Die Liebe hat Sony nur in der Verpackung zum Ausdruck gebracht, aber nicht im Inhalt
Was habe ich mich gefreut, als Didos Dreampop zum Vorbestellen angekündigt wurde. Endlich kann ich NO ANGEL meiner Plattensammlung einverleiben! Zuvor veröffentlichte Auflagen wurden liebhabermäßig in kleinen Stückzahlen gehalten, weswegen man sich dumm und dämlich bezahlt hat, eine dieser schnell ausverkauften Versionen (mit dem Originalcover) zu ergattern. Seit Kurzem kann man NO ANGEL von 1999 erstmals regulär auf Schallplatte kaufen.
Es handelt sich dabei um eine typische Produktion von zwischen der Jahrtausendwende: Didos Stimme ist zentral und dadurch sehr schön akzentuiert in der restlichen Klanglandschaft, welche leider aus einem Instrumentenmix besteht, dessen Abmischung klare Grenzen aufzeigt. Die Dynamik, die drin gewesen wäre (man denke an die emotional stimmende Herzschmerzballade HERE WITH ME mit dem plötzlichen Lautstärkeanstieg, wenn die zweite Strophe einsetzt), ist komplett auf Flachheit getrimmt und um schöne Details geschröpft. THANK YOU klingt beispielsweise so, als hätte man es in der notbedürftigen Standardbitrate einer MP3 ans Ende der ersten Plattenseite gesetzt. Wahrscheinlich ist NO ANGEL eines der traurigen Überbleibsel einer Zeit, in der verstärkt auf digitale Ergüsse gesetzt wurde. Weil die Pressqualität der rot-schwarzen Vinyl stimmt, geht's am Ende noch gerade so in Ordnung, aber NO ANGEL hat bei rund 25 Minuten pro Plattenseite und der deshalb zwangsweise sehr leisen und schwachbrüstigen Ausrichtung keine Chance gehabt, seine musikalische Brillianz auszudrücken - alles bleibt durchschnittlich. Ein Doppelvinyl hätte diesem äußerst erfolgreichen Album durchaus gut getan, warum also nur auf eine Platte schneiden, wenn das Teil damals so krass viele Einheiten umgesetzt hat? Ach ja, das spezielle Cover, welches sich in der Mitte des Titelbilds aufklappen lässt (man siehe auch das Innere unter dem Schuber von Taylor Swifts aktueller Platte LIFE OF A SHOWGIRL), hat zu viel Budget in Anspruch genommen... und die Lyrics auf der ungefütterten Innenhülle abzudrucken wohl auch. Äußerlich ist NO ANGEL daher kaum zu beanstanden, wenngleich ich mir persönlich noch eine Variante gewünscht hätte, die mit dem Originalcover meiner 27 Jahre alten CD ausgestattet ist. Letztendlich ist das ein Luxusproblem angesichts der doch bloß mäßigen Abmischung - drei Sterne. Obwohl die Musik top ist, wird diese Dido nicht so oft auf dem Plattendreher landen. Kein besonderes Analogerlebnis, hier tut's auch die CD. Hoffentlich passiert so etwas nicht schon wieder, wenn ihr anderes Hitalbum LIFE FOR RENT mit dem Evergreen WHITE FLAG (erstmalig offiziell!) als Platte auf den Markt gebracht wird.