Zurück aufs Land
Devonté Hynes will Frieden mit sich selbst schließen. Dafür entführt er den Zuhörer auf seinem neuen Album in die nördlich von London gelegene Grafschaft Essex, in der er aufwuchs. Aber nicht nur auf lyrischer Ebene löst Hynes alle Fesseln. Auch sein Cocktail aus Dance, R’N’B und Indie schießt auf “Essex Honey” direkt ins Blut.
Den Ruf des Insidertipps hat Hynes längst hinter sich. Bereits mit Projekten wie Test Icicles und Lightspeed Champion machte das englische Multitalent von sich reden. Doch erst unter dem Namen Blood Orange wurde er in den letzten Jahren zu einem viel beachteten Künstler, was auch an seinen etlichen und weit verstreuten Kooperationen liegt. Auch auf “Essex Honey”, seinem ersten Longplayer seit sieben Jahren, gibt es wieder zahlreiche Gäste. Und die haben es durchaus in sich. Neben langjährigen Freunden wie Brandon Yates von Turnstile und namhaften Stars wie Lorde wirken auch Underground-Legenden wie Yo La Tengo oder Lotti Golden und Richard Scher von den Elektro-Funk-Pionieren Warp 9 mit. Hynes, der hier als alleiniger Produzent alle Zügel in der Hand hält weiß diese vielen Einsprengsel in das Gesamtbild zu integrieren.
Die Songs auf “Essex Honey” sind von einem dicht verwobenen Klanggewand umspannt, welches keine Unregelmäßigkeiten duldet und dem Album einen schon fast reinlichen Charakter verpasst. Dieses musikalische Setting bildet den idealen Rahmen für Hynes Erzählungen. Im trübsinnigen “Countryside” transformiert er seine schmerzenden Erinnerungen in wunderschönen, schwebenden Dreampop. Die melancholische Hookline wird von der kanadischen Musikerin Eva Tolkin gesungen. Sie singt auch im entblätterten, von sanften Keyboards und verspielten Drumsounds begleiteten “Westerberg”. Hier wird nicht nur der Replacments-Song “Alex Chilton” zitiert, sondern auch Paul Westerberg höchstpersönlich gefeatured. Und wenn Hynes dann doch mal ausbricht, dann mit modernen, beschwingten Soul, so wie in “The Field”, in dem er Durutti Cullums “Sing To Me” sampelt oder mit softem Indie-Rock, so wie in “The Train (King’s Cross)”. “Essex Honey” ist Hynes’ bislang intimste- aber auch fordernste Arbeit, die ihn ein Stück weit weg vom Weltschmerz seiner bisherigen Veröffentlichungen- mehr in Richtung erwachsener Popmusik bewegt.