Tannen oder Fichten
Samara hat ihr Studium beendet und einen Job in Berlin ergattert. Eigentlich wollte sie den gar nicht, aber noch weniger wollte sie in der Firma ihres Vaters anfangen. Sie weiß im Grunde nur, was sie nicht will, aber nicht, was sie wirklich will. Also fliegt sie erst mal nach Bali, Urlaub machen. Aber auch da gefällt es ihr nicht, also schnell nach Berlin, früher als geplant. Als da einfach alles komplett nervig wird, bricht Samara mit Hilfe einer Krankschreibung aus dem Trott aus und fährt mit ihrem alten Mercedes Cabrio, den sie von ihrem Vater bekommen hat, einfach los. Ein Selbstfindungstrip nimmt seinen Lauf. Sie landet mal hier, mal da und überall erfindet sie sich neu, begonnen mit ihrem Namen. Sie will nach oben. In jeder Hinsicht. Man könnte sagen, sie ist eine Hochstaplerin. Aber stimmt das?
Die Meinungen anderer zu diesem Buch haben mich fast davon abgehalten, es zu lesen oder zu hören. Und ja, es ist super anstrengend, weil Samara in all ihren Inkarnationen einfach nervig und auf gewisse Weise schrecklich ist. Aber gleichzeitig musste ich ständig grinsen, hab erschreckend viel nachvollziehen können und Samara teilweise schon fast bewundert. Aber ich habe auch gesehen, dass sie sich gern mal selbst im Weg steht und sie sich nicht so sehr verlaufen hätte, wenn sie mal versucht hätte, andere zu verstehen. Sie kann ein echt bockiges, kleines nerviges Kind sein!
Samiras Stil, ihre Story zu erzählen, und damit eben Caroline Wahls Stil, ist für mich total unterhaltsam. Diese Wiederholungen eines Geschehnisses in wörtlicher Rede oder das nennen des gleich Sprechenden sind total ungewohnt, etwas anstrengend, sorgen aber auch für den Unterhaltungsfaktor. Es ist einfach super schwer zu beschreiben! Man muss es mögen, ganz klar. Und ich möchte das nicht bei jedem zweiten Buch so lesen oder hören, aber zur Story passt es so unglaublich gut!
Auf ihrem Roadtrip verändert sich Samara langsam, aber stetig. Sie ist eindeutig auf dem Weg zu sich selbst, nicht nur auf einer Reise durch die Welt. Immer wieder gibt es Momente, in denen sie mich unendlich nervt, aber auch immer mehr Momente, in denen ich ganz bei ihr und stolz auf sie bin. Vermutlich habe ich mich in ihr in einigen Teilen wiedergefunden. Die Spitzen gegen so viele sozialen Gefüge, gesellschaftlichen Normen, Berufsgruppen und das Gebaren so einiger Mitmenschen sind einfach urkomisch und total genial. Ich kann nachvollziehen, dass nicht jeder mit dem Buch klarkommt. Mir jedenfalls gefällt es und zwar sehr! Bestimmt können alle Samaras, Sams, Resas mich verstehen. Ein Buch für sie und mich. Fünf Sterne.