Der Sumpf als Spiegel der Gesellschaft
„Ein Sumpf hält fest, was in ihn sinkt, so einfach ist das. Erinnerungen und Dinge, Körper und Krankheiten. Er ist Archiv und Grab zugleich.“
Mit diesem Satz beschreibt Seyda Kurt im Laufe des Romans das Viertel, in dem ihre Geschichte spielt – und bringt dessen Wesen für mich auf den Punkt. Der Sumpf ist Sinnbild für einen aufgegebenen Stadtteil, dessen Bewohnerinnen und Bewohner von Armut, Perspektivlosigkeit und Resignation geprägt sind. Über sieben Tage begleiten wir Figuren wie Sanya, Mira, Pfarrer Angelo oder Dr. Shifa durch ihren Alltag – Menschen, die versuchen, inmitten von Hoffnungslosigkeit Sinn, Gemeinschaft, ein wenig Wohlstand oder zumindest ein wenig Halt zu finden.
Der Roman verknüpft mehr oder weniger konsequent große gesellschaftliche Themen miteinander. Es geht um Armut, Einsamkeit, Flucht (auch vor der Realität), Radikalisierung, Fake News und vererbte Traumata. Erschreckend und überspitzt zeigt Seyda Kurt, wie Desinformation, religiöser Fanatismus und Verschwörungserzählungen dort gezielt zum Einsatz kommen und sich verbreiten, wo Menschen das Gefühl haben, ohnehin nichts mehr verlieren zu können. Gleichzeitig gibt es immer wieder Figuren, die versuchen, mit Menschlichkeit und Solidarität gegen diese Entwicklung anzukämpfen.
Eine besondere Rolle spielt dabei eine außenstehende Chronistin, die jedes Kapitel mit einer nächtlichen Bestandsaufnahme beendet und den Bogen von mesopotamischen Schöpfungsmythen bis in unsere Gegenwart spannt. Gut gefallen hat mir, wie historische Bezüge und die Geschichte des Viertels immer wieder miteinander verwoben werden. Am Ende fasst sie den Ort so zusammen:
„Unser Viertel ist nah und fern, herrlich und monströs. […] Schon immer Sumpf gewesen und ständig aufs Neue dabei, zu vertrocknen. […] Das Leben in den Straßen, das Murmeln auf den Plätzen, die Wut und die Träume der Menschen, all das, was der Sumpf verschluckte und wieder hervorspuckte, hat unser Viertel zu dem Ort gemacht, der er heute ist.“
So eindrucksvoll viele Bilder und Gedanken dieses Romans sind, so herausfordernd war die Lektüre für mich. Die Handlung wirkt oft fragmentarisch, Figuren mäandern durch das Viertel und den Roman, interagieren miteinander und verlieren sich wieder, Erzählstränge verlaufen ins Leere oder werden erst viel später aufgegriffen. Dazu kommen lyrische Passagen, absurde und teilweise schockierende Szenen und eine Fülle an Themen, die mich stellenweise eher überfordert als bereichert haben. Immer wieder hatte ich das Gefühl, einen wichtigen Gedanken nur zu streifen, bevor schon der nächste Gedanke folgte.
Trotzdem bleibt für mich der Eindruck, einen gesellschaftlich nicht unwichtigen Roman gelesen zu haben. „Zeit der Monster“ fordert seine Leserinnen und Leser heraus und verlangt Aufmerksamkeit. Mich haben die originelle Erzählweise, die sprachliche Kraft und der Mut zu Chaos und Skurrilität beeindruckt. Gleichzeitig hätte dem Roman aus meiner Sicht etwas mehr erzählerische Konzentration gutgetan – manchmal ist weniger eben doch mehr.
Ich vergebe eine 3+ und schaue mir den nächsten Roman der Autorin wieder an.