Spannender Roman um die Zustände in den Arbeitervierteln zur Kaiserzeit - lesenswert!
Buchinhalt:
Berlin gegen Ende des 19. Jahrhunderts: Die Wohnsituation der Arbeiterfamilien in der Millionenstadt ist prekär, Mietskasernen prägen das Stadtbild der Elendsviertel. Mitten darin die junge Schneiderin Elise und ihre Familie. Aus ihrem alten Zuhause vertrieben fristen sie ein elendes Dasein, doch Widerspruch gegen die Obrigkeit ist verpönt und auch verboten. Als Elise den Architekten Johann kennen lernt, scheint sich das Blatt zu wenden – Johann und sein Freund, der Arzt Louis, wollen ein Genossenschaftshaus bauen, in dem menschenwürdiges Leben auch für die unteren Schichten möglich ist. Doch sie haben die Rechnung nicht mit der kaltherzigen Baronin Leonora gemacht.....
Persönlicher Eindruck:
Deutschland zur Kaiserzeit ist Schauplatz dieses spannenden historischen Romans. In Berlin wachsen die Mietskasernen im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung, Spekulanten und Immobilienhaie verdienen sich am Elend der Arbeiter eine goldene Nase. In dieser Gemengelage leben Elise und ihre Familie, ständig in Angst, ihr Vermieter könnte sie an die Luft setzen. Trotzdem hat Elise Träume, an denen sie festhält: eine Ausbildung im Modeatelier Rosenbaum, wo die oberen Zehntausend ihre Kleidung nähen lassen, eine bessere Wohnung für sich und ihre Lieben.
Autorin Sauer beschreibt die historischen Begebenheiten nachvollziehbar und bildhaft, als Leser taucht man schon nach wenigen Seiten in die Welt kurz vor der Jahrhundertwende ein. Villen und Elendsviertel liegen nahe beieinander und man fiebert und leidet sofort mit den Figuren mit.
Als mit Architekt Johann und Arzt Louis zwei Männer in Elises Leben treten, entspinnt sich zur historischen Geschichte auch eine zarte Romanze, die den historischen Teil aber nie dominiert und sich harmonisch in das Gesamtbild einfügt. Zudem spielen Intrigen und unlautere Machenschaften zunehmend eine Rolle, denn Zentrum der Geschichte soll schließlich das Genossenschaftshaus sein, das die beiden Männer bauen wollen. Zum Verdruss der adligen Immobilienspekulantin Leonora, die nichts unversucht lässt, ihren eigenen Vorteil geltend zu machen – und dabei sogar über Leichen geht.
Mir hat die Geschichte, die übrigens in einem Band abgeschlossen und kein Teil einer Reihe ist, sehr gefallen. Hatte ich einmal mit Lesen angefangen, fiel es mir sehr schwer, das Buch wieder beiseite zu legen. Der Spannungsbogen steigert sich kontinuierlich und mündet gegen Ende in einem fulminanten Showdown, der alles bisherige noch einmal in Frage stellt. Auch die Nebenhandlungen um Elises Geschwister oder die Handlungsfäden, die das Leben der einfachen Bevölkerung thematisieren, die katastrophalen Lebensumstände der Ärmsten, machen ein rundes Bild von den Zuständen und vom Denken in dieser Zeit.
Der Schluss ist angenehm stimmig, wenn auch in einigen Teilen etwas schnell, doch das soll kein großer Kritikpunkt sein – es ist eben ein Einzelband. Interessant ist auch das Nachwort, in dem die Autorin Wirklichkeit und Fiktion einander gegenüber stellt.
Alles in allem ein spannender und mitreißender Roman aus der deutschen Kaiserzeit, den ich uneingeschränkt weiter empfehlen kann!