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    cosmea

    Aktiv seit: 27. Januar 2026
    "Hilfreich"-Bewertungen: 0

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    Wir können nicht sicherstellen, dass die Angaben von Verbrauchern stammen, die das Produkt tatsächlich genutzt oder erworben haben.

    17 Rezensionen

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    Ein unheimlich guter Mensch

    Kirsten King
    Ein unheimlich guter Mensch (Buch)

    3 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    04.06.2026

    Kein unheimlich guter Mensch

    Lillian O´Malley, Ende 20, ist seit vier Monaten mit dem charmanten Henry Davis zusammen und glaubt, dass er das Potential für eine dauerhafte Beziehung hat. Sie versucht, ihrem Partner zu gefallen und lässt alles mit sich machen, was Henry will. Henry ist jedoch nicht daran interessiert, aus der „situationship“ eine „relationship“ zu machen und serviert sie überraschend ab. Lillian betrinkt sich und beschließt, sich zu rächen. Sie belegt ihn mit einem im Internat gefundenen Schadenzauber. Wenig später wird Henry erstochen aufgefunden. Für die Polizei ist sie dringend tatverdächtig, und sie hat kein solides Alibi. Weil sie mehrfach verhört wird, nimmt sie sich einen Anwalt. Dann findet Lillian heraus, dass Henry seit 10 Jahren in einer festen Beziehung war. Sie trifft Nora und spricht mit ihr. Lillian versucht herauszufinden, wer Henry umgebracht hat und warum. Sie steckt in Schwierigkeiten, auch an Ihrem Arbeitsplatz in einer Marketing Firma und gerät mit ihrer Vorgesetzten Candice aneinander.
    Kirsten Kings Debütroman liest sich zügig. Ich fand ihn allerdings nicht so witzig, wie in vielen Kommentaren behauptet. Der Roman hat eine Protagonistin, mit der man sich wohl kaum identifizieren kann. Lillian ist egozentrisch und narzisstisch, hält sich für einen unheimlich guten Menschen und erwartet, dass alle Welt sie liebt und bewundert. Manches an ihrem Verhalten ist ausgesprochen abstoßend. Mich stören auch etliche recht derbe Stellen und die Darstellung von Henrys sexuell übergriffigem Verhalten, das nicht kommentiert oder und erst recht nicht kritisiert wird. Deshalb spreche ich keine absolute Leseempfehlung aus.
    Die Namen

    Florence Knapp
    Die Namen (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    23.05.2026

    Drei Versionen eines Lebens

    Cora ist mit Gordon verheiratet, einem beliebten und angesehenen Arzt. Sie haben eine 9jährige Tochter namens Maia. Lange bleibt ihr Wunsch nach einem weiteren Kind unerfüllt. Dann wird ein kleiner Junge geboren. Gordon will, dass Cora den Jungen entsprechend der Familientradition Gordon nennt. Aber als Cora und Maia auf dem Weg zur Meldestelle sind, möchte Cora das Kind Julian nennen, während Maia Bear vorschlägt. Cora fürchtet, dass ein Gordon genannter Sohn die Tradition der dominanten Männer fortsetzt und genauso wird wie sein Vater. Die Autorin hat die originelle Idee, aus den drei Namen unterschiedliche Lebensgeschichten zu entwickeln. In drei Handlungssträngen in Zeitabschnitten von jeweils sieben Jahren wird die 35 Jahre umfassende Familiengeschichte von 1987 bis 2022 aus der Perspektive des Sohnes mit den Namen Bear, Julian und Gordon erzählt. Cora, Tochter Maia und Coras Mutter sind in allen drei Geschichten präsent. Ansonsten gibt es deutliche Unterschiede. In einer Version wird Cora getötet, als ihr Sohn fünf Jahre alt ist, in einer anderen bleibt sie 40 Jahre bei ihrem Mann. Die wichtigste Konstante ist jedoch, dass Gordon dominant und übergriffig ist und Cora in dieser Ehe kein selbstbestimmtes Leben führen kann. Sie darf keine eigenen Freunde haben, hat keinen Zugang zum Fernseher und Telefon und besitzt nicht einmal einen Hausschlüssel. Beim geringsten Fehlverhalten nach Ansicht des Mannes wird sie grausam bestraft. Sie kann ihn nicht anzeigen, denn niemand würde ihr glauben und sie würde das Sorgerecht für ihre Kinder verlieren.
    Die Autorin beschreibt in ihrem packenden Debütroman, welche Folgen eine einzelne Entscheidung wie die Wahl eines Namens für das eigene Kind haben kann, aber vor allem ist es eine schreckliche Geschichte von brutaler Gewalt und kompletter Entmündigung einer Frau in ihrer Ehe, auf die der Klappentext den Leser nicht wirklich vorbereitet. Ein bemerkenswerter und wichtiger Roman, der lange nachwirkt.
    Die Straße

    Robert Seethaler
    Die Straße (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    19.05.2026

    Das Leben eben

    Im neuen Roman von Robert Seethaler geht es um das Leben von Menschen in einer namenlosen Stadt. Sie alle leben in der Heidestraße, die Unternehmer profitabel verändern wollen, nachdem es ihnen gelungen ist, die Mieter zu vertreiben, die hier jahrzehntelang gewohnt haben. Der Autor portraitiert das Leben dieser Menschen, von denen die meisten bis zum Schluss namenlos bleiben, über einen Zeitraum von einem Jahr, von einem Heidestraßenfest zum nächsten. Da gibt es einen Jungen, der unzählige Tauben mit Hilfe einer Steinschleuder tötet, einen völlig überarbeiteten Arzt, einen sehr gewaltbereiten jungen Mann, der bei der kleinsten Provokation ausrastet, die Heimleiterin eines Seniorenheims, eine Nichte, die in die Wohnung ihrer Tante eingezogen ist, eine verliebte Blumenhändlerin, einen Pfarrer, der in den Ruhestand geht und einen überforderten Kommissar mit zu wenig Personal. In Hunderten von kurzen Texten wird aus ständig wechselnder Perspektive erzählt, was ihnen widerfährt, was sie denken und wovon sie träumen.
    Der Verzicht auf eine stringente Handlung erschwert die Lektüre, bis man sich an den ständigen Perspektivwechsel gewöhnt hat und die Figuren anhand ihrer Äußerungen und Gedanken identifizieren kann. Es ist ein Ausschnitt aus dem Leben, wie es nun mal ist, weitgehend ohne herausragende Ereignisse. Der Roman ist von der Struktur und vom Inhalt her ungewöhnlich und insgesamt gar nicht schlecht, gefällt mir aber längst nicht so gut wie andere Bücher des Autors, zum Beispiel “Ein ganzes Leben“ oder “Der Trafikant“.
    Das Mosaik der Frauen

    Rafik Schami
    Das Mosaik der Frauen (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    19.05.2026

    Wer wäre Nadim Suri ohne die Frauen?

    Said Mardini, ein junger Literaturstudent, flieht aus Damaskus, nachdem er sich durch eine kritische Rede gegen die Diktatur in Lebensgefahr gebracht hat. Er bekommt ein Visum in Deutschland und eine Zulassung an der Universität Heidelberg. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er zunächst mit zahlreichen Jobs. Später arbeitet er aufgrund seiner vielfältigen Sprachkenntnisse als Simultandolmetscher und wird sehr gut dafür bezahlt. Außerdem schreibt er Romane. Eines Tages bittet ihn ein befreundeter deutscher Arzt um Hilfe. Nadim Suri, ein schwerkranker Patient mit syrischen Wurzeln, der nicht mehr lange zu leben hat, möchte ihm seine Lebensgeschichte erzählen. In der Folge besucht Said den alten Mann an zehn Tagen und hört die Geschichte seines Lebens. Es ist vor allem die Geschichte seiner Beziehungen zu Frauen. Immer wieder verliebt er sich, erlebt großes Glück, aber auch Enttäuschung, Verlust und Trauer. Die Frauen in seinem Leben haben ihn geprägt. Jede von ihnen hat etwas in ihm hinterlassen, das zu einem Mosaiksteinchen als Teil seiner Persönlichkeit wird. Alle zusammen machen das fertige Bild dessen aus, der er am Ende seines Lebens ist.
    Neben den Geschichten über die Frauen seines Lebens erzählt Nadim jedoch auch witzige Episoden und Ereignisse, die er von anderen gehört hat. Ein wichtiger Teil dieses Romans ist das Thema Flucht und Vertreibung, die grausame Herrschaft der Diktatoren mit Tausenden von Toten, z.B. in Syrien und dem Irak, wo ein falsches Wort zu Folter und Tod führen kann. Es geht jedoch auch um das Leben der Immigranten in Deutschland, die Reaktion der Deutschen auf die Zuwanderer und ein Plädoyer für mitmenschliches Verhalten. Mir hat Rafik Schamis meisterhaft erzählter Roman im Roman sehr gut gefallen und ich empfehle ihn gern weiter.
    Die Liebeshungrigen

    Karine Tuil
    Die Liebeshungrigen (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    19.05.2026

    Machtkämpfe überall

    Ein Jahr, nachdem Dan Lehman, der fiktive linke Präsident mit jüdischen Wurzeln, nicht wiedergewählt wurde und gegen die Kandidatin der extremen Rechten verloren hat, kämpft er nach dem plötzlichen totalen Absturz noch immer ums Überleben. Seine zweite Ehe mit der deutschen Schauspielerin Hilda ist nach fünf Jahren nur noch Fassade, die Scheidung eine Frage der Zeit, zumal die attraktive Schauspielerin mit ihrem neuen Film auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angekommen ist. Kurioserweise beruht der Film auf dem neuen Roman von Marianne, Lehmans erster Frau, mit der er viele Jahre verheiratet war und drei Kinder hat. Er liebt seine Kinder sehr, auch die kleine taubstumme Tochter aus der Ehe mit Hilda. Er hat auch nie aufgehört, Marianne zu lieben und hofft, da wieder anknüpfen zu können, wo er die Beziehung einst beendet hat. Dan ist jedoch Alkoholiker, was einen Neuanfang zusätzlich erschwert und muss sich gegen diverse Anzeigen vor Gericht wehren.
    Aus wechselnder Perspektive erzählt der Roman die Geschichte verschiedener Figuren und behandelt dabei nicht nur das Thema Liebe in all ihren Facetten, sondern vor allem auch die Machtkämpfe in allen Bereichen: in der Politik, in der Ehe und allen Beziehungen, in der Filmindustrie und im Literaturbetrieb. Die Autorin zeigt, dass sich Frauen in der Filmbranche besonders häufig gegen dominante übergriffige Männer wehren müssen. Sie macht außerdem deutlich, welche Macht die Medien ausüben, wenn sie Personen im Rampenlicht aufbauen oder Existenzen zerstören. So muss sich Dan Lehman nach seiner Wahlniederlage üble antisemitische Beschimpfungen gefallen lassen und hinnehmen, dass die von ihm geleistete Arbeit nichts mehr gilt. Angesichts dieser Thematik finde ich den deutschen Titel nicht besonders passend gewählt für einen Roman, der im Original “La guerre par d´autres moyens“ (Krieg mit anderen Mitteln) betitelt ist.
    Ich kenne die Autorin schon seit vielen Jahren und habe auch ihren neuen Roman sehr gern gelesen. Ich empfehle ihn ohne Einschränkung.
    The Artist

    Lucy Steeds
    The Artist (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    19.05.2026

    Folge dem Licht

    In Lucy Steeds Debütroman “The Artist“ bittet der junge Journalist Joseph Adelaide im Jahr 1920 den seit vielen Jahren zurückgezogen in einem alten Haus in der Nähe von Saint-Auguste in der Provence lebenden berühmten Maler Edouard Tartuffe um ein Interview und erhält die Erlaubnis zu einem Besuch. Vor Ort erlebt er einige Überraschungen. Der Maler, der sich Tata nennen lässt, duldet ihn nur im Haus, wenn er ihm Modell sitzt, beantwortet jedoch keine Fragen. Die zweite Überraschung ist Sylvette genannt Ettie, die junge Nichte des Malers, die alle Pflichten einer Haushälterin erfüllt. Edouard hatte seine von einem verheirateten Mann schwangere Schwester bei sich aufgenommen und die Nichte allein aufgezogen, nachdem seine Schwester ihn wegen eines neuen Partners verlassen hatte. Tatsächlich verhält sich der Onkel jedoch nicht wie ein Ersatzvater, sondern erlaubt Sylvette kein selbstbestimmtes Leben, schon gar nicht, dass sie auch malt und eine künstlerische Karriere anstrebt. Er verhält sich wie ein Tyrann und zerstört gern mal, was Ettie liebt. Im Lauf seines mehr als dreimonatigen Aufenthalts bekommt Joseph Einblick in Edouards künstlerisches Schaffen und schreibt Artikel für seine Zeitung “The Inkling“ auch ohne ein einziges Interview. Außerdem erfährt er Etties Lebensgeschichte und ihr streng vor Tata gehütetes Geheimnis, und die beiden jungen Leute kommen sich näher.
    Der Roman führt den Leser sprachgewaltig an die Welt der Malerei heran, lässt die entstehenden Gemälde mit den Mitteln der Sprache lebendig werden. Sehr eindrucksvoll beschreibt er den für Frauen damals generell schwierigen Weg zu einem selbstbestimmten Leben und zur Verwirklichung der eigenen Ambitionen. Ich habe den Roman sehr gern gelesen. Er ist allerdings ziemlich handlungsarm, weil die stimmungsvollen Ausführungen über die Entstehung von Kunstwerken doch einen sehr breiten Raum einnehmen. Ein Spannungsaufbau wird auch dadurch weitgehend verhindert, dass der im Jahr 1957 angesiedelte Prolog das zentrale Geheimnis um Ettie enthüllt. Dennoch ist dieses Buch schon wegen seiner poetischen Sprache und dem Einblick in künstlerisches Schaffen sehr empfehlenswert.
    John of John

    Douglas Stuart
    John of John (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    07.05.2026

    Wer bin ich, und wer darf ich sein?

    Nach einem vierjährigen Kunststudium in Edinburgh kehrt der 22jährige John Calum MacLeod genannt Cal auf Bitten seines Vaters nach Hause zurück, um sich um seine Großmutter Ella zu kümmern. Zu Hause bedeutet für ihn Lewis, eine Insel der Äußeren Hebriden. Cal hat enorme Schulden angehäuft und keine Zukunftsperspektive außer so zu leben wie sein Vater und Generationen vor ihm: mit schwerster Arbeit als Tweed-Weber und Schafzüchter, immer am Rande des Existenzminimums. Cal muss weiter sein Geheimnis vor seinem Vater John und der ganzen Gemeinde wahren, wo jeder alles über die anderen wissen will. John spielt eine wichtige Rolle in der strenggläubigen calvinistischen Gemeinde, wo es üblich ist, einen jungen Mann wie Cal wegen eines angeblichen Fehlverhaltens öffentlich zu stoßen und zu schlagen. Auch sein Vater verliert öfter die Kontrolle und traktiert ihn mit schmerzhaften Fausthieben. Cal hatte vor seinem Weggang einen Geliebten, den jungen Doll Macdonald, der aber nichts mehr von ihm wissen will. Darauf freundet er sich mit Innes MacInnes an, dem besten Freund seines Vaters, der unverheiratet geblieben ist und sich um seinen alten gebrechlichen Vater kümmert. Jeder hat hier ein Geheimnis, wie Cal im Laufe der Geschichte herausfindet. Er erfährt, warum seine Mutter Grace einst seinen Vater und ihn verließ und mit ihrem Schwager eine neue Familie gründete. Er hat sich so nach seiner Heimat gesehnt, aber kann er hier überhaupt leben, ohne sich selbst zu verleugnen und zu verbiegen, nur um die Wärme der vertrauten Gemeinschaft nicht zu verlieren? Wird er in einer solchen Enge ein selbstbestimmtes Leben führen können?
    Mir hat dieser atmosphärisch dichte Coming-of-Age-Roman trotz deutlicher Längen gefallen. An äußerer Handlung passiert nicht viel, aber man begleitet Cal gern auf seinem schweren Weg. Den Booker Prize wird der Autor für diesen Roman nicht bekommen, aber eine Leseempfehlung spreche ich trotzdem aus.
    Meeresdunkel

    Till Raether
    Meeresdunkel (Buch)

    3 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    07.05.2026

    Die Vergangenheit ist nicht tot

    Zwei Familien treffen scheinbar durch eine fehlerhafte Doppelbuchung in der renovierungsbedürftigen Finca Casa de la Vora am Ende einer Bucht auf Mallorca zusammen. Da kein anderes Quartier verfügbar ist, arrangieren sie sich miteinander und kommen zunächst ganz gut miteinander aus. Es gibt jedoch in beiden Familien Probleme. In der Ehe von Henrike und Hans kriselt es, und deshalb hofft Henrike, dass sie sich durch den gemeinsamen Urlaub wieder näherkommen. Auch bei Marie und Samuel, dem anderen Ehepaar läuft es nicht rund, weil Marie völlig verarbeitet ist und für ihren Chef zu allen Tages- und Nachtzeiten erreichbar sein muss und weil ihr Mann durch falsche geschäftliche Entscheidungen gerade alles in den Sand gesetzt und eine Menge Geld verloren hat. Dann zieht ein Sturm auf – sozusagen im wörtlichen und im übertragenen Sinne, so dass die Situation im Ferienhaus dem klassischen Locked Room Mystery ähnelt, weil sie das Grundstück nicht mehr verlassen können. Einer von ihnen wird ermordet aufgefunden. Die Erklärung für die Ereignisse in der Gegenwart ist in der Vergangenheit zu finden, wie drei Kapitel mit der Überschrift 1995 verdeutlichen. So versteht der Leser nach immer neuen Wendungen und Komplikationen, wie alles zusammenhängt und warum es zu diesem seltsamen Zusammentreffen in der Casa de la Vora kam.
    Die Geschichte liest sich eigentlich teilweise nicht schlecht, obwohl sie nicht durchweg spannend ist, aber auf mich wirkt das Ganze sehr konstruiert und teilweise so verworren, dass man den Überblick verliert. Dazu trägt auch die Personenvielfalt bei und einige Besonderheiten, die letztlich entbehrlich sind. Da ist zum Beispiel Juri, der 8jährige Sohn von Marie und Samuel, dessen wichtigste Bezugsperson seine Puppe Hedwig ist und der so frühreif ist, dass es schon wie eine Karikatur wirkt. Welcher Junge in diesem Alter beschäftigt sich denn mit Einsteins Relativitätstheorie? Für mich ist dieser Roman kein Thriller, sondern ein aus Familiendramen zusammengesetztes Puzzle. Falls es eine Fortsetzung geben sollte, werde ich diese jedenfalls nicht lesen.
    Das letzte Buch von Marceau Miller

    Marceau Miller
    Das letzte Buch von Marceau Miller (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    24.04.2026

    Wem kann man noch vertrauen?

    Der Roman von Marceau Miller ist ein ungewöhnliches Konstrukt, denn der fiktive Autor ist zugleich der Protagonist des Romans, dessen Handlung jedoch zum Teil nach seinem Tod spielt. Marceau Miller ist ein überaus erfolgreicher Autor. Nach der Feier mit seinem Verleger zum Erscheinen seines neuen Romans verschwindet er spurlos. Er liebt das Risiko, fliegt sein Privatflugzeug Savage Bobber und hat lange Zeit riskante Klettertouren ohne jede Absicherung gemacht. Seine Frau Sarah vermutet, dass er sein Versprechen, auf letztere zu verzichten, gebrochen hat und sucht ihn in seinem bevorzugten Klettergebiet. Sie findet seine Leiche unterhalb eines steilen Felsens. Sarah glaubt nicht an einen Unfall und beginnt ihre eigenen Ermittlungen zusammen mit dem pensionierten Polizisten Yves Reynaud und unterstützt von den engsten Freunden Alexis und Rollin Uldry und seiner Frau Karen, mit der sie einen Bootsverleih betreibt. Ein Brief von einer Bank informiert sie über eine große Summe Geld und das Manuskript von Marceaus letztem Buch in einem Tresor. Das rätselhafte Manuskript, das angeblich die Wahrheit über alle rätselhaften Ereignisse der Vergangenheit enthält, bleibt jedoch lange unauffindbar.
    Der Leser begleitet die zutiefst verstörte und trauernde Sarah bei ihren Nachforschungen. Was sie herausfindet, lässt sie daran zweifeln, dass sie irgendjemand noch trauen kann. Sie hat das Gefühl, ihren Mann überhaupt nicht gekannt zu haben, und auch ihre Freunde haben sie betrogen und verraten. Fast jeder hat in dieser Geschichte etwas zu verbergen, und nichts hat sich so abgespielt, wie es schien. Obwohl Sarah sich verfolgt und beobachtet fühlt und sogar in Lebensgefahr gerät, obwohl die Medien allen Beteiligten das Leben schwermachen, gibt Sarah nicht auf, bis sie die Wahrheit kennt.
    Ich habe den spannenden Roman sehr schnell gelesen und nicht nur die Handlungen mit unzähligen Wendungen, sondern auch Beschreibung der wunderschönen Landschaft am Genfer See auf der französischen und der Schweizer Seite genossen. Allerdings wirkt der Plot schon insgesamt etwas konstruiert und wenig realistisch. Eine dennoch empfehlenswerte unterhaltsame Lektüre.
    Der Gesang der See

    Trude Teige
    Der Gesang der See (Buch)

    5 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern
    19.03.2026

    Pflicht oder Liebe?

    Mit “Der Gesang der See“ liegt Trude Teiges Debütroman erstmals auf Deutsch vor. Die Geschichte spielt auf einer kleinen Insel an der norwegischen Westküste. Dort leben die Menschen von Fischerei und Schafzucht. Die junge Kristiane ist mit ihrem ersten Kind schwanger, als ihr geliebter Mann Anders bei einem Sturm ums Leben kommt. Sie hat ihrem Vater einst versprochen, dass sie dafür sorgen wird, dass das Lotsenamt in der Familie bleibt. Er hat ihr zwar alles über das Leinenfischen und den Umgang mit Booten beigebracht, aber Frauen ist es verwehrt, als Lotsen zu arbeiten. Man setzt ihr eine Frist. Wenn sie keinen geeigneten neuen Partner findet, der die Lotsenprüfung besteht, verliert die Familie die Lotsennummer. Sie heiratet Lars, der seit der Kindheit ihr Freund ist und sie immer schon liebt. Er ist ein verlässlicher Partner und ein guter Vater für ihren kleinen Sohn Lisje Anders. Allerdings hat sich Kristiane inzwischen in Fredrik verliebt, einen gutaussehenden Mann aus einer reichen, einflussreichen Familie. Sie beginnen eine geheime leidenschaftliche Beziehung.
    Kristiane ist eine sehr sympathische Protagonistin, eine ambitionierte, kämpferische Frau, die sich von Männern nichts vorschreiben lässt. Dafür erntet sie viel Kritik, obwohl sie durch geschicktes Verhandeln mit dem Fischhändler bessere Preise nicht nur für sich, sondern für alle Fischer im Dorf erzielt. Man tratscht über sie, weil sie im Meer schwimmt, was sich angeblich nicht gehört. Der Roman zeigt die harten Lebensbedingungen der Fischer, die durch ihre Arbeit kaum genug zum Überleben verdienen und lässt den Leser eintauchen in Landschaft und Klima der Westküste. Mir hat die Geschichte gut gefallen. Allerdings haben mich die ersten beiden Bände ihrer berühmten Trilogie noch mehr beeindruckt.
    Die Rätsel meines Großvaters

    Masateru Konishi
    Die Rätsel meines Großvaters (Buch)

    3 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    19.03.2026

    Die Wahrheit wird im Rauch sichtbar

    “Die Rätsel meines Großvaters“ ist der zweite Band einer Trilogie des japanischen Autors Masateru Konishi. Im Mittelpunkt stehen die junge Lehrerin Kaede und ihr namenloser Großvater, der an DLB, einer besonderen Form der Demenz leidet. Bei ihm wechseln Phasen, in denen er bei klarem Verstand ist und andere, in denen er Personen und Ereignisse der Vergangenheit halluziniert. Dann sieht er seine tote Ehefrau oder Tochter. Oft auch seine Enkelin als kleines Kind. Kaede verbringt viel Zeit mit dem geliebten Großvater, mit dem sie rätselhafte Kriminalfälle oder mysteriöse Vorfälle aufklärt. Beide haben traumatische Erlebnisse zu verarbeiten, und beide teilen die Liebe zu berühmten Krimiautoren und zu Verfilmungen ihrer Werke. Der Großvater findet oft Handlungsmuster der großen Romane der Kriminalliteratur in aktuellen Fällen wieder und klärt sie blitzschnell auf, nachdem er um eine Zigarette gebeten hat und in den Rauch blickt: „… er konnte inmitten des Zigarettenrauchs eine Halluzination der Wahrheit sehen“ (S. 228). Oft sind mit Iwata und Shiki zwei Freunde von Kaede dabei, die beide in sie verliebt sind, ohne zu Rivalen zu werden. Zu den Protagonisten gehört mit Agatsuma auch ein ehemaliger Schüler des Großvaters sowie der Polizist Jonouchi.
    Der Roman weist keine stringente Handlung, sondern vier voneinander unabhängige Rätsel auf, die vom Großvater gelöst werden, ohne dass er dazu seinen Lehnstuhl verlassen oder den Tatort eines Verbrechens aufsuchen muss. Sein messerscharfer Verstand und seine hervorragende Kombinationsgabe in seinen lichten Momenten sind genauso beeindruckend wie das liebevolle Verhältnis zwischen Großvater und Enkelin. Allerdings wirkt die Darstellung nicht besonders realistisch, eher märchenhaft. Das japanische Flair hat mir gefallen, die zahllosen japanischen Ausdrücke, die nicht erklärt oder übersetzt werden, eher weniger. Insgesamt bin ich ein bisschen enttäuscht.
    Alma

    Federica Manzon
    Alma (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    19.03.2026

    Geografie siegt immer über Geschichte

    Alma ist eine Frau mit einer besonderen Herkunft und einem ungewöhnlichen Werdegang. Sie ist in Triest aufgewachsen, einer Stadt im Osten Italiens an der Grenze zum ehemaligen Jugoslawien. Ihre reichen und gebildeten Großeltern mütterlicherseits leben in der habsburgischen Tradition. Almas Mutter will der Enge ihres strengen Elternhauses entfliehen und heiratet einen Slawen. Sie arbeitet in einer fortschrittlichen psychiatrischen Klinik, in der die Patienten nicht fixiert und sediert werden, sondern sich relativ frei bewegen können. Die Mutter kümmert sich nicht besonders um Alma. Unterstützung und Liebe findet sie vor allem bei ihrem Großvater. Ihr Vater verschwindet immer wieder über die Grenze nach Osten, ohne zu sagen, welcher Arbeit er dort nachgeht. Irgendwann erfährt Alma, dass er ein Anhänger Titos ist und seine Reden aufschreibt. Als Alma 11 Jahre alt ist, bringt ihr Vater eines Tages den gleichaltrigen Vili mit, den Sohn seines besten Freundes. Seine Eltern sind Dissidenten und wollen, dass ihr Sohn jenseits der Grenze in Sicherheit aufwächst. Anfangs verstehen sich Alma und Vili nicht besonders. Jahre später werden sie ein Liebespaar. Dann trennen sich ihre Wege für viele Jahre, bis sie Vili in ihrer Heimatstadt Triest trifft, damit er ihr im Auftrag ihres verstorbenen Vaters ihr Erbe übergibt. Zu der Zeit ist Alma 53 Jahre alt und hat viele Jahre in Rom und anderswo als Journalistin gearbeitet.
    Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Alma, die immer wieder auf ihr vergangenes Leben zurückblickt. Sie war immer auf der Suche nach ihren Wurzeln und ihrer Identität, hat sich nie irgendwo zugehörig gefühlt. Auch für den Leser ist es nicht ganz einfach, weil die Autorin selten Orte und die Namen der Mächtigen nennt. Da heißt es nur die Stadt, die Hauptstadt, hinter der Grenze, die verbotene Stadt, die Insel, der Marschall, der Mann mit den weißen Handschuhen usw. Im Zusammenhang mit dem Bosnienkrieg der 90er Jahre nennt sie zumindest Sarajewo, Vukovar und Srebrenica. Für mich leidet die Lesbarkeit dieses eigentlich interessanten und ungewöhnlichen Romans auch unter der sprachlichen Qualität der deutschen Übersetzung. Da stören zahlreiche sehr spezielle Wendungen und Satzkonstruktionen.
    Kala

    Colin Walsh
    Kala (Buch)

    3 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern Inaktiver Stern
    19.03.2026

    Was geschah wirklich mit Kala?

    Im kleinen Ort Kinlough an der irischen Westküste genießt eine Gang von sechs Jugendlichen im Jahr 2003 den Sommer ihres Lebens. Da sind die Jungen Joe, Mush und Aidan und die Mädchen Helen, Aoife und Kala. Die mutterlose charismatische Kala Lanann lebt bei ihrer Großmutter und ist der Mittelpunkt dieser Gruppe, bis sie im November desselben Jahres plötzlich spurlos verschwindet. 15 Jahre später treffen sich Joe, Mush und Helen zur Hochzeit von Helens Vater mit der Mutter von Aidan, der Selbstmord begangen hat, und den 16jährigen Zwillingen Marie und Donna. Joe ist inzwischen ein erfolgreicher Musiker, Helen arbeitet als freiberufliche Journalistin in Kanada, und Mush hilft seiner Mutter im Café. Er hat als einziger Kinlough nie verlassen. Dann werden Kalas sterbliche Überreste an einer Stelle gefunden, wo ein lokales Unternehmen Häuser bauen will. Sie starb eines gewaltsamen Todes. Nicht nur die Polizei, sondern auch die drei Freunde wollen endlich herausfinden, wer Kala ermordet hat. Helen, Joe und Mush haben sie nie vergessen und fühlen sich irgendwie schuldig an ihrem Tod. Dann sind plötzlich auch die Zwillinge verschwunden. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Kalas Tod und den aktuellen Ereignissen?
    Colin Walshs Debütroman liest sich aus verschiedenen Gründen nicht leicht. Erzählt wird auf zwei Zeitebenen aus der Perspektive von Joe, Helen und Mush, wobei Joe für seine Sicht die zweite Person verwendet. Immer wieder geht der Blick in die Vergangenheit und zeichnet die Entwicklung der drei Jugendlichen nach. Es passiert nicht allzu viel, und auf den ersten 300 Seiten wirkt die Darstellung oft unnötig detailliert und ist für mich keineswegs so spannend, wie manche Kritiker behaupten. Erst im letzten Drittel nimmt die Geschichte Fahrt auf bis hin zur Auflösung, die man nicht erraten kann. Dem Autor gelingt jedoch eine ungewöhnliche Mischung aus Coming-Of-Age-Story mit ersten Liebesbeziehungen und düsterem Thriller mit teilweise recht grausamen Episoden, denn in dieser scheinbar friedlichen Gegend gibt es mafiöse Strukturen, Korruption und brutale Schläger, die lange ungestraft davonkommen. Dieser komplizierte Plot, die ungeheure Personenvielfalt und der ständige Wechsel der Zeitebene erschweren die Lektüre und mindern die Spannung. Insgesamt bleibt “Kala“ hinter meinen Erwartungen zurück.
    Schwarzer September

    Sandro Veronesi
    Schwarzer September (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    02.03.2026

    Das Ende einer glücklichen Kindheit

    Im Sommer 1972 ist Giogio Bellandi 12 Jahre alt. Sein Vater ist ein erfolgreicher, gutaussehender Rechtsanwalt, seine Mutter Betty eine gebürtige Irin. Er hat eine fünf Jahre jüngere Schwester namens Gilda. Wie immer verbringt die Familie den Sommer in Fiumetto an der ligurischen Küste. Der Vater kommt am Wochenende dazu und verbringt viel Zeit auf dem Wasser mit seinem geliebten Segelboot Tivatú. Er nimmt Giogio mit auf diese Fahrten und führt mit ihm teilweise sehr riskante Manöver durch. In diesem Sommer verliebt sich der pubertierende Giogio in Astel, die dreizehnjährige bildhübsche Tochter einer Äthiopierin, die mit dem sehr reichen Geschäftsmann Lucido Raimondi verheiratet ist. Die Raimondis halten sich in der benachbarten Strandkabine auf, und ihre Häuser befinden sich auch in Sichtweite voneinander. Astel bitte Giogio um Hilfe beim Erlernen der englischen Sprache, und die beiden Jugendlichen übersetzen zusammen Songtexte von David Bowie und Cat Stevens. Sie kommen einander näher und verbringen so viel Zeit wie möglich miteinander, hören ihre Lieblingsmusik und tanzen dazu. Giogio interessiert sich auch für alle Sportarten und das Schachspiel und verfolgt aufmerksam die Olympischen Spiele in München. Doch dann passieren zwei schreckliche Dinge, und von einem Tag zum anderen ist nichts mehr, wie es war.
    Etwa fünfzig Jahre später schreibt Giogio seine Geschichte auf. Er hat nichts vergessen, vor allem seine erste Liebe nicht. Der Autor lässt sich viel Zeit, wenn er die Ereignisse dieses Sommers nachzeichnet, und es passiert insgesamt nicht viel. Es gibt immer wieder Vorausdeutungen, die auf die unaufhaltsam nahenden Katastrophen hinweisen, wodurch die Spannung erhöht wird. Allerdings verringert die Tatsache, dass der Klappentext viel zu viel verrät, die Wirkung dieser Erzähltechnik erheblich. Mir hat der Roman gut gefallen, nachdem ich mich an die detaillierte Darstellung gewöhnt hatte, denn es geht ja auch um Sommer am Meer mit wunderbarem italienischem Ambiente.
    Der letzte Sommer der Tauben

    Abbas Khider
    Der letzte Sommer der Tauben (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    22.02.2026

    Nur Tauben fliegen in die Freiheit

    Der vierzehnjährige Noah erlebt den letzten Sommer seiner Kindheit. Bisher hatte er ein gutes Leben mit seinen Eltern und seiner älteren Schwester, vor allem auch mit Onkel Ali, der in der anderen Hälfte des Hauses hinter der Mauer lebt. Der Onkel ist Geschäftsführer des Taubenzüchtervereins und hat Noah dieses Hobby nahegebracht. Noah kümmert sich liebevoll um die Tauben in dem Verschlag auf dem Dach, füttert sie, lässt sie fliegen. Jede hat einen Namen. Diese Idylle wird jedoch nicht mehr lange halten. Seit der Einrichtung des Kalifats befindet sich das Land im Umbruch. Nichts ist mehr, wie es war. Frauen müssen den Schleier tragen, dürfen das Haus nicht mehr allein verlassen, keinen Beruf ausüben. Alkohol, Zigaretten, Musik, Spiele sind verboten. Onkel Ali muss sein Café schließen, Noahs Vater kann sein Textilgeschäft nicht mehr wie bisher weiterführen. Abbildungen von Frauen und bunte Kleidung sind ebenfalls verboten. Jeder Verstoß gegen die neuen Gesetze wird hart bestraft. Es gibt öffentliche Hinrichtungen auf den Straßen der Stadt. Von zwei Freunden lässt sich Noah zu einem dummen Streich überreden, der ihn später in Lebensgefahr bringen wird. Inzwischen ist auch die Taubenzucht auf den Dächern verboten, denn Tauben können zum Schmuggeln verbotener Waren und zur Weiterleitung von Nachrichten benutzt werden.
    Khider schreibt eine bedrückende Geschichte von Rechtlosigkeit und maßloser Gewalt, die sicher durch eigene Erfahrungen im Irak inspiriert ist. Es gibt düstere Beschreibungen, aber es ist auch Platz für Humor und Satire und ausgesprochen poetische Formulierungen. Sein neuer Roman beschreibt das Leben der Unterdrückten sehr eindrucksvoll und ist genauso lohnend wie seine anderen Bücher, von denen ich einige kenne. Eine empfehlenswerte, auch sprachlich gelungene Lektüre.
    Lola im Spiegel

    Trent Dalton
    Lola im Spiegel (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    01.02.2026

    Auf der Suche nach der eigenen Identität

    Ein namenloses 17jähriges Mädchen lebt mit der Mutter in einem kaputten Van auf einem Schrottplatz in der Nähe des Brisbane River. Sie waren viele Jahre lang auf der Flucht, denn die Mutter hat vor langer Zeit etwas sehr Schlimmes getan und wird noch immer von der Polizei gesucht. Deshalb hat die Frau, die sich Erica Finlay nennt, dem Mädchen nie seinen Namen gesagt. Sie will ihre Geschichte erst erzählen, wenn ihre Tochter 18 ist und niemand sie in eine Einrichtung sperren kann. Dann will sie sich auch der Polizei stellen. Ihren kargen Lebensunterhalt verdienen die beiden, indem sie für die grausame Flora Box genannt Lady Flo und ihren Sohn Brandon Drogen ausliefern. Keiner kommt aus diesem Milieu wieder heraus. Doch dann ertrinkt die Mutter, als sie ein Baby rettet, und die Tochter wird erst einmal keine Antworten auf ihre Fragen finden. Die talentierte Zeichnerin gibt jedoch nicht auf und verliert ihren Traum, eine berühmte Künstlerin zu werden, nicht aus den Augen. Immer wieder malt sie sich aus, wie am Ende ihres langen Lebens ein Kunstkenner im Metropolitan Museum Of Art in New York ihre Kunst lobt und ihre Lebensgeschichte erzählt. Doch noch ist es nicht so weit. Das Mädchen findet zwar Unterstützung und Hilfe und begegnet in dem jungen Danny Collins aus reichem Hause der Liebe ihres Lebens, gerät jedoch in lebensbedrohliche Situationen und gewalttätige Auseinandersetzungen, in denen auch Freunde und ein hilfsbereiter Polizist sterben.
    Der Roman einer Identitätssuche hat mir – wie schon der Vorgänger “Der Junge, der das Universum verschlang“ – insgesamt gut gefallen, obwohl die Geschichte des Mädchens, das auf der Suche nach sich selbst immer wieder in Spiegelscherben schaut und Gespräche mit jemand namens Lola führt, trotz der dargestellten Grausamkeiten wenig realistisch ist und eher märchenhafte Züge trägt. Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass jemand aus diesem Milieu am Rande der Gesellschaft den Aufstieg zur berühmten Künstlerin schafft. Dennoch hat mich die Darstellung, die nicht frei von Längen ist, immer wieder verzaubert. So überwiegt am Ende doch der positive Eindruck.
    Die Liebe, später

    Gisa Klönne
    Die Liebe, später (Buch)

    4 von 5 Sterne Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Aktiver Stern Inaktiver Stern
    27.01.2026

    Frei, Freisein, Freiheit

    Anselm und Kora, beide Anfang 60, sind seit über zwanzig Jahren ein Paar. Nach einer lebensbedrohlichen Erkrankung, gefolgt von einer Herzoperation erholt sich Kora nur langsam. Sie spürt, dass sie nicht einfach da weitermachen kann, wo sie vor der Operation aufgehört hat. Das ist auch deshalb nicht möglich, weil Anselm in Rente gegangen ist und die Radiostation, für die Kora all die Jahre gearbeitet hat, sie drängt, einen Aufhebungsvertrag zu unterschreiben. Kora kann sich zunächst nicht entscheiden, stellt ihr ganzes Leben in Frage. Sie liebt Anselm nach wie vor, war immer glücklich in dieser Ehe, die all die Jahre eine Wochenendbeziehung war, weil Anselm zwischen Berlin und ihrem Haus in Köln pendelte, will aber plötzlich frei sein, was immer das in ihrem Fall heißen mag. Kora geht zurück in ihre Vergangenheit und trifft Freunde aus der Kindheit und Jugend. Da gibt es viele Dinge, die sie verdrängt hat und nun durch eine neuerliche Begegnung zum Abschluss bringen will. Das sind Geheimnisse, von denen Anselm nichts weiß, aber auch er hat ihr nie alles über sich gesagt. In dieser Beziehung gab es schon immer viel Distanz. Der Leser begleitet eine Ehekrise mit lange ungewissem Ausgang. Daneben beschäftigt sich Kora mit dem Problem ihres alten Bekannten Felix, der sie um Hilfe gebeten hat. Die Ehefrau von Felix ist plötzlich spurlos verschwunden, vielleicht bei einer Wanderung in den Alpen ums Leben gekommen, eventuell aber auch unterwegs in ein anderes, neues Leben.
    Die überwiegend aus Koras Perspektive auf mehreren Zeitebenen erzählte Geschichte ist nicht frei von Längen, aber sehr interessant und lesenswert. Die Einsichten in die menschliche Existenz bringen den Leser zum Nachdenken, besonders die immer wieder eingestreuten 5-Punkte-Listen. Wir dürfen vor allem nicht vergessen, „dass nichts jemals so bleibt, wie es gerade ist. Der andere nicht. Man selbst nicht. Das Leben.“ (S. 187). Dessen müssen wir uns bewusst sein, wenn wir Zukunftspläne schmieden.
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