Standardwerk
Henning Ottmann, emeritierter Professor für politische Philosophie, legt mit diesem auf neun Bände angelegten Opus Magnus eine so genannte Große Erzählung vor, die zugleich auch Enzyklopädie ist. So erlaubt es jeder Teilband, sich schnell und zuverlässig, zu einem umgrenzten Teilgebiet zu informieren und über das jeweils äußerst umfassende Literaturverzeichnis weitergehend, vertiefend weiter zu arbeiten. Wirklich neue Forschungserkenntnisse sind nicht zu erwarten, dafür aber ein fundierter Einblick in den zum Zeitpunkt der Drucklegung aktuellen Forschungsstand. Kleine Kurzportraits am jeweiligen Kapitelende fassen die wichtigsten Daten zu den behandelten Personen prägnant zusammen. Dabei lässt Ottmann nie eine erfrischende kritische Distanz vermissen, auch zu den Philosophen, zu denen er eine engere Affinität hat als zu anderen (Platon, Seneca, Nietzsche, Hegel etwa).
Im Band 4/1 packt Ottmann, nicht selbstverständlich, heiße Eisen an: Neben einer ausführlichen und sehr informativen Bearbeitung moderner Dystopien (Wells, Huxley, Orwell) und der politischen Situation im revolutionären Russland (Lenin, Stalin) oder China (Sun Yat-sen, Mao) wird das Wirken von Carl Schmitt, dem wohl umstrittensten politischen Denker und Staatsrechtler des europäischen (auf jeden Fall deutschen) 20. Jahrhunderts ausführlich gewürdigt. Dabei gelingt ihm nicht immer die notwendige wissenschaftliche Distanz zum Thema. Klar werden der Respekt, ja die Bewunderung, die er dieser umstrittenen Figur entgegenbringt. Sicher hat Schmitt in seiner Zeit vor 1933 einiges beigetragen zum modernen Staatsverständnis und zu modernen Verfassungsentwürfen. Aber er ist eben auch der willige Diener der Nazis gewesen, was deren staatsrechtliche Fundierung angeht. Hier bleibt Ottmann unverständlich zurückhaltend und zahm, ja lässt Mitleid mit Schmitt durchblicken, wenn er dessen Rolle als „persona non grata“ in der jungen Bundesrepublik beleuchtet. Mit Ernst Jünger widmet er sich einer weiteren zwiespältig wahrgenommenen Figur des 20 Jahrhunderts. Dieses mal aber gelingt es ihm, die Souveränität zu wahren, denn Jünger war eben nicht nur der Autor der umstrittenen Schrift „In Stahlgewittern“, sondern auch ein Philosoph, der sich glaubwürdig vom Nationalsozialismus (spätestens ab 1938) öffentlich, und damit unter in Kaufnahme von Risiko, distanzierte. Ottmann streift leider nur sehr kurz eines der „wichtigsten“ und destruktivsten, verabscheuungswürdigsten Bücher und seinen Autor Hitler: „Mein Kampf“. Hier kommt er leider über das mehr oder weniger bekannte nicht hinaus. Dabei konnte man von Ottmann, als bekannt liberal-konservativem Geist hier, auch unter Berücksichtigung seines profunden Wissens, mehr erwarten als ein, wenn auch kritisches, Streiflicht von 23 Seiten (in einem Teilband von 531 Seiten, in dem die Dystopien (s.o.) mehr Platz erhalten.
Seine Darstellung der Werke Max Webers bewegt sich dann wider auf dem gewohnt hohen Niveau. Abschluß des Teilbandes bildet die Behandlung der so genannten neoklassischen Philosophie Arendts, Voegelin und Strauss.