Wer bist du und was hörst du? – Folge 4

23. August 2017

Lothar Bruweleit zeigt seine Lieblingsalben

In unserer Blogserie »Wer bist du und was hörst du? – Lieblingsalben des jpc-Teams« stellen wir euch regelmäßig unsere Kollegen, ihre Lieblingsalben, ersten Platten und aktuellen Geheimtipps vor. Hier ist die vierte Folge mit Lothar.

Wer bist du und was machst du bei jpc?

Mein Name ist Lothar Bruweleit und ich arbeite bei jpc als Redakteur. Meine täglichen Aufgaben drehen sich rund um die Präsentation unseres Sortiments. Das beinhaltet das Erstellen von Bild und Text für einzelne Produkte, Seiten für den Webshop sowie den jpc-courier. Für unser Klassiklabel cpo entwerfe ich die Cover.

Auch wenn es wirklich schwer ist, sich festzulegen: Welches ist DAS eine Album, dein Lieblingsalbum, das beste, wichtigste, das, das man immer hören kann? Und vor allem: warum?

Dead Can Dance: In ConcertMein Lieblingsalbum ist die Doppel-CD »In Concert« von Dead Can Dance, 2013 auf PIAS erschienen. Bei jpc bin ich seit dem März schon 20 Jahre, Dead Can Dance sind aber eine noch viel ältere Liebe von mir. Immerhin wurde die Band schon 1981 in Melbourne gegründet, 1984 erschien in London das Debütalbum. 1988 habe ich meinen ersten Tonträger (»The Serpent’s Egg«) von ihnen gekauft und auch danach bei (fast) jeder Neuerscheinung zugegriffen.

Dead Can Dance: The Serpent's Egg Meine Faszination für diese Band liegt vor allem an der einmaligen musikalischen Mischung. Dark Wave, 4AD, Ethereal, Neoklassik und Heavenly Voices sind eine kleine Liste von Schlagwörtern, mit denen man Dead Can Dance mühelos in der Gothic-Szene verorten kann. Dem gegenüberstellen lassen sich Buzzwords der Weltmusik: gälische Folklore, bulgarische Stimmwunder, afrikanische Polyrhythmik, Yangqin (das ist ein Hackbrett traditioneller chinesischer Bauart), Bouzouki, Dudelsäcke und orientalische Perkussion.

Oft verwenden Dead Can Dance den Sechsachteltakt, das Tempo ist meist mittel bis langsam, getragen und die Stimmung sehr elegisch. Neben dem Yangqin und hypnotischem Schlagwerk ist in einigen Stücken ein von Streichern, Bläsern oder Orgel durchgehend gespielter Bordunton zu hören. Dead Can Dance interpretieren dieses uralte Element aber auf ihre Weise: Historische Borduninstrumente hört man selten in so einem voluminösen Subbass.

Zu der Musik kommt der immer mit viel Hall versehene Gesang der Gründungsmitglieder Lisa Gerrard und Brendan Perry. Perry singt mit Bariton überwiegend auf Englisch, Gerrard singt ihre Stücke mit sphärischem Alt in einer lautmalerischen Fantasiesprache. Ohne Zweifel zeigt sie dabei einen ganz erstaunlichen Stimmumfang. Mit diesen Zutaten haben Dead Can Dance über die Jahre unzählige Nachahmer und Subgenres inspiriert. Gothic und Weltmusik sind keine polaren Gegensätze aber sicher auch keine Genres, die alltäglich gemischt werden.

Dead Can Dance: Anastasis Seit 1998 galten DCD als offiziell aufgelöst, um so größer meine Freude, als 2012 mit »Anastasis« ein »Auferstehungs«-Album erschien. »Anastasis« erschien bei PIAS und es gelang Dead Can Dance, musikalisch die Fäden der eigenen Vergangenheit wieder aufzunehmen. Viele der oben aufgezählten Elemente finden sich hier wieder. Frühere Alben kann man der Auseinandersetzung mit dem musikalischen Erbe bestimmter Epochen (wie dem Barock oder der Renaissance) und Regionen zuordnen. So ein Konzept scheint es für »Anastasis« nicht gegeben zu haben. Zum Teil verstehe ich die Kritik von Fans und Rezensenten, das Comebackalbum hätte einen allzu glatten Klang und neue Ideen würden fehlen.

Besonders die Kritik am Klang kann ich nachvollziehen. Die frühen Alben zeichnen sich durch eine sehr herausfordernde Klangästhetik aus, die Dead Can Dance weit entfernt vom Mainstream positionierte. Die Band war deshalb nie Stoff für Radio oder Disco. Dass ich beides aber doch erlebt habe, verdanke ich Ecki Stiegs »Grenzwellen« bei ffn und der rabenschwarzen Nacht, donnerstags im Osnabrücker Musikclub »Hyde Park«. Alte Zeiten kommen halt nicht wieder. Vielleicht kann man Gerrard und Perry bei »Anastasis« eine mit der Zeit entwickelte Milde unterstellen.

Die Tournee zu »Anastasis« war innerhalb kürzester ausverkauft. Glücklicherweise konnte ich Karten für das Konzert im Oktober 2012 in Hamburg ergattern. Dead Can Dance eilt der Ruf voraus, live sehr anspruchsvoll zu sein. Stundenlange Soundchecks sollen nicht selten vorkommen. Mit diesem Wissen im Hinterkopf habe ich natürlich ein besonderes Konzert erwartet. Und das gab es dann auch. Das CCH kannte ich vorher nicht und ich muss sagen, so bequem und mit so viel Platz habe ich in noch keinem Konzert gesessen. Auf der Bühne im Saal 1 stand dann vor allem die Musik im Vordergrund. Der Sound war spitze und natürlich lauter als im heimischen Wohnzimmer. Ich mag es, wenn die tiefen Frequenzen einen auch »anfassen«. Als zwei weibliche Fans tatsächlich vor der Bühne getanzt haben, konnte man von Lisa Gerrard einen eher irritierten Blick erkennen.

LieblingsalbenBesonders erwähnen möchte ich den Perkussionisten David Kuckhermann. Mit Tambourin und Hang (das ist eine Art handgespielter Steelpan, das wie ein UFO aussieht) bestritt er fast allein das rund halbstündige Vorprogramm – klasse. Laut Wikipedia gehört Kuckhermann jetzt auch zur festen Besetzung von Dead Can Dance. Live zeigten sich für mich auch zwei Dinge bezüglich der neuen Songs: Sie passen perfekt zum angestammten Repertoire und hat man den Klang des Hangs live erlebt, versteht man den Sound von »Anastasis« besser. Überhaupt verleihen die Rhythmusinstrumente den Stücken viel zusätzliche Lebendigkeit.

Im folgenden Jahr, also 2013, erschien dann schließlich »In Concert«. Leider gibt es keinen Hinweis, wo die Aufnahmen gemacht wurden. Vielleicht sogar in Hamburg? Auf der Doppel-CD, anscheinend die Deluxe-Edtion, hört man alle acht Titel von »Anastasis«, kombiniert mit sechs älteren Stücken aus dem Œuvre von Dead Can Dance und den Soloalben von Brendan Perry und Lisa Gerrard. Dazu kommen zwei »Coverversionen«, Tim Buckleys »Song to the Siren« von 1967 und das 800 Jahre alte andalusische Liebeslied »Lamma Bada«, das Perry auf Arabisch singt und mit einer Bouzouki begleitet.

Das ist also mein Lieblingsalbum. In der Frage hieß es, dass man es »immer hören« könne. Bei mir bedeutet das vor allem: Für mich hören. In diesen raren Momenten, wenn ich Zeit für mich selbst habe, ich nicht gestört werde und ich mit der Musik in ausreichender Lautstärke auch niemanden störe. Hier handelt es sich halt nicht um das quirlige Zeug, dass die Kinder hören wollen. Als Soundtrack zur Hausarbeit oder zum Kochen oder als Hintergrundbeschallung für angeregte Unterhaltungen bevorzuge ich auch etwas anderes. Sicherlich braucht man aber auch keine schwarzen Kerzen mit Patschuliduft anzünden. Wenn es um Quality Time für mich selbst geht, ist »Dead Can Dance: In Concert« genau das Richtige.

Und kannst du dich auch noch an das erste Album erinnern, das du dir selbst gekauft hast?

U2: Under A Blood Red Sky: Live 1983 (25th Anniversary Edition) Ja, da kann ich mich noch gut dran erinnern. Witzigerweise hat es mit »Dead Can Dance: In Concert« nicht viel gemein, außer dass es ein Livealbum ist. Für »U2: Under A Blood Red Sky« als Musikkassette musste ich ganz schön lange Taschengeld sparen. Gekauft habe ich die Kassette tatsächlich bei jpc, 1984 im kleinen Laden im Neumarkttunnel. 1983 hatte ich U2 im Fernsehen beim Rockpalast auf der Loreley gesehen. Die Musik von »Under A Blood Red Sky« wurde ja zum Großteil bei diesem Konzert aufgenommen. Musik ohne Schunkelzwang war im Fernsehen damals rar und es gab auch nur drei Programme. Ich hatte nie zuvor etwas Cooleres gesehen.

Und last but not least: Gibt es aktuell ein Album, das so gut ist, dass es eins deiner neuen Lieblingsalben werden könnte?

Impala Ray: From The Valley To The SeaUnd nun zu etwas völlig anderem: Ein Album, das ich in letzter Zeit gerne höre, ist »From The Valley To The Sea« von Impala Ray (Warner 2016). Ein erstes Hinhören identifiziert den Sound als Indie-Folk-Pop. Erst im Detail hört man, dass diese Band keinen Bassisten hat. Bei Impala Ray kommen die tiefen Klänge aus einer Tuba. Ich selbst versuche mich jetzt seit fünf Jahren an diesem Instrument. Seit dem habe ich meine Fühler ausgestreckt, was man mit einer Tuba denn so anstellen kann. Die Tubistin von Impala Ray spielt ihren Part souverän abseits der gängigen Ufftata-Klischees. Die Singleauskopplung »Stay«, Track zwei auf dem Album, hat das Zeug zum echten Ohrwurm. Um einen Bogen zu Dead Can Dance zu schlagen: Hier gibt es auch ein Hackbrett, allerdings in der alpenländischen Bauart.

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Christoph van Kampen

Verfasst von Christoph van Kampen

Christoph van Kampen ist unser Texter und Redakteur. Neben Rock, Pop, Klassik und Jazz beschäftigt sich der Schallplattenliebhaber bevorzugt mit dem Thema Vinyl, zum Beispiel hier im Blog.

Eine Antwort zu “Wer bist du und was hörst du? – Folge 4”

  1. Frank Oelkers sagt:

    Danke dir.
    DCD ist in schöner Regelmäßigkeit auch bei mir auf dem Plattenteller zu finden.
    Was da an Klangtechnik aus den Lautsprechern kommt, ist schon bemerkenswert.
    Schön, dass ihr diesen Artikel veröffentlicht habt über eine Formation, die leider (oder zum Glück?) ein Nischendasein fristen und somit ein ständiger Geheimtip bleiben.