intensiver, brennender Liszt, aber ohne Kitsch
Ich kenne von Collard bisher nur die grandiosen Rachmaninoff-Soloaufnahmen (mit einer fast neurotisch vibrierenden 2. Sonate). Seine Liszt-Platte, gerade die Sonate überzeugt mich genauso, auch wenn das Repertoire bekannt ist und viele gute Aufnahmen existieren (mein Favorit: Korstick, vor Zimerman, Argerich & Co).
Den Eindruck zu beschreiben, finde ich nicht ganz einfach. Ein eher leichter, ziemlich trockener, schlanker Klavierklang, der statt seiner die Musik in den Vordergrund stellt und diese so transparent macht, dass einem klar wird, wie viele Themenbezüge, Verflechtungen da sind. Für Liszt, gerade bei der Sonate, finde ich das - auch wenn sich damit das Grandiose nicht so als Klangfülle widerspiegelt wie z.B. bei Gilels, sondern eher als Struktur, als überragendes Gerüst - sehr passend und wohltuend. So in etwa (nur natürlich wärmer) stelle ich es mir vor, wenn endlich mal jemand eine gute Aufnahme auf einem zeitgenössischen Klavier machen würde, so wie neuerdings die Brahmssonaten von Rittner etc.
Man hört also sehr viel, was da alles drin ist. Die rasanten Passagen, auch die Oktaven, sind beeindruckend klar - aber zugleich bzw. im Verhältnis dazu erstaunlich soghaft und mitreißend gespielt. Überhaupt finde ich das Spiel emotional ziemlich packend. Es ist in meinen Ohren nicht 'romantisch', die langsamen Passagen werden z.B. nicht süß, sondern sogar ziemlich herb, aber umso intensiver. Ich konnte mich jedenfalls nicht zurücklehnen, sondern musste hinhören, mich nach vorne beugen. Als Metapher für die ganze Aufnahme fällt mir am ehesten Feuer ein - mal lodernd, flackernd, mal aber auch verzehrend, brennend (ich vermeide 'feurig', das kriegt ja im Moment jede/r covertaugliche Nachwuchspianist/in attestiert). Wenn Horowitz' spätere Aufnahme ein Gewitter ist, Gilels' ein Monument und Berezovskys ein rasanter, aber distanzierter Gleitflug über der Sonate, stellt Collard einen Brandherd vor.
Nebenbei eine klangliche Parallele zu Horowitz: an manchen Stellen kommt die Intensität auch daher, dass man das Holz das Flügels zu hören glaubt, weil der Ton so 'bohrt'. Horowitz macht ja manchmal den Eindruck, seine Finger würden durch die Taste direkt die Saite erreichen und sie deshalb so anhaltend vibrieren lassen. Bei Collard höre ich das manchmal ähnlich, nur dass der Ton nicht so 'durchkracht' wie bei Horowitz im ff. Insofern klingt es flacher auf der Tastatur gespielt, quecksilbrig, vielleicht bezeichnet man das als französisch.
Zu den Sonetten kann ich nicht viel sagen, mir fehlt der Vergleich, und als Stücke sind sie zwar teilweise eine Art komprimierter Liszt, aber eben kein vollständiger, mir fehlt das dämonische. Die Dante-Sonate gefällt ebenfalls sehr gut, ich würde sie ähnlich wie die h-moll-Sonate beschreiben.
Also: insgesamt vielleicht nicht 'die' Aufnahme, vielleicht auch nicht als Einstieg, aber als besondere, sehr intensive Interpretation eine tolle Ergänzung. In jedem Fall das Geld mehrfach wert!
Wer es klanglich etwas voller mag: über einen Kopfhörer mit kräftigerem Bass klingt die Aufnahme gut genug und vor allem in ihrer Trockenheit nicht so nach süffigem standard-Steinway wie bei Hamelin (den ich sehr gerne höre!) etc.