Ein toller Tag in Salzburg 2006
So gut wie hier ist 'Der tolle Tag' im Hause Almaviva, 'la nozze di Figaro', selten zu erleben - kein Ausstattungstheater, sondern szenischer Minimalismus als 'less is more' -Idee plausibel inszeniert von Claus Guth zum Mozartjahr und -fest 2006 in Salzburg.
Gemeinsam mit Christian Schmidt, seinem erprobten Bühnenbildner, gestaltete er ein offenes, grosszügiges, weisslich-neutrales Treppenportal mit Zugängen und Türen, das im Auf-und Abgang der Figuren auf imaginierbare Räume und einen Garten verweist, ohne eine, meist nur fragwürdig-geschmäcklerische Möblierung.
So wird die Personendramaturgie nicht behindert oder optisch von ihr abgelenkt auf einer leicht ramponiert-feudalistisch wirkenden Bühne, ohne verstaubtes Rokoko oder ein modernistisch stilisiert und zeitlos wirkendes Ambiente, eher ein prächtiges Gutshaus als ein pompöser Palast.
Zum Personal: Guth stellt das psychologische Personendrama, die gesangs-darstellerischen Interaktionen der Figuren ins Zentrum, und siehe da, allein durch die geniale Grundlage von Da Pontes Text und Mozarts Musik und mit den erstklassigen, meist jugendlich agierenden Sängerinnen und Sängern passiert erstaunlich viel, und
man vermisst keine Action-Szenerie der vocalen Attraktionen: D'Arcangelos glaubhaft-attraktiver Figaro und eine frische Netrebko-Susanna, der viril-stattliche Graf des Bo Skovhus, die alternde Gräfin der Röschmann, die exzellente Schäfer als Cherubino und ihr glaubhaft inszeniert agierendes Cherub-Alter Ego, zudem durchweg sehr akzeptable 'Nebenrollen', und alle, die wirklich auch spielend singen können.
Jedoch - kein Licht ohne Schatten -, warum musste der dirigierende Feinmechaniker Harnoncourt (wieder mal) den natürlichen Fluss und Schwung der Musik ausbremsen, 'Mozart entschleunigen', wie andre besser zu wissen meinten, um uns alle Details allzu penibel verdeutlichen zu wollen - nur: wozu?
Braucht Mozarts lebendiger 'Figaro', dessen Arien 'die Spatzen von den Dächern sangen', so einst die Leut' meinten, heutzutage einen so aufgeklärten Zeigefinger (nach den Busch, Kleiber, Krips und Giulini, u.a.m., die Mozart doch erstaunlich mozartisch zum Klingen brachten), der uns ein musikalisches Lehrstück serviert?
No!, leider ist Harnoncourts Dirigat hier hörbar musikalisches Defizit eigenwillig pedantischer und selbstherrlicher Musikauffassung und der Schatten auf einem vokal und szenisch glänzenden Mozart-Festspiel. - Inszenierung, Vocales 5*, Dirigat 3-4*