Weihnachtslieder! Nicht gerade der erwartete Stoff für den experimentierfreudigen shooting star in der explodierenden skandinavischen Gesangsszene, Rebekka Bakken, den ebenso stürmischen wie nachdenklichen Klangzauberer aller zeitlosen post-post- und prae-prae-Stile, Christof Lauer und den wichtigsten europäischen Erneuerer der Big Band-Partitur, Geir Lysne.
Im Aufzug der Kaufhäuser am dritten Advent wird diese Musik allerdings nicht gespielt werden. Was aber auch wieder nicht bedeutet, dass man sich dem Thema arrogant oder ironisch dekonstruierend nähern würde. Man behandelt die geistlichen Vorlagen zwischen Choral und Volkslied mit Respekt vor ihren ursprünglichen Absichten und ihren atmosphärischen Eigenheiten. Die weltweit abgenutzten Schlager vom Typ "Jingle Bells" und "Oh Tannenbaum" sind sowieso draußen im Schneegestöber geblieben.
Lauers Zugang zu diesem Material ist ohne jede Verstellung emotional biografisch begründet: Sein erzmusikalischer Vater war Pfarrer, hatte das absolute Gehör, war nebenbei Glockenprüfer, konnte Fugen improvisieren und vertrat oft den Organisten im Gottesdienst. Lauer war davon als Jugendlicher stark beeindruckt; der ganze Komplex christlicher Lieder ist bei ihm ungetrübt positiv besetzt.
Geir Lysne hat für das mit klassischem Schönklang agierende Blechbläserensemble (zum Teil Mitglieder seiner aktuellen Band) wundersame Arrangements gesetzt, die mit ihrer kontrollierten Dynamik, ihren gewagten "Voicings" und ihrer originellen Dissonanzbehandlung eine gewisse Würde des Kirchenraums selten verlassen, auch wenn mal die heiteren Töne vorherrschen wie bei "Kommet, ihr Hirten", einer Märchenwelt polyphoner Verarbeitung der Themasubstanzen.
Die Bearbeitungstechniken sind von grandioser Vielfalt. Je zweimal tauchen die Stimmen von Rebekka Bakken und dem norwegischen Folklore-Star Sondre Bratland auf; beide singen in ihrer Heimatsprache. Nur eines ("Nun kommt der Heiden Heiland") ist auch bei uns bekannt. Die anderen Stücke sind instrumental, bewahren manchmal den gewissen statuarischen Charakter des Chorals, spielen mit melodischen Bruchstücken, ohne je das Thema in seiner Originalgestalt zu zitieren ("Joseph, lieber Joseph mein"), inszenieren antiphonische "Zurufe" zwischen den fürs Blech geschriebenen Choralzeilen und den freien Kommentaren von Lauer ("Gelobet seist Du, Jesu Christ") oder stoßen mit aller Arrangierfantasie in den Raum der sinfonischen Paraphrase vor ("Es ist ein Ros’ entsprungen").
Einen "Anspieltipp" zu geben ist bei einer CD wie dieser, auf der jedes Stück anders und eine eigene Welt ist, ungehörig und überflüssig. Wir tun’s trotzdem - Stück 3, "Overmåde fullt av nåde" -, weil hier unwiderstehlich so vieles zusammen kommt: das silbrige Metall von Rebekka Bakkens Stimme, erst allein, dann von den satten Bläserarrangements von Geir Lysne begleitet und schließlich durch das bedachtsam ins Geschehen gleitende Sopransaxofon von Christof Lauer zu expressiv sich steigernden Kollektivimprovisationen geführt. Kein weihnachtliches Weihnachtsgeschenk wird das Fest so überstehen wie diese CD.
Press comments
S. Arndt in Jazzthetik 12 / 03: "Sicher, den Stücken nach
ist 'Heaven' einfach eine Sammlung von Weihnachtsliedern.
Für Lauer aber ist es eine "ganz ganz persönliche CD, die
mir lange am Herzen gelegen hat". Man hört es."
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