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    Harry Horch

    Aktiv seit: 02. März 2026
    "Hilfreich"-Bewertungen: 2

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    1 Rezension

    L.I.F.T.

    Neal Morse
    L.I.F.T. (CD)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    02.03.2026
    Klang:
    5 von 5
    Musik:
    5 von 5

    Die Neal Morse Band ist wieder komplett

    The Neal Morse Band
    L.I.F.T.

    Als im Herbst 2023 die Nachricht einschlug, dass Mike Portnoy zu Dream Theater zurückkehren würde, saß der Schock tief – besonders bei der Neal-Morse-Gemeinde. Für viele schien damit auch das Kapitel Neal Morse Band beendet. Portnoy zurück bei seiner ‘Stammband’, die Prog-Welt zwar elektrisiert – aber die NMB - in der Form wahrscheinlich Geschichte?

    Zumal Neal Morse keineswegs stillstand. Der umtriebige Multiinstrumentalist versammelte jüngere Musiker von The Resonance um sich, nahm mit ihnen No Hill for a Climber auf und ging 2025 mit diesem Line-up auf Tour. Alles deutete auf einen klaren Schnitt hin.
    Doch die Überraschung folgte Ende 2025 Trotz Hauptamt bei Dream Theater bleibt Portnoy weiterhin Teil von Morses Herzensprojekt. Mit Bill Hubauer, Randy George, Eric Gillette und Mike Portnoy ist die NMB wieder komplett – und meldet sich mit L.I.F.T. eindrucksvoll zurück.
    Mit Morse und Portnoy steht faktisch die halbe Besetzung von Transatlantic im Studio. Dass Roine Stolt im Klangbild fehlt, fällt weniger ins Gewicht, als man vermuten könnte: Eric Gillettes Gitarrenarbeit ist technisch wie klanglich auf höchstem Niveau – präzise, melodisch, druckvoll. Auch stimmlich ist er seit Jahren so nah an Morse, dass sich ihre Stimmen stellenweise kaum unterscheiden lassen.

    Gerade im kompositorischen Gefüge wird deutlich, wer bei Transatlantic stets als Hauptarchitekt fungierte. Die harmonischen Wendungen, die hymnischen Refrains, die dramatischen Spannungsbögen tragen unverkennbar Morses Handschrift. Portnoys Schlagzeug strukturiert die Dynamik mit jener Mischung aus Energie und Detailverliebtheit, die man von ihm kennt.

    Auffällig ist die Balance zwischen kammermusikalischer Reduktion und progtypischem Bombast. Zarte Keyboardflächen, akustische Instrumente und mehrstimmige A-cappella-Passagen – an denen neben Morse auch Hubauer und Portnoy beteiligt sind – kontrastieren mit kraftvollen, rhythmisch komplexen ‘transatlantischen’ Ausbrüchen. Gerade diese Wechsel verleihen dem Album seine Spannung.
    Ein 20-Minuten-Epos sucht man diesmal zu wenigstens in der Titelliste vergeblich. Stattdessen setzt die Band auf kompakte Songformate, die auch einzeln funktionieren und besonders in der zweiten Hälfte nahtlos ineinander übergehen womit man mal wieder auf 31:30 min. am Stück kommt.

    Denn L.I.F.T. ist wieder ein typisches Neal-Morse-Konzeptalbum. Erzählt wird die innere Geschichte eines Menschen, der aus einer verletzten Kindheit kommt, geprägt von emotionaler Abwesenheit, familiären Brüchen und dem Gefühl, nicht wirklich gewollt oder akzeptiert zu werden.

    ‘I Still Belong’ und ‘Fully Alive’ zeichnen zunächst die kindliche Perspektive, das intuitive Wissen um Zugehörigkeit trotz brüchiger Umstände. Mit ‘Hurt People’ und ‘The Great Withdrawal’ werden die Folgen sichtbar - verletzte Menschen verletzen andere weiter. Der anschließende emotionale Rückzug wird zunächst zum Schutz – und schließlich zur eigenen Gefangenschaft. Der dramaturgische Tiefpunkt des Albums liegt in ‘Shame About My Shame’. Nicht nur Scham, sondern Scham über die eigene Scham – ein Kreislauf aus Selbstverurteilung und innerer Erstarrung.

    Erst ‘Reaching’ markiert die Wende. Die ausgestreckte Hand, das Bild der Metapher des Amphibiums, vom Leben in zwei Welten – alte Identität und neue Gnade – öffnen einen anderen Horizont. In ‘Carry You Again’ verschiebt sich die Perspektive endgültig, nicht Leistung, sondern Getragenwerden ist die Antwort.
    Der Abschluss mit ‘Fully Alive (Part 2)’ mit den fantastischen Vocals von Bill Hubauer und ‘Love All Along’ löst die innere Spannung auf. Liebe war von Anfang an da. Die ursprüngliche Wahrheit – dazuzugehören – war nie verloren, nur überdeckt.

    Das Cover von L.I.F.T. zeigt einen Mann in Anzug, der in einer kargen, felsigen Landschaft steht. Vor ihm ragt eine frei im Raum stehende, geöffnete Tür auf. Durch diese Tür blickt er – unterstützt von einem Fernglas – auf einen helleren Himmel, in dem mehrere Heißluftballons aufsteigen. Außerhalb des Türrahmens bleibt der Himmel grau und leer. In der Hand hält er eine zerfetzte weiße Fahne als Ausdruck der inneren Kapitulation.

    In Verbindung mit dem Albumkonzept lässt sich das Bild als visuelle Verdichtung der inneren Reise deuten. Die steinige Landschaft spiegelt einen emotional ausgedörrten Zustand wider – Rückzug, Selbstschutz, Isolation. Die Tür steht nicht für einen Ortswechsel, sondern für einen Perspektivwechsel: Sie ist ein Durchgang in eine andere Sicht auf die eigene Realität. Dass die aufsteigenden Ballons nur durch diese Öffnung sichtbar sind, unterstreicht, dass Hoffnung und ‘Erhebung’ nicht außerhalb existieren, sondern durch eine neue innere Haltung wahrgenommen werden.

    Was das Akronym des Titels bedeutet, bleibt offen. Vielleicht steht L.I.F.T. am Ende gar nicht für eine fest definierte Formel – und doch könnte man es nach dieser Reise als ‘Life Is Faith & Trust’ lesen. Ein Leben, das sich nicht selbst tragen muss, sondern getragen wird.
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