Ein leiser Auftakt, der neugierig auf mehr macht
Manche Geschichten brauchen etwas Zeit, bis sie ihren eigenen Rhythmus finden. Genau so war es hier. Die ersten Seiten erzählen ganz in Ruhe vom Leben am Chiemsee und geben der Familie Bachinger viel Raum. Der Seegasthof mit seinem Blick auf den See, die berühmten Dampfnudeln und die vielen kleinen Momente im Alltag machen es leicht, sich alles vorzustellen. Es entsteht das Gefühl, als würde man für eine Weile selbst dort einkehren und die Menschen nach und nach kennenlernen.
Im Mittelpunkt steht Amrei, deren Zukunft eigentlich schon festzustehen scheint. Doch ausgerechnet an ihrem Hochzeitstag nimmt ihr Leben eine völlig unerwartete Wendung. Von diesem Moment an verändert sich vieles. Das Geschehene wirft Fragen auf und gibt der Geschichte eine neue Richtung, auch wenn sie ihren ruhigen Ton dabei nicht verliert.
Amrei war für mich eine Figur, deren Weg ich gern verfolgt habe. Sie wirkt bodenständig und glaubwürdig. Ihre Gedanken und Entscheidungen passen gut zu der Zeit, in der die Geschichte spielt. Auch die anderen Familienmitglieder, besonders die stets grantelnde Großmutter Resi, tragen dazu bei, dass der Seegasthof lebendig wirkt. Niemand drängt sich besonders in den Vordergrund. Stattdessen entsteht nach und nach das Bild einer Familie, die zusammenhält und ihren Platz im Leben sucht.
Gefallen hat mir auch, dass die historische Zeit ganz selbstverständlich Teil der Geschichte ist. Vieles wird eher nebenbei erzählt und genau das hat auf mich natürlich gewirkt. Der Alltag, die Arbeit im Gasthof und das Miteinander stehen oft stärker im Mittelpunkt als große Ereignisse. Dadurch entsteht eine angenehme, ruhige Stimmung, die gut zu diesem Roman passt.
Über weite Strecken lässt sich die Handlung viel Zeit. Wer gleich zu Beginn viele überraschende Wendungen erwartet, braucht etwas Geduld. Ich hatte zwischendurch das Gefühl, dass manches etwas kürzer hätte erzählt werden können. Erst im letzten Viertel entwickelt sich die Geschichte deutlich weiter und sorgt dafür, dass man unbedingt wissen möchte, wie es mit Amrei weitergeht. Ab diesem Zeitpunkt hatte mich der Roman deutlich stärker gepackt.
Am Ende blieb für mich der Eindruck, dass dieser Band vor allem den Grundstein für die Reihe legt. Viele Entwicklungen beginnen erst und nicht jede Frage wird schon beantwortet. Gerade das macht neugierig auf die Fortsetzung. Ich möchte gern erfahren, welchen Weg Amrei weitergehen wird und welche Herausforderungen noch auf sie warten.
Insgesamt ist dies ein ruhiger Auftakt, der sich Zeit für seine Figuren und ihre Welt nimmt. Nicht alles hat mich gleichermaßen gefesselt, doch die glaubwürdigen Charaktere, die stimmige Atmosphäre und das offene Ende haben dafür gesorgt, dass ich die Geschichte gern weiterverfolgen möchte.
4 Sterne.