Die Jahreszeiten "mit vielen Instrumenten"
und "á la Guido"
In der Aufführungspraxis des 18. Jahrhunderts war
die jeweilige Besetzung weit weniger genau definiert
als man es heute für möglich halten würde. Die Vorschriften der Partituren waren nur von relativer Bedeutung,
will sagen, dass man ausdrücklich die Möglichkeit
hatte, ein Instrument durch ein anderes zu ersetzen,
ad libitum Stimmen hinzufügen oder zu streichen
- je noch den Umständen, den vorhandenen instrumentalen
Mitteln oder den am jeweiligen Orte vorherrschenden
Traditionen und geschmacklichen Vorlieben.
Fernerhin waren die Musikverleger daran interessiert,
solch standardisierte Gattungen wie etwa
die Triosonate oder das Violinkonzert mit Streichern
und Generalbass herauszubringen, die den Erwartungen
eines vornehmlich aus Amateuren bestehenden
Publikums entsprachen. Die verlegerische Aufmerksamkeit
konzentrierte sich eindeutig auf solche Werke,
die sich sowohl aufgrund ihrer Besetzung als
auch hinsichtlich ihrer Zugänglichkeit kommerziell
nutzen ließen. Es war bei den Druckausgaben des
18. Jahrhunderts also ganz und gar nicht unüblich,
eine flexible Instrumentierung zu präsentieren, um ein
möglichst großes Publikum zu erreichen.
Antonio Vivaldis Instrumentalnotation ist namentlich
bei den Streichern von einer für die damalige
Zeit ungewöhnlichen Präzision. Dabei ging es vor allem
um die Details des Ausdrucks, der Dynamik, der
Artikulation und der Phrasierung. Gleichzeitig gewährt
dieselbe Notation dem Interpreten die Möglichkeit
zu der einen oder andern Modifikation oder Alternative - was freilich kein Widerspruch ist: Vielmehr
spricht daraus eine Sensibilität des Komponisten
für die körperliche und physische Qualität des
Klangs und für seine Neigung, das Timbre zu einem
strukturellen Bestandteil des Werkes zu machen. Beide
Aspekte spiegeln das Bewusstsein, dass es sich bei
der Niederschrift der Partitur um ein kreatives Vorhaben
handelt, das innerhalb bestimmter Grenzen gewisse Varianten erlaubt und damit neue Bedeutungsebenen
eröffnen kann.
Wenn Vivaldi diese Varianten nicht anregte, so taten
es seine Zeitgenossen in jedem Fall. Wir wissen,
dass vor allem Johann Georg Pisendel viele Konzerte
der in der Dresdner Hofkapelle vorherrschenden Praxis
anpasste. Ein besonderes Merkmol dieses sächsischen
Orchesters war der große Anteil an Blasinstrumenten,
für die auch Vivaldi mehrere Werke verfasst
hat (unter anderem das vorzügliche Concerto per I'
Orchestra di Dresda RV 577).
Ungeachtet ihrer jeweiligen Quellen handelt es
sich heute bei Le quattro stagioni in jedem Fall um
Konzerte für Violine, Streicher und Generalbass. Aus
historischem Blickwinkel könnte man sich allerdings
auch etwas anderes vorstellen - dass sie nämlich von
einem Ensemble wie der berühmten Dresdner Kapelle,
will sagen mit einem hohen Bläseranteil, aufgeführt wurden. Da der Komponist im Vorwort seines
Cinento dell armonia e dell inventione op. Vlll (Amsterdam
1225) den böhmischen Widmungsträger
Graf Wenzel von Morzin (der, wie man erfährt, die
vier Konzerte schon >seil länger Zeit< kannte nachdrücklich
auf die "Qualität des äußerst virtuosen Orchesters" hinweist, lässt sich nicht von vornherein ausschließen,
ob eben dieses virtuose Orchester aus dem
Herzen Europas die Konzerte aufgeführt hat oder
nicht - und das in Besetzungen, die von der ersten
Druckausgabe und den älteren Manuskripten aus
dem Besitze des Kardinals Pietro Ottoboni abweichen.
So gesehen laden der Inhalt und die expressive
Bandbreite der Jahreszeiten förmlich dazu ein, ihnen
entsprechend den vivaldischen >concerti con molti
istrumenti< einige Bläserstimmen hinzuzufügen: im
Frühling sind das je zwei Blockflöten, Oboen und
Hörner sowie ein Fagott, im Sommer zwei Blockflöten
und Fagott, im Herbst zwei Oboen, zwei Hörner und
Fagott. Für den Winter hat Vivaldi die Tonart f-moll
gewählt, die er nur noch ein weiteres Mal für ein
Streicherkonzert (RV 143) benutzte. Diese eignet sich
nicht sonderlich für Blasinstrumente und legt nahe, in
diesem Fall an der Originalbesetzung festzuhalten.
Die aus dem Aspekt der >molfi istrumenti< resultierende
Einbettung der Solosequenzen in eine üppigere
und abwechslungsreichere Textur reduziert die einzig
auf der Sologeige und den Streichern ruhende Last
bildhafter Darstellungen, indessen die Klangfarbenpalette
das Gefühl einer noch realistischeren Aufführung
vermitteln - beispielsweise durch das Vogelgezwitscher
der Flöten oder aber dadurch, dass sich
die vom Komponisten stilisierten Vorlagen konkretisieren:
der Klang eines pastoralen Dudelsacks
im Schlußsatz des Frühlings etwa und die
Hörnerfanfaren im Finale des Herbstes.
Wie gut die Vier Jahreszeiten gelangen, zeigt sich
unter anderem an den zahlreichen Nachahmungen,
die dieser außergewöhnliche Konzertzyklus auslöste.
Eine der ersten Imitationen findet man in den Scherzi
armonici sopra Le quattro staggioni dell anno op. lll
von Giovanni Antonio Guido, über dessen Leben und
musikalisches Wirken nur wenige und dazu noch ungenaue
Daten existieren. Wahrscheinlich stammte er
aus Genua. Nachdem er einige Zeit in Neapel gelebt
und gelernt hatte, ging er 1702 nach Paris, wo er bis
1728 als Geiger und Komponist im Dienste des Herzogs
von Orleans einen recht großen Ruhm erwarb.
In Frankreich, der Heimat der illustrierenden und
nachahmenden Musik, erlebten Antonio Vivaldis vier
Jahreszeiten einen unmittelbaren und dauerhaften Erfolg.
Dementsprechend konnte es angehen, dass die
Versailler Ausgabe der Scherzi armonici von Guido
erst 1733 oder später erschien, wie Kees Vlaardingerbroek
bestätigt. Unbestrittenermaßen hat Vivaldi
in diesem Werk seine Spuren hinterlassen: Die Louis
de Noailles, Graf von Ayen, gewidmete Komposition
wird von programmatischen Gedichten flankiert,
indessen Inhalt und Gegenstand im großen und ganzen
die Struktur des vivaldischen Meisterwerks wiederholen. lm Frühling gibt es also rauschende Bäche,
singende Vögel und tanzende Hirten; im Sommer hören wir den Kuckuck und einen gewaltigen Sturm; die
Weinlese, der Schlummer der Berauschten und die
Hirschjagd sind Thema des Herbstes; und im Winter
meldet sich das Eis des Nordens, derweil die Winde
miteinander kämpfen.
Guidos Kompositionen sind Suiten mit einer unterschiedlichen
Zahl kurzer Sätze (fünf bis dreizehn),
die entweder aus ein- oder zweiteiligen Tänzen oder
Rondeaus bestehen. Die Druckausgabe liefert lediglich
die Stimmen für drei Violinen, Violoncello oder
Kontrabass, Cembalo oder Basse de viole; doch im
Avertissement finden sich auch weitere instrumentatorische
Hinweise auf Flöten, Oboen, Cembalo und
Bassviolen. Die Publikation spricht von einer facettenreichen
Koexistenz italienischer und französischer
Stilmittel, wobei allerdings die koloristischen Effekte
dieser pittoresken Darstellungen keineswegs dasselbe
Niveau der Erfindung erreichen wie die gestenreiche,
fantastische Musik Vivaldis. Wie schon bemerkt, behandeln
beide Werke im großen und ganzen dieselben
Gegenstände, und -infolge der zeitlichen Nähe
gibt es auch deutliche Ähnlichkeiten in den rhetorischen Kodizes, die die Ausführung beeinflussten. Der
wesentliche Unterschied zwischen den beiden Komponisten
besteht darin, wie sie mit ihrem Moteriol umgehen.
Vivaldis Jahreszeiten zeigen mit der Lebendigkeit
eines Theaterstücks und der Suggestivkraft eines
Freskos das >dionysische< und >panische< Empfinden
des menschlichen Daseins in der Natur, wobei sie
auch vor besonders widersprüchlichen, schmerzhaften
und beängstigenden Aspekten nicht Halt machen.
Eben diese Aspekte finden sich auch in Guidos Jahreszeiten,
doch hier sind sie abgeschwächt, gemildert
und nachgeahmt - ganz so, wie ein Hofnarr die
Schwierigkeiten des Daseins banalisiert, indem er sie
ins Lächerliche wendet.
Cesare Fertonani
Übersetzung: Eckhardt van den Hoogen
Und wieder mal Die vier Jahreszeiten?
Seit man um 1940 wieder damit begann, dem Publikum
Die vier Jahreszeiten zu präsentieren, hat dieser
Zyklus den größten und dauerhaftesten Erfolg errungen,
den man sich nur vorstellen kann. Das ging
so weit, dass die andern acht Konzerte des Cimento
dell' Armonio e dell lnventione zu einer regelrechten
Randerscheinung wurden.
Wehrend im 18. Jahrhundert zahlreiche Arrangements und Transkriptionen für die verschiedensten Besetzungen entstanden, so fällt der Erfolg der Jahreszeiten
während der letzten sechzig Jahre mit demjenigen
der Schallplattenindustrie zusammen.
Es gibt keinen wirklich kompletten Katalog sämtlicher
Einspielungen, die bis heute realisiert wurden und
sich auf mehrere hundert belaufen dürften. Doch der
Umfang der Diskographie lässt sich leicht aus der Tatsache
ableiten, dass beinahe alle großen Geiger sowie
die besten Nachwuchsvirtuosen und eine große
Zahl von Spezialisten-Orchestern zumindest einmal
die Herausforderung dieser Stücke angenommen haben.
Es fehlt nicht an Solisten und Ensembles, die im
Laufe der Jahre mehr als nur eine Interpretation der
Konzerte abgeliefert haben.
Von diesen Interpretationen abgesehen, die wir -
unabhängig davon, ob sie auf Originalinstrumenten
oder modernem Instrumentarium ausgeführt wurden -
schlicht als >traditionell< bezeichnen können, gibt es
viele Fassungen für unterschiedlichste Besetzungen.
Tatsächlich haben wir im Laufe der Jahre Die vier Jahreszeiten
in Varianten gehört, bei denen beispielsweise
Blechbläserensembles oder Symphonieorchester
zum Einsatz kamen bzw. der Soloport von einer
Querflöte, einer Blockflöte, einer Gitarre oder sogar
einer Harfe ausgeführt wurde.
Zahlreiche Komponisten der Gegenwort hoben
sich von diesen Konzerten inspirieren lassen - nicht
zuletzt, weil bestimmte Instrumentalisten nach neuem
Repertoire suchten. ln der jüngeren Vergangenheit
kam es überdies zu einem ebenso ungewöhnlichen
wie beeindruckenden Kontakt zwischen den Konzerten
des >Prete rosso< und dem Argentinier Astor
Piazzolla, der sich durch Vivaldi zu seinen Estaciones
Portenas (Jahreszeiten in Buenos Aires) anregen ließ.
ln Japan teilen sich die Vier Jahreszeiten den ersten
Platz in der Klassik-Hitparade mit der neunten
Symphonie von Beethoven. In den Kirchen und Palästen
Venedigs gibt es tagtäglich immer neue, qualitativ
denkbar unterschiedliche Aufführungen. Eine unlängst
durchgeführte Studie belegt fernerhin, dass der
erste Satz des Frühlings mehr als jedes andere Musikstück
in telefonischen Warteschleifen eingesetzt wird!
All das hätte uns eigentlich nicht nur davon überzeugen
sollen, auf die Einspielung der x-ten Vier Jahreszeiten
zu verzichten, sondern diesen vier Werken
auch per Referendum eine Ruhepause einzuräumen.
Doch wir konnten dem Cimento nicht widerstehen,
vielleicht gerade weil es hier sowohl in wissenschaftlicher
als auch in interpretatorischer Hinsicht einen
solch großen Reichtum an konkurrierenden Vergleichsmöglichkeiten gibt.
Trotz unseres absoluten Respekts gegenüber dem
Notentext und den Geboten der Aufführungspraxis
wollten wir in unserer neuen Einspielung versuchen,
ob sich die überlieferten Fassungen der Violinkonzerte,
aus denen Die vier Jahreszeilen bestehen, an den
äußerst komplexen Stil des vivaldischen concerto con
molti istrumenti anpassen ließen. Die dergestalt erziehlte >Rekonstruktion< oder >Um-Schreibung< resultierte
aus einem Vergleich aller uns zugänglichen
Konzerte, in denen Vivaldi eine große solistische
Bläserbesetzung benutzte, und ist der Versuch, so gewissenhaft
wie möglich die ursprüngliche Kompositionstechnik
dieser Werke zu befolgen.
Der Frühling enthält solistische Blockflöten, Oboen,
Hörner und Fagott; beim Sommer hoben wir uns
entschieden, die Besetzung um Blockflöten und Fagott
zu erweitern; der Herbst verlangt Soli der Oboen und
der Hörner sowie des Fagotts; und im Winter beschränkten wir uns auf eine reine Streicherbesetzung
- nicht zuletzt wegen der Tonort f-moll, die Vivaldi in
seinen Konzerten >con molti stromenti< nie benutzt
hat.
Bei dieser Einspielung haben wir versucht, einen
musikalischen Text entstehen zu lassen, der dem Original
möglichst nahe kommt, und zwar durch eine
Gegenüberstellung der handschriftlichen Quellen aus
Manchester und Genua mit der in Amsterdam gedruckten
Publikation. Einen weiteren grundlegenden
Beitrog lieferte der Vergleich mit den modernen Editionen
von E. Selfridge-Field, P. Everett und C. Hogwood.
ln Ergänzung haben wir eine Auswahl der selten
zu hörenden Scherzi Armonici sopra Le Quattro
Staggioni dell Anno des Genueser Komponisten Giovanni
Antonio Guido aufgenommen. Diese Stücke
sind deutliche Nachahmungen und ein ideales Zeugnis
für die >französische Manier<, in die die Vivaldischen
Modelle hier übertragen wurden. Die Besetzung
dieser Suite ähnelt wohl nicht zufällig unserer
Vivaldi-"Rekonstruktion": Wieder kommen neben den
Streichern Blockflöten, Oboen und Fagott zum Einsatz.
Federico Guglielmo
Übersetzung Eckhardt van den Hoogen
Press comments
FonoForum 05 / 04: "Das Ergebnis ist rundum überzeugend:
Im 'Frühling' übernimmt eine Oboe das Getröte des
Dudelsacks, im 'Sommer' imitieren Blockflöten in
unterschiedlichen Lagen die Turteltaube und den
Stieglitz, die Fanfaren des 'Herbstes' werden
sinnvollerweise von Jagdhörnern geschmettert; nur der
'Winter' bleibt mit seiner frostigen und
Bläser-untypischen Tonart f-Moll den Streichern allein
vorbehalten. L'Arte dell'Arco arbeitet jedoch nicht
gegen, sondern mit der Partitur, verdeutlicht nur, was in
ihr steht, pflegt ansonsten aber einen
Interpretationsstil von natürlicher Spielfreude und
kultiviertem Geschmack. Die Zugabe, der von Vivaldi
beeinflusste gleichnamige Zyklus von Giovanni Antonio
Guido, verleiht dieser hochinteressanten Aufnahme einen
zusätzlichen Repertoirewert."
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Ergebnis auf dieser vorbildlich edierten CD in umwerfend
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anschaulicher, ausdrucksvoller und poetischer sind diese
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