Ein schweizerischer Tristan
Ausgerechnet der empfindsame, aber nicht sonderlich emphatische Frank Martin, dieser asketische und noble Feingeist hat sich einem Stoff zugewandt, der zum Inbegriff spätromantischer Gefühlskunst geworden war, seit Richard Wagner den Stoff als universelles, gleichwohl hocherotisches Musikdrama gestaltet hatte. Der scheue Einsiedler aus Genf, kluger Grenzgänger zwischen französischer und deutscher Kultur, erinnert sich an die Entstehung seines Kammeroratoriums.
Im Frühjahr 1938 hatte ich gerade keine größere Komposition vor, aber ich beschäftigte mich gerade mit der Sage von Tristan und Isolde. In diesem Augenblick trat Robert Blum mit der Bitte an mich heran, für seinen Madrigalchor ein etwa halbstündiges Stück zu schreiben für zwölf Solostimmen und einige Instrumente. Erfüllt vom Gedanken an Tristan und Isolde nahm ich den Roman von Joseph Bédier wieder vor und sah sofort, daß ich nirgends einen Text fände, der meinen Absichten mehr entspräche. Das Kapitel vom Zaubertrank bildete ein Ganzes, genau von der mir zugebilligten Länge einer halben Stunde.
Geraume Zeit später, erst nach der Uraufführung der Zaubertrank-Episode im Jahr 1940, entschloss sich Martin zur Erweiterung des Werkes hin zur abendfüllenden Gestalt auf der Grundlage der beiden Kapitel Der Wald von Morois und Der Tod, die – gekürzt und zugleich erweitert durch andere Passagen des Romans – einen plausiblen, in sich schlüssigen Handlungsrahmen schaffen sollten, flankiert durch Prolog und Epilog.
Ich hielt für diese Erzählung von Liebe und Tod eine längere Dauer für angemessen, und es schien mir unumgänglich, dass nicht nur die Liebe darin vergegenwärtigt werde, sondern dass auch der Tod darin seinen Frieden bringe, nach all den Beglückungen und Ängsten der Leidenschaft.
Apropos Leidenschaft. Ob bewusst oder unbewusst sucht Martin nach einer denkbar entschiedenen Abgrenzung von Wagner, dessen ideologische Vereinnahmung durch die Machthaber des Dritten Reiches ohnedies jede Anknüpfung unmöglich machte, nach einem Gegenentwurf zu den überlebensgroßen Emotionen und musikalischen Suchtmitteln des Grünen Hügels. Hier bot der Rückgriff auf Bédiers Neudichtung einen völlig neuen, literarhistorisch stichhaltigen Ansatz, der zugleich die Möglichkeit größerer erzählerischer Distanz beinhaltete. Denn anders als Wagner, dessen selbstgedichtete, mitunter freie Adaption der keltischen Sage sich in der Hauptsache auf die um 1210 verfasste Versdichtung Gottfrieds von Straßburg stützte, legte der französische Joseph Bédier seinem im Jahr 1900 veröffentlichten Roman noch ältere Quellen zugrunde und erreicht damit eine größere Nähe zum ursprünglichen Legendenstoff.
Rezensionen
"Eine mitreißende Darbietung" FONO FORUM
"Ein stupendes Zeugnis von den Fähigkeiten des RIAS Kammerchors"
OPERNWELT
"Ein großartiges Werk, eine großartige Einspielung" WIRTSCHAFTSWOCHE
M. Stäbler in FonoForum 05 / 07: "Für die stark vokal
geprägte und aufs Ensemble fokussierte Struktur findet
Martin eine ganz eigene und fein gesponnene Musiksprache
von betörendem Charme: Klangliche Raffinesse und
anrührende Expressivität werden hier zu einer
sinnlich-subtilen Mischung amalgamiert, die den Hörer
unwiderstehlich in ihren Bann zieht. Dafür sind
naturgemäß nicht zuletzt die vorzüglichen Sänger des
RIAS-Kammerchores und die Solisten sowie die Mitglieder
des Scharoun- Ensembles verantwortlich: Unter Leitung von
Daniel Reuss gelingt ihnen eine mitreißende Darbietung
des hierzulande sträflich vernachlässigten Meisterwerks."
Herkömmliche CD, die mit allen CD-Playern und Computerlaufwerken, aber auch mit den meisten SACD- oder Multiplayern abspielbar ist.
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