Robert Wolf: "Es blieb nicht mehr als ein Film ...": Die Montage und ihre Funktion in Edlef Köppens Roman..., Kartoniert / Broschiert
"Es blieb nicht mehr als ein Film ...": Die Montage und ihre Funktion in Edlef Köppens Roman "Heeresbericht"
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- Verlag:
- Bachelor + Master Publishing, 11/2014
- Einband:
- Kartoniert / Broschiert, Paperback
- Sprache:
- Deutsch
- ISBN-13:
- 9783958201552
- Artikelnummer:
- 6485857
- Umfang:
- 52 Seiten
- Ausgabe:
- Erstauflage
- Copyright-Jahr:
- 2014
- Gewicht:
- 98 g
- Maße:
- 218 x 154 mm
- Stärke:
- 7 mm
- Erscheinungstermin:
- 6.11.2014
Klappentext
Edlef Köppens Antikriegsroman ¿Heeresbericht¿ ist ein vergessenes Werk der Weimarer Republik. Trotz herausragender Kritik war es ein kommerzieller Fehlschlag und geriet schnell in Vergessenheit - heute ist der ¿Heeresbericht¿ höchstens Literaturwissenschaftlern ein Begriff. Anlässlich der hundertsten Wiederkehr des Beginns des Ersten Weltkriegs soll die Gelegenheit genutzt werden, um einen vergessenen und außergewöhnlichen Autor wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Köppens Werk zeichnet sich im Vergleich zu den übrigen Vertretern des Genres durch eine Besonderheit aus, die Ernst Toller wie folgt beschreibt: ¿Köppens Buch Heeresbericht unterscheidet sich formal von allen anderen Kriegsbüchern durch seinen Stil: Ineinander persönlichen Erlebens und allgemeiner Dokumente der grossen Zeit. Dieses Ineinander, das man im Film und in der Photographie Montage nennt, ist Köppen ausserordentlich gelungen.¿ Die vorliegende Arbeit untersucht das innovative Schreibverfahren eines Autors, der seiner Zeit damit voraus war.
Auszüge aus dem Buch
Textprobe:
Kapitel IV, Reisigers Weg zum Pazifismus:
1, Die Ursachen des Krieges:
Die Erzählung beginnt mit der offiziellen Kriegserklärung Kaiser Wilhelms sowie der dazugehörigen Mobilmachung. Auffällig ist, dass in beiden Dokumenten mit keinem Wort von einem Kriegsgrund oder Feinden Deutschlands die Rede ist: Das Reichsgebiet, ausschließlich der Königlich bayrischen Gebietsteile, wird hierdurch in den Kriegszustand erklärt (S. 9). Nahezu eigenmächtig und nur auf die Gesetzgebung gestützt, scheint der Kaiser in seiner Rolle als Monarch über das Volk zu bestimmen: Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen usw. verordnen aufgrund des Artikels 68 [ ] (S. 9); Ich bestimme hiermit: [...] (S. 9).
In der Mobilmachung erfährt der Leser genaueres über den Rekrutierungsprozess: Als Kriegsfreiwillige können sich solche Leute bei einem Ersatztruppenteil melden, die keine gesetzliche Verpflichtung zum Dienen haben, ferner jugendliche Personen zwischen 17 und 20 Jahren [...] (S. 10). Daraufhin wird der Protagonist auf ungewöhnliche Weise durch ein Dokument vorgestellt: Der Student Adolf Reisiger, geboren am 1.April 1893 zu Henthen, ist heute militärisch auf seine Militärdiensttauglichkeit untersucht worden. (S. 10). Durch den vorherigen Einbau der Mobilmachungserklärung wird der Leser auf den Schluss gelenkt, dass es sich bei Reisiger um einen Freiwilligen handeln muss.
Im darauffolgenden Dokument wird der Blick vom Persönlichen auf das Ganze gelenkt. In der Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches (S. 10f.) stellt sich der vorher ungenannte Kriegsgrund als ein geistiger heraus: Jetzt steht unser Heer im Kampfe für Deutschlands Freiheit und damit für alle Güter des Friedens und der Gesittung, nicht nur in Deutschland. Unser Glaube ist, dass für die ganze Kultur Europas das Heil an dem Siege hängt, den der deutsche 'Militarismus' erkämpfen wird, die Manneszucht, die Treue, der Opfermut des einträchtigen freien deutschen Volkes. (S. 11). Feinde bleiben bis auf England vorerst erneut ungenannt.
Scheinbar ohne Zusammenhang erscheint danach ein Brief von Reisigers Mutter, in dem die ersten Stunden nach der Abreise ihres Sohnes zusammengefasst werden: Ein Transportzug nach dem anderen rollte nach dem Westen. Man kann sich eigentlich gar nicht vorstellen, wo diese großen Massen von Soldaten, die Deutschland jetzt auf die Beine bringt, alle herkommen, und wie dieser ganze Betrieb funktioniert. (S. 12). Der Brief schließt mit dem Gedanken, dass der Krieg wohl möglich schon vor Weihnachten zu Ende ist - eine Vorstellung wie sie tatsächlich bei Kriegsbeginn in Deutschland vorherrschte.
Wie ein Dokumentarfilm läuft diese erste größere Zitatmontage vor dem inneren Auge des Lesers ab: ein dokumentarischer Erzähler übernimmt die erläuternde Rolle des Autors und beschreibt über Zitatbruchstücke und persönliche Dokumente die ersten Monate des Krieges. Durch die chronologische Anordnung der Dokumente entsteht der Eindruck eines eigenständigen Erzählstrangs: auf die Kriegserklärung folgt die Verkündung der Mobilmachung, auf die Mobilmachung die Musterung des Protagonisten, auf die Musterung der Abtransport an die Front. Damit entfällt bei Köppen auf clevere Art der übliche Beginn eines Kriegsromans. Die Dokumente geben sozusagen bereits den emotionalen Hintergrund des Protagonisten und seine Veranlassung sich als Kriegsfreiwilliger zu melden. Und wie ein Dokumentarfilm erzeugt diese Art des Erzählens den Eindruck von historischer Wirklichkeit. Dabei sind die Dokumente vom Autor natürlich nicht wahllos ausgewählt, sondern sind mit Intention arrangiert. So stellt die Einführung des fiktiven Protagonisten über ein scheinbar authentisches Dokument sicher, dass Kriegsfreiwillige außerliterarisch existieren. Aber auch innertextuell erfüllt das Dokument einen Sinn: die Figur wird dem Leser zunächst über ein Datenblatt näher gebracht - nur die physischen Qualitäten Reisiger
Anmerkungen:
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