plan, fehlerfrei und eine aufwendige Verpackung mit Gatefold und sehr lesenswerten Liner Notes.