Erich Wolfgang Korngold (1897-1957): Orchesterwerke Vol.1-4
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Die Pantomime >Der Schneemann< war
der erste Sensationserfolg des 11jährigen
Wunderkindes E. W. Korngold. Der Erfolg, der
immerhin in kaiserlicher Gegenwart an der
Wiener Hofoper 1910 auf Betreiben des
Operndirektors Felix Weingartner stattfand. Ein
fulminanter Start also, und es war sicherlich
nicht nur die Musik, die dieses Aufsehen rechtfertigte
und über welche die Kritik schrieb:
>Was bei der Pantomime, dem frühesten Opus,
sofort in die Augen fällt, ist die verblüffende,
bei einem Kinde vollends unfassbare Charakteristik
der Szene. Mit sparsamen, mehr angedeuteten
Mitteln werden Figuren lebendig,...
Dazu kommt eine ungemein reizvolle Erfindung,
die bei Überwiegen von Tanzrhythmen
doch nirgends banal wird.<
lm Wien der Jahrhundertwende, in dem die Hofoper und alles,
was mit ihr zu tun hatte, der Nabel der Welt zu
sein schien, woran die Bedingungen für die
Sensation eines Wunderkindes, eines wiedergeborenen
Mozarts, geradezu ideal, ja, man
möchte fast mutmaßen, dass die kulturelle Emphase
sich atmosphärisch derart verdichtet
hatte, dass sie sich ihr Wunderkind selbst schuf.
Noch instrumentierte Korngolds damaliger
Lehrer Alexander von Zemlinsky das reizvolle,
aber harmlose Werkchen; und der Eleve, und
das ist wohl das Erstaunlichste, lernte mit solch
einer Geschwindigkeit, dass er schon ein halbes
Jahr später den Geniewurf seiner >Schauspielouvertüre<
- nun selbst instrumentiert - folgen
lassen konnte.
Die beiden hier vorliegenden Ausschnitte
aus der Pantomime, >Vorspiel und Serenade<
und die Entr'act-Musik, zeigen stellvertretend
für die Gesamtpartitur, was das Wiener Publikum
so reizte: Grazie, Charme und frühreifes
Wissen um die Verführungskraft spätromantischer
Harmonisierungen, hier noch gepaart mit
unverstellt naiver Melodik bester Wiener Provenienz.
Die Schauspielouvertüre op. 4 war die erste und ohne jede fremde Hilfe instrumentierte
Partitur des vierzehnjährigen Korngold. Arthur
Nikisch, dem sie gewidmet ist, brachte sie
1911 im Leipziger Gewandhaus zur Uraufführung.
Hinter ihrem Nomen versteckt sich kein heimliches
Programm. Aber hinter der oft kolportierten Meinung, dass Shakespeares >Wintermärchen<
den Stimmungshintergrund geliefert hätte, verbirgt sich eine heimliche und amüsante
Geschichte, die der Vater Julius Korngold in
seinen Erinnerungen aufdeckt. Er schreibt dort:
>Als die Berliner Philharmonischen Konzerte
Erichs Schauspielouvertüre brachten, hatte Bekker (der berühmte Musikkritiker, d. A.) mich, als
Programmbuch-Autor, um nähere Angaben
über das Werk ersucht. Vorangegangener Erfahrungen
eingedenk, tat ich diesmal nicht weniger,
sondern mehr als nötig. lch erfand
schlichtweg, der Komponist hätte bei seiner Ouvertüre an Shakespeares >Wintermärchen< gedacht,
was ihm nicht im Traume eingefallen
war.<
Auch ohne Programm ist an diesem sinfonischen
Erstling eigentlich alles erstaunlich: die
Beherrschung einer klaren und logischen Form,
eine virtuose und raffinierte Instrumentation und
nicht zuletzt das Erfinden von charakteristischen
Hauptthemen, die einen ganz eigenen Stil ausdrücken.
Schon das erste Thema aus der Einleitung, Molto moderato, ist mit seiner ausdrucksvollen
Triole mit zwei absteigenden Quinten von
typisch Korngoldscher Eigenart.
Nachdem diese Einleitung stimmungsmäßig
in eine verhangene Traumwelt geführt hat, entwickelt Korngold den Hauptteil in einer auf
Themendualität abzielenden Sonatenhauptsatzform.
Das energische Hauptthema {Allegro
agitalo) kontrastiert mit dem charmanten Walzer
des Serienthemas. Bei allen ernsten Tönen,
vor allem in der Durchführung, bleibt immer ein
optimistischer Lustspielton erhalten. lm feierlichen
BIäserklang, maestoso fortissimo, endet
das Diqma in Jubel und Glanz. Ein wahrhaft
genialer Erstlingswurf.
Die Sinfonietta op. 5 war nach der Schauspielouvertüre
Korngolds zweites Orchesterwerk, das er im Alter von 15 Jahren vollendete.
Die Diminutivform bezeichnet nur das Unpathetische, Spielfreudige ihres Inhalts, denn Umfang
und Orchesterbesetzung sind wahrhaft ausladend,
und für ein Kind ist die Beherrschung dieser
Riesenform geradezu unglaublich.
Luzi Korngold, die Ehefrau, schreibt in ihrer
Biographie über diesen Lebensabschnitt des
Wunderkindes:
>Was seinen Beruf, seine Berufung
betraf, war Erich Korngold mit fünfzehn
Jahren ein gereifter Mann. Er arbeitete zwölf
Stunden des Tages, saß entweder über seinen
Schularbeiten oder über einer neuen Partitur.
Wenn es seiner Umgebung auch schien, als ob
Erich stets heiter und gut gelaunt sein Tagewerk
spielend erledigte, als ob dem Kinde eben alles nur Kinderspiel wäre, so verhielt er sich in
Wahrheit doch anders. Frühzeitig war in ihm
scharfe Selbstkritik erwacht, die ihn hinderte,
>draufloszuschreiben<. In seltsamem Gegensatz
zu seiner unerklärlichen Frühreife stand
Erichs Entwicklung zum Mann. Mit fünfzehn
Jahren war er kindlicher als seine Altersgenossen,
unberührt von Problemen der Pubertät.<
Richard Strauss, zu dem der Knabe mit
scheuem Respekt aufblickte, saß bei der Uraufführung
der Sinfonietta 1913 neben dem jungen
Komponisten und führte sie selbst zwei Jahre
später in Berlin auf.
Das Erstaunliche ist, dass der jugendliche
Komponist bei aller Bewunderung für den berühmten Kollegen nicht in dessen Fahrwasser
geriet, sondern sowohl in der Harmonik als
auch in der Thematik traumwandlerisch seinen
ganz eigenen Ton fand, z. B. gleich in den
Motto, das Korngold der Sinfonietta als Leitmotiv
voranstellte, dem >Motiv des fröhlichen Herzens<.
Dieses fünftönige, in 3 Quartensprüngen aufsteigende
Motiv, ist nicht nur verbindendes Element
aller 4 Sätze der Sinfonietta, sondern
wird zum thematischen Programm, zum geheimen
Leitmotiv des gesamten Korngoldschen
Schaffens. Es ist dies der optimistische Aufschwung, der - besonders in der späteren Filmmusik
- so typisch für seinen Personalstil bleiben wird. Mit jugendlichem Feuer und einer unglaublichen
kompositorischen Virtuosität, was
die polyphone motivische Arbeit anbetrifft, entfaltet
sich der 1. Satz in klar gegliederter Sonatenform.
Dieses Riesenorchester, in dem das typische
Korngold-Instrumentarium wie 2 Harfen, Celesta,
Klavier und Glockenspiel mit äußerster Delikatesse
Verwendung findet, bleibt immer transparent.
Eine Partitur für Klangkulinariker !
Der 2. Satz ist ein energisches Scherzo im
raschen Dreivierteltakt. Auch hier finden wir
das umgebildete Quartenthema. lm ruhigeren
Mittelteil, einer Art Durchführung, versucht das
>Thema des fröhlichen Herzens< lyrischere
Töne anzuschlagen, es wird vom Wirbel der
Scherzomotive mit fortgerissen. Viel langsamer,
in Fis-Dur, gibt das melodisch ausdrucksvolle
Trio einen Ruhepunkt vor der rauschenden Wiederholung
des Scherzos.
Der in Liedform gehaltene, schlichte langsame
Satz (Andante) wird von einer träumerischen
Melodie des Englischhorns geprägt.
Auch hier hat Korngold sein Motto kontrapunktisch
geschickt versteckt, mal als Begleitung in
den Bässen, mal als variierte Form in den hohen
Streichern.
Ganz ernst, fugiert, gibt sich der Anfang des
Finales, aber schon bald wird ein Allegro giocoso
der optimistischen, spielerischen Haltung
des ganzen Werkes gerecht. Ein jubelnder
Satz, der mit reichstem Spiel der Motive ausgestattet ist und Kontrapunktik zum Vergnügen
werden lässt. Das Werk eines wirklich begnadeten
Kindes.
1911 komponierte Korngold für das Wiener
Burgtheater die Schauspielmusik zu Shakespeares >Viel Lärm um Nichts<, eine Partitur,
die vierzehn Nummern enthielt und für ein kleines
Kammerensemble geschrieben war. Schon
vor der Uraufführung dieser Bühnenmusik hatte
Korngold eine fünfsätzige Suite für größer besetztes
Orchester zusammengestellt, die schnell
Eingang in alle Konzertsäle fand.
Die Ouvertüre ist ein quirliger, im 6 / 8 Takt
dahin huschender Geniestreich, der trotz aller
Leichtigkeit mustergültige Durcharbeitung und
klarstes Formbewusstsein aufweist. Nr. 2 >Mädchen
im Brautgemach< und Nr. 3 >Holzapfel
und Schlehwein< sind kleine Genreszenen von
faszinierender Bildhaftigkeit: das eine charmant
und nostalgisch gefärbt, das andere grotesk
und skurril. Das folgende >Intermezzo< besticht
durch seine aparte Instrumentation (nur 2 Hörner, Harfe, Harmonium, Klavier und Streicher)
und die zarte Lyrik seines Ausdrucks. Als Finale
seiner Suite wählte Korngold eine schmetternde
Hornpipe, die besonders den beiden Hörnern
Virtuosität abverlangt und das kleine Orchester
noch einmal in vollem Glanz strahlen lässt.
lm Laufe des Jahres 1919, als Korngold an
seinem späteren Welterfolg, der >Toten Stadt<
arbeitete, entstand auch die Sinfonische Ouvertüre op. 1 3 "Sursum corda" (>Empor die Herzen<) Schon der Titel deutet auf den hochgespannten,
hymnischen Gestus, der diesem
Werk zu eigen ist und auf die Kontinuität zur
sieben Jahre vorher entstandenen >Sinfonietta<,
deren Motto das von Korngold so genannte
>Motiv des fröhlichen Herzens< war. Die Ouvertüre ist Richard Strauss gewidmet und benutzt
dessen Riesen-Instrumentarium aus >Elektra<
oder >Salome<. Mit Spannung war diesem
dritten Orchesterwerk des jungen Korngold entgegengesehen worden, der gewöhnte Erfolg
stellte sich hier aber nicht ein: zu eigenwillig,
formal zu verwirrend und harmonisch zu kühn
war das, was das nun erwachsen gewordene
Wunderkind dem Publikum zumutete. Nach einigen
Aufführungen, die, wie bei Korngold üblich,
schon im voraus abonniert worden waren,
verschwand das Werk denn auch schnell aus
den Konzertsälen, so dass der Komponist, der
die Ouvertüre zeitlebens als eines seiner besten
Werke ansah, später fast das gesamte thematische
Material in seine Filmmusik zu >Robin
Hood< hinüberrettete. ln einer überdimensionalen
Sonatenform, die äußerst frei gehandhabt
ist, entfaltet sich eine bildmächtige Musik von
spätestromantischer Provenienz. Auf das sofort
mit voller kraft und allem orchestralen Glanz
vorgestellte Hauptthema in strahlendem C-Dur
folgt eine ausgedehnte, ergreifend dramatische
Gesangsgruppe. im l. Teil der Durchführung
gelingt es Korngold, eine fahle, mystische Stimmung
zu schaffen, die stark an die Traumvision
der >Toten Stadt< erinnert, während der
2. Durchführungsteil, >sehr lebhaft<, eine wirkungsvolle Steigerung zur verkürzten und stark
veränderten Reprise darstellt. Dass Korngold
hier auf die Wiederholung des prägnanten
Hauptthemas verzichtet, macht es dem Hörer
nicht gerade leichter, Ordnung in den ununterbrochenen
Tonfluss zu bringen. Nichtsdestoweniger
gehört diese Partitur zum Klangmächtigsten
und Farbigsten, was diese Zeit der musikalischen
Hypertrophien hervorgebracht hat.
Wenn auch die Analogie zu Makartschem
Dekorationspomp nicht immer von der Hand zu
weisen ist, so ist es doch allemal ein klingendes
Zeitzeugnis erster Güte. Der Pianist Paul Wittgenstein, der im l. Weltkrieg seinen rechten
Arm verloren hatte, entwickelte sich in den folgenden
Jahren zum Spezialisten für links-händige
Klavierwerke und bestellte diese - wie
einst die großen Mäzene - bei namhaften
Komponisten. So besaß er Konzerte und Kammermusik
von Richard Strauss (Parergon zur
Sinfonia domestica op. 73 und Panathenäenzug op. 74), Paul Hindemith, Serge Prokofiev,
Maurice Ravel, Benjamin Britten, Franz Schmidt
u. a. 1923 bot er Korngold, der sich nach dem
Welterfolg der >Toten Stadt< auf der Höhe seines Ruhmes befand, um ein Konzert, das dieser
noch im selben Jahr fertigstellte.
Das Klavierkonzert in Cis op. 17 ist eines
der sonderbarsten lnstrumentalwerke, die in
diesem Jahrhundert geschrieben wurden, und
auch in Korngolds Schaffen nimmt es einen
fremdartigen Rang ein. Nicht nur die formale
Lösung, die Korngold für das großangelegte
einsätzige Werk fand, auch lnhalt und Musiksprache
sind von erstaunlicher Eigenwilligkeit
und einer bei Korngold sonst selten zu
findenden Sprödigkeit. In seiner Mischung aus
heterogensten Stilmerkmalen, wie Makartschem
Pomp und verinnerlichter, impressionistischer
Klangmalerei, nimmt es die kontrastreichen,
illustrativen Mittel der Filmmusik vorweg,
zumal Korngold auf sinfonische Verarbeitung
im traditionellen Sinne weitgehend verzichtet.
Der höchst anspruchsvolle Klavierpart wird nie
solistisch -virtuos behandelt, sondern dem groß-besetzten
Orchester gleichberechtigt gegenübergestellt.
Die Stärken des Werkes liegen sicherlich in
seinen lyrischen, oft wie improvisiert wirkenden
Partien, die Korngold zudem noch in höchst
raffinierte Klangfarbenkombinationen einband
(Harfe, Celesto, Glockenspiel, Xylophon); während
dem ersten beherrschenden Hauptthema
eine etwas aufgesetzt wirkende pomphafte Gigantomanie zu eigen ist - die Vortragsbezeichnung
>Heldisch, mit Feuer und Kraft< lässt schon
diesbezügliches erahnen.
Dieses l. Thema hat den typisch Korngoldschen
schwunghaften Aufwärtsimpuls, der
aber, seltsam paradox, trotzdem nichltvom
Fleck zu kommen scheint. Das 2. Thema >Ruhig,
weich und gesangvoll< ist ähnlich auftaktig
bestimmt, bildet ober den lyrischen Gegenpol.
Der 3. Abschnitt >Ziemlich rasch, burlesk
und lustig< hat Scherzo-Charakter und ist chromatisch
geprägt.
Ein prägnantes Posaunenmotiv, wie eine
Fanfare, leitet zum Durchführungsteil über, der
mit seiner ganz eigenen, atmosphärischen Aura
(>geheimnisvoll, nebelhaft und seiner Klangmagie
zum besten gehört, was Korngold geschrieben
hat. Die Motive der Themen 1 und 2
werden verfremdet und durchchromatisiert und
in diese Schilderung einer mystischen, imaginären
Traumwelt, in der übrigens auch die vier
Jahre vorher entstandene >Tote Stadt< beheimatet
war, miteinbezogen. Der nun folgende
>Reigen< (schwebend, mit Anmut) muss dramaturgisch
als retardierendes Element und intermezza vor der Reprise angesehen werden, ist
kompositorisch aber wohl der schwächste Teil
des Werkes, zumal die Thematik hier sehr bloß
bleibt. Die Reprise der Abschnitte 1 -3 ist sehr
erweitert, besonders das lyrische 2. Thema
wird erheblich breiter ausgesponnen als in der
Exposition. Das ehemals burleske 3. Thema bekommt nun durch schärfere Rhythmisierung
apotheatischen Schlusscharakter, wird aber in
der Coda immer wieder vom hartnäckig sich
durchsetzenden Auftaktmotiv des Anfangs
verdrängt, das nun die Oberhand behält und
das Konzert zu einem wuchtigen, pomphaften
Abschluss bringt.
Die Baby-Serenade op. 24 schrieb Korngold
1928 aus Anlaß der Geburt seines zweiten
Sohnes Georg (des späteren berühmten
Filmmusik-Produzenten, der so viel für die
diskographische Verbreitung der Werke seines
Vaters getan hat). Obgleich das kleine Werk
noch lange vor Korngolds Amerikazeit in Wien
entstand, hat es doch aufgrund der aparten Instrumentation
mit drei Saxophonen und Banjo
und den leichten Jazz-Anklängen im l. Satz
zumindest einen amerikanischen >Akzent<.
Nach der schwungvollen Miniatur-Ouvertüre
führt ein Walzer-Wiegenlied wieder nach
Wien zurück. Ein kleiner Masch, Molto Allegro, lässt dann die Spielzeugwelt des Kindes
aufmarschieren. Der 4. Satz ist ein weiteres
kleines Scherzo, Molto comado, das mit Holzblock
und Col-legno-Technik in den Streichern
hübsche Effekte erzielt. Den Abschluss bildet ein Wiegenlied in Menuett- Form, in dessen
bewegterem Mittelteil drei Kinderlieder (Hänschen
klein, Oh Du lieber Augustin und Kommt
ein Vogel geflogen) kunstvoll zitiert werden.
Die Serenade ist ein schönes Beispiel dafür,
wie leicht es Korngold fiel, den Unterschied
zwischen U- und E Musik aufzuheben.
>Mein Ziel war stets, für den Film eine Musik
zu schreiben, die seiner Handlung und Psychologie
gerecht wird und die sich trotzdem - losgelöst vom Bild -. im Konzertsaal behaupten
kann< Musikalische Autonomie und bildgebundene
Funktionalität sollten also zur Deckung
gebracht werden -, wir erinnern uns an die
Charakterisierung seiner Filmmusik als >Opern
ohne Worte<.
Wohl nirgends ist Korngold dieses Ziel so
überzeugend gelungen wie in seinem Cellokonzert
in C op. 37. Es entstand 1946 als Bestandteil
der Musik zu >Deception<, einer dramatischen
Dreiecksgeschichte zwischen einem
Cellisten, einem Komponisten und dessen Schülerin,
einer Paraderolle für Bette Davis. lm Film,
in dem die Uraufführung eben dieses Cellokonzertes
eine dramaturgisch wichtige Rolle spiet
- immerhin hatte die Hauptdarstellerin eine
Viertelstunde vorher den Komponisten erschossen
- konnte aus Zeitgründen nur eine stark
verkürzte Fassung Verwendung finden, und so
veröffentlichte Korngold das nur 15minütige
Werk gesondert. Es ist in seiner Gedrängtheit
von geradezu atemberaubender Energie, formal
ein Meisterwerk an logischer Geschlossenheit,
und angesichts des virtuosen und dankbaren
Soloparts gehörte es in das sowieso schon
schmale Repertoire eines jeden Cellisten.
Ein äußerst farbiges Changieren zwischen
C-Dur und c-moll charakterisiert das kraftvolle
1. Thema, das gleich zu Beginn noch drei
akkordisch geprägten Einleitungstakten vom
Solocello intoniert wird. In rhythmisch prägnanterer
Form übernimmt dann das ganze Orchester,
bevor sich, wieder im Cello, in großen melodischen Bögen das 2.Thema >molto cantabile<
direkt anschließt. Nach der Durchführung
des ersten Themas leitet eine kurze Solokadenz
zum langsamen Mittelteil >grave< über, dessen
ausdrucksvolle Melodie starke Verwandtschaft
mit dem 2. Thema zeigt.
>Allegro moderato< beginnt die Reprise, die
Korngold sehr frei handhabt, indem er sie als
erweiterte Durchführung des 1 . Themas gestaltet
und noch einer virtuosen Schlußkadenz das
Werk mit dem 2. Thema >grandioso< beschließt.
Der reife Korngold zeigt sich hier -
entgegen allen Klischees vom nur noch talentierten
Filmmusikschreiber - ganz auf der Höhe
seiner schöpferischen Kraft und der Fähigkeit,
auf gedrängtestem Raum formal-musikalische
Logik Gestalt annehmen zu lassen.
Die Symphonic Serenade op. 39 für
Streichorchester schrieb Korngold in den Jahren
1947 / 48, also in der Zeit, in der er sich
auf seine Rückkehr nach Europa, nach Wien
vorbereitete. Er hatte schon von Amerika aus
mit Wilhelm Furtwängler korrespondiert, der -
ohne die Partitr gesehen zu haben - das
Werk zur Aufführung annahm.
Diese fand am 12.1.1950 in Wien mit den
Wiener Philharmonikern statt. Sie stand aber
unter einem schlechten Stern. Für das äußerst
schwierige und - von den technischen Anforderungen
her - widerborstige Werk waren zu wenig
Proben angesetzt, von denen Furtwängler
die erste auch noch wegen Schneeverwehungen
absagte, so dass der kranke Komponist
selbst einspringen musste. Dann stellte sich heraus, dass Furtwängler doch nicht so gut vorbereitet
war wie es hier nötig gewesen wäre.
Korngold schrieb über die Aufführung in einem
Brief: >lm großen und ganzen ein würdiges Ereignis. Dass die Aufführung überhaupt gelungen
ist, ist ein Wunder, nur durch die immer
noch vorhandene Virtuosität und lmprovisationsbegabung
der Philharmoniker erklärlich ...<
Die Serenade stellt hohe Anforderungen an
das von Korngold geforderte groß besetzte
Streichorchester und schwankt stilistisch zwischen
herber, dissonanter Expressivität und weichem,
im guter Sinne sentimentalem Wohlklang.
Der l. Satz, Allegro moderato, konfrontiere
beide Pole auf engstem Raum untereinander.
So ist gleich das 1.Thema (>schwebend<) einer
der glücklichsten melodischen Einfälle Korngolds,
eine weit geschwungene, sich stetig
aufbauende Melodie von schönster Klarheit. Es
folgt ein scharf rhythmisiertes Seitenthema (Allegro
deciso) und das seltsam stockende, durch
große Intervallsprünge geprägte 2. Thema. Die
knappe Durchführung ist sehr bewegt und
scheut auch harte Dissonanzen nicht. Ein >Misterioso<
leitet zur Reprise über und >tranquillo<
schließt der Satz mit dem I . Thema.
Der 2. Satz >lntermezzo<< ist ein spielerischer,
vorbeihuschender Pizzicato-Satz, der
zweimal von einem irrisierenden chromatischen
Mittelteil kurz unterbrochen wird.
Das >lento religioso< ist der kompositorische
Höhepunkt der Serenade, eine atmosphärische
Verwandtschaft verbindet ihn mit den - zwei
Jahre vorher entstandenen - >Metamorphosen<
von Richard Strauss. Korngold ist hier zu
einer ganz persönlichen, von Resignation, Verzweiflung
aber auch Zuversicht geprägten Aussage
durchgedrungen. So wird das erste, ausdrucksvoll
in großer Kantilene geschwungene
Thema durch den folgenden schlichten, choralartiqen
Teil in seiner Intensität gesteigert. Ein erregter
Appassionato-Mittelteil bringt mit Dissonanzen,
harten Akzenten und extrem großen
Intervallsprüngen in höchste Lagen einen denkbar
großen Kontrast, bevor der Satz mit der erweiterten
Wiederholung des l. Teils in stiller
Resignation schließt. Das Finale >Allegro con
fuoco< gibt sich mit seinen Story durchgehaltenen,
fugiert einsetzenden Sechzehntel-Ketten
äußerst widerborstig. Das zweite, lyrische Thema
überrascht in dieser Umgebung durch seine
Kontabilität und >Süffigkeit< ,wird dann aber
auch durch die als Fuge gestaltete Durchführung
des 1. Themas verdrängt, wie Korngold
überhaupt in diesem Satz mit etlichen kontrapunktischen
Finessen aufwartet. So zitiert er
kurz vor Schluss noch einmal das schwebende
Hauptthema des ersten Satzes, setzt ihm aber
das Hauptthema des Finales als Kontrapunkt
entgegen.
Dimitri Mikopoulos schrieb 1959: >Mein Leben
lang habe ich das ideale moderne Werk
gesucht: lch habe es in dieser Sinfonie gefunden.
lch werde sie nächste Saison dirigieren.<
Der große Dirigent, der sein Versprechen nicht
mehr einlösen konnte, sprach hier von Korngolds
Sinfonie in Fis op. 40.
in diesem letzten großen Werk, das 1951 / 52 entstand, zog Korngold die Summe seines
Lebenswerks. Resignation, Verzweiflung und
optimistische Zuversicht holten sich in einem geschickt
ausbalancierten Gleichgewicht die
Waage. In seiner Ganzheit gesehen, ist es
wohl Korngolds persönlichstes Werk, das in seiner
Brüchigkeit den Zwiespalt des eigenen Lebensweges
widerspiegelt. Die Widmung muss
als Hommage an Amerika verstanden werden,
das ihm - im Gegensatz zum geliebten Europa
Schutz und Anerkennung nie versagte: Korngold
war tief erschüttert, als Franklin D. Roosevelt
starb und widmete die Sinfonie dem Andenken an den Präsidenten.
Der erste Satz, Moderato, ma energico, gehört
mit seiner dissonanten und rhythmischen
Zerrissenheit sicherlich zum >Modernsten<, was
Korngold geschrieben hat. Synkopierte Schläge
des gesamten Orchesterapparats (mit typischer
Verstärkung durch Klavier, Celesto, Harfe, Marimba und Xylophon) und stürmische
Skalen in den Streichern geben dem Satz sein
Totentanz-ähnliches Gepräge.
Das Scherzo führt in eine gänzlich andere
Welt. Wie eine virtuose Orchester-Tarantella
wirbelt es vorüber, durch das zarte und durchsichtige
Trio zweimal kurz unterbrochen. Gerade
dieser Satz macht in seiner federnden Leichtigkeit
die Meisterschaft Korngolds in der Orchesterbehandlung deutlich.
lm großangelegten Adogio, das zum Höhepunkt der Sinfonie wird, kehrt Korngold in
die Tradition der Brucknerschen und Mahlerschen Sinfonik zurück. Das Hauptthema entnahm
er seiner Musik zu >Anthony Adverse<,
verwandelte es hier aber zu einem grandiosen
Trauermarsch, der wie ein Abgesang auf eine
für immer verlorene Zeit erscheint. Drei leidenschaftliche
Höhepunkte werden angestrebt, ehe
der Satz in stiller Resignation schließt.
Als wolle er alle düsteren Gedanken verbannen,
gibt sich der letzte Satz, Allegro gaio,
spielerisch und unbesorgt und ruft die abenteuerliche
Welt der Errol Flynn-Filme noch einmal
ins Gedächtnis zurück. Auch in der Form arbeitet
Korngold nicht nach symphonisch-dualistischem
Prinzip, sondern setzt durch Motivabspaltungen und Verwendung der vorhergehenden
Themen episodenhaft ein kaleidoskopartiges
Bild voller Abwechslung zusammen. Die
Arbeit für den Film hatte den Komponisten
doch nachhaltiger geprägt, als er selbst wahrhaben
wollte.
Thema und Variationen op. 42 schrieb
Korngold zusammen mit >Straussiana< 1953
für amerikanische Schulorchester. Luzi Korngold
schreibt dazu in der Biographie ihres
Mannes: >Die beiden Werkchen wurden in Los
Angeles uraufgeführt, und Erich bemerkte wieder
einmal mit abergläubischer Bestimmtheit:
>Opus 42. Von Jugend an wusste ich, dass ich
nicht mehr als op. 42 schreiben würde.< lch widersprach.
In Wahrheit war er, wenn man seine
Filmmusik mit einrechnete, weit über diese
Ziffer hinausgekommen.<
Das Thema ist von Korngold selbst, er hat
ihm ober die Bezeichnung >wie eine irische
Volksweise< gegeben. Die sieben charakteristischen
Variationen sind in Form und instrumentaler Farbe klar voneinander abgesetzt. In Variation
7, einem kleinen Marsch, ruft Korngold
noch einmal die Erinnerung an seine Vertonungen
der Abenteurerfilme aus der Errol Flynn-
Zeit wach. Ein kleines Meisterwerk - mit leichter
Hand hingeworfen.
Korngold war zeitlebens ein großer Johann
Strauss-Verehrer. Als ihn 1923, im Jahr der
Entstehung des Klavierkonzertes, Hubers Marischka, der Direktor des Theaters an der Wien,
aufforderte, >Eine Nacht in Venedig< zu dirigieren,
wurde daraus die erste der bald berühmten
Korngoldschen Strauss-Bearbeitungen.
Behutsam glättete er dramaturgische
Schwächen, fügte neue Nummern ein oder
machte einige notwendige Retuschen im Orchester.
Was heute, im Zeitalter der Urtextausgaben und Originalklang-Bewegung wie ein
Sakrileg aussieht, kam in den zwanziger Jahren,
als Strauss fast vergessen war, einer Lebensrettung gleich: Korngold leitete damit eine
Strauss-Renaissance ein, die sich in seiner Hollywood-
Zeit auch auf Amerika erstreckte. So
ist es nicht nur Zufall, dass sein letztes Orchesterwerk
aus dem Jahre 1953 eine Hommage
an den König der Operette geworden ist.
Straussiana entstand auf Bestellung eines Verlages
für drakonische Schul- und Hochschulorchester,
und ist, trotz der damit notwendigen
Vereinfachung der instrumentalen Einsatzmöglichkeiten
eine glänzend klingende Folge von
unbekannteren Strauss-Melodien, hauptsächlich
aus >Ritter Pazman<, geworden.
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