Omri Boehm: Radikaler Universalismus. Propyläen, 2022, 175 S., ISBN 978-3-54910041-7, 22,- €, inzwischen auch als Ullstein-Taschenbuch, 2023, gleiche Seitenzahl, ISBN 978-3- 54806857-2, 13,99 €.
Erstaunlicherweise wurde sogar in einem Buch mit dem Titel "Radikaler Universalismus" gegendert.
(Folgen der mutwilligen Genus-Sexus-Verwechslung begegnen uns häufig; manchmal fallen die Verkrampfungen besonders schmerzhaft ins Auge, z.B. wenn beflissene NDR-Texter, wie am 2.2.23 geschehen, von "drei toten Radfahrenden" berichteten.)
Aber zu Omri Boehm, er lehrt in New York und schreibt u.a.: "Der Kampf gegen systemische Ungerechtigkeit [...] kann nur im Namen des wahren Universalismus geführt werden. Und nicht im Namen der Identität."
Omri Boehm spricht hervorragend Deutsch, schrieb aber leider auf Englisch, also wurde das Buch für den deutschsprachigen Markt einem Übersetzer anvertraut. Der Verlag (Propyläen) ließ gendersprachliche Einsprengsel des Übersetzers Michael Adrian zu:
"Autoren, die sich solidarisch mit schwarzen Afrikanerinnen, LGBTQ-Menschen [...] zeigen, [...]"
Außerdem erscheinen öfter "Studenten und Studentinnen", das ist nicht nur sexualisierend, sondern auch etwas umständlich. Also wurden kürzere Ausdrucksweisen gesucht, es kommen auch "Studierende" vor (jene 24 Stunden am Tag studierenden Studenten), oder halt nur Frauen: "Sollte die eine oder andere meiner Studentinnen noch universalistische Werte befürworten [...]", bzw.: "Wie der Staat seinen Bürgerinnen keine Religion aufzwingen soll [...]"
Trotzdem bedaure ich den Kauf des Buches nicht.
Anfangs wird eine zunächst etwas erstaunlich anmutende Mischung angekündigt, indem Boehm sagt, er lese drei Texte neu: "die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, Kants Essay 'Was ist Aufklärung?' und die alttestamentarische Erzählung von der 'Opferung' oder, in der jüdischen Tradition, der 'Bindung Isaaks' ".
Auf die ersten beiden Texte gehe ich hier ganz kurz ein, auf den dritten Text nicht, denn in dessen Argumentation scheint mir ein Widerspruch enthalten zu sein. (Auf meine schriftliche Nachfrage antwortete der Autor jedoch nicht.)
Der erste Text enthält Brisantes. Aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, die betont, alle Menschen seien gleich geschaffen, könne man durch logisches Schließen zur Erklärung des Rechts auf Revolution voranschreiten: A) Alle Menschen sind gleich geschaffen; B) Regierungen werden eingerichtet, um die gleichen Rechte aller Menschen zu sichern; daraus folge C) wenn irgendeine Regierung diese Rechte untergräbt, folgt daraus das Recht, das Gesetz abzuschaffen und sich zu erheben.
Zum Thema Kant heißt es z.B., dieser habe darauf bestanden, daß der Begriff der Menscheit abstrakt bleiben müsse "frei von jeder Beimengung biologischer, zoologischer, historischer und soziologischer Tatsachen." Weiter sagt Boehm: "Eine solche metaphysische Menschheitsidee war spätestens seit den biblischen Propheten bekannt; was Kants Leistung zu einem epochalen Einschnitt machte, war seine Fähigkeit, die biblische Idee ins säkulare Denken zu übersetzen, ohne in religiösen Glauben [...] zurückzufallen." Kant habe die Idee modernisiert, "einem Gesetz zu folgen, das nicht von Menschen gemacht ist."
Insgesamt halte ich das Buch für lesenswert.
Gerhard Stein, Kiel