knapp an der Referenz vorbei
Mit Vorfreude und hohen Erwartungen nahm ich diese Einspielung der Bach-Motetten in Empfang, von denen es ja auf dem Markt bereits eine Menge gibt.
Zuerst war ich begeistert, denn der Klang des Ensembles war hervorragend, die Aussprache präzise, die typisch Creed´sche Musikalität sofort präsent und ich hatte das Gefühl, ich säße in einem Konzert in einer der vordersten Reihen.
Dies wiederum wurde jedoch zunehmend zum Nachteil, denn die Mischverhältnisse waren nicht immer optimal gegeben und so waren oft Einzelstimmen deutlich hörbar.
Zudem gefällt mir der Sopranklang nicht durchgehend, denn insgesamt könnten die Stimmen "runder" sein und sich etwas besser zusammenmischen.
Was dagegen die 4 Bässe abliefern sucht seinesgleichen.
Vergleiche ich nun diese Aufnahme mit meiner persönlichen Referenz (Stuttgarter Kammerchor 1989) so muss ich dennoch feststellen, dass die aktuelle Einspielung nicht ganz an die Genialität der Stuttgarter heranreicht.
Aufgrund dessen, dass hier ein ziemlich kleines Ensemble musiziert, wirken einige Nummern leicht gehetzt und teilweise angestrengt.
Außerdem verliert insbesondere der 3.Satz der Motette "Singet dem Herrn" zum Schluss hin etwas an Kraft, Intensität und tatsächlich auch an Tempo, was ich von Herrn Creed sonst nicht gewohnt bin.
Natürlich ist all das hier Kritik auf allerhöchstem Niveau, aber mir fehlt einfach die gewisse Entspannung beim Zuhören.
Die gängisten Einwände werden nach wie vor immer noch lauten, dass es die Stuttgarter damals auch leichter hatten durch die instrumentale Verstärkung und die damals andere und indirektere Art der Mikrofonierung, durch die mehr Raumgefühl zum Tragen kam. Dennoch, der Musikalität und der hervorragend interpretierten agogischen Bögen tut dies keinen Abbruch. Im Gegenteil. Die Stuttgarter beweisen eine Stringenz, die jedoch niemals gekrampft wirkt. Und bei ihnen rockt Bach einfach!
Unterschiede fallen dann vor allem Im Detail auf. So ist beispielsweise in der Motette "Jesu, meine Freude" das 3-stimmige "So aber Christus in euch ist" nicht von Solisten (Stuttgarter Kammerchor) vorgetragen, sondern wird hier von allen gesungen bzw. einer mindestens doppelt solistischen Besetzung, was persönlich eher meinen Geschmack trifft.
Fazit: Wer über die gewohnt schlechtere Aussprache des Stuttgarter Kammerchores hinwegsehen kann, der findet meiner Meinung nach darin noch immer die beste CD auf dem Markt.
Die hier vorliegende Neueinspielung des Vocalconsorts mit Marcus Creed kommt allerdings schon verdächtig nah an den Primus heran und ist nach Jahren die erste ernst zu nehmende Konkurrenzaufnahme.
Dennoch sind beide sehr zu empfehlen.