Dai Sijie: Der kleine Trommler, Fester Einband
Der kleine Trommler
- Drei chinesische Geschichten
- Originaltitel: Trois vies chinoises
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- Übersetzung:
- Eike Findeisen
- Verlag:
- Piper, 10/2012
- Einband:
- Fester Einband, Mit Lesebändchen
- ISBN-13:
- 9783492054935
- Umfang:
- 150 Seiten
- Copyright-Jahr:
- 2012
- Gewicht:
- 256 g
- Maße:
- 192 x 122 mm
- Stärke:
- 21 mm
- Erscheinungstermin:
- 1.10.2012
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Beschreibung
Nach dem Welterfolg von "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin" neue Geschichten aus dem heutigen
China: ein Junge, der zum Zirkus will, die Tochter des Stauseewächters, der Sohn der Schmiedin: drei wahrhaft tragikomische Leben, geschildert mit bezaubernder Leichtigkeit.
Der Kantinendirektor kauft den dreizehnjährigen Neffen der Stummen für einen monströsen Plan. Die kleine Eistänzerin ist überzeugt davon, dass ihr Vater, der Wächter des Stausees, ihre Mutter ermordet hat. Die alte Schmiedin schürt noch einmal das Feuer, um eine Kette herzustellen, mit der sie ihren Sohn an einen Baum fesseln kann. Auf der Insel der Edlen gibt es eigentlich nur Müll und die Ärmsten der Armen, die versuchen, durch "Wertstoffgewinnung" ihr Leben zu bestreiten. Vor dieser sehr realen Kulisse, die dennoch jedem Science-Fiction-Film zur Ehre gereichen würde, spielen drei gespenstisch gute Geschichten, in denen Dai Sijie dem modernen China ein unvergessliches Gesicht gibt.
Auszüge aus dem Buch
Ho Chi Minh
Eines Abends im September 2002 geriet das Auftauchen eines Fremden bei den zwei Bewohnern des alten Containers zu einem Ereignis, auf das die beiden in keiner Weise gefasst gewesen waren.
Selbst der älteste Container auf der Insel der Edlen vielleicht sogar der älteste ganz Chinas , der sich die Gelegenheit nie entgehen ließ, wenn es darum ging, sich in einen Marktplatz zu verwandeln, in einen Ort also, wo Käufer und Verkäufer um die vielfältigsten Waren feilschen Nudelmarkt, Möhrenmarkt, Kohlmarkt, Tomatenmarkt, Gurkenmarkt, Fleischmarkt, Polizeihundemarkt, Ausweiskartenmarkt, Pferdemarkt, Haarmarkt, Fernsehermarkt, Computerschwarzmarkt , selbst dieser altehrwürdige Container, der schon so viele hinterlistige Verkaufsverhandlungen erlebt hatte, bei denen nicht selten beträchtliche Summen auf dem Spiel standen, war nicht auf diesen abendlichen Besucher vorbereitet, dank dem er einen Rekordpreis erreichte, der alle seine bisherigen Erfolge in den Schatten stellen sollte.
Der Mann erschien gegen neunzehn Uhr, kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Der Neffe der Stummen sah ihn als Erster. Er versuchte gerade, mittels eines von ihm selbst gebastelten Windrads genug Strom zu produzieren, um damit eine Glühbirne zu speisen. Er unterbrach seine Arbeit, lehnte sich ans Windrad und beobachtete den Fremden, der, mit einem Köfferchen in der Hand, über die Steinbrücke kam. Es war kühl. Der Wind trieb die Blätter vor sich her. Der Min-Fluss riffelte sich golden. Dunkle Schatten krochen über den Weg.
Der Unbekannte, er mochte um die fünfzig sein, trug über seinem Fettwanst eine abgewetzte offene Wildlederjacke, und sein Doppelkinn wabbelte, als er keuchend und hustend den Damm hinaufschritt. Der glatt rasierte Schädel hob sein schlaffes Gesicht und seinen kräftigen Kiefer noch hervor.
Natürlich hatte man ihm gesagt, was er zu sehen bekäme. Aber auf diesen Anblick war er doch nicht vorbereitet gewesen.
"Du bist nicht zufällig ?", vor Schreck verschlug es ihm die Sprache.
"Ja, das bin ich", antwortete der Neffe, weil er glaubte, der Mann frage nach seiner Verwandtschaft mit der Stummen.
"Ich bin der Direktor der Gefängniskantine. Ich kenne deine Tante gut."
Er wandte den Blick ab, und um seine Verlegenheit zu verbergen, brach er in dröhnendes Lachen aus, und die auf dem Dach sitzenden Sperlinge flatterten erschrocken davon.
Die Stumme kannte ihn tatsächlich. Er gehörte zu denjenigen, die weder Freund noch Feind waren und mit denen sie Geschäftsbeziehungen pflegte. Ein Tofukunde also, aber ein guter Kunde, der einer Kantine für täglich fünfhundert Personen vorstand.
Die Stumme wiederum hatte die verschiedensten Positionen inne: Sie war die Chefin; sie war die Buchhalterin; sie war die Einkäuferin der Sojabohnen und der anderen für die Produktion erforderlichen Zutaten, und sie war die Arbeiterin. Ihr Tofu war weitum berühmt, denn sie fügte fein gehacktes, pfannengerührtes Gemüse hinzu, was ihm ein ganz besonderes Aroma verlieh. Und das Häutchen darum herum war so zart, dass es auf der Zunge zerging. Und schließlich war sie auch noch die Händlerin: Um nichts in der Welt hätte sie einem anderen das Vergnügen überlassen, ihren Tofu zu verkaufen oder die Münzen für jede verkaufte Portion zu zählen. Dennoch: die Konkurrenz schlief nicht. Und war gnadenlos. Eine Stumme konnte es nur schwer mit Rivalinnen aufnehmen, die die Kunden mit flötender Stimme anlockten. Ihre Waffe war eine Trommel. An jeder Straßenkreuzung im Zentrum der Insel, vor jeder Mietskaserne, vor jedem Amtsgebäude, das über eine Kantine verfügte, stoppte sie ihre mit Tofu beladene Rikscha und schlug die Trommel, mit der sie anhand von Rhythmus- und Lautstärkewechsel ihre verschiedenen Erzeugnisse anpries.
Ihr Tofu war auf der Insel so beliebt, dass jedermann mittels der Trommelschläge gleich verstand, was für eine Tagesspezialität sie anbot: roter Tofu mit Fisch und Tomate, grüner Spinattofu, gelb
Biografie (Dai Sijie)
Dai Sijie (2. März 1954 in Chengdu, Provinz Sichuan, Volksrepublik China) ist ein in Frankreich lebender chinesischer Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur.§§Dai Sijie wurde als Sohn eines Mediziners geboren. Von 1971 bis 1974 wurde er im Zuge der kulturellen Umerziehung in ein Bergdorf in Sichuan verschickt. Angestellt in einem Gymnasium in der Provinz studierte er nach Maos Tod Kunstgeschichte und emigrierte 1984 nach Paris. Seine Erfahrungen aus der Umerziehung dienten ihm später als Inspiration für seinen ersten Roman Balzac und die kleine chinesische Schneiderin, der ein großer internationaler Erfolg und 2002 in einer französisch-chinesischen Produktion verfilmt wurde. Zu diesem Film schrieb Dai auch das Drehbuch und führte Regie.Anmerkungen:
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