Ein Album wie aus einem Guss
Formal wird sie dem Jazz zugeordnet. Diese Einordnung widerspricht aber ihrer Flexibilität. LIZZ WRIGHT, geboren am 22. Januar 1980 in Hahira im Bundesstaat Georgia, im Süden der USA, ist eine Grenzgängerin zwischen den Stilen Jazz, Gospel, Rhythm & Blues, Pop, Country, Folk, Gospel und Soul. Auch die Wahl ihrer Cover-Versionen zeigt, dass sie keine Berührungsängste kennt. Sie wagt sich dabei in Bereiche vor, die von anderen Kolleginnen weitgehend gemieden werden. LIZZ WRIGHT wurde die Wirkung, die Musik auf Körper und Seele haben kann, schon von klein auf bewusst. Ihr Vater war Prediger und sie sang schon als Kind in seinem Kirchenchor und erhielt Klavierunterricht. Musik muss berühren, es muss ein Funke überspringen, der Hörer und Künstler verbindet. Darauf legt sie bei der Auswahl von Fremdmaterial und beim Komponieren ihrer Songs großen Wert. LIZZ WRIGHT wirkt sehr überlegt bei ihrem Vorgehen und tief verbunden mit dem, was sie tut. Sie lässt sich ausreichend Zeit, neue Aufnahmen fertig zu stellen und unterlegt sich keinem Diktat, zu einem bestimmten Turnus neues Material präsentieren zu müssen. Dazu passt auch, dass sie ausgleichende Interessen neben der Musik wahrnimmt. Sie ist passionierte ausgebildete Köchin und verbringt viel Zeit damit, ihren Garten zu gestalten.
THE ORCHARD ist das 3. Album von LIZZ WRIGHT. Diesen Obstgarten gibt es wirklich. Er gehörte Lizz`s Großeltern und er ist aus heutiger Sicht für sie so etwas wie das Sinnbild für Familie. Die Energie und die Kraft, die sie aus ihrem Familienverbund erhält, trägt einen wesentlichen Beitrag zu der Kreativität und Stärke dieses Werkes bei und verleiht ihm einen beständigen Charakter. Nur noch 5 der 13 Songs sind Fremdkompositionen. An allen anderen ist Lizz als Autorin beteiligt. Einen größeren Raum nimmt die Zusammenarbeit mit der Rhythm & Blues Sängerin TOSHI REAGON ein. Neben Background-Gesang übernimmt sie auch Aufgaben beim Komponieren und Produzieren. Prominent besetzt ist die Liste der sonstigen Gastmusiker: JOHN CONVERTINO, JOEY BURNS und MARTIN WENK von CALEXICO findet man hier genauso, wie den originellen R&B-Musiker MARC ANTHONY THOMPSON. Er hat unter dem Namen CHOCOLATE GENIUS ein paar sehr wunderlich-interessante Alben rausgebracht und ist hier als Gastsänger zu hören. BOB DYLAN`s Gitarrist LARRY CAMPBELL zaubert an den Saiten und der New Yorker Avantgarde-Gitarrero OREN BLOEDOW trägt dazu bei, dass man ungewöhnliche Sounds zu hören bekommt. Am Keyboard hat sich noch GLEN PATCHA von den Independent-Country-Rockern OLLABELLE dazugesellt. Eine genreübergreifende Verbindung, die für reichlich Prickeln und Genuss sorgt. Schon der Opener COMING HOME steckt den Rahmen des zu erwartenden Musik-Genusses ab. Ein federnder Rhythmus unterstützt die wiegende Melodie, die als Basis eine zischelnde Orgel und als Verzierung eine punktuell eingesetzte effektvolle Gitarre hat. Über allem thront Lizz`s erhabener Gesang. Das ist Songwriter-Kunst der höchsten Güte. Das nachfolgende MY HEART besticht durch einen beschwingten Rhythmus, zu dem der zurückgenommene, kontrollierte Gesang das reizvolle Gegengewicht bietet. IKE & TINA TURNER`s I IDOLIZE YOU wird zu einem speziell aufgemotzten, charaktervollen Boogie-Bar-Blues. HEY MANN beginnt als A-Cappella-Gospel, mutiert dann aber zur Soul-Ballade, die durch Steel-Guitar-Begleitung aufgewertet wird. Hier zeigt sich wieder die Offenheit von LIZZ WRIGHT gegenüber Instrumentierungen und Stilen. Sie stellt die Begleitung der Songs so zusammen, wie sie es benötigen, nicht wie es üblicherweise erwartet wird.
Zusammen mit Country-Folk-Songwriter JOHN LEVENTHAL hat Miss Wright ANOTHER ANGEL geschrieben. Die Ballade überzeugt ohne Effekthascherei aufgrund ihrer Substanz und des überzeugend vermittelten warm-intensiven Gefühls. Genauso brillant-unauffällig und betörend sind auch WHEN I FALL und SPEAK YOUR HEART, die ebenso im Downtempo-Bereich angesiedelt sind. Temperamentvoller geht es bei LEAVE ME STANDING ALONE zu. Kennt noch jemand die Sängerin CARMEL? Sie hatte 1983 mit BAD DAY einen Hit und spielte dabei ihre raumgreifende Stimme voll aus. An diesen Song erinnert mich LEAVE ME STANDING ALONE. THIS IS suggeriert primär Bossa-Nova-Feeling. Das Lied ist aber wieder ein Musterbeispiel dafür, wie man Ideen und Fundstücke unterschiedlichster Richtungen zu einem neuen Ganzen zusammensetzen kann. Dezente Streicher und Akustik-Gitarren-Akkorde sorgen für Stil-Verwirrung. Geschmackvolle Synthesizer-Verzierungen und tropfende E-Piano-Beigaben runden dieses ideenreiche Songgebilde ab. SONG FOR MIA besticht durch besonders unter die Haut gehenden, milden, beschwörenden Gesang und eine himmlisch schöne Melodie. Am Ende des Albums stehen 3 Cover-Versionen der besonderen Art. THANK YOU von LED ZEPPELIN ist zu einer spirituellen Darbietung geworden. Der Bonus-Track STRANGE war im Original ein rührseliger Country-Song, der 1961 von PATSY CLINE gesungen wurde. Unter den Fittichen von LIZZ WRIGHT wird daraus eine intime, fast schwerelose Fassung. Die Limited Edition von THE ORCHARD hat dann noch als weitere Überraschung IT MAKES NO DIFFERENCE zu bieten. Hatte man bisher gedacht, dass das Original von THE BAND an Würde und Feierlichkeit nicht mehr zu übertreffen ist, so hört man hier eine ebenbürtige Variante. Damit endet ein Album, das wie aus einem Guss ist und sowohl Anhänger von NORAH JONES wie auch an Country-Folk-Songwritern interessierte Hörer begeistern kann. Jazz-Bezüge sucht man hier vergebens.