Stalin rehabilitieren, Hunger relativieren
Ludo Martens’ Stalin anders betrachtet ist kein historisches Korrektiv, sondern ein politisches Projekt. Wer das Buch liest, merkt schnell: Die Entlastung Stalins ist kein Ergebnis der Recherche, sie ist ihre Voraussetzung. Alles, was folgt, ordnet sich diesem Ziel unter.
Besonders deutlich wird das im Kapitel zur Hungersnot von 1932/33 in der Ukraine. Der Holodomor gilt international als eine der größten menschengemachten Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Martens greift das Thema auf – nicht um es aufzuarbeiten, sondern um es kleinzurechnen. Millionen Tote verschwinden hinter Verweisen auf Missernten, organisatorische Probleme und angebliche Sabotage. Politische Entscheidungen der sowjetischen Führung – Zwangskollektivierung, Getreiderequirierungen, Reiseverbote, die Ablehnung internationaler Hilfe – werden relativiert, fragmentiert oder schlicht ausgeblendet.
Die Methode ist dabei durchsichtig. Martens stützt sich bevorzugt auf sowjetische Verwaltungsquellen und ideologisch nahestehende Literatur, die er weitgehend unkritisch übernimmt. Dass diese Dokumente in einem autoritären System entstanden, spielt kaum eine Rolle. Zentrale Archivfunde der post-sowjetischen Forschung bleiben Randnotiz. Abweichende Positionen werden nicht geprüft, sondern etikettiert: antikommunistisch, nationalistisch, propagandistisch. Quellenkritik wird ersetzt durch Gesinnungskontrolle.
Auch die Debatte um Opferzahlen folgt diesem Muster. Hohe Schätzungen werden zurückgewiesen, ohne eigene belastbare Berechnungen vorzulegen. Zahlenkritik dient hier nicht der Präzisierung, sondern der Entlastung.
So entsteht kein neues Bild der Geschichte, sondern eine alte Strategie in neuem Gewand: Erst das politische Urteil, dann die Auswahl der Fakten. Stalin anders betrachtet ist keine unbequeme Gegenlektüre, sondern eine apologetische Schutzschrift. Wer verstehen will, warum in der Ukraine Anfang der 1930er Jahre Millionen Menschen starben, lernt hier vor allem eines: wie Ideologie historische Aufklärung ersetzt.