Klemperers unvollendeter Bruckner
Über Klemperers strukturanalytisch-konstruktivistische Interpretationshaltung, seine 'vertikale' Beleuchtung der Musik, kann man durchaus streiten, zumal wenn man die sanguinische Horizontale bevorzugt, den klanglichen Fluss, wie z.B. ein Karajan.
Dabei ist schon frappierend, wie lapidar und direkt Klemperer die Tremoli beginnt, die Motive völlig unsentimental anschiebt und deren Verläufe zügig durchformuliert.
Dabei entfaltet sich kaum pseudo-religiöser Weihrauch, umsomehr durchweg musikalischer Ernst.
Und bei dieser 'fragmentarischen' Durchzeichnung der Sätze mit
erheblichen und wichtigen Generalpausen, welche die musikalische Architektur strukturieren, was man auch hören können muss!, ist Klemperer ein sehr moderner Brucknerdirigent, der nichts klangschön überspielen lässt.
Leider wurde seine noch unter Legge-Larter für EMI intendierte Gesamtaufnahme nicht zielstrebig realisiert. Legge war leider auch kein Brucknerianer.
Es blieben nur die 1960-No.7, 1963-No.4 und noch 1964-No.6 von Peter Andry adäquat betreut. Danach war Klemperer, wie auch immer, schon zu alt und starrsinnig, die Produzenten allemal zu schwach.
Doch die 'Neunte' erklingt noch einmal wie ein später, herb errungener Triumpf und ein Monument seiner grossartigen musikalischen Ausdrucksfähigkeit. Pauschal gilt das auch für die stringent durchgezeichnete, nur klangtechnisch weniger überzeugende 5te. Leider wurde die zuletzt und zu spät aufgezeichnete 8te durch eigenwillige Kürzungen Klemperers deformiert und auch nicht veröffentlicht, bis zu dieser Edition als posthume 'Komplettierung'.
Wer nun Klemperers 'Andante quasi allegretto' der 'Romantischen' 4ten einmal bewusst gehört hat, fest im Tempo, ohne Legatoschmiere, den stringenten Adagio-Gesang der 7ten, der wird andre Interpreten z.T. doch als sentimentalisch ertragen müssen, auch wenn es so rund wie mit Böhm oder Mehta und den Wienern klingt.
In ihrer rigorosen Herbheit sind Klemperers Bruckner-Dirigate durchaus eine seriöse Alternative zur Geschmacksfärberei andrer.
Leider sind nicht alle, eher noch die Legge-Aufnahmen wie alle aus der Kingsway-Hall klangtechnisch akzeptabel gut, diese Remasterung insgesamt kein highlight, denn die alten CD-Überspielungen klingen wirklich räumlicher und klarer fokussiert.