Inger Ash Wolfe: Der Herzsammler, Flexibler Einband
Der Herzsammler
- Original title: The Taken
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- Translation:
- Fred Kinzel
- Publisher:
- Blanvalet, 04/2010
- Binding:
- Flexibler Einband
- ISBN-13:
- 9783442370696
- Copyright-Jahr:
- 2010
- Weight:
- 340 g
- Format:
- 183 x 115 mm
- Thickness:
- 30 mm
- Release date:
- 15.4.2010
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Description
Hazel Micallef, Polizeichefin in einem kleinen Ort in Kanada, erinnert sich an das, was sie soeben mit eigenen Augen sieht, nur zu gut - eine Leiche, die aus dem Wasser geborgen wird. In allen Details hat sie zum Frühstück in der Lokalzeitung davon gelesen: in einer Fortsetzungsgeschichte. Im ersten Kapitel. Allein der Autor weiß, wie es weitergeht. Doch wer ist dieser Autor? Und warum verschwindet plötzlich ein Zeuge nach dem anderen spurlos von der Bildfläche?
Ausgezeichnet als "die" Krimi-Entdeckung Kanadas: Hazel Micallef ermittelt.
Excerpt from the book
Was ihm immer das Herz brach, war die Art, wie sie sich kleideten. Geschiedene, die in ihrer Hochzeitskleidung hinter dem Lenkrad zusammengesunken in der Garage saßen; Börsenmakler, die in Armanianzügen von Deckenträgern im Keller baumelten; verschmähte Liebhaber, die sich in Eau de Toilette oder Parfum gebadet von Dächern stürzten, als wollten sie sagen, ihre zerschmetterten Körper hätten im Tod noch mehr zu bieten, als sie im Leben offenbaren durften.
Diese hier trug schwarze Jeans über Blundstone-Stiefeln, ein ausgewaschenes grünes T-Shirt und einen schwarzen Wollpullover. Eine dünne Lederschnur diente als Halsband, an dem ein silbernes Lamm hing, ihr einziges Schmuckstück außer einem goldenen Ring mit einem verschnörkelten Muster, einer Sufi-Sonne ähnlich, in einem Ohr. Er stellte sich vor, dass ihr jemand dieses Lamm geschenkt hatte, und fragte sich, was damit ausgedrückt werden sollte. Dass sie unschuldig war? Dass sie Schutz brauchte? Offenbar war es nicht genug gewesen.
Sie hatten sie aufs Gras hinaufgezogen, und das farblose Wasser des Sees lief aus den Hosenbeinen heraus, ein dünnes, gräuliches Rinnsal, das zwischen den grünen Stängeln versickerte. Er konnte nicht umhin zu denken, dass die Graswurzeln dieses Wasser dankbar aufnehmen würden, gleichgültig gegenüber seinem Ursprung, denn es war ein trockener Sommer gewesen.
Der Fotograf machte Bilder. Das Mädchen würde es nie erfahren. Ihre Geschichte begann jetzt erst erzählt zu werden. Man lebte sein Leben, traf Entscheidungen, von denen man dachte, sie würden sich zur Erzählung eines Lebens, wie man es leben wollte, fügen, aber die Wahrheit war, dass jemand anderer das Ende schrieb. Es war kein Wunder, dass niemand Filme mochte, in denen der Held stirbt. Wer braucht diese Art von Realismus?
Er stellte sich nicht gern vor, was sie durchgemacht hatte, aber er war wie ein Rezeptor, der nicht entscheidet, welches Signal in ihn eindringt. Er stellte sich den kalten, bedrückenden See vor, die Art, wie einen Wasser festhält, wie sich die Moleküle eng an den Körper schmiegen. Sie hatte wahrscheinlich gehört, es sei ein friedlicher Tod, aber das stimmte nicht. Selbst wenn man sterben will, wehrt sich der Körper. Du weißt, du musst atmen, damit es funktioniert, aber du willst nicht, kannst nicht. Und dann fängst du an, deine Meinung zu ändern, du willst leben, weil du noch nie solche Schmerzen gespürt hast, aber es ist zu spät, dein Blut schreit bereits, das Gehirn hungert nach Sauerstoff; du kämpfst und verbrauchst die letzten Reserven dabei, und das dringliche Verlangen nach Luft wird noch schlimmer. Du bist jetzt nur noch ein Tier, ein Tier im falschen Element; du schlägst um dich und versuchst, an die Oberfläche zu kommen, wo du die Sonne zu Diamanten gebrochen siehst, aber schließlich holst du doch Luft, und in den dreißig Sekunden, bis das Wasser dein Blut verdünnt und dein Herz in doppelter Weise zerstört, ist der Schmerz unbeschreiblich, dein Verstand ist eine lodernde Masse, es ist ein echtes Sterben, und du spürst jeden Moment davon. Er kniete neben ihr nieder. All dieser Schrecken war nun vorbei, aber sie trug immer noch den überraschten Gesichtsausdruck, den er bei zu vielen Wasserleichen gesehen hatte. Sie war höchstens dreißig.
Für den Rest seines eigenen Lebens würde sie tot sein.
Sie würde all die Veränderungen in ihrem Leben versäumen, die verhindert hätten, dass sie diese Tat beging. Er selbst würde Niedergeschlagenheit und Zufriedenheit, Freude und Schmerz erfahren. Er würde scheitern und Erfolge feiern, und immer noch würde diese junge Frau tot sein, so wie alle andern, die dem Leben keinen einzigen Tag mehr einräumen konnten. Was er im Tod für sie zu tun versuchte, hatte immer etwas von einem hohlen Triumph, aber er würde es wenigstens versuchen. Erzähl mir alles, sagte er in Gedanken zu ihr. Verrate mir die Wahrheit, und ich sorge dafür, dass sie bekannt wird.
Donnerstag, 19. Mai
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