Achim Freyers Meisterinszenierung - sängerisch überzeugend
Der Freischütz, als eine Art deutsche Nationaloper, ist heikel zu inszenieren, denn das Libretto bzw. die Handlung sind grenzwertig am Rande des Fundamentalkitsch.
Zudem kommt insbesondere bei dieser Oper eine ganz bestimmte, eher romantisch eindimensionale Erwartungshaltung zum Tragen, die nicht einfach zu befriedigen ist, will der Inszenierende nicht einen reinen "Opernstadel" auf die Bühne bringen.
Achim Freyer hat in allen seinen Inszenierungen eine besondere Bildsprache entwickelt, die aber von vielen erfahrungsgemäß nicht zu deuten ist. Das zeigen Reaktionen des Unverständnisses für seine Konzepte.
Es handelt sich um eine historische Aufnahme, die ich mit professionellem Equipment abgehört habe. Die Tonqualität ist darüber sehr akzeptabel, die Bildqualität ist angemessen, aber natürlich bleibt es ein historisches Dokument. Die Stimmen sind mit der natürlichen Anflutungsphase von Stimmen im Opernraum aufgezeichnet und nicht so direkt aufnahmemikrofoniert wie heute des öfteren, was zu farbstrukurell defizitären Ergebnissen führt. Trotzdem verweise ich auf die Notwendigkeit einer guten Abhöranlage, sonst kann die Rezension evtl. nicht nachvollzogen werden.
Achim Freyer stellt die Figuren der Handlung mit maskenhafter Figurinenschminke vor, läßt sie prall, derb sinnlich agieren, in aller Robustheit. Alles vor einer märchenhaft naturalistischen Kulisse, die wie ein Postkartenidyll wirkt. Er arbeitet mit plakativer Farbigkeit, überzeichnet so das Sujet und bricht damit den überbordenden Trivialnaturalismus. Parallel setzt er auch clowneske Akzente, sodaß parallel zur Trivialebene, ein Korrektiv auf satirisch süffisanter Basis, eine Art Gleichgewicht ergibt, das die Handlung aus der reinen Banalität befreit. Dieses "von allem zu viel " fungiert somit als relativierendes, stabilisierendes Stilelement und verhindert die große Gefahr des Abdriftens in reine Trivialiät.
Es sein zugestanden, daß sich dieses Konzept nicht leicht erschließt. Obwohl die Oper in traditionellen Kostümen gestaltet ist, werden rein traditionelle Erwartungshaltungen nicht wirklich befriedigt werden können.
Sängerisch wird insgesamt hervorragend agiert. Caterina Ligendza ist eine wunderbar gestaltende Agathe mit konturenstarkem Singen. Ebenso exzellent Raili Viljakainen als Ännchen. Die Timbrestrukturen sind emotional involvierend, natürlich aus rein geschmacklicher Wahrnehmung.
Toni Krämer singt einen rustikal robusten Max.
Wolfgang Probst überzeugt als Kaspar, Wolfgang Schöne ist Ottokar. Beides substanzvoll grundierte Stimmen.
Roland Bracht singt den Hermit.
Insbesondere der berühmte Jägerchor und die Jungfernkranz-Szene sind bemerkenswert prall süffig in Szene gesetzt, mit der süffisanten Grundtendenz der gesamten Inszenierung.
Dennis Russel Davies dirigiert farbstark, mit überzeugender Lesart.
Insgesamt eine hístorische Aufnahme, die aufgrund der geschilderten bildlichen Ambivalenz nicht für alle zugänglich sein wird. Da der Freischütz immer von bestimmten, stark vorfixierten Erwartungshaltungen begleitet ist, kann ich diese Aufführung nicht uneingeschränkt dem rein traditionellen Geschmack empfehlen. Wer allerdings die süffisante Brechung des Sujets liebt, könnte begeistert sein.