Ein Schatz!
Johann Sebastian Bach war bei Weitem nicht der einzige Komponist, der Kantaten geschrieben hat. Und doch scheint der Thomaskantor irgendwie ein posthumes Monopol auf diesen Begriff zu haben: Hört man Kantate, denkt man sofort an Bach – und zwar an den Bach. Aber schon Volker Hagedorn, Musikjournalist und früher Bratschist bei Aufnahmen mit Cantus Cölln, hat in seiner 2016 erschienenen grandiosen Biografie der Sippschaft vor Johann Sebastian aufgezeigt, dass dessen Talent nicht vom Himmel und nur auf ihn fiel, sondern in der Familie lag. Und zu der gehörte auch Johann Ludwig Bach (1677-1731) – ein entfernter Cousin.
Dieser „Meininger Bach“, wie er wegen seines Postens als dortiger Hofkapellmeister auch genannt wird, hat ebenfalls großartige Musik geschrieben. Zumindest gilt das für die wenigen überlieferten Werke, darunter auch 22 Kantaten – zwanzig geistliche und zwei weltliche. Der Dirigentin, Cembalistin und Organistin Johanna Soller und ihrer cappella sollertia ist es zu verdanken, dass 18 dieser Werke nun beim Label Ricercar auf vier CDs erschienen sind: die „Leipziger Kantaten“.
Johann Sebastian – ob er seinem Cousin Johann Ludwig jemals persönlich begegnete ist, wie so vieles aus dessen Biografie, unklar – kannte und schätzte diese Musik offenbar derart, dass er sie an seiner Wirkungsstätte Leipzig im Jahr 1726 aufführte und dafür abschrieb. Einzig diesem Umstand ist ihr Erhalt zu verdanken. Zwar hatte Hermann Max bereits 1981 und 1993/1994 dieser Musik nachgespürt, doch nahm er nur einzelne Stücke auf: Nun sind die „Leipziger Kantaten“ erstmals komplett auf CD zu hören, davon elf als Weltersteinspielung.
Und wie groß ist der Hörgenuss exakt 300 Jahre nach ihrer Leipziger Aufführung! Mögen diese Kantaten auch etwas schlichter als die von Johann Sebastian gehalten sein, macht das Entdecken unfassbar große Freude, was nicht zuletzt an der inspirierten und frischen Art liegt, wie Johanna Soller und ihre cappella sollertia hier musizieren. Das klein besetzte Vokalensemble, in dem auch die exquisiten Solistinnen und Solisten singen, orientiert sich am historischen Vorbild: Der Chor agiert mit größter Klarheit und feiner Diktion, was die Hörer unmittelbar in die Musik hineinzieht. Die Instrumentalisten spiegeln sich in dieser delikaten Klangkultur, so dass jede Kantate zum kleinen Fest(gottesdienst) wird. So präsentiert die Aufnahme mitteldeutsche Vokalmusik protestantischer Provenienz, die aufhorchen lässt und gleichzeitig neugierig macht.
Bach ließ in diesen ansprechend kompakten Kantaten italienische und französische Musikstile einfließen und schuf beispielhafte Symbiosen von Text und Musik, was die Arien zuweilen wie kleine Opernszenen anmuten lässt. Die vitalen Kantaten folgen in der Regel einem formellen Schema: Ein Dictum eröffnet, es folgen anrührende wie ergreifende Rezitative und Arien, die in einen faszinierenden Chor münden, der von einer genauso berückenden Choralbearbeitung konkludiert wird. Man kann sich also denken, warum Johann Sebastian von Johann Ludwigs Kunst begeistert war: Gerade diese finalen Stücke lassen besonders staunen und übermitteln die Musizierfreude aller Beteiligten mit jeder Note!
Was man ebenfalls hört, ist der Forschergeist, der dieser Aufnahme zugrunde liegt. In puncto stilistischer Kompetenz und barocker Rhetorik arbeitet die cappella sollertia nicht nur historisch informiert, sondern wissend: Vokale und instrumentale Stimmen sind stets durchhörbar, die Polyphonie ist wohl artikuliert. Der Chorklang ist weich und doch präsent, der Zusammenklang mit dem Continuo spannungsreich und akzentuiert sowie stets gleichrangig ausbalanciert. Virtuosität ist hier nie Selbstzweck, sondern stellt sich wohltuend in den Dienst der Musik.
Der hochinformative Booklettext von Peter Wollny schließt mit folgendem Gedanken: „Mit den achtzehn Kantaten Johann Ludwig Bachs verfügen wir über einen Schatz an ausgezeichneter Musik des frühen 18. Jahrhunderts, von dem kaum zu glauben ist, dass er bislang von der Praxis noch nicht gehoben wurde.“ Wohl wahr: Für diese Aufnahme wurde jedes darin befindliche Kleinod auf Hochglanz poliert und liebevoll präsentiert. Dass dies nun nicht nur partiell im Konzert, sondern als Kantaten-Kompilation in Gänze zu erleben ist, darf – auch dank des moderaten Preises für vier CDs – durchaus als Geschenk betrachtet werden.