Jetters Schmidt als neuer Maßstab
Wer sich ernsthaft mit der Orgelmusik von Franz Schmidt beschäftigt, weiß: Hier handelt es sich nicht um Nebenwerke eines Sinfonikers, sondern um regelrechte Monumente spätromantischer Klangarchitektur. Diese Musik verlangt nach einem Interpreten, der nicht nur technische Souveränität, sondern geistige Durchdringung, klangliche Fantasie und architektonisches Denken besitzt. Genau das findet sie in den Einspielungen von Andreas Jetter.
Was Jetter hier vorlegt, ist weit mehr als eine bloße Dokumentation des Notentextes. Es ist eine leidenschaftliche, zugleich hochreflektierte Ehrenrettung eines zu Unrecht marginalisierten Repertoires. Schmidts Orgelwerke – ob die gewaltige cis-Moll-Chaconne, die großdimensionierten Präludien und Fugen oder die funkelnde Toccata in C-Dur – erscheinen unter Jetters Händen nicht als akademische Konstruktionen, sondern als lebendige, atmende Kathedralen aus Klang.
Von zentraler Bedeutung ist dabei die Wahl der Behmann-Orgel von St. Martin in Dornbirn. Dieses Instrument mit seinem warmen, symphonischen Fundament und seinen leuchtenden Farben scheint wie geschaffen für Schmidts spätromantische Tonsprache. Jetter versteht es meisterhaft, diese Farben nicht plakativ, sondern organisch einzusetzen. Registrierungen wachsen aus der musikalischen Logik heraus, Steigerungen entwickeln sich mit zwingender Konsequenz, Kulminationen besitzen Wucht – ohne je ins Grobe oder Theatralische zu kippen.
Was besonders beeindruckt, ist die Balance zwischen struktureller Klarheit und emotionaler Intensität. Jetter verliert sich nie im bloßen Klangrausch; selbst in den dichtesten kontrapunktischen Passagen bleibt jede Stimme nachvollziehbar. Gleichzeitig scheut er nicht die große Geste, wenn die Musik sie verlangt. Diese Verbindung aus analytischer Präzision und romantischer Glut macht seine Interpretation so zwingend.
Man spürt in jeder Phrase, dass hier ein Musiker am Werk ist, der an diese Musik glaubt. Nicht als museales Repertoire, sondern als gegenwärtige, relevante Kunst. Gerade dadurch gewinnen die Aufnahmen eine missionarische Kraft: Sie überzeugen nicht nur Kenner, sondern öffnen auch Neugierigen den Zugang zu einem Kosmos, der bislang zu selten betreten wurde.
Diese Einspielungen sind deshalb nicht nur empfehlenswert – sie sind notwendig. Wer wissen will, welches expressive, geistige und klangliche Potential in Schmidts Orgelwerk steckt, kommt an Andreas Jetter nicht vorbei. Hier entsteht Maßstab. Hier wird Repertoiregeschichte geschrieben.