Ganz leise kommt die Nacht
Die mit Vorliebe in schwarz gekleideten Jazzer von Bohren & der Club of Gore gelten als meist schweigsames Grüppchen. Mit “Patchouli Blue” zeigten sie mal wieder ihren Sinn für schöne Titel. Benannt ist ihr achtes Album nach dem Lippenblütengewächs “Patschuli”, welches nicht nur für seinen intensiven Geruch- sondern auch für seine beruhigende und stimmungsaufhellende Wirkung bekannt ist. Eigenschaften, die eigentlich auch die Musik dieser Platte gut umschreiben. Wenn Bohren & der Club of Gore hier nicht manchmal wie das nahende Unheil klingen würden.
Wenn im eröffnendem “Total Falsch” nach wenigen Takten ein einsames Saxophon beginnt zu singen und der Bass auf Knöchelhöhe schwingt, ist man auch schon im dunklen Klang-Kerker des Trios gefangen. Und welche Zeit wäre passender gewesen, als der Jahresbeginn 2020, um sich von den kühlen, zurückgenommenen Tönen dieser Band einlullen zu lassen? Als das alltägliche Leben auf den Straßen nur wenige Monate später zum kompletten Erliegen kam, gaben Bohren & der Club of Gore die Begleitband im Corona-bedingten Lockdown-Blues
Mit Blumen und Totenköpfen ist das Frontcover von “Patchouli Blue” dekoriert. Als ob es dieser Klub prophezeien wollte, stellt er hier das Leben und den Tod symbolisch gegenüber. Und auch wenn hier jedes Arrangement sorgfältig durchdacht und jeder Ton genau abgewogen ist, wirkt das Dreigespann Gass/Clöser/Rodenberg bei aller Konzentration voller Lust und lässt seine Songs eine Stunde lang die Luft der Freiheit atmen. So klingt dann die skizzierte Tristesse von “Glaub mir kein Wort” mit ihren perlenden Pianoakkorden und dem sanften Glockenspiel regelrecht lebensbejahend. Oft lassen Bohren & der Club of Gore ihr Instrumentarium auf “Patchouli Blue” aber auch zu stumm in der Landschaft stehenden Monolithen verschmelzen, die dennoch geschmeidige Konturen aufweisen. Sowohl das New Age-artige “Vergessen und Vorbei” als auch das finale “Meine Welt ist schön” entfalten einen Sog, der wirkt, als hätten sie Wendy Carlos’ berühmte Filmmusik zu “Shining” ausgiebig gehört. Besonders die zweite Hälfte von “Patchouli Blue” ist geprägt vom Wechselbad aus teils breit angelegten Ambient-Albträumen und jazzig-verspielten Interludien, die zusammen eine kohärente Einheit bilden. So souverän wie hier bedienten Bohren & der Club of Gore ihre Marke selten.