Monumentaler Klang für ein neues Finale der Neunten Bruckners
Bruckners Neunte ist ein spannendes Thema, denn der österreichische Meister verstarb über seinen letzten Satz, weshalb die Symphonie in den vielen Jahrzehnten zuvor meist nur dreisätzig gespielt wurde und das Adagio zum interpretatorisch zum Abschluß wurde. Daß hier jedoch von Bruckner viel mehr vorgesehen war und die Größe der Symphonie mit der der Achten sicherlich vergleichbar in Länge und Dimension sein sollte darf mehr als nur spekulativ angenommen werden, besonders dann, wenn man das umfangreiche Material des Finalsatzes sieht, teils fertig auskomponiert, teils in Skizzen und mit fünf großen Lücken, von letzteren können wir heute wahrscheinlich ausgehen, daß hier vollständiges Material vorhanden gewesen sein dürfte, was über die Zeit verloren ging. Für den Schluß ist jedoch bisher nichts zu finden und hat vielleicht auch nie auf Papier existiert. Eigentlich ist es verwunderlich, daß nicht unmittelbar nach dem Tode Bruckners sich Komponisten gefunden haben, die bereits damals schon das Werk hätten vollenden können, gerade wenn schon mehr als 80% vorhanden waren. Mozarts Requiem oder Puccinis Turandot wurden sehr erfolgreich vollendet, ohne daß man das heute noch groß in frage stellt oder es als Bruch auffällt. Vielleicht war es aber auch die futuristische Kühnheit von Bruckners Finalsatz, der nicht nur abschreckte, da er seiner Zeit weit voraus war und seine Erfindungen von späteren Komponisten weiterentwickelt wurden. Der Mythos, Bruckner sei schon dement gewesen oder im Alter verrückt geworden, können wir bei der hohen Komplexität dies Materials ausschließen, denn es wäre schlicht mit fehlender Geisteskraft nicht möglich gewesen. Altersschwäche definitiv ja, was sich in der Handschrift widerspiegelt, aber intellektuell weiter in Hochform. Gerade deshalb muß dieses Material auch ernst genommen werden. In den letzten Jahrzehnten gab es verschiedene Anläufe, das Problem des Finalsatzes zu lösen mit ganz unterschiedlichen Ansätzen und Ergebnissen. Ob eine Rekonstruktion möglich sei, diskutiert Schaller im Booklet als unmöglich, denn was am Ende nicht vorhanden war, kann nicht rekonstruiert werden. Er bezeichnet das daher auch vorsichtig als Vervollständigung. Andere sprechen von Rekonstruktionsverfahren im Vergleich, wie mit der plastischen Chirurgie, der forensischen Pathologie oder der Archäologie (Samale/Cohrs). „Was hätte Bruckner getan?“, stellt sich Letocart die Frage und verweist auf die Problematik der Lücken in der Entwicklung und die fehlende Reprise (Schaller findet sie vollständig einfach in den Skizzen), die rekonstruiert werden müßten, manchmal mit der Wiederherstellung kohärenter Verbindungen. Ganz abgesehen davon existieren noch andere Ansätze von Neukompositionen wie jene von Einem oder die von Marthé, welcher angibt, mit Bruckners Geist in unmittelbarem Kontakt zu stehen. Ob derartige steile Behauptungen nicht eher der Werbung dienen und falls ernst gemeint, nicht eher psychiatrisch pathologisch zu betrachten wären, sei dahingestellt. Eines steht jedoch schon mal fest: Sie klingen nicht nach Bruckner. Auch die Rekonstruktionen Letocarts oder Samale/Mazuca-Phillips/Cohrs mögen zwar einen besseren Ansatz verfolgen und sich annähern. Der aufmerksame Hörer merkt jedoch sofort, wo die Lücke beginnt, denn der geniale Funke brucknerschen musikalischen Geistes erlischt in den Lücken und am Ende. Es wird sofort belanglos fade und musikalisch bedeutungslos. Es stellt sich auch die Frage, ob das überhaupt auch eine geeignet Aufgabe für Musikhistoriker ist oder vielleicht nicht doch eher die eines erfahrenen Musikers oder Komponisten, jemand, der zumindest das Handwerkszeug dazu hat. Es ist daher auch kein Wunder, daß sich keine dieser Varianten des Finalsatzes bisher durchsetzen konnte. Nun hat Schaller 2016 die Bühne dieses Themas betreten und inzwischen davon verschiedene Revisionen herausgegeben (rev. 2018, 2020, 2024), die sich mehr und mehr konzentrieren und Bruckners Stil so ähnlich geworden sind, daß eine Unterscheidung, wo die Lücke beginnt und Bruckner endet, auch dem erfahrenen Hörer schwerfallen wird, ja wenn nicht sogar unmöglich sein wird zu erkennen. Damit setzt Schaller voll im historisierenden Stil an, übertreibt auch nicht mit modernen musikalischen Erkenntnissen, sondern bleibt Bruckners Stil seiner Zeit treu. Das ist schon einmal einer der wesentlichen Bedingungen für eine erfolgreiche Vervollständigung. Aber damit nicht genug. Auch wenn Schaller nicht den göttlichen musikalischen Funken Bruckners haben mag und kann, so scheint doch sein eigener hier deutlich durch und schafft es, die Strahlkraft im Brucknerschen Sinn so zu erreichen, daß die Musik nicht abfällt und stattdessen musikalisch in den Stellen mit Logik und Gefühl weitergetragen und entwickelt wird, mehr noch, der intellektuelle Geist des Werkes findet so einen würdigen Abschluß. Es wäre schön, können wir Bruckner noch zu seiner Meinung dazu befragen, wenn wir ihn schon nicht bitten könnten, es selbst zu vollenden. Aktuell ist es aus meiner Sicht das Beste auf dem Markt, was es an Vervollständigungen bzw. Rekonstruktionen gibt und musikalisch sehr überzeugend. Soviel zum Finalsatz vorweg, der das gewisse Extra dieser CD ist. London Philharmonic Orchestra (LPO) ist ein berühmtes Orchester der Spitzenklasse, bei dem Schaller es schafft, seinen typischen Interpretationstil, den wir von seiner Philharmonie Festiva kennen, aufzudrücken und zu übertragen und einen runden warmen Brucknerklang zu erzeugen. Schallers Gefühl für das richtige Tempo kommt bei allen vier Sätzen hier zum Tragen, nie überhastet schnell in schnellen Passagen, nicht stehend langsam in langsamen, stehts bleibt der Fluß der Musik gewahrt und die Übergänge sind so gestaltet, daß er musikalische Erzählnarrativ fließend ohne Bruch fortgetragen wird. Schaller verzichtet auf so manche Bruckner-Traditionen und bietet stattdessen musikalisch elegante Lösungen an, als wäre es schon immer so gewesen. Offenbar entstehen Bruckner-Traditionen dann, wenn eine davorliegende Passage zu schnell oder zu langsam ist und mit der dann folgenden im Tempo nicht zusammenpaßt, weshalb ein Tempo-Ruck entsteht. Schallers Elegance für Tempo läßt das nicht zu, was wir auch schon aus anderen seiner Aufnahmen kennen und einen ganz neuen leuchtenden Weg der Interpretation für Bruckners Musik eröffnet: Alles ist im Tempo verbunden, ein Fluß von Anfang bis Ende, dazu die schwere, warme und intensive Interpreation von Karajan oder Furtwangler. Das Booklet kommt auch mit zwei Bilder aus den Proben oder der Produktion daher und bietet einen Einblick in Kulissen der Aufnahme. Das Colosseum Watfort ist als exzellenter Konzertsaal deutlich wahrnehmbar in der Aufnahme und verträgt auch die Kraft der Neunten. Unbekannt ist der Saal nicht, denn er wird immer wieder für Filmmusikaufnahmen oder für Aufnahmen klassischer Musik gewählt. Das rundet diese gelungene Aufnahme auch akustisch ab: Ein warmer breiter Streicherklang, kraftvolle Bläser und ein ausgewogenes sauberes Holz sowie nicht zu vergessen, die Wagnertuben, die Bruckner seit seiner Siebenten einsetzt. Diese Aufnahme hat das Potential, es in die Zeitgeschichte zu schaffen.