Ein starker weiblicher Generationenroman
Manchmal sind es nicht die lauten, sondern die leisen Geschichten, die bleiben. „Die Riesinnen“ ist genau so ein Buch.
Drei Frauen, drei Leben, die sich umeinander winden wie Wurzeln im Waldboden: eng verbunden, kaum zu trennen, und doch jede für sich. Es geht um Herkunft und um das, was man mitbekommt, ohne danach gefragt zu haben. Und darum, ob man sich davon lösen kann, ohne sich selbst zu verlieren.
Der Stil der Autorin ist reduziert und gerade deshalb so eindringlich. Keine überflüssigen Worte, keine großen Gesten. Stattdessen leise, starke Bilder, die nachhallen. Man liest langsam, weil man spürt, dass man sonst etwas verpasst.
Der Roman verzichtet auf klassische Dramaturgie, auf Höhepunkte im üblichen Sinn. Und trotzdem passiert viel, nur eben zwischen den Zeilen. In Blicken, in Erinnerungen, in dem, was nicht gesagt wird.
Besonders stark sind für mich die Szenen im Dorf Wittenmoos und im angrenzenden Wald. Hier entfaltet der Roman seine größte Atmosphäre, hier greifen Figuren, Landschaft und Stimmung am überzeugendsten ineinander. Die Passagen an anderen Orten, etwa Coras Erlebnisse im Ausland oder Evas Studium in Stuttgart, fallen dagegen spürbar ab. Sie wirken stellenweise austauschbarer, fast funktional, auch wenn (oder weil?) sie für den Fortgang der Geschichte und die Konstellation in Wittenmoos notwendig sind.
Die Figur Liese hat mich nachhaltig beeindruckt. Sie trägt den Roman in vielerlei Hinsicht und verleiht ihm eine besondere Tiefe. In ihr verdichtet sich Vieles von dem, was das Buch ausmacht. Sie ist zugleich greifbar und distanziert, stark und verletzlich und bleibt lange im Gedächtnis. Nach dem Lesen der ihr gewidmeten Passagen fand ich es schade, dass ihr nicht noch mehr Seiten geschenkt wurden. Am Ende bleibt das Gefühl, dass es noch viel mehr über sie zu erzählen gegeben hätte, was mich jedoch nicht daran hindert, dieses Buch Leser/-innen zu empfehlen, die Freude an weiblichen Geschichten und Mütter-Töchter-Beziehungen haben und Kraft aus der Natur schöpfen.