Verworfen oder unvollendet
Diese Aufnahme des Gewandhausorchesters unter seinem derzeitigen Kapellmeister Riccardo Chailly gibt ein wenig Einblick in die kompositorische Arbeit eines seiner großen Vorgänger, Felix Mendelssohn-Bartholdy. Eingespielt ist eine frühere Fassung (die Produzenten der Aufnahmen nennen sie "Londoner Version") der Schottischen Symphonie, die so 1842 auch in London aufgeführt wurde, eine Skizze der Einleitung der Schottischen, eine "römische" Fassung der Hebriden-Ouvertüre von 1830 und eine von dem italienischen Dirigenten und Komponisten Marcello Bufalini besorgte Rekonstruktion des von Mendelssohn nur in Skizzen und nur sehr bruckstückhaft hinterlassenen Klavierkonzerts e-moll, das kürzlich in einer anderen Bearbeitung von Larry Todd von Matthias Kirschnereit eingespielt wurde.
Lauter Entdeckungen also, "Discoveries". Natürlich ist das erst einmal eine Repertoire-Bereicherung; von den bekannten Fassungen der Schottischen und der Hebriden-Ouvertüre gibt es ja eine erkleckliche Anzahl an Einspielungen, das Totschlagargument der eigentlich unnötigen erneuten Aufnahme wird so etwas entkräftet.
In der Symphonie unterscheiden sich dabei der erste und der letzte Satz erkennbar von der geläufigen Fassung. Ich bin an diese bekannte Fassung sehr gewöhnt, daher fällt es mir schwer, mich auf die "Londoner Version" so richtig einzulassen. Ich finde das Ergebnis der bekannten Überarbeitung eigentlich insgesamt gelungener, weil in der Verarbeitung der Motive abwechslungsreicher, habe aber leider nicht das musikwissenschaftliche Know-how, um meine reine Hör-Einschätzung auch argumentativ zu untermauern.
Bei der Rekonstruktion des Klavierkonzerts ging Bufalini einen etwas anderen Weg als Todd, indem er auch das Finale selbst komplettierte und nicht wie Todd das Finale des Violinkonzerts umarbeitete, insgesamt ein sehr gelungenes, dem Klang nach Mendelssohn sehr nahe kommendes Ergebnis, finde ich.
Bei der Hebriden-Ouvertüre geht es mir genau so wie bei der Schottischen. Die bekannte spätere Fassung klingt für mich runder, eleganter, ausgefeilter, ich würde sie bevorzugen.
An der Interpretation liegt das nicht. Chailly lässt sein Gewandhausorchester genau so spielen, wie ich mir das wünsche: frisch, flexibel, in Phrasierung, Agogik, Verzicht auf Vibrato und Dynamik an "historisch informierter Aufführungspraxis" orientiert, aber nie akademisch. Die Tempi dürften manchen Hörern eher ein wenig zu schnell sein, mir liegt dieser Ansatz. Den etwas dunkel getönten, extrem substanzreichen Klang des traditionsreichen Leipziger Elite-Ensembles schätze ich ohnehin sehr. Auch der mir bislang unbekannte Pianist Roberto Prosseda gliedert sich mit perlendem Spiel und jugendlich-frischem Zugriff sehr gut ein.
Die Aufnahme ist technisch sehr angenehm umgesetzt, bietet eine hervorragende Auflösung und Durchhörbarkeit ohne Verzicht auf symphonische Breite und ein sattes Fundament. Das Beiheft ist gerade auch in Hinblick auf die Entstehungsgeschichte der eingespielten Werke sehr informativ.
Wenn man also Interesse an einer hervorragenden Einspielung bislang unbekannter Versionen von Mendelssohn-"Schlagern" hat, kann man hier sicher bedenkenlos zugreifen. Irgendwie würde ich mir aber doch noch einen (redundanten?) Mendelssohn-Zyklus aus Leipzig mit den überarbeiteten Fassungen wünschen ...