Leben im Schatten des Krieges
Der Soldat Veit Kolbe, der 1943 an der Ostfront schwer verletzt wurde, reist Anfang 1944 in den österreichischen Ort Mondsee, wo er sich von seinen Verletzungen erholen soll. Der Hauptteil des Buches umfasst seine Erlebnisse und Gedanken, aneinandergereiht in einer Art Tagebuch. Veit erzählt umgangssprachlich und sprunghaft. Es gibt innerhalb der Absätze Schrägstriche, die wie ein "kleiner Absatz" oder eine Art Gedankenstrich fungieren. Die vielen Details ergeben nach und nach ein Gesamtbild. Dieser Stil ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, man muss sich einlesen. Aber dann durchlebt man die Zeit sehr authentisch und unmittelbar in der Nähe der Beteiligten: neben Veit Kolbe sind dies die junge "Darmstädterin" Margot und ihr Baby, eine Gruppe evakuierter Schulmädchen mit Lehrerin, die boshafte Vermieterin Veits, ihr frei denkender Bruder und ihr linientreuer Ehemann sowie weitere Einwohner Mondsees. So ist der Zweite Weltkrieg, obwohl kaum Kampfhandlungen beschrieben werden, im Buch allgegenwärtig, indem seine Aspekte im Hinterland beleuchtet werden: Versorgungsengpässe, Denunziantentum, Bombenangriffe, Einberufungen.
Veit leidet an einem posttraumatischen Belastungssyndrom, er hat Flashbacks, und empfindet zunehmend das lähmende Bewusstsein für die Sinnlosigkeit des Krieges, der nicht nur ihm seine Jugendjahre stiehlt, sondern Leben und Glück aller Kriegsbetroffenen zerstört. Veit möchte einfach nur ein ganz normales, friedliches und glückliches Leben leben - doch 1944 war das schwierig. Wie die Drachenwand über dem Dorf ragt die Drohung der Wiedereinberufung an die Front über Veit auf. Er entzieht sich der Front so lange wie möglich, genießt das Leben so gut er kann und hofft auf eine bessere Zukunft mit Margot, nach dem Kriegsende.
Zwischen Veits Aufzeichnungen sind Kapitel in Briefform eingefügt, allerdings ohne Datum, Anrede und Unterschrift. Verschiedene Briefschreiber erzählen aus ihrem Alltagsleben. Jede Erzählperson hat ihren eigenen Stil. Wer an wen schreibt, schließt man aus den Aufzeichnungen des Veit Kolbe. Da gibt es die Briefe von Margots Mutter aus Darmstadt, aber auch die Einblicke in Leben und Gedanken einer jüdischen Familie, die es versäumte, rechtzeitig aus Wien zu fliehen, sind eindrucksvoll und interessant. Man erfährt unmittelbar die Befindlichkeiten, Gedanken und Gefühle der Briefschreiber. Dass hier simple und nüchterne Fakten aus dem Alltagsleben direkt neben die Berichte von Katastrophen wie der Bombardierung Darmstadts im September 1944 mit Tausenden Toten gestellt werden, lässt diese Kapitel dem Leser sehr nahe rücken und gibt ihnen eine hohe Authentizität.
Etwas schwierig fand ich, dass viele österreichische Worte und Redewendungen verwendet wurden, die ich nicht immer verstanden habe. Man sollte beim Lesen also ein Wörterbuch parat haben.