Portugiesische Tonkunst des 20. Jahrhunderts
Es hat lange gedauert und bedurfte bezeichnenderweise schon der kräftigen finanziellen Unterstützung durch die Portugiesische Bank, des portugiesischen Schriftstellerverbandes und einiger weiterer Sponsoren, um die sinfonischen Werke von Luis de Freitas Branco (1890-1955) auf CD zur Kenntnis nehmen zu können (auf LP ist dies meines Wissens nicht geschehen). Dabei ist dieser Komponist wohl der bedeutendste portugiesische Tonsetzer der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts und zudem Landsmann und Mentor des gleich ihm bedeutenden europäischen Sinfonikers Joly Braga Santos (1924-88), dessen sechs Sinfonien ebenfalls erst im letzten Jahrzehnt von einem international gewichtigen Label (Marco Polo/NAXOS) zu Gehör gebracht worden sind.
Unter der sicheren Stabführung von Alvaro Cassuto mit dem ausgezeichnet disponierten irischen RTE Sinfonieorchester liegen nun endlich sämtliche vier Sinfonien und einige wichtige Tondichtungen von Freitas Branco auf insgesamt 4 CD's bei NAXOS in musikalischer wie tontechnischen Qualität vor, die diesem Komponisten und seinem Werk angemessen ist.
Die in der spätromantischen Tradition stehende 2. Sinfonie entstand in den Jahren 1926/27. Ihr Tonmaterial basiert auf einer kleinen choralähnlichen Tonfolge, die in allen vier Sätzen der knapp dreiviertelstündigen Sinfonie in verschieden instrumenteller Gewandung auftaucht. Bezüglich des in gemessenem Tempi sich entfaltenden musikalischen Materials nimmt es denn nicht Wunder, dass z.B. besonders im Scherzo manches an die Tonsprache eines Anton Bruckner erinnert.
In der sinfonische Fantasie „After a reading of Guerra Junqueiro“ (1909) ist die Assoziation zur Tonsprache Richard Strauss' weitaus deutlicher. Dieser hatte als Dirigent in Anwesenheit von Freitas Branco bei einem 1908 in Lissabon stattfindenden Konzert seine beiden Tondichtungen „Don Juan“ und „Till Eulenspiegel“ zur Aufführung gebracht. Trotz aller Nähe zum „Till“ überzeugt Freitas Branco's Werk in einer durchaus als eigenständig zu nennenden Umsetzung seines thematischen Materials mit seiner rhythmisch und farbig strukturierten Orchestrierung.
Die abschließende sinfonische Dichtung „Artificial Paradises“ (1910) ist inspiriert von Thomas de Quincy's „Bekenntnisse eines Opiumessers“. Dieses meisterlich orchestrierte Tonstück des frühreifen 20jährigen, gilt in Portugal als sein bestes und beliebtestes Werk. In seiner zeittypischen Polytonalität weiß es sich stark beeinflusst von der französischen impressionistischen Tonsprache eines Caesar Franck und ganz besonders der eines Claude Debussy.
Insgesamt kann man hier und in den anderen CD's dieses Komponisten von einer sehr lohnenswerten Bereicherung in der breiten Veröffentlichung des Klassischen Musikmaterials des 20. Jahrhunderts sprechen, zumal es diesmal aus einem europäischen Land kommt, von dem bis dato nur sehr, sehr wenig veröffentlicht und bekannt geworden war.