Neujahrskonzert 2026
Yannick Nézet-Séguin dirigierte das Neujahrskonzert zum ersten Mal. Ob Nézet-Seguin nochmal ein Neujahrskonzert dirigiert oder wie Herbert von Karajan, Seiji Ozawa, Gustavo Dudamel und Andris Nelsons nur einmal am Pult steht, bleibt abzuwarten. Karajan hätte das Konzert wohl öfter dirigiert, wenn er nicht schon so krank gewesen wäre. Bei den anderen drei mag es künstlerische Gründe gegeben haben. Nézet-Seguin dirigierte als erstes die „Ouvertüre“ zu „Indigo und die 40 Räuber“. Die Operette ist nahezu in Vergessenheit geraten, auch wenn es im Strauss-Jahr 2025 einige Reaktivierungen gab. Ein Werk, welches Strauss für den Konzertsaal reaktiviert hat, ist der Walzer „Tausend und eine Nacht“. Die „Ouvertüre“ wertet durch ein umfangreiches Schlagwerk auf. Es folgen drei Novitäten beim Neujahrskonzert. Zuerst ein Walzer von Carl Michael Ziehrer. Ziehrer hat nicht nur den Walzer „Wiener Bürger“ komponiert, sondern so viel mehr, welches es zu entdecken gibt. Nézet-Séguin und die Wiener Philharmoniker setzten die „Donausagen“ aufs Programm. Ein interessanter Walzer mit einer Menge Effektinstrumente. Dieser Walzer darf gerne öfter erklingen. Joseph Lanner folgte mit dem „Malapou-Galopp“. Die Wiener Philharmoniker haben ihren ersten Gesangauftritt. Die Mimik sagt, dass sie Spaß dabei haben. Mit einer Spieldauer von ca. 1 Minute und 15 Sekunden ein sehr kurzes Stück, aber durchaus effektvoll.
Eduard Strauss steuerte die dritte Novität bei. Die Schnellpolka „Brausteufelchen“. Ob man die Polka nochmal hören will? Ja, denn auch sie ist kurz und vor allem lebensbejahend. Die „Fledermaus Quadrille“ von Johann Strauss folgt. Die Quadrille ist eine sichere Bank und mit ein bisschen Gespür für die Operette, kann dieses Werk nur gelingen. Nézet-Séguin weiß um die Operette und die Quadrille war das erste Glanzlicht des Programms. Als letztes Werk des ersten Teils ist „Der Carneval in Paris“ programmiert. Man erinnert sich gerne an das Georges Prêtre Konzert von 2010. Obwohl Nézet-Séguin Frankokanadier ist, sprühte Prêtre mehr französischen Charme aus. Mag auch daran liegen, dass Prêtre 85 Jahre alt war.
Der zweite Teil wurde eröffnet mit der „Ouvertüre“ zur Operette „Die schöne Galathée“. Die „Ouvertüre“ zündet immer und auch unter Nézet-Séguin gelang sie sehr gut. Zum zweiten Mal in der Geschichte der Wiener Neujahrskonzerte stand eine Komponistin auf dem Programm. Es gab eine Polka Mazur von Josephine Weinlich. Wolfgang Dörner hat das Arrangement angefertigt. Hier ist Dörners Arrangement noch passend. Beim „Rainbow Waltz“ von Florence Price ist das schon anders. Zu lesen war, dass Dörner den Walzer in Richard Strauss Manier orchestriert hat. Dem ist nicht so, denn die Tänze von Richard Strauss sind fast alle mit drei- bzw. vierfachen Holz besetzt und auch das Schlagwerk ist bis zu 9 Spieler*innen erweitert. Auch Tasten kommen gelegentlich vor. Aber es stimmt, Dörner orchestriert den Walzer ziemlich dick und in Wiener Manier. Wahrscheinlich hätte Price den Walzer, wenn sie ihn selbst orchestriert hätte, anders in Szene gesetzt. Ihre Sinfonien spielen mit der Instrumentierung und gerade das Schlagwerk ist bei ihr stark erweitert mit Effektinstrumenten. Obwohl Florence Price eine hervorragende Komponistin war und ihre Werke vor Lebendigkeit strotzen, aber auch mit doppelten Boden versehen sind, ist es schade, dass Dörner leider nicht die Tonsprache Price‘s trifft und somit das Werk als „schwächstes Werk“ des Programms gelten kann. Yannick Nézet-Séguin und den Wiener Philharmonikern ist es zu verdanken, dass das Werk überhaupt aufgeführt wird. Der dritte Strauss-Bruder, Josef Strauss, kommt zum Zuge. Ein Walzer mit den Titel „Frauenwürde“. Mit seinen sinfonischen Walzer wie „Delirien“ oder „Sphärenklänge“ ist der Walzer nicht wirklich zu vergleichen, es fehlt ein wenig der doppelte Boden. Er wirkt leichter, als wäre es ein Walzer von Johann. Die „Diplomaten Polka“ von Johann Strauss folgt. Im Fernsehen war eine Balletteinlage zu sehen, die es auch auf die Blu-Ray geschafft hat, jedoch im Extra. Im Konzert sieht man die Wiener Philharmoniker. Nach dem Walzer von Price wird es Dänisch. Der „Kopenhagener-Eisenbahn-Dampf-Galopp“ steht auf dem Programm. Wie auch schon unter Mariss Jansons ist das Stück eine Zugnummer. Die Philharmoniker spielen das Werk sicher und mit Spielfreude. Der vielleicht schönste Walzer von Johann Strauss erklingt. „Rosen aus dem Süden“. Leider trifft Nézet-Séguin einige Entscheidungen im Tempo, die fragwürdig sind, besonders die Einleitung. Die Schönheit der einzelnen Walzer kostet er nicht vollständig aus. Es gibt nur wenige Aufnahmen des Walzers, die Bilderbuch-mäßig sind, diese gehört leider nicht dazu. Das Ballett im Extra ist ganz nett. Ebenso der Pausenfilm, besonders „Introduktion & Allegro“ von Maurice Ravel. Der „Ägyptischer Marsch“ gelingt besser. Der Pianissimo Schluss äußerst homogen. Selten so gehört. Als letzter Programmpunkt folgt Josef Strauss‘ „Friedenspalmen“. 2014 in Sarajevo unter Franz Welser-Möst gespielt, in Wien unter Daniel Barenboim. Lange ist es her, die Botschaft jedoch wichtiger denn je.
Die erste Zugabe ist ebenfalls eine Novität. Von Philipp Fahrbach Junior steht die „Cirkus Polka“ auf dem Programm. Auch dort haben die Philharmoniker äußerlich Spaß und bedienen jede Menge Effektinstrumente. Auch Nézet-Séguin peitscht. Seine Neujahrsrede ist leider mehr Symbol als eine wirkliche Veränderung in der Welt. „An der schönen blauen Donau“ ist routiniert, die Donau plätschert so dahin. So erwarten das die Österreicher und alle die beim Neujahrskonzert zuschauen. Beim „Radetzky-Marsch“ hat Nézet-Séguin alles Militärische abgelegt und zog durch das Auditorium um das Publikum beim Klatschen zu unterstützen. Das war mal etwas Neues. Das Programm war nicht so revolutionär wie in der Presse geschrieben und von Zuschauenden berichtet. Auch war Nézet-Séguin nicht revolutionär. Die lockere Art hatten auch schon Dirigenten vorher, Willi Boskovsky auf jeden Fall. Was aber auf jeden Fall festgehalten werden muss, selten war das Publikum so glücklich. Selten hat das Orchester so gestrahlt. Auch die Einschaltquoten, bzw. Klickzahlen in den sozialen Netzwerken zeigen wie wichtig das Konzert noch ist und wie wichtig Musik sein kann. Musik kann Menschen egal welcher Herkunft, sexueller Orientierung, Religion zusammenbringen. Wenn das Konzert immer so eine Lebensfreude ausstrahlt, dann wird es das Konzert auch noch lange geben. Die hohe Qualität, die von einigen in Frage gestellt worden ist, war noch immer vorhanden. Auch war das keine lächerliche Show, sondern eine echte Liebe zu der Musik. Das zeigte Yannick Nézet-Séguin in jedem Moment und es war die richtige Entscheidung, dass die Philharmoniker ihn einluden. Er hat es vielleicht geschafft, dass sich mehr Menschen mit der Musik beschäftigen und sie schätzen bzw. schätzen lernen.
Nächstes Jahr wird Tugan Sokhiev das Konzert dirigieren. Ein Antipode ist er nur auf dem ersten Blick. Bei den Berliner Philharmonikern hat er 2019 das Waldbühnen Konzert dirigiert, äußerst stimmungsvoll. Auch das Silvesterkonzert 2023 der Staatskapelle Dresden hat er dirigiert. Dort dirigierte er einen sehr interessanten „Frühlingsstimmenwalzer“. Schön wäre, wenn er den auch in Wien spielen würde.
Für 2026 war das Konzert der richtige Start und man kann sich wünschen, dass Musik immer Menschen verbindet. Wenn Yannick Nézet-Séguin am Pult steht, gelingt es ihr auf jeden Fall.