Walter Kempowski gehört seit vielen Jahren
zu den bedeutendsten deutschsprachigen
Schriftstellern der Gegenwart. Sein monumentales
Tagebuch-Epos "Echolot"und die "Deutsche
Chronik" sind bereits ein Stück deutsche
Literaturgeschichte.
Kempowski wurde am 29. April 1929 in
Rostock geboren. Sein Vater war Schiffsmakler
und Reeder, seine Mutter stammte aus einer
Hamburger Kaufmannsfamilie. Am Ende
des Krieges wurde er noch als Luftwaffenkurier
einberufen. Der Vater fiel in den letzten
Kriegstagen auf der Frischen Nehrung. Noch
dem Krieg arbeitete Kempowski in einer
Labour-Companie der US-Army in Wiesbaden.
Bei einem Besuch in Rostock im Frühiahr
1948 wurde er verhaftet und von einem sowjetischen
Militätribunal zusammen mit seinem
Bruder wegen angeblicher Spionage zu
25 Jahren Arbeitslager verurteilt. Er hatte den
Amerikanern Frachtpapiere übergeben, die
die Demontageaktivitäten der Sowjets in der
SBZ belegten. Die Mutter erhielt eine Strafe
von zehn Jahren wegen Mitwisserschaft.
Nach der Entlassung aus dem Zuchthaus Bautzen
1956 ging er nach Hamburg. Erste Aufzeichnungen
über die Haftzeit entstanden. In
Göttingen holte er das Abitur nach und studierte
Pädagogik. 1960 wurde er Dorflehrer
in der Nähe von Bremen.
Aus der Trauer über den Verlust von Heimat
und Familie, verstärkt durch das Gefühl
der Schuld, entstand die Idee, das Untergegangene
noch einmal zu beleben und festzuhalten.
Kempowski schrieb dazu im Tagebuch:
"Ich habe die Familie zerstört, nun suche ich sie auf Papier wieder aufzubauen.."
1969 erschien >lm Block. Ein Haftbericht<,
zwei Jahre später der Roman >Tadellöser &
Wolff", der Auftakt zur >Deutschen Chronik<,
die 1984 mit >Herzlich Willkommen< abgeschlossen
wurde.
Am Beispiel einer bürgerlichen Familie, seiner
Familie, schildert Kempowski in insgesamt
sechs autobiographisch gefärbten Romanen
und drei Befragungsbänden deutsche Geschichte
zwischen 1880 und 1960.
Eberhard
Fechner verfilmte daraus >Tadellöser &
Wolff<<, >Uns geht's ja noch gold< und >Ein
Kapitel für sich< für das ZDF (1975-1979).
1980 gründete Kempowski das Archiv für
unpublizierte Autobiographien, in dem Tagebücher,
Briefe und Lebenserinnerungen von
Unbekannten gesammelt werden. Von 1980
bis 1991 war er Lehrbeauftragter an der Universität
Oldenburg. Zu seinen weiteren Werken
zählen Hörspiele, Romane, Tagebücher und das Protokoll eines
neunzehnstündigen Fernsehzappings. Von der Kritik und dem Publikum
gleichermaßen gefeiert wurden die umfangreichen
kollektiven Tagebücher "Das Echolot Januar
und Februar
1943",
"Das Echolot. Fuga furiosa. Winter 1945" und "Das Echolot. Barbarossa
'41".
Walter Kempowski wurde für
sein Werk mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet,
u. o. Wilhelm-Raabe-Preis, Karl-Scuka-Preis, Hörspielpreis der Kriegsblinden, Konrad-
Adenauer-Preis, Uwe-Johnson-Preis, Heimito-
von-Doderer-Preis, Nicolas-Born-Preis, Dedalus-
Preis. lm November 2002 wurde ihm die
Ehrendoktorwürde der Universität Rostock verliehen,
im April 2004 die des Juniata College
Huntingdon / Pennsylvania.
>Schöne Aussicht< ist in der Chronologie
der Familiengeschichte der zweite Roman.
Er liegt zwischen >Aus großer Zeit< und >Tadellöser
& Wolff<. Das Buch erschien l98 l
im Knaus Verlag, München. Die Handlung beginnt
im Rostock der zwanziger Johre, die für
die junge Familie Kempowskis - wie für so
viele - alles andere als goldene waren. Karl
Kempowski, der Juniorchef, wird in der Firma
seines Vaters nicht richtig akzeptiert. Und seiner
Frau Grete bleiben die Rostocker Verwandten zunächst fremd. So richtet man sich
ein in der kleinen Familie, in der nacheinander
drei Kinder geboren werden, Ulla, Robert
und zuletzt Walter. Die human-pädagogischen
Bemühungen der Mutter spielen eine
große Rolle in diesem Buch, auch die ersten
schulischen Erfahrungen der ätteren Geschwister.
Doch bei aller Idylle gerät der Zeit!horizont nie aus dem Blick: der verlorene
Weltkrieg, der Vertrag von Versailles,
Inflation und Weltwirtschaftskrise, politische
Veranstaltungen und die Straßenschlachten
der frühen dreißiger Jahre.
Es ist vor allem Karl, der sich für Politik interessiert,
Versammlungen von Parteien aller
Couleur besucht, um sich zu informieren und
zu orientieren. Schließlich ober tut er in der
Schwarzen Reichswehr Dienst und schwadroniert
am Offiziersstammtisch von großen Zeiten.
Wie so viele Bürger kann er so recht
nichts anfangen mit der Demokratie. Karl
findet kein Gefallen an stundenlangen Diskussionen
und widerstreitenden Meinungen. Er
zieht sich lieber auf die Tradition zurück und
pflegt die Kultur, besucht Konzerte und einen
geselligen Kreis, in dem Gespräche sich vor
allem um Kunst und Literatur drehen.
Und geht es noch 1933
nicht sukzessive
wieder aufwärts? So hat es jedenfalls den Anschein.
Die Firma, während der Wirtschaftskrise
arg gebeutelt, befrachtet ihre Schiffe
jetzt in großem Umfang mit Kies, der für den
>Westwall< bestimmt ist. Ruhe und Ordnung, ja nationales Selbstgefühl scheinen wiederhergestellt.
So arrangiert man sich mit der politischen
Lage, auch wenn man längst nicht mit
allem einverstanden ist und zu den neuen Herren
auf Distanz hält. Der Roman endet kurz
vor Beginn des Zweiten Weltkriegs.
Kempowski hat für diesen Roman ausgedehnte
Recherchen angestellt, vor allem Verwandte,
Freunde und Bekannte seiner Eltern
zu den Verhältnissen und Ereignissen befragt.
So gelingt es ihm in diesem Roman exemplarisch,
Familiengeschichte mit großer Geschichte
zu verknüpfen. Am Beispiel der Rostocker
Reedersfamilie schildert er den Alltag,
die Mentalität, die Denk- und Handlungsweisen
einer ganzen sozialen Schicht, des deutschen
Bürgertums. Er zeigt dessen historische
Verdienste wie ihr Versagen in Deutschlands
dunkelster Stunde. Auch wenn die Geschichte
mit leichter Hand erzählt ist, die Familienidylle
mitten in der Zeit des >Dritten Reiches<
unterhaltsam geschildert wird - so lauert doch
dahinter bei Kempowski immer auch das
Schreckliche.
Schon 1972 hat er dazu in einem
Interview bemerkt: >Diese Harmlosigkeit
neben dem Grauenhaften ist ja viel schlimmer,
als wenn ich jetzt nur Grauenhaftes beschreibe.
Gerade die Idylle bringt den Leser
ja dazu, nach dem Grauenhaften zu fragen.
Dirk Henpel
Herkömmliche CD, die mit allen CD-Playern und Computerlaufwerken, aber auch mit den meisten SACD- oder Multiplayern abspielbar ist.
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