Sind es magische Töne?
Jonas Kaufmann hat in den letzten sechs Jahre ganz unterschiedliche Alben herausgebracht. Das Weihnachtsalbum war eher Mittelmaß, bei den Duett-Album mit Ludovic Tézier zeigte Jonas Kaufmann Schwächen, bei dem Puccini „Love Affairs“-Album auch. Die Hommage an die Filmmusik war auch Mittelmaß. Jetzt also ungarisches Repertoire, wie zeigt sich Jonas Kaufmann? Erstaunlich gut, besser als erwartet.
Emmerich Kálmán ist der Komponist des ersten Blocks. Es startet mit einer Überraschung. „Komm, Zigány“ legt ein hohes Tempo an den Tag, schneller als gewohnt. Jonas Kaufmann ist der Partie vollumfänglich gewachsen. Diese Arie wird auch von jüngeren Tenören gesungen, aber Kaufmanns baritonaler Klang macht diese Arie deutlich tiefgründiger und passt auch zu der Melancholie der vergangenen Zeit.
In der Vergangenheit hatte Kaufmann nicht immer Glück mit seinen Partnerin, aber Nikola Hillebrand ist überaus textverständlich. Man braucht die Libretti nicht. Auch bei „Komm mit nach Varasdin“ legt Dirk Kaftan ein hohes Tempo vor. So auch bei der ungarischen Version von „Grüß mir mein Wien“. Diese ist fast eine halbe Minuten kürzer als die deutsche Aufnahme, die Kaufmann 2014 veröffentlicht hat. Das Orchester ist sehr offensiv und lässt seine „Muskeln spielen“. Kaufmann wird zwar nie zugedeckt, aber er muss an einigen Stellen ganz schön gegen die Masse ansingen. Auch wenn das Orchester wahrlich nicht in spätromantische Größe besetzt ist. In „Kaiserin Josephine“ hört man sämtliche Feinheiten der Musik. Das Duett „Tanzen möcht‘ ich“ aus der „Czárdásfürstin“ erklingt. Warum hat man denn nicht mal das emotionalere „Weißt du es noch?“ gewählt, welches weniger häufig erklingt? Die Partie der Sylva ist bei Hillebrand ein bisschen leichter als gewohnt. Normalerweise singt das eher eine Sopranistin, die älter ist.
„So verliebt kann ein Ungar nur sein“ erinnert ganz fern an „Komm, Zigány“ und ist bei Jonas Kaufmann auch genau richtig. Vielleicht wäre das mal eine Idee, die Operette „Der Teufelsreiter“ zu reaktivieren.
Der Block mit der Musik von Franz Lehár startet mit dem „Wolgalied“. Die Bearbeitung ist von Matthias Spindler erstellt worden. Im Begleitheft steht drin, dass das Originalnotenmaterial für einige Werke nur handschriftlich überliefert worden ist, ob das bei dem „Zarewitsch“ auch so, das kann durchaus bezweifelt werden. Aus der Operette „Friederike“ erklingt eine heitere Nummer. Am Ende der Nummer neigt Kaufmann wieder zu der Höhe, die ein bisschen presst und leicht gemogelt klingt. Das war seit 2020 schon des Öfteren zu beobachten, fällt aber hier das erste Mal auf der CD auf und hört man im sonstigen Block, sowie im Kálmán-Block, sonst auch nicht. Bei „Immer nur lächeln“ singt Jonas Kaufmann einen alternativen Text, woher dieser stammt, wird nicht transparent gemacht. Sou-Chong ist eine schwere Partie, die den großen Opernpartien nichts nachsteht. Franz Lehár hat dort eine Partie im Stile Puccinis komponiert. Der „Valse Boston“ mit Nikola Hillebrand ist tadellos gesungen. Jonas Kaufmann darf gerne einmal die gesamte Partie des Sou-Chong einsingen. Am Ende des Lehár-Blocks gibt es ein Duett aus „Giuditta“. Lehárs Operette, die Opernanklänge an und in der Nummer ein bisschen an „Carmen“ erinnert, aber auch die Leichtigkeit eines Lehár nicht leugnet. Beide Stimmen harmonieren.
Es gibt dann einen großen Bock zu Paul Abraham, den Jonas Kaufmann schon 2014 auf seinen „Berliner Operetten“-Album wieder belebt hat. Die ersten beiden Nummern stammen aus der „Blume von Hawaii“. Aus jener Operette sang Kaufmann mit Julia Kleiter 2014 das „Diwanpüppchen“. Gerade die erste Nummer des vorliegenden Albums macht neugierig auf die gesamte Operette. Wie auch schon 2014 haben Matthias Grimminger und Henning Hagedorn die Nummern rekonstruiert.
Es folgen zwei Nummern aus „Viktoria und ihr Husar“. 2014 sang Kaufmann mit Kleiter zusammen: „Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände“. In diesem Block fällt diese Höhe bei Kaufmann wieder auf. Manchmal wird die Stimme eng geführt, mal in die Höhe gepresst.
„Bald kommt die Zeit“ hat eine sehr kräftige Introduktion und ist von der Tonsprache ein wenig ernster, wird zum Schluss aber wieder leichter. Auch da legen Dirk Kaftan und das Hungarian State Opera Orchestra wieder ein sehr gutes Fundament und spielen selbstbewusst. Die Nummer aus „Julia“ ist eine Überraschung. Warum ist diese Nummer verschwunden? Sie ist leichtfüßig, angenehm zu hören und fordert das Publikum nicht so stark. Ob das Ungarisch jetzt authentisch ist, können Muttersprachler besser einschätzen. Jonas Kaufmann ist aber für seine deutliche Sprachführung bekannt und lernt dann auch sehr akribisch. Die letzte Nummer aus dem Abraham-Block “Wenn es draußen schneit“ aus „Zigeuner der Nacht“ ist vom Stimmumfang ziemlich groß.
Die Komponisten Frey Raymond, Nico Dostal, Jenö Huszka, Ferenc Erkel und Karl Goldmark sind mit je einer Nummer vertreten. Raymond und Dostal mit einem Duett. Das erste ist das berühmte „Die Juliska aus Budapest“. Dass Raymond auch „Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren“ komponiert hat, zeigt, dass er früher in aller Munde war. Seine Musik ist in den letzten Jahren immer mehr verschwunden und ob Jonas Kaufmann diese Musik wieder populärer macht? Die Bearbeitung von Spindler ist wieder einmal interessant geraten, die Zymbal geht ein wenig unter im Orchester. Nico Dostal ist mit der Operette „Die ungarische Hochzeit“ vertreten. Das berühmteste Werk der Operette ist allerdings „Spiel mir das Lied von Glück und Treu“. Es folgen die zwei ungarischen Nummern von Huszka und Erkel. Die Nummer von Huszka erinnert sofort an die osteuropäische Musiktradition, obwohl der Text in London verortet ist. Warum hört man solche Nummern so selten? Bei Erkel könnte man auch fern auch an eine Verdi-Oper denken. Auf jeden Fall ist das Werk das älteste der CD und entstand 1861. Zum Ende dann das Titelgebende „Magische Töne“ aus der Oper „Die Königin von Saba“. Dass die gesamte Oper eine sehr große Orchesterbesetzung verlangt, hört man hier nicht. Das Libretto schrieb übrigens Salomon Hermann von Mosenthal, der auch Otto Nicolais „Die lustigen Weiber von Windsor“ schrieb. Jonas Kaufmann gefällt in dieser Nummer eher weniger. Mag daran liegen, dass das ein wenig zu gewollt klingt. Aber sonst kann festgehalten werden, dass Kaufmanns Album sein stärkstes seit 2019 ist.